EU-Grenze: Wer ist schuld am Tod eines sechsjährigen Mädchens?

Madina. Die Sechsjährige auf einem Foto, das ihre Schwester Nilab aufgenommen hat.

Madina. Die Sechsjährige auf einem Foto, das ihre Schwester Nilab aufgenommen hat.

Ein sechsjähriges Mädchen stirbt beim Versuch, mit ihrer Mutter von Serbien in das EU-Land Kroatien zu gelangen. Ein Unfall, sagt die Polizei. Ein Verbrechen, sagt ihre Familie. Der Fall Madina Hussiny: eine Spurensuche an Europas Außengrenze.

Am Ende bleiben nur die Gedanken an früher. Die Mutter ringt sich ein schwaches Lächeln ab, der Schwester treten Tränen in die Augen, der Bruder senkt den Kopf. Die drei erzählen von Madina: wie sie einmal eine Tafel Schokolade auf dem Heizkörper zerrinnen ließ und sich damit das Gesicht vollschmierte; wie sie sich ein anderes Mal mit Nagellack die Finger bis zu den Knöcheln bemalte. Sie erinnern sich an ihr Lachen und an die braunen Augen, mit denen sie, wie alle in der Familie fanden, tief in andere Menschen hineinblicken konnte; daran, wie sie instinktiv merkte, wann ihre Mutter etwas Zuspruch brauchte, und wie sie es verstand, sie zu beruhigen, wenn ihr einmal die Nerven durchgingen. Das war Madina, von der ihre Schwester sagt, sie sei mit ihren sechs Jahren noch ein Baby gewesen, aber eines mit dem Geist einer 20-Jährigen.

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Es ist der 21. November 2017 zwischen 20 und 21 Uhr, als Madina Hussiny nahe der serbisch-kroatischen Grenze stirbt. An ihrem Hinterkopf klafft eine offene Wunde, ihr Schädel ist gebrochen, aus ihrer Nase rinnt Blut. Sie war in dieser kalten Nacht mit ihrer Mutter und fünf Geschwistern über die Bahngleise gegangen, als ein Frachtzug aus der Dunkelheit kam. Ob Madina von einem der Waggons am Kopf erwischt oder vom Sog der tonnenschweren Garnitur erfasst und gegen einen Stein geschleudert wurde, kann heute niemand so genau sagen.

Überhaupt gibt es nicht viel, das über diese Nacht öffentlich einsehbar dokumentiert ist. In wesentlichen Punkten steht Aussage gegen Aussage – wenn sich die Behörden nicht ohnehin ganz in Schweigen hüllen. Das ist nicht ungewöhnlich für Fälle wie diesen: Madina Hussiny (für den Familiennamen gibt es verschiedene Schreibweisen, profil verwendet jene, den Tochter Nilab benutzt, Anm.) war das Kind einer afghanischen Großfamilie, die zwei Jahre lang auf der Flucht war und illegal viele Grenzen überquerte, bis sie in Serbien ankam. Hier reichte das Geld, das die Schlepper für die Passage nach Kroatien verlangten, nicht mehr für alle. Vater Rahmat und ihre Mutter Muslima teilten ihre zehn gemeinsamen Kinder in zwei Gruppen. Madina gehörte zum ersten Teil der Familie, die über die Grenze in die EU gelangen sollte.

Die Hussinys sind davon überzeugt, dass der Tod ihrer Tochter nicht nur ein Unfall war. Sie nennen ihn ein Verbrechen. Serbische und kroatische NGOs haben für die Hussinys eine Anwältin engagiert. Sie heißt Sanja Jelavić und hat Anzeige gegen unbekannt bei der Staatsanwaltschaft in der kroatischen Grenzstadt Vukovar eingebracht. Es geht um Amtsmissbrauch, Vernachlässigung mit Todesfolge, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Menschenwürde sowie Verletzung von Kinderrechten. Die mutmaßlichen Täter: kroatische Grenzpolizisten. Werden Verantwortliche gefunden und schuldig gesprochen, drohen ihnen bis zu 15 Jahren Haft.

Sollte die Staatsanwaltschaft zu ermitteln beginnen und Anklage erheben, wäre es das erste Mal, dass sich kroatische Grenzer vor Gericht für eine ungesetzliche Praxis verantworten müssten, die laut Erfahrungsberichten von Migranten und NGOs längst Alltag geworden ist. Bei sogenannten „Push-Backs“ werden illegale Grenzgänger in das Land zurückgedrängt, aus dem sie gerade kommen – und zwar ohne Chance, einen Asylantrag zu stellen. Laut Zeugenberichten werden die Betroffenen dabei oft geschlagen, gedemütigt und bestohlen. Endgültig klären ließe sich der Gehalt dieser Vorwürfe allerdings nur, würden sie mit Nachdruck untersucht. Während die Polizisten die Nächte an der Grenze mit Wärmebildkameras, Drohnen und Helikoptern dokumentieren können, haben jene, die sie im Dunkel der Nacht überwinden wollen, nur ihre Wunden und die Geschichten, die sie erzählen können.

Muslima Hussiny und ihre neun Kinder leben seit zwei Monaten in einem abgelegenen staatlichen Flüchtlingslager (eine Tochter ist nicht im Bild)

Muslima Hussiny und ihre neun Kinder leben seit zwei Monaten in einem abgelegenen staatlichen Flüchtlingslager (eine Tochter ist nicht im Bild)

Auch der Tod von Madina Hussiny ist eine solche Geschichte. Man kann sie glauben oder, wie die kroatische Polizei, einfach als Lüge abtun – auch wenn vieles dafür spricht, dass sie sich so ereignet hat, wie es die Familie erzählt. Sie handelt nicht nur von einer unglückseligen Nacht, sondern steht für das Schicksal Tausender Flüchtlinge und Migranten, die auf der Balkanroute feststecken und in ihrer Verzweiflung bereit sind, immer größere Risiken einzugehen.

Am Ende einer mit Schlaglöchern übersäten Straße, die gut eine Viertelstunde durch Wälder im äußersten Westen Serbiens führt, liegt das Flüchtlingslager Principovac. Die Fassade des schmucklosen Baus bröckelt, vor den Fenstern hängen nasse Kleider zum Trocknen. Rund 200 Menschen hat die serbische Regierung hier untergebracht, die meisten seit vielen Monaten. Zwischen metallenen Bettgestellen, grauen Filzdecken, Rucksäcken und Plastiksackerln sitzt Muslima Hussiny, auf dem Schoß hat sie ihren dreijährigen Sohn Murtaza.

Seit dem Tod Madinas vor zwei Monaten lebt die 39-jährige Afghanin in diesem Raum – gemeinsam mit den neun Kindern, die ihr geblieben sind. An den meisten Tagen steht die Frau nicht vom Boden auf. Das Essen schmeckt ihr nicht, die Nachbarn lärmen durch die dünnen Glaswände. Der nächste Ort ist nur nach stundenlangem Fußmarsch erreichbar, arbeiten darf sie nicht. Also sitzt sie hier und starrt ins Leere. „Wenn ich ganz Europa besitzen würde, würde das nichts daran ändern, wie ich mich gerade fühle“, sagt sie mit leiser Stimme.

Muslima spricht kein Englisch, der 16-jährige Rashid und ihre 17-jährige Tochter Nilab können es nur gebrochen. Eine serbische NGO hat einen Dolmetscher mitgebracht, trotzdem bleiben manche Details ihrer Geschichte unklar. Die Hussinys erzählen sie jedenfalls so: Im Jahr 2016 beschlossen sie, Afghanistan zu verlassen – einerseits, weil Vater Rahmat als ehemaliger Fahrer der US-Armee Gefahr lief, von den vorrückenden Taliban als Verräter bestraft zu werden; andererseits, weil die Eltern ihren vielen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen wollten. Als sie sich auf den Weg machten, war ihr Jüngster erst drei Monate alt. Über den Iran, die Türkei und Bulgarien erreichten sie im April 2017 Serbien. Sieben Monate verbrachten die Hussinys in einem Flüchtlingscamp nahe Belgrad, dann weitere drei Monate in einem anderen. Die Kleinen lernten Serbisch, doch bleiben wollte niemand. Serbien ist arm, Jobs sind rar, die Asylverfahren schleppend.

Als die Hussinys ankamen, waren sie längst zu spät. Einige osteuropäische Länder hatten im Frühjahr 2016 damit begonnen, die Migrationsroute in den Norden zu schließen. Rund 4000 Flüchtlinge halten sich heute in serbischen Lagern auf, mehr als 500 vegetieren nach Schätzungen von NGOs in verlassenen Häusern oder Zelten dahin. Ihre Situation ist trist, viele fühlen sich von der Welt vergessen.

Wachsende Frustration und ein Gerücht bewegten die Familie Hussiny im vergangenen November dazu, ihr Zimmer in einem Flüchtlingslager aufzugeben und mit dem Bus an die serbische Grenzstadt Šid zu fahren. Sie hatten gehört, das EU-Land Kroatien gewähre Familien mit Kindern Asyl. Also vertraute sich Muslima am 21. November um 17 Uhr mit sechs ihrer Kinder einem Schlepper an, der sie über die Grenze bringen sollte. Zuerst ging es mit einem Taxi in ein verlassenes Haus, dann zu Fuß über Schleichwege nach Kroatien.

Camp Principovac, Serbien

Camp Principovac, Serbien

Muslima sagt, es habe geklappt: Ein Mann (seine Identität ist nicht bekannt) begleitete sie auf kroatisches Staatsgebiet, wo sich die Familie mehrere Stunden lang aufhielt. Irgendwann seien sie kroatischen Polizisten begegnet. Muslima habe diese um Asyl gebeten. Als die Grenzer verweigerten, habe sie gebeten, wenigstens bis zum Morgen bleiben könnten. Es war dunkel, die Kinder erschöpft. Die Beamten hätten sich nicht erweichen lassen, alle in einen geländetauglichen Wagen gepfercht und die Familie zu den Gleisen gebracht. Dort, zwischen Feldern und Bäumen, hätten sie mit den Taschenlampen ins Dunkel hineingeleuchtet: zurück nach Serbien.

Die Hussinys gingen los. Dann kam der Zug.

Die Minuten danach verfolgen Muslima bis heute. Wie sie in der Dunkelheit neben den Zuggleisen auf und ab lief und nach Madina schrie. Die Stille, die auf ihre Rufe folgte. Und der Moment, in dem ihr ältester Sohn Rashid seine kleine Schwester im Licht seiner Taschenlampe am Boden liegend fand, regungslos, das Gesicht im Schlamm. Mit ihrer schwerst verletzten Tochter in den Armen lief Muslima zu den kroatischen Polizisten zurück, die das Geschehen aus ein paar Hundert Metern Entfernung beobachtet hatten.

Sie steckten sie wieder in das Geländefahrzeug und fuhren über holprige Wege durch das unwegsame Grenzland zu einem Parkplatz, wo ein Krankenwagen wartete. Sie habe gefleht, mit ins Krankenhaus zu dürfen, erzählt Muslima. Die Polizisten hätten nur den Kopf geschüttelt und sie wieder an die Bahngleise gebracht. Während ihre Tochter in Kroatien im Sterben lag, wurde Muslima an serbische Grenzschützer übergeben, die noch am Unglückszug standen – und abgeschoben.

Wenn es sich tatsächlich so zugetragen hat, handelten die kroatischen Polizisten wohl illegal. Die Hussinys waren zwar ohne Papiere ins Land gekommen, die Grenzer hätten ihren Asylantrag aber bearbeiten, ihre Personalien aufnehmen und vor einer allfälligen Rückschiebung die serbische Seite informieren müssen. Sie hätten zudem auf die Sicherheit der kleinen Kinder – das jüngste in der Gruppe war drei Jahre alt – achten und sie warnen müssen, dass in Kürze ein Zug die Strecke passieren könnte. So sieht das die Anwältin der Hussinys.

Das kroatische Innenministerium behauptet in seiner bislang einzigen Stellungnahme, die Familie hätte nie kroatisches Staatsgebiet betreten. Auf einer Wärmebildkamera hätten Grenzpolizisten sie alle auf den Gleisen beobachtet; sie seien jedoch erst nach dem Unfall auf ihre Seite der Grenze gekommen. Um 21:10 Uhr sei Madina in Kroatien verstorben. Nur die Mutter sei mit den Polizisten und Madina zum Krankenwagen gefahren und nur wenig später freiwillig mit ihrer Familie nach Serbien zurückgekehrt, statt an der Seite ihrer schwer verletzten Tochter zu bleiben. Madinas Alter habe sie gegenüber den Kroaten mit acht Jahren angegeben.

Das Grab von Madina Hussiny mit falschem Geburtsjahr am Rand des serbisch-orthodoxen Friedhofs der Grenzstadt Sid. Tatsächlich geboren wurde Madina im Jahr 2011.

Das Grab von Madina Hussiny mit falschem Geburtsjahr am Rand des serbisch-orthodoxen Friedhofs der Grenzstadt Sid. Tatsächlich geboren wurde Madina im Jahr 2011.

Diese Version der Geschichte sollte untersucht werden. Nicht nur, weil Muslima Hussiny keine Sprache beherrscht, in der sie mit den Kroaten reden hätte können, wie diese das behaupten. Auch die kroatische Ombudsfrau Lora Vidovic äußert Zweifel. Sie ist eine unabhängige Juristin, die vom kroatischen Parlament damit betraut wurde, sich fern der politischen Institutionen um Grundrechte zu kümmern. Vidovic fuhr kurz nach dem Unfall in die kroatische Grenzstadt Tovarnik, um Nachforschungen anzustellen, bei denen sie auch mit den in jener Nacht zuständigen Polizisten sprach und Einblick in deren Protokolle bekam. Das Ergebnis ist ein achtseitiger Bericht, den sie vor Kurzem der kroatischen Staatsanwaltschaft in Zagreb sowie zwei parlamentarischen Ausschüssen vorlegte.

Die Polizei habe die Aufnahmen der Wärmebildkameras, die beweisen sollen, dass die Hussinys nie auf kroatischem Boden waren, nicht vorlegen können. „Das ist nicht das erste Mal, dass wir diese Antwort bekommen“, sagt Ana Tretinjak, die für das Büro der Ombudsfrau arbeitet, gegenüber profil: „Wir schicken genaue Koordinaten und Zeiten von einem Zwischenfall – und sie sagen uns, dass die Polizei das nicht aufgenommen habe oder ein technisches Problem vorgelegen sei.“

Allerdings gäbe es eine Möglichkeit, zu klären, ob die Hussinys in Kroatien waren und wo sie auf die Polizei trafen: die GPS-Daten der Mobiltelefone aller Beteiligten. In ihrem Bericht vermerkt die Ombudsfrau exakte GPS-Daten, denen zufolge sich die Familie bereits vor dem Unfall nördlich der Ortschaft Tovarnik befand, mehr als einen Kilometer innerhalb des kroatischen Staatsgebietes.

„Es ist offensichtlich, dass es eine Untersuchung geben sollte“, sagt Tretinjak. Bislang weigerte sich das kroatische Innenministerium aber, Berichte von Migranten über Polizeiübergriffe als glaubwürdig einzustufen und sie ernsthaft zu untersuchen. Es ist eine Haltung, die nicht nur eine Reihe von NGOs, sondern auch die kroatische Ombudsfrau als zunehmend inakzeptabel empfindet.
Ob der Tod von Madina Hussiny zum Kriminalfall wird, hängt nun von der Staatsanwaltschaft in Vukovar ab. Entscheidet sie sich, Anklage zu erheben, könnte ein Prozess Licht auf einen der dunkelsten Bereiche des europäischen Umgangs mit der Migrationsfrage werfen: das EU-Grenzland, in dem Nacht für Nacht entschieden wird, wie Europa zum Ideal von Rechtsstaat und Menschenwürde steht. Die Familie Hussiny hofft, dass ihre Anzeige zu einem Umdenken bei der Polizei führt. Sie will erreichen, dass niemandem passiert, was ihr selbst passiert ist.

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Es ist später Nachmittag, der Nebel zieht über die Felder vor dem serbisch-orthodoxen Friedhof von Šid. „Madina Hosseini – 2009–2017“ steht auf der Holztafel, die am Rand des unbefestigten Grabes steckt. Glaubt man der Familie, stimmt das Geburtsjahr nicht. Es ist nicht der einzige Punkt, in dem die Behörden nach Madinas Tod geschlampt haben sollen. Fast einen Tag dauerte es, bis die nach Serbien zurückgeschickte Familie informiert wurde, dass Madina ihren Verletzungen erlegen war – obwohl der Tod des Mädchens laut Presseaussendung der kroatischen Behörden bereits eine Stunde nach dem Unfall festgestellt worden war.

Zwei Tage danach kamen die sterblichen Überreste der Sechsjährigen in Serbien an. Als die Eltern den Sarg in einer serbisch-orthodoxen Kirche in Šid öffneten, fanden sie Madina schlammverschmiert und in ein blutdurchtränktes Leintuch gewickelt. Niemand hatte es der Mühe wert befunden, ihr die Augen zu schließen. profil liegen mehrere Fotos vor, die das belegen. Serbische Beamte hätten vier Plastikflaschen mit Wasser gereicht, um das muslimische Waschritual durchzuführen. Bis heute hätten die Hussinys weder einen Totenschein noch irgendein anderes Dokument zum Tod ihre Tochter erhalten, sagen sie. Wie eine Leiche ohne jegliche Papiere über die EU-Außengrenze gelangen kann, ist eine Frage, die sie sich bis heute stellen. „Sie haben sie behandelt wie ein Tier“, sagt Mutter Muslima.

Mehrere Anfragen von profil an kroatische und serbische Behörden blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Nur das staatliche serbische Flüchtlingskommissariat meldet sich: Beim Begräbnis sei ausreichend Wasser zur Verfügung gestanden, man habe einen Imam aus Belgrad kommen lassen und alles bezahlt. Laut „inoffiziellen Informationen“ hätten die Hussinys sowohl von den Kroaten als auch der serbischen Seite Papiere erhalten, die Tod und Begräbnis dokumentieren.

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Madina hat nicht gewusst, was Europa ist, sagt ihre Schwester Nilab. Sie war noch zu klein, um von ihrem Leben dort zu träumen. Sie sagte nur, dass sie es einmal besser haben werde als ihre Eltern und Geschwister. Sie werde schneller lesen und schöner schreiben, mehr Wörter kennen als alle anderen. Madina konnte nicht wissen, dass Europa ein Ort ist, den sie niemals erreichen würde.