Glory rennt

Glory rennt

Mit zwölf Jahren wurde sie entführt – erst mit 17 gelang ihr die Flucht: Die Geschichte einer jungen Nigerianerin, die ihr Teenagerleben als Gefangene der islamistischen Terrormiliz Boko Haram verbrachte.

Glory rennt. Wie lange schon, weiß sie nicht. Wohin, ist ihr egal. Äste zerkratzen ihre Arme, die nackten Füße versinken im schlammigen Boden, der Rock saugt sich mit Dreck voll. Immer wieder fällt sie, rappelt sich auf. Nur weg von hier, denkt sie, nur weg.

Einen ganzen Tag lang hetzt die 17-Jährige – so erzählt sie es jetzt, sechs Monate später im Flüchtlingslager Bama im Nordosten Nigerias* (siehe unten) – durch den Wald. Es wird schon dunkel, ihr T-Shirt ist vom Regen durchweicht, ihre Beine sind taub, als sie an einer Straße ankommt. Dort lungern ein paar Männer in Militäruniformen in der Dämmerung. Als sie die erschöpfte Glory auf sich zustolpern sehen, springen sie auf und laden ihre Gewehre durch. Sie solle stehen bleiben, rufen sie. Hände hoch! Dann befehlen sie dem Teenager, sich ausziehen.

Die nigerianischen Soldaten fürchten, dass dieses durchnässte, verdreckte, in Lumpen gehüllte Mädchen, das da auf sie zukommt, eine jener Unglücklichen sein könnte, die von Boko Haram mit einer Bombe um den Leib aus dem Sambisa Forest geschickt werden.

*

Eigentlich war Glory für ein anderes Leben bestimmt. Sie ist die Tochter eines christlichen Pastors in der nigerianischen Provinz Borno im Nordosten Nigerias – einer Region in der Sahel-Zone südlich der Sahara, in die sich seit Jahren die Wüste immer weiter vorfrisst. Nicht dass jemand, der hier aufgewachsen ist, viel zu erwarten gehabt hätte. Das Land ist karg, die Schulen sind schlecht, oft gibt es wenig zu essen. Doch Glory und ihre Familie machten das Beste aus ihrer Not. Sie gingen in die Kirche, die Tochter sang im Chor.

Wäre diese eine Nacht nicht gewesen, Glory wäre mit einem Burschen aus der Gegend verheiratet worden und hätte ihm wohl Kinder geboren. Es wäre kein einfacher Weg gewesen, den die damals zwölf Jahre alte Glory vor sich hatte. Doch besser als die Hölle, die sie stattdessen bekam.

Das Grauen begann 2014, kurz bevor die Regenzeit über das Land kam. Ihre Eltern hatten für ein paar Tage das Dorf nahe der Kleinstadt Bama verlassen und die Nachbarn gebeten, auf ihre Kinder aufzupassen. Glory lag auf ihrer Matratze, als sie gegen Mitternacht das Knattern von Motorrädern hörte. Sechs Männer fuhren heran, die Gesichter vermummt, die Gewehre geschultert. Die alten Nachbarn erschossen die Bewaffneten sofort – sie schienen ihnen nutzlos. Doch Glory und ihre zwei Brüder waren jung, noch fast Kinder. Die Männer fingen sie ein, packten sie auf ihre Motorräder und fuhren mit ihnen davon.

Als sie nach zwei Tagen jenen Wald erreichten, in dem Glory die nächsten fünf Jahre verbringen würde, waren die beiden Buben nicht mehr dabei. Den einen hatten die Kidnapper erschossen, dem anderen die Kehle durchgeschnitten, weil sie sich weigerten für ihre Truppe zu kämpfen: die Terrormiliz Boko Haram.

*

Wie viele Krisen ist auch jene, die unter der Chiffre Boko Haram bekannt ist, zuallererst eines: ungemein komplex. Gegründet wurde die Bewegung 2002 von dem nigerianischen Prediger Mohammed Yusuf, der im saudi-arabischen Medina studiert hatte und im westlichen Einfluss eine Wurzel für Armut, Korruption und moralischen Verfall sah. Die Anhänger Yusufs rekrutierten sich aus arbeitslosen jungen Männern: Zunächst bildeten sie eine fundamentalistische Sekte, deren Mitglieder zwar oft mit der Polizei aneinandergerieten, aber kaum terroristische Ambitionen zeigten. Bei einigen Provinzpolitikern stießen sie sogar auf Wohlwollen. Der Norden Nigerias ist größtenteils muslimisch, hier gilt die Scharia.

Den Anstoß zur Eskalation gab laut einem Untersuchungsbericht der nigerianischen Behörden schließlich eine Nichtigkeit: Im Sommer 2009 beanstandeten in der Provinzhauptstadt Maiduguri Polizisten ein paar von Yusufs Jüngern, weil diese beim Motorradfahren keine Helme trugen. Ein Streit brach aus, es gab Verletzte und Tote. Darauf folgten Unruhen in mehreren Städten, Yusuf wurde festgenommen – und noch am selben Tag auf dem Gelände einer Polizeistation exekutiert.

Sollten die nigerianischen Machthaber gehofft haben, mit Yusuf auch ihre Probleme zu beseitigen, hatten sie die Lage dramatisch falsch eingeschätzt. Der ohne Gerichtsurteil hingerichtete Kleriker wurde zum Märtyrer, der Aufstand geriet außer Kontrolle. Yusuf war ein Islamistenführer gewesen, der auch einen extravaganten Lebensstil pflegte – er ließ sich sogar einen Mercedes importieren. Doch nach ihm kam mit Abubakar Shekau ein Mann an die Spitze von Boko Haram, von dem behauptet wird, dass er Spaß am Morden empfinde.

*

Fünf Jahre, das sind 1825 Tage. Nicht alles, was Glory in ihrem Martyrium durchlebte, kann sie in Worte fassen. Die meiste Zeit war sie in einem Käfig eingesperrt – die Stäbe aus Holz, in einer Ecke eine Kochstelle, in der anderen ein Loch für die Notdurft. Ungefähr 20 geraubte Mädchen mussten dort auf einer Fläche von etwa 50 Quadratmetern ausharren. Ein Mal pro Tag durften zwei den Käfig verlassen, um im Wald ihr Essen zu suchen: Blätter und Gräser, die sie mit Asche vermischten und zu einer Suppe aufkochten.

Die einzige Möglichkeit für die Mädchen und Frauen, außerhalb des Käfigs zu leben, bestand darin, von einem Boko-Haram-Kämpfer auserwählt zu werden. Nicht alle dieser Zwangsehen hielten lange: viele der Dschihadisten – oft selbst noch Teenager – kamen von Kämpfen nicht mehr zurück. Doch die Heirat diente auch als religiöser Sanktus für regelmäßige Vergewaltigungen der Mädchen. Manche der Männer befahlen ihren Opfern mit vorgehaltener Waffe, sich auszuziehen. Andere hielten sich nicht einmal mit solchen Drohungen auf, sondern banden den Frauen die Knöchel mit Stricken kurzerhand an zwei Pflöcken im Boden fest und missbrauchten sie.

Glory wollte nicht Muslima werden, aber sie musste. Im Sambisa Forest setzte Boko Haram die Scharia um – oder das, was sie dafür hielt. Wer etwas Unislamisches sagte, erhielt 80 Stockhiebe. Wer stahl, dem wurde die Hand amputiert. Wer sich mit einer Frau einließ, ohne mit ihr verheiratet zu sein, wurde bis zum Hals in die Erde eingegraben und gesteinigt. Wenn wieder einmal jemand bestraft wurde, mussten sich alle versammeln. Niemand durfte den Blick abwenden, egal wie brutal es wurde.

Glory legte den Hijab an, das muslimische Kopftuch. Drei Mal wurde sie verheiratet: Der erste Mann war noch ein Teenager wie sie. Die beiden sahen sich drei Mal, dann ging er und kam nicht wieder. Von ihm bekam sie ihren ersten Sohn. Doch das Baby starb kurz nach der Geburt, weil Glory so unterernährt war, dass sie ihm nicht genug Milch geben konnte. Der zweite Mann, der sie aus dem Käfig holte, war um die 30 und hatte bereits eine Frau, die gerne mit einem selbst gebastelten Sprengstoffgürtel durch das Lager lief.

Der Dritte war ein fanatischer Islamist, der sie mit einem Holzstab verprügelte. Er konnte nicht glauben, dass aus dem Christenmädchen eine aufrechte Muslima geworden sein sollte. Jeden Tag schickte er sie vier Stunden lang in einen religiösen Unterricht.

„Es gibt keinen Gott außer Gott. Mohammed ist sein Prophet“, rezitiert Glory in fehlerfreiem Arabisch, obwohl sie neben Haussa nur ihre Muttersprache Kanuri spricht. Die NGO-Mitarbeiterin, die übersetzt, trägt einen bunten Hijab über den schwarzen Haaren. Es ist eine Szene, die zeigt, dass sich im Nordosten Nigerias nicht alles auf einen Konflikt zwischen Christen und Muslimen reduzieren lässt – sondern dass vor allem ein Kampf von muslimischen Fundamentalisten gegen den Staat tobt, in dem die Bevölkerung zur Geisel geworden ist.

*

Im Jahr 2014, in dem Glory gekidnappt wurde, wurde Boko Haram auf der ganzen Welt bekannt. Zwar führten die Dschihadisten damals bereits ein halbes Jahrzehnt lang Krieg gegen den Staat, die Christen und die angebliche Verwestlichung Bornos – doch kaum jemand außerhalb Nigerias nahm so richtig Notiz von ihnen. Das änderte sich, als sie mindestens 276 Mädchen aus einer Schule in der Stadt Chibok enführten. Unter dem Twitter-Hashtag „BringBackOurGirls“ nahmen Prominente aus aller Welt Anteil an einer Krise, deren Schauplatz sie wohl kaum auf der Landkarte gefunden hätten. Sogar US-First-Lady Michelle Obama tweetete.

Im Sommer 2017 ließ sich sogar US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus mit zwei Mädchen aus der Schule von Chibok fotografieren, die befreit worden waren. Dass gleichzeitig noch immer mehr als 100 ihrer ehemaligen Schulkameradinnen vermisst wurden, wurde nicht groß thematisiert. Und als Boko Haram vergangenes Jahr 110 Mädchen aus einer Schule der Stadt Dapchi kidnappte, blieben Reaktionen weltweit nahezu aus. Es schien, als wären die Prominenten dieser ewigen Krise müde geworden.

Am weiter andauernden Boko-Haram-Konflikt lässt sich vor allem sehen, wie einer der ressourcenreichsten afrikanischen Staaten an sich selbst scheitert: Immer wieder laufen schlecht bezahlte Soldaten vor den anrückenden Dschihadisten davon und überlassen ihnen Munition und Waffen. Bis heute ranken sich Gerüchte um die Frage, welche Rolle nigerianische Militärs und Politiker beim rasanten Aufstieg von Boko Haram gespielt haben, das für ein paar Jahre beinahe die ganze Provinz Borno kontrollierte. Fest steht: Am Krieg ließ sich verdienen. Die Region um den Tschadsee ist eine der fruchtbarsten des Landes, das Fleisch der dort grasenden Rinderherden wird in ganz Nigeria gegessen. Verkauft wurde es über Jahre hinweg von Boko-Haram-Kämpfern – über Zwischenhändler, die abkassierten, um die Ware weiter südlich zu vermarkten.

Heute ist die Gruppe gespalten, ein Sohn von Mohammed Yusuf hat einen Ableger des „Islamischen Staats“ gegründet. Doch die Truppen von Abubakar Shekau blieben weiterhin aktiv: Sie haben sich in die Berge des Sambisa Forest nahe der Grenze zu Kamerun zurückgezogen, wo ihnen die Angriffe der nigerianischen Armee nicht viel anhaben können.

*

Der Tag, an dem Glory dem Tod davonlief, begann wie so oft mit Schlägen. Noch vor Sonnenaufgang zerrt ihr Mann sie aus der gemeinsamen Hütte und bindet sie mit den Handgelenken an einen Baum. Dann geht er mit den anderen Dschihadisten zum Morgengebet.

„Du musst jetzt weg von hier. Wenn sie zurückkommen, werden sie dich töten“, flüstert ihr eine ebenfalls ins Lager verschleppte Frau zu – und macht ein lebensrettendes Angebot: Sie werde die Fesseln durchschneiden, wenn Glory schwöre, auch unter schlimmster Folter nicht zu verraten, wer ihr geholfen habe.

Glory verspricht es. Dann läuft sie los.

Sie weiß: Wenn ihr Mann sie einholt, bringt er sie um. Doch auch die Welt da draußen machte Glory Angst. Über Jahre hinweg ist sie zusammen mit den Boko-Haram-Kämpfern vor den nigerianischen Soldaten geflohen, die sich dann und wann in den Sambisa Forest wagen. Für die von der Armee bist du eine Terroristin, die erschießen dich, wenn sie dich sehen, reden die Dschihadisten den Mädchen ein.

Als sie vor sechs Monaten in der Abenddämmerung an der Straße steht und die Gewehre der nigerianischen Soldaten auf sie gerichtet sind, kann Glory nicht wissen, dass der Horror der vergangenen fünf Jahre ein Ende gefunden hat. Die Männer bringen sie in das Flüchtlingslager in Bama. Glory bekommt neue Kleider und eine eigene kleine Hütte. Seither helfen Mitarbeiterinnen der NGO CARE der 17-Jährigen, ihr zerstörtes Leben neu zu beginnen. Sie wolle jetzt nur zwei Dinge, sagt Glory: ihre Eltern finden und wieder Christin werden.

*

Die militärischen Offensiven der nigerianischen Armee haben Boko Haram in Nigeria zurückgedrängt. Besiegt hat sie die Gruppe aber nicht, selbst wenn die Generäle das immer wieder behaupten. In den vergangenen Jahren haben die Dschihadisten ihren Plan aufgegeben, ein islamisches Emirat zu errichten, und sind auf Guerilla-Terror umgeschwenkt: Sie vergraben selbst gebastelte Bomben, überfallen Hilfskonvois oder Militärstützpunkte, entführen einheimische und westliche NGO-Mitarbeiter. Erst im April schickten sie zwei Frauen mit Sprengstoffgürteln in einen Markt der Stadt Maiduguri. Die internationalen Hilfsorganisationen fliegen nur noch mit Hubschraubern an ihre Einsatzorte, der Landweg ist zu gefährlich. Um die Städte ziehen sich aufgeschüttete Lehmwälle. Dahinter ist Niemandsland, in dem alles passieren kann.

Im Mai besuchte Jeremy Hunt, Außenminister der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien, die Krisenregion. Er sagte, dass er den Anti-Terror-Kampf der nigerianischen Regierung als gescheitert betrachte: Die Militärs hätten die Sympathien der Bevölkerung verloren. Die Bewohner Dutzender, wenn nicht Hunderter Dörfer wurde von der Armee in einige wenige Städte getrieben, rund zwei Millionen Menschen leben in Flüchtlingslagern. Wen die Soldaten außerhalb der von ihnen abgesicherten Inseln antreffen, sperren sie oft als Terroristen ein – auch die Frauen. Vor Kurzem berichteten Journalisten von schweren sexuellen Übergriffen der Polizei im berüchtigten Gefängnis von Maiduguri.

Es scheint, als würde sich der Nordosten Nigerias im Kreis drehen. Der Weg aus der Spirale führt nicht nur über militärische Operationen gegen bewaffnete Banden, sondern auch über die Antwort auf die Frage, wie ein ölreiches Land mit seiner Bevölkerung umgeht – und wie die politischen Eliten verhindern wollen, dass sich gerade in den entlegenen Regionen jenes Machtvakuum ausbreitet, das Korruption, Armut und Hoffnungslosigkeit begünstigt und den Dschihadisten erst die Chance gibt, ihre Gewaltideologie als Alternative ins Spiel zu bringen. Seit mehr als einem Jahrzehnt bleibt diese Antwort aus.

*

Die ersten Wochen in Freiheit konnte Glory kaum schlafen. In ihren Träumen jagte sie der Mann, der sie an den Baum gebunden hatte. Mit vorgehaltenem Gewehr drohte er, sie zu erschießen. Wie ein böser Geist verfolgte er sie aus dem Sambisa Forest in ihr neues Leben.

Doch geblieben ist etwas anderes. Schon als sie weglief, war Glory schwanger mit Aisha, der von ihrem Boko-Haram-Peiniger gezeugten Tochter, die erst im Flüchtlingslager in Bama auf die Welt kam – einem gesunden Baby, das von seiner Mutter über alles geliebt wird. Seit sie Aishas Gesicht erblickt hat, schlafe sie wieder besser, die Alpträume werden weniger, sagt Glory. Die Geburt der kleinen Aisha habe ihr wieder Zuversicht gegeben. Sie hofft, dass es nun auch für sie ein neues Leben geben kann.

*

*ÜBER DIESE GESCHICHTE

Glorys Geschichte ist kompliziert. Die 17-Jährige erzählt sie in einem eineinhalb Stunden dauernden Gespräch mit profil im Flüchtlingslager Bama im Nordosten Nigerias, in dem sie vor sechs Monaten eingetroffen ist. Sie berichtet von überaus grausamen Vorfällen, gleichzeitig lassen sich diese im Einzelnen kaum nachprüfen. Personen, die ihre Angaben bestätigen könnten, sind nicht verfügbar. Trotzdem schätzt profil die Erzählung der jungen Frau als glaubwürdig ein – das tun auch erfahrene NGO-Mitarbeiter: Viele ihrer Schilderungen decken sich mit den Aussagen anderer Interviewpartner, die profil in den Flüchtlingslagern befragt hat. Alle der Redaktion bekannten Namen in ihrer ­Erzählung wurden geändert – auch zu ihrem Schutz.

Die Flüchtlingslager im Nordosten Nigerias sind ohne die Sicherheits-Infrastruktur einer internationalen Hilfsorganisation nur schwer zu erreichen. profil flog auf Einladung von CARE nach Maiduguri und mit einem Hubschrauber nach Dikwa und Bama, die vor nur wenigen Jahren noch von Boko Haram kontrolliert wurden. CARE verteilt in den Lagern nicht nur Lebensmittel, sondern betreibt auch Programme, um die Lage der Frauen zu verbessern, sie über Verhütung aufzuklären und sexuelle Gewalt zu bekämpfen. Eine NGO-Mitarbeiterin stellte den Kontakt zu Glory her.

Die Kosten für die siebentägige Reise teilten sich CARE und profil.