Syrien: Vier Ärzte über die Grausamkeiten des Bürgerkrieges

Notversorgung in einem syrischen Krankenhaus 2016.

Notversorgung in einem syrischen Krankenhaus 2016.

In Syrien wird gezielt Jagd auf Ärzte und Pflegepersonal gemacht - eine perfide Strategie, um die Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Denn der Tod jedes Mediziners kostet einer Vielzahl von Kranken, Verwundeten und Hilfsbedürftigen das Leben: Vier Protokolle von einer besonders grausamen Kriegsfront.

Es ist in all dem Schrecken, der seit mehr als fünf Jahren in Syrien herrscht, eine besonders schreckliche Zahl: 738 Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger sind im Bürgerkrieg mittlerweile ums Leben gekommen.

Das allein wäre schlimm genug. Aber der Tod von Medizinern wird zudem nicht nur als Kollateralschaden der bewaffneten Auseinandersetzungen hingenommen, es wird vielmehr gezielt Jagd auf sie gemacht: mit dem perfiden Hintergedanken, die Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung zu steigern. Denn mit jedem Arzt sterben auch all jene Kranken, Verwundeten und Hilfsbedürftigen, die er nicht mehr behandeln kann.

Darauf, dass es sich um eine gezielte Strategie handelt, deutet auch die Zahl der Angriffe auf medizinische Einrichtungen hin: 365 Spitäler und Kliniken wurden bislang unter Beschuss genommen oder bombardiert. Über 90 Prozent der Attacken sind dem Regime von Baschar al-Assad zuzuschreiben, das dabei von der russischen Luftwaffe unterstützt wird. Das hat die Menschenrechtsorganisation Physicians for Human Rights ermittelt, die seit Jahren Verstöße gegen die Menschenrechte und medizinisches Personal dokumentiert.

Schon zu Beginn der syrischen Revolution im März 2011 in der Stadt Daraa feuerten Scharfschützen nicht nur auf unbewaffnete Zivilisten, sondern auch auf Krankenwägen. Sie hatten sich auf dem Dach des örtlichen Spitals positioniert und nahmen von dort aus verwundete Demonstranten unter Beschuss, die in der Klinik Zuflucht suchten. Im Krankenhaus selbst wurden Verletzte, die von Protesten kamen, sofort festgenommen. Den Ärzten, die es wagten, Oppositionelle zu behandeln, drohten Festnahme, Folter und Hinrichtung.

Ähnlich wie in Daraa wurden medizinische Einrichtungen in ganz Syrien zu militärischen Zwecken instrumentalisiert - vor allem vom Regime, in der Folge aber auch von verschiedenen islamistischen Milizen und Rebellenfraktionen.

Die Folgen sind dramatisch. Vor der Revolution gab es beispielsweise in Aleppo, der größten Stadt des Landes, Tausende Ärzte. Mittlerweile sind über 90 Prozent von ihnen geflohen oder umgekommen. Kürzlich wurde der letzte Kinderarzt von Aleppo getötet, in der Stadt Hama starb der letzte Kardiologe.

Angesichts der gezielten Zerstörung der medizinischen Versorgung ist in den Rebellengebieten ein Netzwerk aus unterirdischen Spitälern entstanden, die zumindest eine notdürftige Versorgung bieten. Die Zustände dort sind katastrophal. Doch auch auf der Seite des Regimes leiden Ärzte und Patienten. Denn die Sanktionen gegen Syrien machen auch öffentlichen Spitälern zu schaffen.

Für profil berichten drei Ärzte und eine Ärztin aus verschiedenen Teilen Syriens über den täglichen Horror, den sie erleben. Die Gespräche wurden vergangene Woche via Skype und WhatsApp geführt. Als Dolmetscher fungierte Johnny Mhanna, der selbst erst vor wenigen Monaten aus Damaskus geflüchtet ist und nun in Österreich lebt.


Wir sind in diesem Krieg eine Zielscheibe. (Ousama Abou El Ezz)

Es hätte nicht viel gefehlt und Ousama Abou El Ezz könnte nicht mehr über seine Arbeit berichten: Am Tag vor dem Gespräch mit profil wurde das M2-Spital in dem von Rebellen kontrollierten Osten Aleppos von einer Rakete schwer beschädigt. Der Angriff galt zwar der nebenan gelegenen Krankenschwesternschule, die Explosion legte aber auch den OP-Saal in Schutt und Asche. Hätte El Ezz, einer der letzten in Aleppo verbliebenen Chirurgen, gerade dort operiert, wäre er womöglich ums Leben gekommen.

Ousama Abou El Ezz

Ousama Abou El Ezz

"Es war nicht der erste Angriff auf unser Spital. Auch andere Kliniken wurden in den vergangenen Monaten immer wieder attackiert - vor zwei Wochen etwa das Al-Bayan- und das Al-Hakim-Spital hier in Ost-Aleppo. Ganz schlimm hat es vor einiger Zeit die al-Quds-Klinik erwischt: Dort starben auf einen Schlag neun Ärzte und Krankenschwestern.

Ich habe Angst, natürlich. Bei jedem Geräusch, das auf einen Angriff oder auf Kämpfe hindeutet, bleibt mir fast das Herz stehen. Wir sind in diesem Krieg eine Zielscheibe. Kürzlich habe ich ein Kind mit Verletzungen an Magen, Leber und Niere nach Hause geschickt. Eigentlich würde es dringend stationäre Betreuung brauchen, aber daheim ist es sicherer als hier.

Dahinter steckt Methode: Der Plan des Assad-Regimes ist es, Aleppo zu entvölkern und die Bewohner zu vertreiben beziehungsweise umzubringen. Die Stadt ist sehr wichtig für die Wirtschaft des Landes und für die Revolution. Wer Aleppo gewinnt, wird diesen Krieg gewinnen. Und wenn man Ärzte tötet, dann tötet man auch die unzähligen Menschen, die von ihnen gerettet oder geheilt werden könnten.

Inzwischen herrscht hier ein eklatanter Mangel an Medizinern. So viele sind geflüchtet oder gestorben! Es gibt zur Zeit zwar noch neun Spitäler in den Teilen Aleppos, die von den Rebellen kontrolliert werden, aber insgesamt vielleicht noch 40 Ärzte, von denen jeweils nur 25 gleichzeitig arbeiten können. Das ist natürlich viel zu wenig für die schätzungsweise 300.000 Menschen, die noch immer hier wohnen. Es ist so viel zu tun. Wenn es gutgeht, schlafe ich fünf Stunden pro Nacht.

Täglich führe ich fünf bis sechs Operationen durch, um Opfer von Bombenangriffen zu versorgen. Ihre Verletzungen kommen einerseits von Splittern, die tief in das Gewebe eindringen und entfernt werden müssen. Viele erleiden auch schwerste Verbrennungen - ganz schwarz sind ihre Körper, wenn sie hier eingeliefert werden. Am schlimmsten betroffen sind die ganz Jungen und die Alten, weil sie nicht schnell genug weglaufen können.

Von den rund 100 Patienten, die das Spital täglich versorgt, sind etwa ein Drittel Kinder. Und 90 Prozent sind Zivilisten. Die brutale Bombardierung von Ost-Aleppo durch die russische und syrische Luftwaffe, die seit Monaten anhält, zielt hauptsächlich auf zivile Einrichtungen ab: Märkte, Spitäler, Moscheen, Schulen und andere geschäftige Plätze. Und die Waffen, die zum Einsatz kommen, meistens Fassbomben, fordern viele Tote.

Täglich behandeln wir auch Opfer von Luftangriffen auf den Castello-Highway, der einzigen offenen Verbindung von Ost-Aleppo zur Grenze. Meist trifft es dort Menschen, die in die Türkei flüchten wollten. Ich bin die Straße gestern in die Gegenrichtung gefahren. Einmal im Monat besuche ich meine Familie, die bereits in der Türkei ist. Es ist jedesmal wieder schwer, sie zu verlassen, ohne zu wissen, ob ich sie je wiedersehen werde.

Wir können durch Walkie-Talkies den Funkverkehr der Luftwaffe mithören. Manchmal wissen wir also im Voraus, ob ein Flugzeug vom nahegelegenen Militärflughafen abhebt. Und je nach Sprache wissen wir dann auch, ob es ein russischer oder ein syrischer Jet ist. Außerdem fliegen russische und syrische Flugzeuge anders: die Russen hoch oben, im Rudel; die syrischen Flieger allein und deutlich niedriger. Jeder hier in Aleppo ist zum Militär-, Waffen- und Flugzeugexperten geworden, sogar die kleinen Kinder.

Die Fenster an der Vorderseite des Gebäudes sind mit Sandsäcken verrammelt. Das bietet zwar Sicherheit gegen Scharfschützen, aber nicht gegen die schweren Kaliber und Fliegerbomben der Luftwaffe. Deshalb benutzen wir inzwischen nur noch das Erdgeschoss und das Untergeschoss des Spitals.

Kürzlich mussten pro Zimmer sieben Patienten mit vier Betten auskommen. Auf der Geburtenstation mangelt es an Brutkästen. Ohne Hilfsgüter hätten wir schon längst aufhören müssen - auch weil die Menschen hier ja überhaupt kein Geld haben und der Medikamenten-Vorrat aufgebraucht ist, vor allem für chronische Krankheiten.

Ich hatte viele Gelegenheiten, Syrien zu verlassen. Aber wenn ich nach Europa fliehen würde, käme ich nie zur Ruhe, denn mein Gewissen würde mich einholen. Menschen, denen ich helfen kann, würden sterben. Lieber sterbe auch ich hier. Ich war von Anfang an bei der Revolution dabei, viele Leute sind unserem Weg gefolgt. Ich muss weitermachen, damit meine Kinder mir nicht nachsagen müssen, dass ich etwas begonnen habe und dann geflohen bin.“


Ich habe mich an den alltäglichen Horror gewöhnt (Mohammad Tennari)

Mohammad Tennari ist in der syrischen Provinz Idlib sehr bekannt. Er koordiniert über 15 medizinische Projekte des Syrian American Medical Service und spielt deshalb eine wichtige Rolle für die medizinische Versorgung der Region. Vergangenes Jahr sorgte er mit einem Bericht über den Einsatz chemischer Waffen für tiefe Betroffenheit beim UN-Sicherheitsrat.

Mohammad Tennari

Mohammad Tennari

"Ich bin Radiologe im Sarmin Feldlazarett, das ich selbst nach Ausbruch des Krieges gegründet habe. Allerdings arbeite ich aus Ärztemangel in der Notaufnahme. Insgesamt haben wir etwa 5500 Patienten im Monat im Spital und führen rund 140 Operationen durch.

Vor ein paar Tagen wurde der Gemüse- und Obstmarkt in Idlib aus der Luft bombardiert. 30 Menschen kamen ums Leben, alle waren Zivilisten. Wenige Tage zuvor kamen 50 Zivilisten bei einem Angriff ums Leben.

Der schlimmste Angriff fand vor einigen Monaten statt. Binnen weniger Minuten wurden 120 Personen in unser kleines Spital gebracht. Es war schnell klar, dass es sich um die Folgen von Chemiewaffen handelte. Viele Verletzten hatten die gleichen Symptome: brennende Augen und Atemnot. Die Chemikalien verätzen nämlich die Luftwege. Bei manchen Patienten kam es zum Herzstillstand und wir mussten reanimieren. Eine ganze Familie wurde ausgelöscht: drei Kinder, Mutter, Vater und Großmutter - alle starben.

Bei den Auswirkungen des Gases kommt es sehr darauf an, wie intensiv ihm die Opfer ausgesetzt waren. Die Familie wohnte im Untergeschoss, die Bombe landete direkt vor ihrem Fenster und verwandelte ihre Wohnung in eine Gaskammer. Auch wir Ärzte kamen über die Patienten und deren Kleidung stark mit dem Chlorgas in Berührung und mussten behandelt werden. Eine Krankenschwester bezahlte selbst fast mit dem Leben.

Wir sind überhaupt nicht für solche Eingriffe ausgestattet. Unser Spital ist ohnehin am Limit seiner Kapazität, wir haben kaum Betten, geschweige denn Zimmer. Wenn viele Verletzte gleichzeitig zu uns kommen, können wir sie auch in kein anderes Spital schicken. Solange die Flugzeuge noch über der Stadt kreisen, ist es sehr gefährlich, im Rettungswagen unterwegs zu sein.

Ärzte und Spitäler sind in Syrien generell sehr gefährdet, denn wenn man auf sie abzielt, dann zielt man auch auf all ihre Patienten, und davon gibt es gerade sehr viele. Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, wurde bereits 17 Mal angegriffen. Im Oktober sind dabei zwei Ärzte ums Leben gekommen. Wir mussten vier Mal das Gebäude wechseln, jetzt haben wir unsere Behandlungsräume in einen Keller verlegt.

In Idlib gibt es mindestens fünf verschieden bewaffnete Gruppierungen: Jaysh al-Fatah, Jabat al-Nusra, Jaysh al-Islam, FSA und auch Regimetruppen. Aber es ist klar, dass die Attacken auf Spitäler von der Regierungsarmee durchgeführt werden. Wir wurden bisher immer aus der Luft angegriffen, und die Fähigkeit dazu haben nur das Regime und die russische Luftwaffe. Auch wenn Rebellengruppen in der Stadt kämpfen, gibt es Tote und Verwundete, aber diese Auseinandersetzungen fordern weitaus weniger Opfer.

Ich habe mich beinahe an den alltäglichen Horror des Krieges gewöhnt. Ich war der erste Arzt in Idlib, der wegen Beteiligung an Protesten gegen das Regime festgenommen wurde. Ich wurde mehrmals verhaftet und musste auch Folter ertragen. Einmal landete eine Rakete auf meinem Haus, ein anderes Mal auf meinem Auto und ein drittes Mal nur wenige Meter von mir entfernt. Danach musste ich meinen Körper abtasten, um herauszufinden, ob ich verletzt war. Trotzdem würde ich nicht flüchten. Ich verlasse Syrien nur, um mich fortzubilden, und kehre danach sofort zurück.“


Wir werden hier sterben. Trotzdem will ich nicht weggehen. (Mohannad Alkhateeb)

Aufgrund der Belagerung kann Mohannad weder Skype noch Telefon benutzen. Das sei nicht erlaubt, sagt er. Deshalb läuft die Kommunikation über WhatsApp. Zeit dafür hat Mohannad nur spätnachts nach seinem Dienst.

Mohannad Alkhateeb

Mohannad Alkhateeb

"Heute war es besonders schwierig, denn es herrscht viel Druck auf der Klinik. Gerade sind neun Verwundete hier eingeliefert worden. Offenbar haben Regierungstruppen das Stadtzentrum angegriffen, sieben Menschen, darunter ein Kind, waren sofort tot.

Eigentlich bin ich Zahnarzt, aber zur Zeit arbeite ich auf der Ambulanz, der Notaufnahme und der Ernährungsklinik. Dort mussten wir bereits 215 Kinder wegen akuter Unterernährung behandeln. Davon sind 14 gestorben. Am meisten betroffen sind Kinder unter fünf Jahren. Ich habe mit den Ärzten der Stadt für die WHO einen Bericht verfasst. Von 291 Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 17 Jahren, die wir erfassen konnten, sind 48 Prozent stark unterernährt, unter der Gesamtbevölkerung sind es 13,6 Prozent.

Einer von nur acht Ärzten für die 450.000 Einwohner einer Stadt zu sein, die seit drei Jahren belagert wird, bedeutet, dass man oft nicht mehr als eine Stunde pro Nacht schläft.

Medikamente sind fast nicht mehr verfügbar. Behandlungsalternativen zu finden, braucht Zeit. Verbandsmittel und Schienen bastle ich inzwischen selbst.

Die Menschen hier waren überwiegend in der Landwirtschaft tätig, die Arbeitslosenrate liegt zur Zeit über 90 Prozent. Die meisten Einwohner sind Kinder, Frauen und Alte. Sie ernähren sich mittlerweile auch von Pflanzen, Gras und Laub. Alles andere ist so teuer, dass es sich kaum jemand leisten kann. Ein Kilo Reis kostet umgerechnet 14 Euro, ein Kilo Brot sechs Euro.

Wir sind komplett abhängig von Hilfsgütern. Das World Food Programme (WFP) konnte im vergangenen Monat eine Lieferung in die Stadt bringen, allerdings war das bei Weitem nicht ausreichend. Ich war einmal in Österreich bei Freunden in Moosbrunn. Ich glaube nicht, dass ich sie noch einmal besuchen kann. Es gibt keinen Weg aus der Stadt, wir werden hier sterben. Doch selbst wenn ich könnte, würde ich nicht gehen. Ich muss den Leuten hier helfen. Sie brauchen mich.“


Ich bin eine Mutter, und ich bin erschöpft. Ich kann einfach nicht mehr. (Sundos Khedr)

Sundos überkreuzt ihre Hände und hält sie vor die Skype-Kamera: "Ich fühle mich, als seien mir die Hände gebunden“, sagt sie und sieht dabei unendlich traurig aus. Die Neonatologin kümmert sich ausschließlich um Neugeborene und deren Mütter im Al-Zahrawi Hospital in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Doch sogar auf der Seite der syrischen Regierung sind die Mittel für die medizinische Versorgung inzwischen knapp geworden.

Sundos Khedr

Sundos Khedr

"Seit Ausbruch des Krieges gibt es immer mehr Frühgeburten - aufgrund von Stress und Unsicherheit. Frühchen haben eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate, wir haben alle Hände voll zu tun.

Unsere Regierung versucht zwar, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten, durch den Krieg hat sich aber viel geändert. Einige Medikamente sind nicht mehr verfügbar, es gibt nicht genügend Brutkästen und kaum Möglichkeiten, Patienten an andere Kliniken zu überstellen. Es ist wirklich traurig: Wir möchten helfen, können es oft aber nicht.

Uns fehlen medizinische Mittel wegen der Sanktionen, die von der EU, den USA und anderen arabischen Staaten gegen Syrien verhängt wurden. Viele Produkte, vor allem Rohmaterialien, sind vom Export nach Syrien ausgeschlossen. Die Bestimmungen in vielen Ländern erlauben keine Geschäfte mit staatlichen syrischen Institutionen, auch wenn es sich dabei um die Neonatologie-Station eines Krankenhauses handelt.

Wir versuchen, diese Exportverbote zu umgehen, indem wir über Vertreter im Libanon Medikamente kaufen, doch das ist zu teuer. Unser Gesundheitsministerium versucht wiederum, die mangelnden Medikamente im Iran und in Indien einzukaufen, und wir versuchen dann, die fehlenden Produkte mit diesen Importen so gut wie möglich zu ersetzen.

Ich arbeite in einem staatlichen Krankenhaus. Die Behandlung dort ist für alle syrischen Staatsbürger gratis. Deshalb kommen auch viele meiner Patienten aus Rebellengegenden. Aber ich helfe jedem - auch jenen Müttern und Kindern, von denen ich weiß, dass der Vater ein Terrorist ist. Selbstverständlich würde ich nie ein Neugeborenes aus politischen Gründen abweisen, sie sind schließlich für nichts verantwortlich zu machen. Trotzdem nutze ich die Gelegenheit, um zu fragen, warum der Vater den Terrorismus unterstützt.

Einmal kam eine Mutter mit ihrem kranken Baby aus dem Rebellengebiet zu mir. Als sie nach einem Monat intensiver Behandlung wieder entlassen wurde, war sie glücklich und dankte mir wiederholt für meine Arbeit. Dann versicherte sie mir, dass auch sie ihren Beitrag leiste - indem sie für die Rebellen Essen kocht. Sie erkannte das Paradox nicht. Schließlich war es doch unsere Regierung, die die Kosten für die Genesung ihres Kindes übernommen hatte.

Die Kriegsfront in Damaskus verläuft ganz in der Nähe des Spitals, nämlich zwischen Jobar und Al-Qasaa, einem christlichen Viertel. Jobar wird von verschiedenen Rebellengruppen kontrolliert, einer Mischung aus Jabat al-Nusra, Jaysh al-Islam und den Überresten der FSA. Sie schießen ständig mit Granaten und Raketen.

Es ist hier im Osten der Stadt wirklich gefährlich. Das betrifft auch meinen Arbeitsweg. Bis vor einiger Zeit lebte ich im Al-Assad-Bezirk, die Autobahn zum Spital führte dort direkt vorbei. Deswegen wohne ich jetzt bei meinem Bruder in einem anderen Stadtteil.

Inzwischen habe ich viele Kollegen verloren. Viele sind geflohen, und so mancher wurde auf dem Weg in die Arbeit erschossen. Es fehlt wirklich an medizinischem Personal. Viele Leute sind erschöpft, psychisch angeschlagen oder gar krank wegen dieses Krieges und können sich das Leben kaum leisten.

Wir träumen davon, dass unsere Kinder in einem gesunderen und sichereren Umfeld aufwachsen, zur Schule gehen und studieren können.

Die Regierung setzt gerade neue Maßnahmen, mit denen versucht wird, Fachkräfte von einer Flucht abzuhalten. Es ist zum Beispiel schwieriger geworden, eine Kündigung einzureichen oder einen längeren Urlaub zu beantragen.

Ich arbeite seit fünf Jahren unter diesen furchtbaren Kriegsbedingungen. Ich bin eine Mutter, und ich bin erschöpft. Ich kann einfach nicht mehr.“