Venezuela: Die Revolte der Jungen gegen die sozialistische Regierung

Proteste in Caracas

Proteste in Caracas

In Venezuela hat eine ganze Generation von Jugendlichen nie etwas anderes kennengelernt als den von Hugo Chavéz erfundenen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Nun rennt sie wütend dagegen an. Die Chronologie des Niedergangs einer politischen Idee, erzählt am Beispiel des Lebensweges eines 19-Jährigen Regierungsgegners.

Hoch oben über Caracas prangt dieser Tage in leuchtenden Großbuchstaben das spanische Wort "PAZ", Frieden. Normalerweise werden die Lichter des Kreuzes, das am Ávila-Berg steht und von weiten Teilen der Stadt aus zu sehen ist, nur vor Weihnachten eingeschaltet. Doch Präsident Nicolás Maduro höchstpersönlich hat angeordnet, den Schriftzug bereits Ende Mai erstrahlen zu lassen. Von Frieden ist in Venezuela derzeit aber wenig zu spüren.

Unten in der Stadt steht Daniel im Tränengasnebel. Er hat eine Gasmaske über dem Gesicht, einen Helm auf dem Kopf, eine Kette mit Kreuz um den Hals und ein selbst gebasteltes Holzschild in der Hand. Ihm gegenüber stehen Wasserwerfer und Bereitschaftspolizisten in bedrohlich wirkenden Monturen. Seit acht Wochen gehen die Venezolaner im Schnitt jeden zweiten Tag auf die Straße. Sie protestieren gegen die sozialistische Regierung unter Nicolás Maduro, der das Land innerhalb weniger Jahre komplett in den Ruin getrieben hat. Die Sicherheitskräfte antworten auf die Proteste mit Panzern, Tränengas und Repression. Was vor 18 Jahren als lateinamerikanische Hoffnung begann, endet jetzt im Desaster: der Sozialismus des 21. Jahrhunderts.

Daniel - der anonym bleiben will - kennt nichts anderes als den Sozialismus venezolanischer Prägung, der von Hugo Chávez, Maduros Vorgänger, begründet wurde. Als Chávez im Dezember 1998 die Präsidentschaftswahl gewann, war Daniel ein schmächtiger Bub von ein paar Monaten, der noch nicht einmal laufen konnte. Er bekam nichts mit von dem Hype, der um den Mann, den die Menschen "Comandante" nannten, gemacht wurde. Dieser hatte schon kurz nach seinem Amtsantritt begonnen, sein Wahlversprechen umzusetzen: eine "friedliche und demokratische Revolution". Er wollte aufräumen mit Misswirtschaft und Korruption, die Venezuela während der vorangegangenen Jahre einen Platz unter den Staaten mit der weltweit höchsten Ungleichheit eingebracht hatten. "Mein Vater hat diesem Versprechen geglaubt und Chávez gewählt", sagt Daniel. Die Familie lebte in einem der unzähligen Armenviertel von Caracas, und der Vater dachte, es werde sich etwas zum Positiven verändern. Immerhin hatte sich Hugo Chávez zum Präsidenten der Armen erklärt.

Sozialprogramme unter Chávez

Tatsächlich brachte die Bolivarische Revolution - benannt nach Simón Bolívar, einem Unabhängigkeitskämpfer aus dem 18. Jahrhundert - zunächst Verbesserungen für die benachteiligten Gesellschaftsschichten. In den Armenvierteln wurden Schulen gebaut, Bildungskurse durchgeführt, Gesundheitszentren errichtet und Lebensmittel verteilt. Mithilfe ihrer Sozialprogramme schaffte es die Regierung unter Chávez, die Armut innerhalb von zehn Jahren auf unter 30 Prozent zu halbieren; die Bevölkerung gilt laut Unesco als alphabetisiert; Kindersterblichkeit und Unterernährung sanken auf historische Tiefstwerte. Finanziert wurden diese Sozialkampagnen durch die Einnahmen des Erdölkonzerns Petróleos de Venezuela, der dem Staat zwischen 1999 und 2014 fast eine Billion US-Dollar einbrachte. Um sich die Kontrolle über dieses Geld zu sichern, ließ Hugo Chávez die Führungsriege des verstaatlichten Unternehmens mit regierungstreuen Managern besetzen.

Das ist mit ein Grund für eine Tragödie im Leben von Daniel: den Tod eines Cousins. Im April 2002 rief ein Bündnis von Institutionen aus Wirtschaft, Religion und Politik zu einem Generalstreik auf und forderte den Rücktritt von Hugo Chávez. Statt wie angekündigt zur Zentrale der Petróleos de Venezuela zu marschieren, bog ein Protestmarsch der Opposition zum Miraflores-Palast ab, wo sich die offizielle Residenz des venezolanischen Präsidenten befindet und Anhänger von Chávez zu dessen Verteidigung bereitstanden. Die Situation eskalierte. "Mein Cousin hat in der Nähe vom Palast gearbeitet und wurde von einem Querschläger getroffen", sagt Daniel.

Dem Streik folgte ein Staatsstreich. Der Generalstab des Militärs enthob den Präsidenten des Amtes. Es wurde eine Übergangsregierung gebildet, Parlament sowie Höchstgericht wurden per Dekret aufgelöst. Mehr als 400 Personen unterschrieben den Erlass, unter ihnen auch die heute in der Protestbewegung aktive Politikerin María Corina Machado, der spätere Präsidentschaftskandidat Manuel Rosales sowie der Vater des seit Februar 2014 inhaftierten Oppositionsführers Leopoldo López. Doch der Putsch löste Massenproteste aus. Im ganzen Land gingen die Venezolaner auf die Straßen, um eine Rückkehr ihres Präsidenten in den Miraflores-Palast zu fordern. Als der Spuk am 13. April 2002 vorbei und Hugo Chávez zurück im Präsidentenamt war, bereitete Daniels Tante gerade das Begräbnis ihres Sohnes vor.

Noch heute erinnert die Mutter von Daniel regelmäßig an dieses Ereignis, um ihn vor den Gefahren der aktuellen Demonstrationen zu warnen. Immerhin haben diese während der vergangenen zwei Monate bereits mehr als 60 Todesopfer gefordert, im Schnitt starb täglich ein Mensch. "Aber damals war das eine ganz andere Situation", meint Daniel, der sich an seinen Cousin nur entfernt erinnern kann.

Die Popularität von Hugo Chávez blieb zunächst weiterhin hoch. Zwei Jahre nach dem Putschversuch stellte er sich einem von der Opposition initiierten Abwahlreferendum. Er gewann mit fast 60 Prozent und blieb im Amt. Daniel erinnert sich gut an diese Zeit - etwa an jenen Mann aus seiner Nachbarschaft, der sich inmitten des inzwischen sozialistisch dominierten Armenviertels als Oppositioneller outete. Bei den traditionellen Judasverbrennungen zu Ostern klebte er im Gegensatz zu allen anderen ein Bild von Chavéz auf die Judas-Puppe. "Er hat den Präsidenten offen und konsequent kritisiert", sagt Daniel. Das habe ihn bereits als kleiner Junge fasziniert.

Gefürchtete "Colectivos"

Zu jener Zeit begann die Spaltung innerhalb der venezolanischen Gesellschaft sichtbar zu werden. Im Armenviertel, in dem Daniel mit seiner Familie lebte, traten die "Colectivos" in Erscheinung. Nach dem Putschversuch hatte Chávez Angehörige regierungstreuer Gruppierungen bewaffnen lassen. Sie sollten die Errungenschaften der bolivarischen Revolution verteidigen. "Das ist eine der eindrücklichsten Erinnerungen, die ich an den Chávismus habe", sagt er. Die Colectivo-Leute schossen nicht, ihre Waffen waren Drohung genug. Sie wollten die Menschen in der Umgebung lediglich einschüchtern. "Die Nachbarn wussten, dass sie ihre Stimme gar nicht erst gegen den Präsidenten zu erheben brauchten", sagt Daniel. Bis heute gelten die Colectivos als bewaffneter Arm der Revolution. Vor allem bei oppositionellen Märschen und Kundgebungen sind sie gefürchtet. Einige der Todesopfer der jüngeren Proteste werden ihnen zur Last gelegt.

Doch seine Kindheit hat Daniel als glückliche Zeit in Erinnerung. "Ich fand es immer toll, mit meinen Eltern einkaufen zu gehen", erinnert er sich. Daniel war neun Jahre alt, und sein Vater erlaubte ihm, im Supermarkt zwei, drei Produkte für das Essen auszusuchen. "Wir haben den Einkaufwagen gefüllt. Das war damals kein Luxus, sondern normal", sagt er: "Heute ist es nicht nur schwierig, manche Lebensmittel zu bekommen, sondern vor allem, genügend Geld dafür in der Tasche zu haben."

Proteste in Caracas

Proteste in Caracas

Ab 2007 sank der Lebensstandard. In diesem Jahr ließ Präsident Chávez ein Verfassungsreferendum durchführen. Die tägliche Arbeitszeit sollte von acht auf sechs Stunden gesenkt, eine neue Volksmiliz geschaffen, die Währungshoheit von der Zentralbank auf den Präsidenten übertragen werden - und dieser auf unbegrenzte Zeit wählbar sein. Das Referendum war die erste Niederlage für Chávez; es wurde mit 54,4 Prozent aller Stimmen abgelehnt. Danach regierte der Präsident, indem er Dekrete verabschiedete und Teile des Verfassungsentwurfs durch die absolute Mehrheit seiner Partei im Parlament als Gesetze durchpeitschte. Das war der Beginn des Untergangs.

Unterdessen wechselte Daniel von der öffentlichen Grundschule in ein privates Gymnasium. 2009 starb sein Vater. "Ab da war es nicht mehr einfach", sagt der junge Mann: "Meine Jugend war von Pflichten geprägt" - gegenüber seiner Familie, in der Schule, später im Job, den er annehmen musste, um seine Mutter zu unterstützen.

Chávez' Politik wurde unterdessen immer radikaler. Er ließ Unternehmen enteignen und führte groß angelegte Verstaatlichungen durch. Um einem weiteren Putsch zuvorzukommen, erkaufte sich der Präsident die Loyalität des Militärs durch Postenschacher. Er setzte hochrangige Offiziere an begehrte Stellen, etwa bei
Steuer-und Zollbehörden, Flughäfen oder in der Lebensmittelverteilung.

Devisenkontrollen als Vehikel für Korruption

Die Politik nahm immer mehr Einfluss auf die Wirtschaft, etwa in Form von Devisenkontrollen, die zum Vehikel für Korruption wurden. Importeure, die der Regierung nahestehen, bekommen Dollars zum Vorzugspreis, um wichtige Güter ins Land zu bringen. Doch das Geld wird nur teils oder gar nicht seiner Bestimmung zugeführt, sondern versickert auf dem Schwarzmarkt, wo Devisen um das 600-fache ihres ursprünglichen Wertes weiterverkauft werden.

Solange der Ölpreis hoch war, konnten die Sozialisten den Niedergang verschleiern. 2012 trat Hugo Chávez zum dritten Mal als Kandidat bei Präsidentschaftswahlen an. Er gewann mit 55 Prozent nur knapp vor Henrique Capriles Radonski, dem Kandidaten der Opposition, die sich zusammengerauft hatte und zum ersten Mal als geschlossene Einheit angetreten war.

Unterdessen hatte Daniel begonnen, einen eigenen Weg zu beschreiten. Er setzte sich kritisch mit der venezolanischen Politik auseinander und führte immer öfter emotionale Diskussionen mit Freunden und Verwandten, die sich dem Chávismus zugehörig fühlten. "Viele von ihnen haben sich radikalisiert oder haben eine fanatische Vorstellung der Realität", sagt Daniel. Manche seien aber einfach aus Eigeninteresse bei der Partei. Chávez habe einen Teil der Armen gekauft, indem er ihnen Kühlschränke schenkte oder andere Vorzüge verschaffte. "Im Grunde hat er sich durch Populismus, Drohungen und den Einsatz von paramilitärischen Gruppierungen an der Macht gehalten", sagt Daniel.

Im Frühjahr 2013 erlag Hugo Chávez einem Krebsleiden. "Ich kam gerade von der Schule, als ich davon erfuhr", sagt Daniel. Seine Mutter saß gemeinsam mit dem Bruder vor dem Fernsehgerät und wartete gebannt auf eine offizielle Bestätigung des Gerüchts. "Mich hat geärgert, wie die Menschen in den sozialen Netzwerken den Tod von Präsident Chávez feierten", erinnert er sich. So etwas mache man nicht, egal aus welchem politischen Lager der Verstorbene kommt.

PRÄSIDENT NICOLÁS MADURO, VORGÄNGER HUGO CHÁVEZ: Vom sozialistischen Traum ins Massenelend.

PRÄSIDENT NICOLÁS MADURO, VORGÄNGER HUGO CHÁVEZ: Vom sozialistischen Traum ins Massenelend.

Nach Chávez Tod wurde dessen Wunschnachfolger Nicolás Maduro zum Staatspräsidenten gewählt. Für Daniel bedeutete das Jahr 2013 einen weiteren Wendepunkt. Der Ölpreis sank auf ein Rekordtief, und die venezolanische Wirtschaft setzte endgültig zum Sturzflug an. Inzwischen fehlte es weiten Teilen der Bevölkerung an Kaufkraft, um gewisse Güter, Dienstleistungen oder Lebensmittel erstehen zu können, ganz zu schweigen von einem Auto oder einem Haus.

Früher habe es die Chance gegeben, die Armut zu überwinden, sagt Daniel. "Aber wenn du heute in einem Armenviertel zur Welt kommst, wirst du dort auch sterben", ist er sich sicher. Die Menschen sind damit beschäftigt, ihren Alltag zu meistern. Sie stehen stundenlang Schlange, um Grundnahrungsmittel zu kaufen. Sie klappern eine Apotheke nach der anderen ab, um einfache Medikamente wie Aspirin zu bekommen. Und junge Mütter suchen in allen Supermärkten der Stadt nach passenden Windeln für ihre Babys. Neuerdings sieht man außerdem immer häufiger Menschen, die im Müll nach Essbarem wühlen.

2014 ging Daniel zum ersten Mal auf die Straße. Geld hat er keines, denn das wenige, was er verdient, trägt er zum Familieneinkommen bei. Mit Freunden feiern, in Clubs tanzen, sich in Bars betrinken: All das gab es in seinem Leben nicht - und was noch an Unterhaltung geblieben war, wurde Stück für Stück ersetzt: durch Demonstrationen, Straßenkämpfe, Zusammenstöße mit der Polizei.

Heute lebt Daniel versteckt, plant mit Gleichgesinnten politische Aktionen und will das Land verändern. Bei jeder Demonstration der Opposition steht er in der ersten Reihe, sein selbstgebasteltes Holzschild in der Hand. Damit schütze er die Tausenden von Venezolanern, die hinter der Front auf die Straße gingen, sagt er. Die in der ersten Reihe trifft die staatliche Repression am härtesten. Doch das sei Teil der Aufgabe, glaubt Daniel: "Wir sind die Ersten, die kommen, und die Letzten, die gehen." So lange, bis die Freiheit gewinnt und der Sozialismus ein Ende findet.