Südsudan: Vergessene Krise, vernachlässigter Staat

Südsudan: Vergessene Krise, vernachlässigter Staat

Der Südsudan steckt drei Jahre nach seiner Unabhängigkeit in einer schweren Krise. Krankheit, ethnische Konflikte und Wellen der Gewalt prägen das Land. Mario Thaler, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen (MSF) Österreich, war vor Ort und berichtet von einer tiefen Zerrissenheit des jüngsten Staates der Welt.

Massaker in Krankenhäusern, Zehntausende Tote, eineinhalb Millionen Menschen auf der Flucht.

Rückblick: Ende 2013 nehmen politische Spannungen im Südsudan erschreckende Ausmaße an. Feindseligkeiten zwischen dem Präsidenten Salva Kiir und dem früheren Vizepräsidenten Riek Machar eskalieren.
Der politische Machtkampf wird zur bewaffneten Auseinandersetzung.
Der Präsident ist ein Dinka, der Stamm macht die größte Volksgruppe des Landes aus. Der Vize hingegen ist Teil der Nuer, des zweitgrößten Stammes - es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Volksgruppen.
Innerhalb weniger Tage sollen zehntausende Menschen getötet worden sein. Seither kommt es auf beiden Seiten zu Massakern und wahllosem Schlachten. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit hätten laut Ärzte ohne Grenzen verhindert werden können.

Jüngster Staat in der Krise
"Der Südsudan wurde zu Beginn seiner Unabhängigkeit international nicht unterstützt und war weitgehend auf sich gestellt", erläutert Thaler im Pressegespräch.
Es handle sich um einen vernachlässigten Staat. Im Vorfeld hätte viel mehr passieren müssen, zum Beispiel Unterstützung beim Aufbau staatlicher Systeme.

Die Konsequenz: Im Land gibt es außerhalb der Städte kaum asphaltierte Straßen, der Zustand der Gesundheitseinrichtungen ist zum Teil katastrophal.
Am Alarmierendsten ist die Kindersterblichkeit: Elf Prozent der Kinder erleben das fünfte Lebensjahr nicht. Zur Unterernährung kommen Krankheiten und Infektionen wie Cholera, Malaria, Hepatitis E.
Gerade zu Beginn der Regenzeit ist mit einem erneuten Ausbruch der Cholera zu rechnen, was für die Hilfskräfte eine immense logistische Herausforderung darstellt.

Spuren der Gewalt
In Bor, der Hauptstadt des Bundesstaates Jonglei im Zentrum des Landes, ist das Ausmaß der Gewalt noch greifbar, berichtet Thaler: "Die Hälfte der Stadt ist niedergebrannt worden, mehrere hundert Tote wurden in Massengräbern gefunden - quasi alle Einwohner Bors sind geflohen und in Camps untergekommen."

Die Lage von Bor im Südsudan

Medizinische Hilfe unter Beschuss
Medizinische Einrichtungen werden zunehmend Opfer gezielter Angriffe.
58 Menschen wurden in vier Krankenhäusern erschossen.
"Viele wurden in ihren Betten hingerichtet. Damit wird massiv gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen", berichtet der MSF-Geschäftsführer. Die Genfer Konvention werde gravierend verletzt.
Die Konsequenz der Attacken in den Gebieten sei verheerend: Wesentliche Dienste wie Ernährungs- und Malariaprogramme mussten eingestellt werden, Zugang zu medizinischer Hilfe gibt es dann nicht.
Das sind nur jene Vorkommnisse, bei denen Ärzte ohne Grenzen vor Ort war - insgesamt sind es jedoch viel mehr. In viele Gebiete könne man gar nicht vordringen: Die bevorstehende Regenzeit und ein extremes Sicherheitsrisiko verhindern dies.

Leben im Camp: Wenn der Regen kommt
Thaler berichtet über das Leben im Flüchtlingslager. Die Volksgruppen werden auch dort rigide voneinander getrennt, man fürchtet ein Aufeinanderprallen.
Die Gefahr, sich als Teil einer bedrohten Volksgruppe außerhalb durchzuschlagen, ist allerdings gewaltig. Doch auch im Camp kann die Lage kippen: Bei starkem Wolkenbruch steht die Anlage innerhalb von zwei Stunden komplett unter Wasser - dabei lässt die Regenzeit noch auf sich warten.
"Wenn der Regen kommt - und er wird kommen - werden die Menschen das Camp verlassen - wohin auch immer."

Allerdings wollen Ärzte ohne Grenzen nicht in den Chor einstimmen, die behaupten, das gesamte Land leide unter einer Hungersnot. Man müsse differenzieren und von einer derzeit lokal begrenzten
Ernährungskrise sprechen.

Gefahr weiterer Konflikte
Über dem Land schwebt vor allem die Gefahr neuer ethnischer Konflikte.
Die Konfliktparteien der verfeindeteten Volksgruppen befänden sich zwar in Friedensgesprächen. Deren Ernsthaftigkeit sei aber zweifelhaft. Die Gespräche würden immer wieder verschoben, Abkommen gebrochen.

Thaler kritisiert, dass im Vergleich zur Ukraine-Krise keine Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft erfolgt ist. Das Medienecho, das rund rund um die Gewaltausbrüche noch bestand, sei bald verhallt. Die humanitäre Katastrophe verläuft ohne adäquater Öffentlichkeit. "Es gilt, den Blick auf derartige vergessene Krisen zu lenken", betont der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen.

Sara Hassan