Terror: Wann hört das endlich auf?

Das Gefühl, dass der Terror jederzeit jeden treffen kann, greift um sich.

Das Gefühl, dass der Terror jederzeit jeden treffen kann, greift um sich.

Die gute Nachricht: Jede Terrororganisation ist irgendwann am Ende – spätestens, wenn sich ihre Sympathisanten abwenden. Die schlechte: Bei den Mordbuben des „Islamischen Staats“ kann das noch lange dauern.

Soll keiner sagen, es sei überraschend gekommen. Dass sie wieder zuschlagen würden, wussten wir bereits nach den Anschlägen gegen die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt mit 16 Toten vor mehr als einem Jahr. Wir wussten es nach dem Blutbad in den Straßen von Paris und im Bataclan-Konzertsaal mit 130 Toten und 352 Verletzten vergangenen November.

Und wir glauben es auch jetzt zu wissen, nach den mindestens 31 Toten und 260 Verletzten von Brüssel. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis islamistische Terroristen wieder ein Attentat in Europa verüben.

Die hiesige Gesellschaft macht gerade das durch, was es sonst nur vom Hörensagen aus anderen Weltgegenden kennt. Aus der Türkei beispielsweise, wo in den vergangenen Monaten Anschläge von Islamisten und militanten Kurden rund 250 Menschenleben gefordert haben; oder aus Israel, wo seit Jahresbeginn – zumeist durch individuelle Messerattacken – zehn Todesopfer zu beklagen waren. Die unmittelbare Bedrohung durch brutalste Gewalt, die jederzeit jeden treffen kann (obwohl das statistisch immer noch sehr unwahrscheinlich ist), richtet sich gezielt gegen die Zivilbevölkerung.

Es ist eine seltsame Gefühlslage, die damit einhergeht und in den öffentlichen Reaktionen auf die jüngsten Attentate zum Ausdruck kam: einerseits die fatalistische Erwartung, es sei wohl unausweichlich, dass es auch in der eigenen Umgebung – ob die nun in Österreich, Deutschland oder sonst wo liegt – krachen wird; und andererseits eine Erschöpfung, die in der Frage mündet, wann das denn endlich aufhören wird.

„Je Suis Sick of This Shit“ („Mir reicht es mit dem Scheiß“) lautete, angelehnt an die Slogans „Je Suis Charlie“ und „Je Suis Paris“ bei früheren Anschlagsserien, einer der populärsten Hashtags auf Twitter nach den Explosionen in Brüssel. Gleichzeitig wurden die belgischen Behörden wegen ihres Versagens heftig kritisiert – interessanterweise auch von vielen, die sonst ganz vorne dabei sind, wenn gegen ausufernde Exekutivbefugnisse mobil gemacht wird.

Dahinter verbergen sich zwei Hoffnungen. Die eine zielt auf ein baldiges Ende des islamistischen Terrors, die zweite misst der Polizei dabei eine entscheidende Rolle zu. Beide sind illusorisch.

1. Die Tat

So trifft man eine Gesellschaft direkt ins Herz: mit Anschlägen im öffentlichen Raum, die darauf abzielen, wahllos möglichst viele Zivilpersonen zu töten oder zu verletzen – an besonders belebten Orten oder in Massenverkehrsmitteln, möglichst an mehreren Schauplätzen gleichzeitig. Diese Taktik wurde bei einigen islamistischen Terrorakten der vergangenen Jahre angewendet: bei den Anschlägen gegen Schnellbahnzüge in Madrid 2004, gegen U-Bahnen und Busse in London 2005 sowie zuletzt gegen die Besucher eines Konzerts, eines Fußballspiels und mehrerer Restaurants in Paris.

Auch der Angriff auf Brüssel erfolgte nach diesem Muster: Bomben im Check-in-Bereich des Flughafens und in einer vollbesetzten U-Bahn-Garnitur ließen den Opfern keine Chance.

2. Die Täter

Soweit bislang bekannt ist, stehen die Anschläge von Brüssel in engem Zusammenhang mit jenen von Paris. In beiden Fällen dürfte unter anderem der marokkanischstämmige Nadschim Laachraoui beteiligt gewesen sein: ein studierter Elektrotechniker, der als Bombenkonstrukteur gilt. 2013 hielt er sich in Syrien auf, im vergangenen September reiste er unter falschem Namen von Ungarn über Österreich und Deutschland nach Belgien und wurde dabei von der Polizei kontrolliert.

Chauffiert wurde Laachraoui dabei von Salah Abdeslam, einem Kleinkriminellen aus Brüssel, der in Paris als Selbstmordattentäter vorgesehen war, seinen Anschlag aber nicht ausführte, sondern sich nach Belgien absetzte und dort untertauchte.

Überwachungsfotos zeigen Laachraoui vergangenen Dienstag am Flughafen von Brüssel in Begleitung von zwei Männern – einer davon ist der wegen brutalen Raubes verurteilte Ibrahim El Bakraoui, der zweite vorerst unbekannt. Der Anonymus flüchtet, knapp bevor sich Laachraoui und Bakraoui in die Luft sprengen. Wenig später zündet Bakraouis Bruder Khalid eine Bombe in der U-Bahn.

3. Das Motiv

Konkret dürfte die jüngste Terrorwelle mit der Verhaftung von Laachraouis Reisegefährten Salah Abdeslam in Zusammenhang stehen. Auch der 26-Jährige gilt als Mittäter der Anschläge von Paris und wurde seither von der Polizei gesucht. Am Freitag, 18.3., wurde er in Molenbeek, einem islamistisch durchsetzten Bezirk der belgischen Hauptstadt, geschnappt und erklärte sich laut seinem Anwalt bereit, mit den Behörden zu kooperieren. Unter anderem soll Abdeslam ausgesagt haben, er sei bereit gewesen, „von Brüssel aus etwas in Gang zu setzen“.

Bereits drei Tage zuvor waren im Zuge einer Razzia in Belgien einige andere Islamisten verhaftet und ein weiterer mutmaßlicher Mittäter von Paris getötet worden. Gut möglich, dass ihre Komplizen daraufhin fürchteten, enttarnt zu werden, und bereits laufende Attentatspläne schneller in die Tat umsetzten als eigentlich vorgesehen. Indizien dafür sind, dass Laachraoui nachweislich gut mit Abdeslam bekannt ist und eine derart komplexe Operation sich schwerlich binnen weniger als einer Woche organisieren lässt.

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die sich einige Stunden nach den Explosionen zu den Anschlägen bekannte, brüstete sich mit einem Angriff auf „präzise ausgewählte Orte“ im „Kreuzzüglerstaat Belgien“. Auch wenn das vermutlich vor allem Propaganda ist: Es passt in das ebenso ambitionierte wie aussichtslose Konzept der Ultra-Islamisten, Muslime und Andersgläubige in Europa so lange gegeneinander aufzubringen, bis es zu einem Umsturz zugunsten des Islam kommt.

4. Der Nährboden

Der ideologische Hintergrund der Anschläge liegt auf der Hand: Es ist der ultraradikale Islam, der seit den 1990er-Jahren durch Osama bin Ladens Terrornetzwerk Al Kaida unter Muslimen populär wurde und derzeit vor allem vom IS verkörpert wird. Seit das selbst ernannte Kalifat der Terrormiliz in Syrien und im Irak immer stärker unter militärischen Druck gerät, propagieren seine Strategen vermehrt Anschläge im Westen.

Dass diese Idee bei Sympathisanten auf Zustimmung stößt, ist unbestritten. Allerdings fällt auch eines auf: Die Serie von Anschlägen, die im Jänner vergangenen Jahres mit „Charlie Hebdo“ begann, beschränkt sich bislang auf Frankreich und Belgien, wobei die beiden größten Attentate einer einzigen, in Brüssel stationierten Islamistenzelle – jener um Laachraoui – zuzuschreiben sein dürften.

Das bedeutet nicht, dass es anderswo keine Gefahr gäbe. Es weist aber auf eine spezielle Problemlage hin, die auch erklären könnte, warum es beispielsweise in den USA in jüngster Zeit zu keinen derartigen Terrorakten gekommen ist.
Es mag einerseits damit zusammenhängen, dass die dortigen Sicherheitsbehörden professioneller arbeiten als die belgischen, andererseits aber auch mit dem Prekariat, das in Frankreich und Belgien seit den 1960er-Jahren durch massenhafte Zuwanderung aus ehemaligen, vor allem nordafrikanischen Kolonien entstanden ist. Der Großteil der Immigranten stammt aus muslimisch geprägten Kulturen, viele von ihnen schafften es nicht, in Europa Fuß zu fassen. In der Folge wurden einige Banlieues in Paris und Teile anderer französischer und belgischer Städte zu Ghettos.

Dort begannen Islamisten schon früh zu missionieren: im Brüsseler Stadtteil Molenbeek beispielsweise, wo auch Salah Abdeslam aufwuchs. Kenner des Bezirks erzählen gegenüber profil, dass muslimische Fundamentalisten die dortigen Bewohner bereits in den 1980er-Jahren zum Moschee-Besuch genötigt hätten.

5. Das Umfeld

Das ist das Umfeld, aus dem viele der Attentäter von Paris und Brüssel stammen und das tatsächlichen und potenziellen Terroristen über familiäre Beziehungen hinaus Schutz bietet. Andernfalls hätte sich Salah Abdeslam, seit November vergangenen Jahres einer der meistgesuchten Männer Europas, nicht vier Monate lang verstecken können, noch dazu in Molenbeek, der „Hauptstadt des politischen Islam in Kontinentaleuropa“ (Belgiens Innenminister Jan Jambon) und folgerichtig der wohl am stärksten überwachte Stadtteil Europas.

Ein sympathisierendes Umfeld alleine reicht aber nicht. Es braucht auch aktive Unterstützer, die etwa sichere Wohnungen zur Verfügung stellen und bei der Verpflegung helfen. Im Hinblick darauf zitieren Sicherheitsexperten gerne die „Eisberg-Theorie“. Sie geht davon aus, dass jeder Terrorist nur ein kleiner Teil eines weitaus größeren Untergrund-Netzwerks ist. „Für jeden von ihnen sollten wir nach zwei, drei oder gar vier Dutzend extremistischen Helfern zwischen Syrien und Frankreich suchen“, erklärte etwa Clint Watts, vom Center for Cyber and Homeland Security an der George Washington University vergangene Woche.

Das scheint etwas hoch gegriffen. Allerdings wurden im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris laut einem Bericht der „New York Times“ mittlerweile bereits 18 Verdächtige in mehreren europäischen Staaten festgenommen. Der belgische Außenminister Didier Reynders beziffert die Zahl der daran Beteiligten sogar mit „mehr als 30“ und warnt: „Es gibt viele Netzwerke, nicht nur das von Abdeslams Familie.“

6. Die Illusion

Terrorismus ist nicht nur Tat, sondern auch die Behauptung von Macht. Und dabei waren gerade die Islamisten in der Vergangenheit äußerst erfolgreich. Die nun wieder um sich greifende Vorstellung, ganz Europa sei von Terrorzellen unterwandert, erinnert an die Zeit nach 9/11 und den Anschlägen von Madrid und London.

Damals war die Rede von Abertausenden „Schläfern“ im Westen, die nur auf den Einsatzbefehl von Osama bin Laden warten würden. Die Angst davor erwies sich in der Folge als unbegründet (auch wenn sich Geheimdienste und Sicherheitsbehörden zugute halten, alle möglichen Terrorpläne durchkreuzt zu haben).

Ist es nun anders? Gegenüber der ersten Phase des Terrors Anfang der Nullerjahre haben sich die Rahmenbedingungen substanziell geändert. Al Kaida war im Vergleich zum IS ein Elitenphänomen. Es gab noch keinen Arabischen Frühling, die Kollateralschäden der westlichen Militärinterventionen in Afghanistan und im Irak wurden erst nach und nach bekannt; vor allem aber hatte sich Syrien noch nicht in ein gigantisches, leicht erreichbares Ausbildungslager für Religionsfanatiker und andere Närrische entwickelt.

Dass es für die Anschläge in Europa unbedingt radikalisierte Kriegsrückkehrer braucht, ist jedoch eine These, die vor allem von zwei Seiten verbreitet wird: von den Gegnern der Aufnahme von Flüchtlingen und dem IS, der damit zusätzliche Verunsicherung zu erzeugen versucht. Faktum ist, dass die wenigsten der Täter von Brüssel und Paris Europa je verlassen hatten.

Und so schlimm die dort begangenen Attentate waren: Wenn sie so leicht zu organisieren wären und so viele Terroristen bereitstünden, wie der IS suggeriert, hätte es deutlich mehr geben müssen als drei.

7. Die Zukunft

Das ist keine Entwarnung. Der islamistische Terror, nicht nur jener gegen Europa und den Westen, ist auf Sicht nicht aus der Welt zu schaffen. Die Gefahr, die von ihm ausgeht, lässt sich mit noch mehr Überwachung und noch mehr
Polizeibefugnissen vielleicht verringern, aber nicht beseitigen.

Wenn selbst Terrorismus mit ganz klaren, lokal begrenzten, politisch verhandelbaren Zielen wie jener der IRA in Irland oder der ETA in Spanien jahrzehntelang nicht in den Griff zu bekommen war – wie soll das erst beim Islamismus gelingen, hinter dem eine mächtige Idee, eine unabsehbare Zahl von Sympathisanten und ein extrem dezentrales Konzept stehen?

Die Erfahrung, die Deutschland mit dem linksextremen Terror machen musste, deutet in die gleiche Richtung. Auch hinter der RAF stand eine Ideologie, die in den 1970er-Jahren so attraktiv war, dass sich laut Umfragen Zehntausende Bürger zumindest prinzipiell vorstellen konnten, Mitglieder der Organisation bei Bedarf zu verstecken. 1500 wurden wegen konkreter Unterstützertätigkeiten verurteilt. Auch mit der RAF wurden die Behörden trotz immensen Fahndungsdrucks nicht fertig.

Das Ende der Linksterroristen kam letztlich, weil sich ihre Sympathisanten Ende der 1980er-Jahre von ihnen abwandten. Ganz verschwunden sind sie aber immer noch nicht. Erst kürzlich wurde bekannt, dass drei RAF-Mitglieder vergangenes Jahr einen Geldtransporter in Bremen überfallen hatten.

Sie sind, Jahrzehnte nach ihren letzten Anschlägen, also immer noch da draußen – sie verüben bloß keine Terrorattentate mehr, sondern nur noch schnöde Geldbeschaffungsaktionen. Vielleicht können wir das irgendwann auch über die Islamisten sagen.

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