Schlepper-Tragödie von Parndorf: "Die Gier hat gesiegt"

Das Gerichtsgebäude in Kecskemét, Ungarn, in dem derzeit der Prozess gegen die mutmaßlichen Schlepper stattfindet.

Das Gerichtsgebäude in Kecskemét, Ungarn, in dem derzeit der Prozess gegen die mutmaßlichen Schlepper stattfindet.

Zwei Jahre nach der Flüchtlingstragödie von Parndorf rollt ein ungarisches Gericht die Ereignisse auf, die zum Tod von 71 Menschen führten. Einvernahmen und Zeugenaussagen geben erschreckende Einblicke in das brutale Milieu der Schlepper-Kriminalität.

Am vergangenen Mittwoch begann vor dem Gericht der südungarischen Stadt Kecskemét der Strafprozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen für die Tragödie von Parndorf. 71 Flüchtlinge waren am 26. August 2015 im luftdichten Laderaum eines Kühllasters qualvoll erstickt. Das Fahrzeug hätte sie von der serbischen Grenze in Südungarn nach Deutschland bringen sollen.

Einen Tag später fanden zwei burgenländische Polizisten den führerlosen Lkw mit den Leichen der Opfer aus Syrien, dem Irak, Iran und Afghanistan, abgestellt in einer Pannenbucht auf der A4 bei Parndorf. Die ungarische Staatsanwaltschaft hat deshalb den Afghanen Samsooryamal L. (30) sowie die Bulgaren Metodi G. (30) und Wenzeslaw T. (39) wegen Anstiftung zum mehrfachen Mord, den Bulgaren Iwajlo S. (26) wegen der Begehung mehrfachen Mordes angeklagt.

L. soll der Kopf der Bande gewesen sein, G. sein Stellvertreter, S. der Fahrer des Todes-Lkw und T. sein Späher - er fuhr dem Lastwagen bis zu seinem Bestimmungsort voraus, um vor eventuellen Polizeikontrollen zu warnen. Laut Anklageschrift, die sich auch auf abgehörte Telefonate unter den Mitgliedern der Bande stützt, sollen die an Luftmangel leidenden Passagiere im Frachtraum geschrien und an die Wände geschlagen haben, bis sie - noch auf ungarischem Staatsgebiet - allesamt erstickten.

Fahrer S. soll den Späher T. sowie den Vize-Bandenchef G. mehrfach über die Hilferufe der Flüchtlinge informiert haben, was G. wiederum seinem Boss L. weitermeldete. Dieser soll jedoch angeordnet haben, auf keinen Fall anzuhalten und die Türe des Laderaums zu öffnen, selbst wenn es die Insassen das Leben kosten sollte. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Männern vor, den Tod der Flüchtlinge nicht nur wissentlich in Kauf genommen, sondern sogar beabsichtigt zu haben, um ein Auffliegen der Schleuserfahrt zu verhindern. Bis zu einem abschließenden Gerichtsurteil gilt freilich die Unschuldsvermutung.

Einblicke in ein brutales Milieu

Im Monsterprozess von Kecskemét sind noch weitere sieben Männer aus Bulgarien (einer davon ist flüchtig) angeklagt, die Mitglieder des von L. geleiteten Schleuserrings gewesen sein sollen. Die Bande soll zwischen Februar und August 2015, dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, bei mehr als 30 Transporten rund 1200 Migranten nach Österreich und Deutschland geschmuggelt haben.

Während sich Schlepperboss L. im gesamten Ermittlungsverfahren eher einsilbig gab, zeigte sich Metodi G. gesprächig. Doch auch unter diesem Vorbehalt geben seine Auslassungen erschreckende Aufschlüsse über das Milieu der Schlepperkriminalität.

profil protokolliert die Geschichte von Metodi G., basierend auf Einvernahmen und Gerichtsdokumenten, in seinen eigenen Worten. Der Angeklagte versuchte darin klarerweise, seine eigene Bedeutung herunterzuspielen und die Schuld auf die anderen abzuwälzen. Wo dies aufgrund mittlerweile vorliegender Beweise nachweisbar ist, wurden erkennbare falsche Aussagen weggelassen.

"Ich bin ein einfacher Mann, ohne Schulbildung, ein ungebildeter Zigeuner mit sieben Klassen Grundschule. Ich stamme aus Lom in Bulgarien, bin verheiratet und habe zwei Kinder im Schulalter. Ich beschäftige mich mit dem Handel von Autos und verdiene 1000 Euro im Monat.

Am 14. Mai 2015 kam ich nach Ungarn, weil ich in meiner Heimat Probleme hatte (eine drohende Haftstrafe wegen verschiedener Delikte, Anm.). Ich begann in Budapest mit Autos zu handeln, zusammen mit Kassim S. (einem Bulgaren libanesischer Herkunft), den ich seit fünf Jahren kannte.

Im Juni 2015 lernte ich bei einer Party Samsoor L. kennen. Er kaufte Autos in Bulgarien und exportierte sie nach Afghanistan. Von da an machten wir das gemeinsam. Den Kaufpreis brachte zur Hälfte ich aus meinen Ersparnissen auf, die andere Hälfte er. Den Gewinn teilten wir.

Damit beschäftigten wir uns bis Mitte Juli. Da rief mich Samsoor an und fragte, ob ich nicht Bulgaren auftreiben könnte, die Menschen nach Deutschland und Österreich bringen. Es handle sich vor allem um Afghanen, die Fahrzeuge werde er selbst kaufen. Ich sagte zu ihm, dass ich zwei, drei Fahrer in Bulgarien auftreiben könne. Samsoor kaufte vor allem Kleinlastwagen, Sprinter, Ivecos, Renaults, zum Teil auf meinen Namen.

Ich machte ihn mit Kassim S. bekannt, der ebenfalls mit Autos handelt. Er kümmerte sich um die Beschaffung von befristeten Kennzeichen für die erworbenen Fahrzeuge. Bald ging schon jeden Tag ein Transport mit Migranten ab, von Mórahalom nach Österreich oder Deutschland. Die Fahrer waren immer Bulgaren, sie wechselten sich ab.

"Hauptsache, sie konnten einen Wagen steuern"

Die ersten Fahrer aus Bulgarien vermittelte ein Mann, von dem ich nur den Namen Toni kenne. Er brachte drei Chauffeure, für die er von Samsoor 200 oder 300 Euro bekam. Es mussten keine Berufsfahrer sein, Hauptsache, sie konnten einen Wagen steuern. Nach Toni kam Wenzeslaw T. ins Spiel. Er brachte 15 oder 20 Fahrer, holte sie in Bulgarien ab, brachte sie nach Ungarn und tauschte sie wöchentlich aus.

Samsoor war mehrmals mit mir bei der Verladung der Menschen in die Transporter, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Er meinte, dass die Chauffeure das Fahrzeug bis zum Erreichen des Ziels unter keinen Umständen verlassen dürften. Ich leitete das an sie weiter. Ich war für die Fahrer außerdem die Garantie dafür, dass sie ihr Geld bekommen würden.

Mit den Fahrern rechnete T. ab. Er bekam von Samsoor für eine Fahrt nach Österreich 2500 Euro, für eine Fahrt nach Deutschland 3500 Euro; 500 bis 600 Euro gab er davon an den jeweiligen Fahrer ab. Bezahlt wurden sie erst, wenn die Aufgabe erfüllt war. Die Migranten setzten eine Botschaft an Samsoor ab, sobald sie an ihrem Bestimmungsort angekommen waren, und dieser veranlasste die Bezahlung.

Die Fahrer fuhren so lange, bis sie von der Polizei in Österreich oder Deutschland geschnappt wurden oder ihr Fahrzeug am Straßenrand liegen blieb.

Eine Person, die den technischen Zustand der Fahrzeuge überprüfte, gab es nicht. Der Afghane ging zu einem Kfz-Händler, suchte sich einen Wagen aus und kaufte ihn. Nach und nach wurde der Afghane aber immer gieriger. Er wollte immer größere Fahrzeuge haben, in die sich immer mehr Menschen verladen ließen, denn er arbeitete auf Stückzahl.

Samsoor kaufte mit Kassims Vermittlung immer mehr Autos. Wir sitzen leider hier, weil Samsoor gierig wurde.

Am 22. oder 23. August kaufte Samsoor in Kecskemét zwei Sprinter und einen Kühllaster der Marke Volvo. Das war das Fahrzeug, das später mit den Leichen in Österreich gefunden wurde. Kassim erledigte die Papierarbeit. Am 25. August brachte er die Kennzeichen. Ich fuhr den Laster zu einem Parkplatz in der Nähe.

Wenzeslaw T., der mit mir zusammen verhaftet wurde, und Iwajlo S. übernahmen die Fahrt - S. als Fahrer und T. als Späher. Am 26. Augut gegen vier Uhr früh waren Samsoor und ich in Mórahalom, um zu sehen, wie die Migranten in den Laster einstiegen. Es waren viele. Ich erhielt die Aufgabe, mit meinem Wagen dem Laster hinterherzufahren, um nachzusehen, ob sich die Achse zu weit absenkt und dadurch zu erkennen ist, dass das Fahrzeug überladen ist. Notfalls hätte ich dann ein paar Leute aussteigen lassen sollen. Derlei war aber nicht zu bemerken.

"Gebt den Leuten Wasser!"

Gegen halb sechs oder sechs steuerte ich bei Kecskemét die Autobahn-Raststätte an, um im Motel etwas zu schlafen. Als ich mich niederlegte, rief mich T. an, dass es "Probleme" gebe: Die Menschen im Laderaum würden schreien und an die Wände schlagen. Sie waren da schon am Budapester Autobahnring. Ich sagte, sie müssten ihnen Wasser geben.

Ich rief Samsoor an und berichtete ihm davon. "Gebt den Leuten Wasser!", sagte er. Ich sagte zu T.: "Bleibt stehen, kauft zehn bis 15 Kartons Wasser und gebt es ihnen!" Sie wussten aber nicht, wie sie das anstellen sollten, ohne Aufsehen zu erregen. Einmal wollten sie am Pannenstreifen stehen bleiben, doch dann tauchten Polizisten auf, so fuhren sie weiter.

Dann riefen sie wieder an und meinten, der Diesel gehe zur Neige. Ich sagte: "Ihr habt Geld dabei, kauft Treibstoff!" Dann schlief ich ein. Um elf Uhr wachte ich auf. Auf meinem Handy waren zehn SMS-Botschaften von Samsoor: "Brüderchen, wo ist mein Lastwagen?"

T. und S. hoben ihrerseits nicht ab, als ich sie anrief. Ich rief Samsoor an, er möge Iwajlos Pre-Paid-Guthaben aufladen. Erst am Abend, gegen sechs oder sieben Uhr, konnte ich Iwajlo erreichen. "He, wo steckt ihr?" Er: "In Bratislava. Wir mussten uns ins Sicherheit bringen." Wie er sagte, hatte er sich mit dem Lkw am Grenzübergang Hegyeshalom-Nickelsdorf in die falsche Spur, nämlich jene für Pkw, eingereiht. Polizisten hätten ihn daraufhin weggescheucht. Er sei sich sicher gewesen, dass der Laster den Polizisten aufgefallen war. Etwas tiefer im Inneren von Österreich (bei Parndorf, Anm.) stellte er ihn am Autobahnrand ab. Mit T. ist er dann im Spähfahrzeug nach Bratislava gefahren.

Am nächsten Tag rief mich Kassim gegen Mittag an. Er brüllte wie von Sinnen. Er hatte im österreichischen Fernsehen den Kühllaster gesehen, dieser sei jetzt voll mit Toten.

Ich: "Wie kann das sein?"

Er: "Was habt ihr für Scheiße gebaut? Der Wagen wurde unter meinem Namen gekauft." Er kündigte an, aus Ungarn abzuhauen, und ich solle das auch tun. Nein, sagte ich, ich war nicht der Organisator, ich war nicht der Fahrer - warum soll ich abhauen?

Ich bin kein Mörder. Ich bin nicht verantwortlich für den Tod dieser Menschen. Schuld sind jene, die nicht hinter Gittern sitzen. Würde ich mich schuldig fühlen, würde ich mich selbst umbringen.

Erstens wusste ich nur von 50 Menschen (und nicht 71), zweitens war ich nur der Dolmetscher, der übersetzt hat, was Samsoor den Chauffeuren T. und S. auftrug. Dafür habe ich 500 Euro bekommen. Ich war gegen diesen Transport, ich habe auch mit Samsoor darüber gestritten, denn ich war davon überzeugt, dass dieser Lastwagen nicht für den Transport von Menschen geeignet war.

Samsoor griff mich an, ich möge mich nicht in seine Organisation einmischen. Es geschehe, was er wolle. Ich sei ein Niemand, ich könne ihm nichts befehlen. Er sei seit 13, 14 Jahren im Schleuser-Geschäft. Er hat mich sogar in die Brust gestoßen.

Die Chauffeure T. und S. bekamen für diese Fahrt 5000 Euro, Samsoor nahm von den Flüchtlingen 70.000 bis 100.000 Euro ein, ich erhielt 500 Euro. Hätte ich die Weisung gegeben, den Laster anzuhalten und wäre Samsoor um seine 100.000 Euro umgefallen, hätte ich mein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Ich konnte nicht anders, ich stand in seinen Diensten.

Ich bedaure die Tragödie zutiefst, aber das Rad der Zeit kann ich nicht zurückdrehen. Die Gier hat gesiegt."