UN-Klimavertrag: „40 Grad sind auch in Österreich keine Ausnahme mehr“

Blick auf die Alpen. "Die Anstrengungen müssen auch hier weiter verstärkt werden."

Blick auf die Alpen. "Die Anstrengungen müssen auch hier weiter verstärkt werden."

Über 190 Staaten haben sich beim Weltklimagipfel (COP21) in Paris auf ein Klimaschutzabkommen geeinigt, das die Erderwärmung eindämmen soll. Die Weltgemeinschaft verpflichtete sich, den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen.

profil sprach mit Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), über die Auswirkungen des Klimavertrags für Österreich, die Zukunft fossiler Brennstoffe und was das Abkommen für den einzelnen Konsumenten bedeutet.

profil: Sind Sie mit dem Klimaabkommen von Paris zufrieden?
Michael Staudinger: Das Ergebnis ist ein guter Startpunkt. Jetzt kommt es darauf an, das Abkommen mit sehr viel Arbeit und Kleingedrucktem auszufüllen. Es ist eine Richtungsänderung in der Klimapolitik, außerdem ein Commitment von sehr vielen Ländern, gemeinsam etwas zu machen.

profil: Sehen Sie auch Schönheitsfehler?
Staudinger: Die Frage ist viel mehr, wie die Umsetzung erfolgt. Die erste Begutachtung der nationalen Bemühungen soll ja erst 2023 erfolgen. Außerdem stellt sich die Frage, wie die 100 Milliarden Euro an Hilfsgeldern, die jetzt großzügig beschlossen wurden, aufgeteilt werden. Hier sind noch viele Details offen.


Der Trend geht auch mit den zwei Grad deutlich nach oben. Das heißt unter anderem längere Dürreperioden in Europa.

profil: Rettet das Klimaabkommen die Erde?
Staudinger: Mit den aktuellen Zusagen liegt man noch deutlich über den vereinbarten zwei Grad. Diese zwei Grad bedeuten aber für viele Länder große Veränderungen in den Lebensumständen. Wenn man davon ausgeht, dass zehn Prozent der Erdbevölkerung die wichtige Lebensgrundlagen durch Dürren, Überschwemmungen und Ressourcenknappheit bereits verloren hat, kann man schwer von einer geretteten Erde sprechen.

ZAMG-Direktor Michael Staudinger. "Guter Startpunkt."

profil: Wenn es gelingt, den Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius zu halten. Ist der Klimawandel doch noch zu stoppen?
Staudinger: Der Trend geht auch mit den zwei Grad deutlich nach oben. Das heißt unter anderem längere Dürreperioden in Europa. Die 40 Grad im Sommer sind dann auch in Österreich keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. Bei uns sind diese Hitzeperioden ja noch zu verkraften, in anderen Ländern gibt es dadurch aber massive Probleme mit der Wasserversorgung. Wie sich das Ganze gesellschaftspolitisch auswirkt, wird man noch sehen. Das kommt darauf an, wie stabil die politischen Verhältnisse im Einzelfall sind. Wenn die nachhaltige Entwicklungshilfe, die parallel zum Klimavertrag beschlossen wurde, greift, könnte man damit viel ausgleichen.

profil: Wurde mit dem Vertrag von Paris das Ende der fossilen Brennstoffe besiegelt?
Staudinger: Das Ende ist zumindest eingeläutet. Die fossilen Brennstoffe werden sich in Zukunft aber sicher noch als notwendig erweisen. Bei Wirtschaften, die bisher fast ausschließlich auf fossile Brennstoffe gesetzt haben, gibt es oft kaum Möglichkeiten für Alternativen. Das liegt vor allem an den bestehenden Preisstrukturen in diesen Ländern. Bei uns in Österreich ist manches leichter machbar. Aber sicher auch nicht von heute auf morgen.


Man muss sich fragen: Wie viel Energie steht hinter einem Produkt? Wie viele Rohmaterialen werden dafür in welcher Form gebraucht?

profil: Was bedeutet das Klimaabkommen für Österreich?
Staudinger: Die Anstrengungen müssen auch hier weiter verstärkt werden. Es wird große Veränderungen geben müssen, nicht nur fiskalpolitisch, sondern auch im öffentlichen Raum, im Verkehr und in der Bauindustrie. Die allgemeinen Normen werden sich in diesen Bereichen ändern müssen. Dabei ist nicht nur die Industrie, sondern auch der Konsument gefragt.

profil: Was bedeutet das Abkommen für jeden einzelnen von uns? Was kann man beitragen?
Staudinger: Bewusster konsumieren. Man muss sich fragen: Wie viel Energie steht hinter einem Produkt? Wie viele Rohmaterialen werden dafür in welcher Form gebraucht? Und das machen auch schon viele Menschen. Das heißt zum Beispiel, dass man regional und saisonal isst. Die gute Nachricht: Dieser Konsumstil führt auch zu einer höheren Lebensqualität.

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