Wladimir Putin und Narendra Modi bei einem Treffen in New Delhi im Dezember 2021.

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profil-Morgenpost
04/19/2022

Strategisch neutral: Warum Indien Putin weiter bei der Stange hält

Aus westlicher Sicht scheint Putin isoliert. Aber Indien und China verurteilen den brutalen Angriffskrieg bis heute nicht. Warum?

von Franziska Tschinderle

Liebe Leserinnen und Leser!

Putin sei „isolierter als jemals zuvor“, verkündete der US-Präsident Joe Biden zu Beginn des Krieges in der Ukraine. Die Freiheit werde über die Tyrannei triumphieren, der russische Präsident müsse mit einer „Wand der Stärke“ rechnen.

Das mag für einen Teil der Welt gelten, aber sicher nicht für den gesamten Erdball. Die Europäische Union hat zwar ungewohnt schnell reagiert und ist näher denn je zusammengerückt – auch im transatlantischen Sinne und mit den NATO-Partner. Aber wie sieht es außerhalb des westlichen Bündnisses aus? Wie wird dieser Krieg weit weg von Europa wahrgenommen?

Ein Drittel der Weltbevölkerung lebt in China und Indien

Die politische Führung der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, China und Indien, haben den Angriffskrieg Russlands nicht verurteilt. Dort leben zusammengerechnete rund 2,6 Milliarden Menschen, also rund ein Drittel der Weltbevölkerung. Indiens Premierminister Narendra Modi zögert mit Kritik an Russland. Vor wenigen Wochen hat er sogar den von der EU mit Sanktionen belegten russischen Außenminister Lawrow empfangen. Modi fordert lediglich ein „sofortiges Ende der Gewalt“. Klare Worte findet er nicht.

Anders als der autoritär regierte Einparteienstaat China ist Indien die größte Demokratie der Welt, keine vollends intakte, muss man dazusagen, aber die gibt es ja mittlerweile auch innerhalb der EU nicht mehr (Stichwort Ungarn). Warum fällt es dem Land dennoch so schwer, den Einmarsch eines Diktators in ein souveränen Land zu verurteilen?

Darüber habe ich für den profil-Podcast mit dem Politikwissenschaftler Christian Wagner von der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik gesprochen, der sich seit über 30 Jahren mit Indien beschäftigt. Das Interview können sie ab heute Dienstag auf profil.at hören und überall, wo es Podcasts gibt. Was ich aus dem Gespräch gelernt habe? Unser eurozentristischer Blick trügt. Denn nicht nur am Himalaya, sondern auch in Südamerika und auf dem afrikanischen Kontinent tummeln sich Staaten, die es sich nicht mit Russland verscherzen wollen oder schlichtweg nicht können. Weil sie auf Rüstungsimporte angewiesen sind oder ihre Ackerflächen bewirtschaften müssen. Russland ist einer der größten Düngemittelexporteure weltweit. Während der Westen gerade versucht, eine werteorientierte Außen,- und Handelspolitik voranzutreiben, sind vielen Staaten der Erde die nationalen Interessen schlichtweg wichtiger.

Schwer, das Pferd zu wechseln

Russland gilt als der wichtigste Verbündete Indiens. Das Land ist militärisch und sicherheitspolitisch von Moskau abhängig und das seit Jahrzehnten. Die militärische Partnerschaft geht auf die Zeit des Kalten Krieges zurück. Stets im Mittelpunkt standen dabei Rüstungsgeschäfte. „Die Sowjetunion und später Russland waren immer bereit, militärische Hochtechnologie an Indien zu liefern. Rüstungsimporte aus den USA wiederum waren mit sehr viel höheren Auflagen verbunden“, sagt dazu Indien-Experte Wagner im Podcast-Gespräch. Schätzungen zufolge stammen heute rund 70 Prozent der indischen Militärausrüstung aus der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere in der Luftwaffe und der Marine. Die Geschäfte florieren weiter und das ist einer der Hauptgründe, warum sich die indische Seite zurückhält. Das Kriegsgerät braucht Premierminister Modi mehr denn je, denn die Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind äußerst angespannt. Da wäre einerseits der historische Erzfeind Pakistans und andererseits der Rivale China. Mit beiden hat Indien Grenzkonflikte – im Himalaya Gebirge und in der Kaschmir Region. „Diese heißen Konflikte machen es sehr schwer, das Pferd zu wechseln“, sagt Wagner.

„Ein Moment für die Geschichtsbücher“

Jetzt üben die USA Druck auf Indien aus. Außenminister Antony Blinken appellierte vergangene Woche an das Land, die Demokratien der Welt müssten zusammenstehen und mit einer Stimme sprechen. Jen Psaki, die Sprecherin des Weißen Hauses, wurde noch deutlicher: „Denken Sie darüber nach, auf welcher Seite Sie stehen wollen, wenn dieser Moment in die Geschichtsbücher eingeht.“ Angesprochen auf das Öl, das Indien trotz Angriffskrieg weiterhin aus Russland bezieht (aufgrund der Sanktionen sogar zu Dumping Preisen) konterte der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar: „Wenn ich mir die Zahlen anschaue, so sind die indischen Energieimporte aus Russland in einem Monat kleiner als das, was Europa an einem Nachmittag einkauft.“ Da hat er einen Punkt: Nur 2-3 Prozent des indischen Ölbedarfs kommen aus Russland, ein Bruchteil dessen, was beispielsweise Deutschland importiert.