Südkorea und Geburtenrate: Subventionierte Liebe

Der rasante wirtschaftliche Aufschwung hat Südkoreas Gesellschaft arg zugesetzt. Die Folgen sind eine extrem niedrige Geburtenrate, die höchste Zahl an Schönheitsoperationen und eine Selbstmordepidemie. Drei Reportagen aus dem Land von Samsung, Hyundai und Kia.

Kaum ein Land hat eine so geringe Geburtenrate wie Südkorea. Die Regierung versucht, das Problem in den Griff zu bekommen – mit ungewohnten Methoden.

Von Felix Lill, Seoul

„Am Anfang war es etwas merkwürdig“, erinnert sich der dünne, großgewachsene Eung Soo Han mit verlegenem Blick. Hingehen wollte er dann doch, und am Ende gab es auch ein kleines Erfolgserlebnis. Auf einer Dating-Party, die der Arbeitgeber des 29-jährigen Ingenieurs aus der Nähe von Seoul vor Kurzem organisierte, lernte Han eine junge Frau kennen. In einem Café in der südkoreanischen Hauptstadt schaut er um sich, als wollte er nicht gehört werden. „Es hat ein paar Anläufe gebraucht. Jenny hat mir dann ihre Nummer gegeben.“

Nicht nur die Tatsache, dass sein Arbeitgeber die Veranstaltung organisierte, ist Han ETWAS peinlich. An den Kosten für Raummiete und Getränke hat sich maßgeblich der Staat beteiligt. Denn um ein demografisches Ungleichgewicht im Land zu beheben, hat Südkoreas Regierung ungewöhnliche Schritte eingeführt: Sie versucht, junge Menschen zu verkuppeln.

Seit einiger Zeit veranstaltet der öffentliche Sektor seine eigenen Speed-Dating-Events für die zahllosen Singles im Land. Der Grund für die Initiative: Die Südkoreaner heiraten immer später. Das durchschnittliche Heiratsalter der Männer liegt heute bei 31,8 Jahren, im Gegensatz zu nur 27,9 im Jahr 1990. Frauen heirateten damals noch mit 24,8 Jahren, heute aber erst mit 29,14. Eine Folge dieser Verzögerung: weniger Kinder.
Die Idee, den Trend durch Kuppelei umzukehren, entstand im Jahr 2010. Aus dem Stand organisierte der damalige Gesundheitsminister, Cheon Jae-hee, in diesem Jahr vier Dating-Partys, bei denen Ministeriumsmitarbeiter mit Gästen zusammengebracht werden sollten. Mittlerweile wurde die Angelegenheit auf die lokale und private Ebene delegiert und ausgeweitet. Gemeinden, aber auch Unternehmen, erhalten vom Ministerium Zuschüsse, wenn sie sich als Ehestifter nützlich machen.
Seit drei Jahrzehnten werden im Land zu wenig Kinder geboren, um die Bevölkerung langfristig konstant zu halten. Die durchschnittliche Südkoreanerin von heute bringt in ihrem Leben 1,2 Kinder zur Welt. Nach Daten der US-amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) liegt Südkorea damit auf Platz 219 von insgesamt 224 Ländern oder Territorien. Nur die Menschen in Singapur, British Virgin Islands, Hong Kong, Taiwan und Macau reproduzieren sich noch weniger. Angeführt wird die Liste von Niger, wo pro Frau im Schnitt gut sieben Kinder geboren werden. Österreich liegt mit 1,42 Kindern auf Rang 201.

„Ich vertraue lieber meinen Freunden“
Während eine zu hohe Geburtenrate eine Gesellschaft in Bezug auf Infrastruktur und Sozialstaatskosten überfordern kann, ist auch ein zu geringer Wert nicht erwünscht. Kommen kaum noch Kinder zur Welt, ist das Pensionssystem meist nicht gesichert, weil wenige junge Menschen die Renten vieler Alter finanzieren müssen. Zudem kann es einerseits zu Arbeitskräftemangel kommen, gleichzeitig anderswo aber zu Arbeitslosigkeit. Ist die Geburtenrate so gering, dass die Bevölkerung schrumpft, fürchten Unternehmen um Konsumenten und könnten so Stellen abbauen.

Eung Soo Han ist sich daher seiner Verantwortung bewusst, aber nicht jedem geht es so. Die 23-jährige Studentin Chae Eun Kim zum Beispiel: Mit ihrem niedlichen Lächeln, welligen Haar und einer sportlichen Figur könnte sie wohl auf viele Verehrer hoffen. Aber dass sich die Regierung in diese private Sphäre drängt, findet sie nicht richtig. „Als ich davon erfahren habe, dachte ich, ich hör’ nicht recht“, sagt sie mit großen Augen.
Vielen Frauen scheint es so zu gehen. Die Party, bei der Han baggerte, litt nicht zufällig unter Männerüberschuss. Er vermutet, dass Frauen deshalb weniger zu den Events kommen, weil sie auf dem südkoreanischen Arbeitsmarkt stark benachteiligt sind, für gleiche Arbeit weniger verdienen und seltener befördert werden. „Den Beruf müssen sie noch ernster nehmen als wir Männer. Die wollen sich die Zeit für Beziehungen dann nicht nehmen.“

„Die ostasiatischen Gesellschaften sind sehr erfolgsorientiert“, sagt dazu der renommierte Bevölkerungsökonom Naohiro Ogawa von der Nihon Universität in Tokio. „Oft kommt die Karriere vor allem anderen, und wer trotzdem Kinder haben will, den erwartet gerade in Südkorea auch noch eine sehr teure Ausbildung. Das schreckt viele ab.“
Chae Eun Kim kennt das aus ihrem Leben. Sie deutet auf die anderen Tische in dem Café: „Jeden Tag sehe ich so viele attraktive, junge Menschen, die single sind. Viele von uns geben der Liebe kaum eine Chance.“ Die berufliche Entwicklung steht auch für sie vorne an.
Ein weiteres Problem sei aber ein Mangel an Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen, findet Kim. Ob der Staat als Verkuppler dann nicht doch eine gute Sache ist? „Ich vertraue lieber meinen Freunden, wenn ich jemandem vorgestellt werde.“ Dies ist die traditionelle Art in Südkorea. Auch wenn das manchmal länger dauere, könne man auf das Urteilsvermögen von Freunden eher bauen als auf das des Staates.
Allerdings könnte die Regierungsinitiative langsam Früchte tragen. Ende Oktober ist die Anzahl neuer Hochzeiten etwas angestiegen. Ein definitiver Erfolg der Regierungspartys ergab sich ohnehin schon kurz nach der Einführung. Das erste politisch verkuppelte Paar wurde rasch mit großem Medienrummel getraut. Der Bräutigam dankte der Politik für ihre Unterstützung und fragte, ob zwei Kinder denn genug seien.

Statistisch gesehen nicht ganz: Um eine Bevölkerung konstant zu halten, wären rund 2,1 Kinder pro Frau nötig. Da viele Menschen ihre Karriere für wichtiger halten, müsste deren Kinderlosigkeit auch noch ausgeglichen werden. Und dann sind da Fälle wie Eung Soo Han. Ihm haben die Dating-Partys bisher kein Glück gebracht. Nach der ersten privaten Verabredung meldete sich seine Angebetete Jenny nicht mehr.

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