Was passiert, wenn Hillary Clinton straucheln sollte?

Was passiert, wenn Hillary Clinton straucheln sollte?

Eine E-Mail-Affäre, die nicht abebben will, bröckelnde Sympathie- und Umfragewerte – aber weit und breit kein Ersatz in Sicht. Hillary Clinton galt stets als logische Kandidatin der Demokraten im Rennen um das Weiße Haus. Erstmals aber stellt sich die Frage: Was, wenn sie strauchelt?

Wenn die wunden Punkte mehr werden, kann es schwierig sein, den wundesten unter ihnen herauszufinden. Und dabei hatte eigentlich alles so gut angefangen. Seit einem Vierteljahrhundert steht Hillary Clinton im politischen Rampenlicht. Jetzt soll endlich gelingen, was bei den Wahlen 2008 misslang: Als erste Frau will die Demokratin und ehemalige Außenministerin im kommenden Jahr Präsidentin der Vereinigten Staaten werden. Zweieinhalb Jahrzehnte nach dem ersten Wahlsieg ihres Ehemanns Bill Clintons möchte sie neuerlich ins Weiße Haus einziehen, nicht als First Lady diesmal, sondern als Oberkommandierende.

Die Voraussetzungen schienen lange Zeit ideal: In den eigenen Reihen war weit und breit niemand in Sicht, der ihr auch nur im Entferntesten das Wasser reichen konnte. Selbst unter den republikanischen Wählern schnitt die Demokratin Umfrage für Umfrage besser ab als jeder Kandidat der politischen Konkurrenz – und all das sogar, lange bevor Clinton überhaupt offiziell gemacht hatte, tatsächlich antreten zu wollen.


Erstmals stellt sich die Frage: Was passiert eigentlich mit den Demokraten, wenn ihre einzige echte Kandidatin strauchelt?

Doch heute ist alles anders. Plötzlich bläst der Wind aus vielen Richtungen. Skandälchen, politische Patzer aus ihrer Zeit als Außenministerin und ein Image als hartherzige, leicht opportunistische Reichenversteherin setzen Clinton zu. Erstmals stellt sich die Frage: Was passiert eigentlich mit den Demokraten, wenn ihre einzige echte Kandidatin strauchelt?

Ersatz wäre jedenfalls keiner in Sicht: Im Gegensatz zu den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008, als Barack Obama die demokratischen Wähler mehr begeisterte als Hillary Clinton, droht ihr nur wenig Konkurrenz beim Kampf um die Nominierung. Zwar kann der linke Senator Bernie Sanders zunehmend den progressiven Flügel der Partei für sich gewinnen und sogar erstmals die bisherige Favoritin Clinton in einer Umfrage – im ersten Vorwahlstaat New Hampshire – einholen. Den Sozialisten Sanders deshalb aber zum Präsidentschaftskandidaten zu küren, traut sich in den USA, das sich seit jeher als Bollwerk gegen den Kommunismus versteht, am Ende wohl trotzdem niemand.

Doch die wachsende Unterstützung des politischen Außenseiters beeinflusst bereits jetzt die inhaltliche Positionierung der prominentesten Kandidatin: In einem ohnehin bereits dezidiert linken Wahlkampf sah sich die bisher eher am konservativen Flügel der Demokraten beheimatete Clinton zu noch mehr klassenkämpferischen Positionen gezwungen. Zu oft ist schließlich der Vorwurf zu hören, sie stehe den Reichen und Mächtigen des Landes zu nahe.

Und dennoch: Als „freudlos“ beschrieb ein anonymer demokratischer Offizieller in der „New York Times“ den Wahlkampf der Kandidatin, als übervorsichtig wird sie anderswo kritisiert. Bisweilen wirkt sie abgenutzt, eine Ikone, die zu lange auf der Bühne verweilte, als dass sie noch Begeisterung entfachen könnte. Derartige Bilder setzen sich immer stärker in der Wählerschaft fest.


Dass sich Clinton lange geweigert hat, den Vorfall als Problem zu erkennen und die fragliche Kommunikation offenzulegen, schlägt sich auch in Popularitätsumfragen nieder.

Beim demokratischen Establishment in Washington löst all das wachsende Nervosität aus. Denn erstmals steht der Albtraum im Raum, die bisher einzig logische Kandidatin könne womöglich schon im Vorwahlkampf demoliert werden und die Partei damit in eine prekäre Situation versetzen. Der Rest des Feldes, von Martin O’Malley, dem ehemaligen Gouverneur Marylands, bis zu Virginias Ex-Senator Jim Webb, rangieren in den meisten Umfragen unter der Kategorie „Sonstige“. Selbst eine Kandidatur von Vizepräsident Joe Biden böte keine Abhilfe. Biden ist ein gestandener Politiker und gilt sogar parteiübergreifend als populär. Aber er ist 72 Jahre alt, womit er im Falle eines Sieges der älteste Präsident in der Geschichte der USA wäre.

Hillary, Bernie, vielleicht Joe: Die Jüngsten sind sie alle nicht mehr, weshalb der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich, selbst 72, spöttisch von einer „Gerontokratie“ an der Spitze der Demokraten spricht. Dabei dürfte Bidens Alter ein geringeres Problem darstellen als dessen Hang zu peinlichen Patzern. Zwei Mal trat Biden bereits als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen an. 1988 stieg er aus dem Rennen aus, nachdem Vorwürfe laut wurden, er habe Teile einer Rede plagiiert. Und 2008 schmiss er im Vorwahlkampf mit weniger als einem Prozent das Handtuch, nachdem er den demokratischen Spitzenreiter Obama als „ersten Mainstream-Afroamerikaner, der reden kann und schlau und sauber ist“ gelobt hatte.

Dennoch vermeldeten sowohl die „New York Times“ als auch der konservative TV-Sender Fox News, Bidens Stabschef
Steve Ricchetti habe persönlichen Kontakt zu noch unentschiedenen Parteispendern aufgenommen. Denn diese würden sich langsam Sorgen machen um Clintons „zusehends sichtbare Schwachstellen als Kandidatin“.

Zu eben jenen gehört etwa die Affäre um Clintons E-Mails während ihrer Zeit als Außenministerin, die sich allmählich zum veritablen Problem auswächst. Hillary Clinton hat einst eine private E-Mail-Adresse benutzt, mit der sie auch dienstlich kommunizierte – was eigentlich verboten ist. Zwar beharrt Clinton selbst darauf, keine sensiblen Daten versendet oder empfangen zu haben, doch nun hat sie ihren Server dem FBI zur Prüfung überlassen. Unabhängig davon, wie diese Untersuchung ausgeht: Dass sich Clinton lange geweigert hat, den Vorfall als Problem zu erkennen und die fragliche Kommunikation offenzulegen, schlägt sich auch in Popularitätsumfragen nieder. Demnach gab eine Mehrheit der Befragten an, dass Hillary Clinton für sie weder ehrlich noch vertrauenswürdig sei und dass ihr die Probleme und Bedürfnisse der Befragten egal seien.

Hillary Clinton gilt als wandelndes Barometer, wenn es um amerikanische Befindlichkeiten geht: Ein Jahrzehnt lang lehnte sie die Homo-Ehe ab, bevor sie 2013 auf den längst fahrenden Zug der Befürworter aufsprang. Auch einige Entscheidungen während ihrer Zeit als Außenministerin werden ihr übelgenommen: Ihr Einsatz für die Intervention in Libyen im Jahr 2011 hängt ihr bis heute nach. Schließlich war sie es, die als Außenministerin den zaudernden US-Präsidenten Barack Obama zu einem Eingreifen an der Seite der Briten und Franzosen überzeugte. Doch auf den Militäreinsatz folgte komplette Planlosigkeit – mit dem Ergebnis, dass Libyen heute als „Failed State“ und als einer der wichtigsten Übungs- und Rekrutierungsplätze islamistischer Dschihadisten gilt. Vorgeworfen wird Hillary Clinton außerdem gerne ihre Nähe zur Wall Street sowie das rastlose Geldsammeln des Clinton-Ehepaares und ihrer Stiftung.


Denn wie schwach Hillary Clinton auch sein mag, ersetzbar scheint sie derzeit nicht.

Während die Grand Old Party dank ihrer Stärke im Kongress sowie in den Staatshauptstädten über eine beachtliche Talentschmiede verfügt, mangelt es am demokratischen Nachwuchs. Die ultra-konservativen Schreihälse der Tea Party verstummen allmählich – und das stärkt die Republikaner in den Umfragen: Laut aktuellsten Erhebungen könnte Hillary Clinton in den drei wichtigen „Swing States“ Colorado, Iowa und Virginia – sie werden so genannt, weil dort die politischen Mehrheiten unklar sind – gleich gegen mehrere republikanische Präsidentschaftsbewerber verlieren.

Hillarys Chefstratege Joel Benenson gibt sich von all dem unbeeindruckt: Wahlkampf sei eben „ein Marathon und kein Sprint“. „Sie hat das meiste Geld, und sie schlägt laut den meisten Umfragen jeden Republikaner“, sagt ihre Kommunikationsdirektorin Jennifer Palmieri und fügt hinzu, mehr könne man sich „nun wirklich nicht wünschen“. Als „demokratische Bettnässer“ tat derweil auch Barack Obamas Chefstratege David Plouffe lakonisch alle Pessimisten ab, die politische Schwarzmalerei betreiben.

In der Tat sind es noch immer sechs Monate, bis die ersten Demokraten im mittwestlichen Iowa und danach im neuenglischen New Hampshire über den Präsidentschaftskandidaten der Partei befinden. Bis dahin dürften derzeit allerdings vor allem die Kandidaten im großen republikanischen Kandidatenfeld im medialen Flutlicht stehen – und die Demokraten daran erinnern, wie dünn ihre Wechselbank besetzt ist.

Wiederholt sich dennoch das Debakel von 2008 und gerät die Kandidatin ins Schleudern, stünde die demokratische Partei vor einer gigantischen Herausforderung. Denn wie schwach Hillary Clinton auch sein mag, ersetzbar scheint sie derzeit nicht. „Wir werden dafür sorgen, dass jeder weiß, wer Hillary Clinton wirklich ist“, verspricht ihr Wahlkampfmanager Robby Mook. Dass dies nach all der Zeit überhaupt noch notwendig erscheint, mutet zumindest erstaunlich an.