Wahlen in Indien: Der Subkontinent bleibt Schauplatz unfassbarer Gewalt

Wahlen in Indien: Der Subkontinent bleibt Schauplatz unfassbarer Gewalt

Die größten demokratischen Wahlen der Welt in Indien mögen beeindrucken. Der Subkontinent bleibt dennoch Schauplatz unfassbarer Gewalt - vor allem gegenüber Frauen, meint Georg Blume .

Alle fünf Jahre schaut die Welt voller Bewunderung auf Indien. Denn alle fünf Jahre finden in Indien die jeweils größten demokratischen Wahlen der Weltgeschichte statt - jedes Mal steigt die Zahl der aufgerufenen Wähler aufgrund der schnellen Bevölkerungszunahme um viele Millionen. In diesem Monat, bis zum Auszähltag am 16. Mai, sind es über 814 Millionen, die wählen dürfen. Die große Mehrheit auch der armen Inder erfüllt tatsächlich ihre staatsbürgerliche Pflicht. Bei den Parlamentswahlen im Jahr 2009 gingen knapp 60 Prozent der Wähler an die Urnen. Nahezu westliche Verhältnisse, könnte man denken.

Demokratiebegeisterung
Tatsächlich bieten die Wahlen ein beeindruckendes, sicher eingeübtes Spektakel. Die Wahlorganisation funktioniert angesichts der Größe der Aufgabe vorzüglich. Die Wahlkampfveranstaltungen der führenden Kandidaten bringen in allen Landesteilen zehntausende Menschen zusammen. Die Medien überbieten einander, um auf allen Ebenen der Wahlschlacht spannende Kandidatenrennen zu preisen. Wer das alles als westlicher Beobachter vor Ort erlebt, wer dann den Ärmsten der Armen zuschaut, wie sie am Wahltag geduldig Schlange vor den Urnen stehen, kommt um Demokratiebegeisterung kaum herum.

Und doch führt der westliche, auf die Wahlen konzentrierte Indienblick in die Irre. Er übersieht in aller Regel das grausame Versagen eben jenes demokratischen Systems, das die Weltöffentlichkeit während der Wahltage so fasziniert. Wie grausam - das wagt sich der Westen bis heute nicht vorzustellen. Denn es würde seiner Grundidee widersprechen, dass funktionierende Demokratien ihren Bürgern dienen und sie nicht bestrafen.

Die indische Demokratie aber hat das westliche Vertrauen nicht verdient. Bereicherung, Nachlässigkeit, Desinteresse und Arroganz der Eliten fordern jedes Jahr Millionen Todesopfer. Die Opfer sind Unschuldige. Viele von ihnen sind kleine Mädchen - die Wehrlosesten und Schwächsten jeder Gesellschaft.

Millionenfacher Geschlechtermord an Frauen
Angesichts der schieren Menge der Opfer könnte man von einem Völkermord oder Genozid sprechen. Um diesen Begriff zu rechtfertigen, fehlt es einzig am Vorsatz des Staates oder einer organisierten Tätergruppe. Dennoch ist das Ziel des Mordens ganz klar die Vernichtung eines bestimmten - und großen - Teils der indischen Gesellschaft: Es sind vor allem die ungeborenen Mädchen in den Städten, die kastenlosen, "unberührbaren“, neugeborenen Mädchen auf dem Land und die Witwen der armen Schichten, deren sich eine auf materialistischen Zugewinn programmierte Gesellschaft brutal entledigt. Die staatlichen Autoritäten wissen darum. Dennoch greifen sie nicht ein und lassen den Mord an den als ökonomisch und sozial nutzlos empfundenen Mitbürgerinnen weitgehend sanktionslos geschehen. In Indien trägt sich ein millionenfacher Geschlechtermord an Frauen zu - ein Genderzid in einem Ausmaß, wie ihn die Menschheit bisher noch nicht erlebt hat.

Gewaltsamer Alltag
So selbstverständlich es dieser Tage ist, dass uns die Bilder des indischen Wahlkampfes in den Medien begleiten, so ausgeblendet bleibt der gewaltsame Alltag der indischen Demokratie. Kaum jemand hat Mitleid, kaum jemand tut etwas. Alle Verantwortlichen zusammen - in Indien, aber auch im Westen - bedrohen damit die Zukunft eines der wichtigsten Länder des 21. Jahrhunderts. Eines Landes, das gerade seinen Ruf als Hoffnungsträger für den asiatischen Raum massiv beschädigt, weil es den Aufschwung der vergangenen Jahre nicht genutzt hat, um die Armut wesentlich zu lindern oder die Lage der Frauen und Kinder zu verbessern.

1,7 Millionen verhungerte Kinder
Die Tatenlosigkeit weiter Teile der demokratischen Eliten Indiens ist nur schwer erträglich. Kein Anzeichen spricht dafür, dass es sie stört, wenn die Vereinten Nationen wieder melden - zuletzt geschehen im Herbst 2012 -, dass in Indien in einem Jahr mehr als eineinhalb Millionen Kinder im Alter bis zu sechs Jahren verhungern, die meisten von ihnen Mädchen. Nicht einmal die sonst so wachsamen indischen Medien reagieren darauf. Unglaublich, aber wahr: 1,7 Millionen verhungerte Kinder sind für Indien ein Nicht-Ereignis. Die toten Kinder im eigenen Land sind selbst der "Times of India“, der größten englischsprachigen Tageszeitung der Welt, nur eine kleine Meldung auf einer der hinteren Seiten wert.

Ein Land der Hoffnung
Dabei ist Indien ist ein stolzes, reiches Land mit großer politischer Stabilität und seit Jahren hohen Wachstumsraten. Ein Land mit einer verlässlichen Armee und einer zwar oft bestechlichen, aber funktionsfähigen Polizei. Dafür sprechen ja gerade auch diese Wahlen. Indien ist eigentlich ein Land der Hoffnung, dem die Zukunft gehören müsste. Es ist Teil des aufstrebenden Asiens, gilt als dritter Gigant der Region, neben China und Japan. Umso überflüssiger und damit grausamer und menschenverachtender ist hier der massenhafte Tod aufgrund von Hunger, Diskriminierung und Desinteresse. Gerade weil die Staatsgewalt trotz aller Probleme handlungsfähig ist, ist der unter ihren Augen stattfindende Frauenmord ein politisches Verbrechen.

Wen wählst du?
Man muss nur hingehen und den armen Indern beim Sterben zuschauen, um die Katastrophe zu begreifen. Jeden Tag, zu jeder Tageszeit, lässt sich das Sterben beobachten. Doch wer ist je dort gewesen, in den Dörfern der indischen Bundesstaaten Madhya Pradesh oder Uttar Pradesh, in den Slums der Mega-Metropolen Mumbai, Delhi und Kalkutta, wo das Unheil seinen Lauf nimmt? Dieser Tage, zu den Wahlen, fällt auch manches Kameraauge auf abgelegene Gegenden - doch nur, um die Kandidatenfrage zu stellen: Wen wählst du?

Wen interessieren schon die Toten unter den Unberührbaren? Wer beobachtet die gezielten Angriffe auf die 100 Millionen Ureinwohner, die heute in Indien leben? Wer gibt den ins Abseits gedrängten Muslimen einen Namen? Wo gab es nach Mahatma Gandhi und Mutter Teresa eine Solidaritätsbewegung mit Indiens Kastenlosen?

Vor allem Frauen erfahren in Indien wenig Solidarität. Sie stellen die größte Opfergruppe im Land. Als im Dezember 2012 eine junge Medizinstudentin in Delhi bestialisch vergewaltigt und ermordet wurde, horchte die Welt kurz auf. Erstmals fanden in Indien Massendemonstrationen gegen die Gewalt an Frauen statt. Doch kaum einer begriff Ausmaß und Alltäglichkeit dieser Gewalt. Zwei Millionen Frauen müssen in Indien jedes Jahr aufgrund von allen erdenklichen Formen der Diskriminierung sterben. Allein 100.000 indische Frauen sterben jedes Jahr aufgrund von Brautverbrennungen - Männer überschütten ihre Frauen mit Kerosin und zünden sie an, nur weil sie nicht genug Mitgift einbringen. Danach aber sind die Täter nahezu sicher vor strafrechtlicher Verfolgung - weil Politik und Justiz Brautverbrennungen als Familienproblem einstufen, um das sich der Staat nicht zu kümmern habe.

Gelitten wird auch entlang der Religionsgrenzen: Zwar ist Indien Heimat von 135,5 Millionen Muslimen und damit eines der größten muslimischen Länder der Erde. Doch sind die Chancen für Muslime unterdurchschnittlich im Vergleich zu jenen der Hindu-Mehrheit. Das Kastenwesen tut sein Übriges, um soziale Abgrenzungen zu zementieren. Abgesehen von den "Vorzeigeunberührbaren“, die es bis zum Ministerpräsidenten schaffen können, verbleiben die Mitglieder der unteren Kasten oder die Unberührbaren ganz überwiegend am unteren Ende der sozialen Pyramide.

Repräsentativ für Indien sind eben nicht der geschmeidige Deutsche-Bank-Vorstand Anshu Jain, die ehrgeizige Pepsi-Chefin Indra Nooyi oder der Bill-Gates-Nachfolger an der Spitze von Microsoft, Satya Nadella. Viel repräsentativer ist die Holzsammlerin Raj Kumari in ihrem Dorf Ramgarwha in Madhya Pradesh, die ihre Tochter Rashmi absichtlich verhungern lässt.

Sie sieht keinen anderen Weg. Für sie ergibt es keinen Sinn, eine Tochter großzuziehen. Ihr karges Essen gibt sie lieber ihrem Sohn. Brutal einfach ist die Wirklichkeit der Opfer in Indien.

Eigentlich wären die Wahlen in Indien die große Chance, den Opfern eine Stimme zu verleihen. Doch gerade das versäumt Indiens Demokratie seit vielen Jahren. Eines Tages wird sich das rächen.

Mitarbeit: Ines Holzmüller Snack TV / Zoomin