Zaza Napoli: Zu Besuch bei der berühmtesten Drag Queen Russlands

Im Umkleideraum

Im Umkleideraum

Die Olympischen Spiele in Sotschi sind vorbei, die homophoben Gesetze sind geblieben. Zu Besuch bei der berühmtesten Drag Queen in Putins Reich.

In bunten Ölfarben hängen sie an der Wand, die Helden der Sowjetunion, und fallen übereinander her: furchtlose Piloten, ausgelassene Kosmonauten und Rennfahrer mit stählernem Oberkörper. Handwerker mit Schmieröl auf der Wange küssen sich auf den Mund, ein Arbeiter streicht dem anderen das drapierte Handtuch vom Schoß.

Vladim Kasanzew, schütteres kurzes Haar, kantige Wangenknochen, der Ausdruck von strapazierter Würde im Gesicht, stolziert in Sneakers und Jogginghose an den Bildern vorbei. Er zieht an seiner Zigarette, dann verschwindet er hinter einem dicken Vorhang in einen engen, verspiegelten Raum.

Es ist kurz nach 21 Uhr, die Kellner im "Boys“, Moskaus bekanntestem Schwulen-Klub, füllen die Kühlschränke an der Bar auf, an der Decke drehen sich Discokugeln in allen Größen. Im Umkleideraum breitet Vladim ein Etui mit Pinseln vor sich aus, daneben liegen zwei iPhones, die ununterbrochen läuten. Er tunkt einen Schwamm in eine Puderdose, tupft sein Gesicht damit ab, weit über dem Bogen, an dem seine Augenbrauen verlaufen, malt er einen dicken braunen Strich.

"Es gibt Tage“, sagt Vladim, "da ertrage ich die ganze Schminke nicht. Da bekomme ich Allergien von dem Zeug.“

Er pinselt weiße und lila Farbe auf die Augenlider, trägt schwarzen Kajal, roten Lipliner und Lippenstift auf. Er pinselt Rouge auf die Wangen und verteilt mit ruhiger Hand eine hauchdünne Schicht Kleber auf die unechten Wimpern.

Berühmteste Drag Queen Russlands
Es sind routinierte Bewegungen, jeder kleine Handgriff sitzt. Vladim Kasanzew ist die berühmteste Drag Queen Russlands. Jeden Abend steht er auf der Bühne, oft sind es zwei Shows am Tag. Seit zehn Jahren tritt er in Moskau, St. Petersburg und in den kleinen, entlegeneren Städten in den Weiten des Landes auf.

"Oh ja, man stelle sich vor“, sagt Vladim, den Rouge-Pinsel in der Hand und mit gespieltem Entsetzen in den Augen: "In Russland laufen nicht nur Bären auf der Straße herum. Es gibt sogar Homosexuelle!“ Wobei sein Spott gleich mehreren Seiten gilt: Putin, der als Wahrer der Traditionen und Werte auftritt, den Russen, die den Präsidenten dafür feiern, und dem Westen, der das Land dieser Tage so gar nicht zu verstehen scheint.

Vergangene Großmacht Russland
Der Konflikt um die Ukraine markiert den vorläufigen Höhepunkt der Entfremdung zwischen Russland und dem Rest Europas. Seit sich Moskau die Krim einverleibt hat , fürchtet der Westen nicht mehr um die Homo-Rechte in Putins Reich, sondern vor dem, wozu der Präsident noch fähig sein könnte, um sein Imperium zu verteidigen. Dabei ist beides, das Unterdrücken der sogenannten nicht-traditonellen Beziehungen und die Rettung der Ukraine vor der Vereinnahmung durch die EU, Teil ein und desselben Puzzles: Putin arbeitet seit Beginn seiner Amtszeit daran, die vergangene Großmacht Russland Stück für Stück wieder herzustellen.

Vladim war den Februar über in Sotschi, der Gastgeberstadt der Olympischen Winterspiele, zu sehen. Die Spiele waren Putins Projekt , das weit über den Sport hinaus reichte: Sie sollten die unbegrenzten Fähigkeiten einer Weltmacht vorführen. Während die Staats- und Regierungschefs aller Welt darüber debattierten, ob der russische Präsident für die scharfen Gesetze gegen Homosexuelle mit demonstrativer Absenz zu bestrafen sei, warb Vladim mit schriller Mimik und viel Schminke im Gesicht im Staatsfernsehen für einen Besuch im "Cabaret Majak“, dem Schwulen-Nachtklub in Wladimir Putins Lieblingsstadt am Schwarzen Meer.

Als Sportler aus aller Welt das Olympiadorf bezogen, bemerkte Andrei Tanichev, der Besitzer des 30 Kilometer entfernten "Majak“, dass sich die Spielregeln von einem Tag auf den nächsten geändert hatten: Die russische Drogenbehörde hatte den Klub bei einer Routinekontrolle kurz vor der Eröffnungsfeier zum ersten Mal seit dem zwölfjährigen Bestehen für sauber erklärt, ohne dabei einen Fuß ins Lokal gesetzt zu haben. Der Bürgermeister lud den Klubbesitzer ins Rathaus, empfing ihn mit einem breiten Lächeln, erkundigte sich nach den sanitären Bedingungen im "Majak“ und fragte anschließend, wie er Tanichev noch behilflich sein könne. Keine Woche später waren die Müllberge vor der Haustür, mit denen Tanichev sich seit knapp einem Jahr herumgeschlagen hatte, über Nacht verschwunden.

"Die Behörden“, sagte Tanichev im Februar, "haben panische Angst vor Skandalen. Ihr Leben lang haben sie sich noch nie mit dem Thema Homosexualität befasst, und wegen der Olympischen Spiele geht es plötzlich um Gay-Communitys und Transgender.“

Die internationale Presse kam angereist und schrieb Artikel über Sotschi, das "Majak“ und den letzten schwulenfreundlichen Fleck in Russland. Aus dem Moskauer Kreml hieß es zur Zeit der Winterspiele sogar, Putin überlege, wegen des internationalen Protests das umstrittene Gesetz gegen die sogenannte Homosexuellen-Propaganda auszusetzen. Dieses verbietet es bei Geldstrafe, vor Minderjährigen positiv über Homosexualität zu reden und homosexuelle Paare öffentlich abzubilden.

Zwei Drittel der Russen befürworten das Gesetz laut Lewada-Zentrum, der letzten unabhängigen Meinungsforschungsinstitution des Landes, ein Drittel hält Homosexualität für eine Krankheit. Dabei wirkt das Gesetz weniger, indem es angewendet wird, sondern indem es existiert. Die Übergriffe auf Schwule häufen sich laut Angaben von NGOs - nicht zuletzt auch, weil sich die Täter vor den Behörden, die Homosexuelle stigmatisieren, sicher fühlen. Im November des Vorjahres hat Deutschland erstmals einen Russen wegen der zunehmend homophoben Stimmung in seinem Heimatland als Flüchtling anerkannt.

*

Ein Dutzend Schwulenklubs
Das "Boys“ liegt im Norden von Moskau, zehn Gehminuten von "Prospekt Mira“ entfernt, einer Station jener Metro, die das Zentrum ringförmig umfährt. Ein Dutzend Schwulenklubs zählt die Stadt insgesamt. Von der breiten Straße aus führt kein Schild zum Eingang des "Boys“. Erst wer den Hinterhof mit dem Parkplatz passiert, sieht die Lichterketten entlang den Stiegen.

Draußen mag die russische Regierung Homosexuelle drangsalieren, hier drinnen wartet das Publikum ausgelassen darauf, dass der fleischgewordene Sittenverfall endlich die Bühne betritt. Es ist halb elf, doch der Stargast des Abends hockt noch immer im Ankleideraum, um sich in "Zaza Napoli“ zu verwandeln.

Der Künstlername stammt aus der 1978 ausgestrahlten italo-französischen Komödie "Ein Käfig voller Narren“, in der das ältere schwule Paar Renato und Albin sich für die erzkonservative Familie der Schwiegertochter in spe als konventionelle Eheleute ausgeben muss.

Glitzernde Pumps, Kunststoffbrüste, Abendkleid
Zaza möchte jetzt erst einmal im Umkleideraum einen Witz über die Annexion der Krim erzählen, der sich lange hinzieht und dessen Pointe darauf hinausläuft, dass die russischen Soldaten doch nur zum Kuraufenthalt auf die Schwarzmeer-Halbinsel geschickt worden wären. Ein junger Mann in Röhrenjeans und T-Shirt mit US-Fahne stellt die Liste der Playback-Lieder auf einem Laptop fertig, der Bass dröhnt von draußen herein, Gläser klirren. Vladim schlüpft aus den Turnschuhen und hinein in glitzernde Pumps. Er bindet sich zwei pralle Kunststoffbrüste um, streift ein langes Abendkleid aus lila Samt über, hängt sich eine Kette mit schweren Diamantsteinen um den Hals. Dann steckt er sich riesige Klunker an die Ohren, fixiert eine Langhaar-Perücke auf seinem Kopf und richtet die blonden Locken mit Haarspray zurecht, bevor er das mit Glitzer übersäte Mikrofon in die Hand nimmt und endlich auf die Bühne schreitet.

Die Musik ist bis zum Anschlag aufgedreht, Trompeten dröhnen durch den Saal, die Lichtkegel richten sich auf die Bühne.

Kennst du auch ukrainische Lieder?“
"Einen Applaus für Zaaaaaaaazaaaa Naaaaapoli!“, brüllt eine Stimme aus dem Off, und schon geht sie los, die wohl unkorrekteste Kabaretteinlage zwischen Kaliningrad und Wladiwostok. Es dauert ein Lied und eine halbe Zwischeneinlage, bis die Wörter "ficken“ und "Schwanz“ fallen, und zwei Lieder, bis der erste Zuschauer auf dem Tisch tanzt. An die 40 Gäste sind heute da, alt und jung, Frauen und Männer. Zaza bewegt sich wie eine Dame und flucht wie ein Seemann, er schmettert russische Popschnulzen über die Liebe, wechselt drei Mal in einer Stunde das Outfit und peitscht das Publikum abwechselnd mit Schlagern und kecker Spötterei auf.

"Zaza, kennst du auch ukrainische Lieder?“, brüllt ein junger Mann, der mit seinen Freunden an der Theke aus schwarzem Marmor steht.

"Woher bist du, Schätzchen?“, fragt Zaza erst mal.

"Aus Donezk!“

"Was machst du dann hier in Moskau, wo’s doch bei euch in der Ukraine gerade so abgeht?“, fragt Zaza. Es ist eine rhetorische Frage, er hat nicht vor, die Antwort abzuwarten: "Ich weiß schon, du bist hier, um den Ukrainern davon zu erzählen, wie du die Russen so richtig hart rannehmen konntest, nicht wahr?“, sagt Zaza und legt einen dazu passenden, vulgären Hüftschwung hin. "Ach ich sorge mich um meine Freunde in der Ukraine! Und vor allem: Wo soll ich noch auftreten, wenn sie jetzt auf der Krim alle Schwulenklubs abbrennen?“

Die Leute zerkugeln sich vor Lachen, sie trällern jedes Lied mit, lassen die Häme über sich ergehen, die meisten halten ihre Smartphones in die Höhe, um den Auftritt zu filmen.

"Und du, du bist von der Krim? Hab ich das richtig gehört?“, fragt Zaza in eine Männerrunde.

"Ja, und ich möchte mir ein Lied wünschen!“, schreit der angesprochene junge Mann Richtung Bühne.

Zaza legt den Kopf theatralisch in die Seite. "Nur Ausländer dürfen sich von mir Lieder wünschen“, sagt er und zieht einen Mundwinkel in die Höhe: "Und du Schätzchen, du gehörst bereits uns!“

*

Riesiges Meer aus Fahnen und Luftballons
Tags zuvor, während Vladim Kasanzew in seinem Atelier hockt und die Kostüme für den nächsten Auftritt aussortiert, treiben Menschenmassen von allen Richtungen auf den Roten Platz im Moskauer Zentrum. Sie ergeben ein riesiges Meer aus Fahnen und Luftballons in den Farben der russischen Trikolore. Als würde der Riss, der als überwunden galt und nun wieder durch Europa geht, genau hier verlaufen. An dem Platz, der schon immer als Bühne für Festzüge und Aufmärsche für den Überlegenheit beanspruchenden Staat gedient hat.

Kleinbusse karren Fahnen und Transparente an, einer der Polizisten, die den Platz absichern, hält eine von jenen Flaggen hoch, auf denen Putins Gesicht zu sehen ist, daneben ein Schlangenkörper, der von einer kräftigen Hand erdrückt wird. Es ist eine Anlehnung an eine Zeichnung von 1937, die den damaligen Chef des für den Geheimdienst zuständigen Innenministeriums zeigt: Nikolai Jeschow, als "Stalins schlimmster Schlächter“ verschrien, wie er mit stacheligem Handschuh eine Schlange zerquetscht, die in einem Hakenkreuz endet.

"Wir halten zusammen“ steht auf den Fahnen. Ganz vorne, zwischen Basilikuskathedrale und Kremlmauer steht eine Bühne mit einem Hintergrund, auf dem ein Herz in den russischen Nationalfarben flimmert, und aus dem sich irgendwann derjenige herausschält, auf den hier alle gewartet haben: Wladimir Putin, der trotz Schnee und Minusgraden ohne Kopfbedeckung und mit halboffenem Mantel auf der Tribüne steht. Die Massen vor ihm feiern ihn wie einen Rockstar, sie springen auf und ab, schreien "Russland“, "Putin“ und "Gemeinsam sind wir stark“. Nur Putin selbst setzt eine Miene auf, als müsse er das Volk auf schlechte Nachrichten vorbereiten. Dabei sagt er: "Die Krim und Sewastopol sind nach einem langen und zermürbenden Weg in ihrem Heimathafen angelangt - in Russland.“

Auf Putins vierminütige Rede folgen Alexander Prochanow, Schriftsteller und überzeugter Stalinist, und Alexander Saldostanow, der bekannteste Biker des Landes, eine Art Wikinger, Wrestler und Actionfigur in einem, Spitzname "Chirurg“. Alexander, der Schriftsteller, sagt: "Wir Russen wurden 1991 k. o. geschlagen, wir fielen halbtot zu Boden, man hat uns Arme, Beine und Ohren abgesägt. Doch wir kamen zu uns, die Gliedmaßen wuchsen wieder nach, wir kamen auf die Beine und marschierten los.“

Und Alexander, der Biker, fügt hinzu: "Die Ukraine ist ein Teil der russischen Welt. Für den Westen ist diese Welt unverständlich, aber es ist unsere Welt, und nur in dieser Welt wollen wir leben.“

Seit seinen ersten Tagen im Kreml spricht Putin von "traditionellen Werten“, und davon, dass Moskau niemals "das liberale Modell des Westens kopieren“ solle. Er führte die alte Sowjethymne wieder ein, in der Russland noch als "heilige Macht“ vorkam, der orthodoxen Kirche überließ Putin dabei die Funktion, das moralische Fundament der Gesellschaft zu kräftigen. Der Präsident sicherte sich damit Einfluss auf die 85 Millionen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft, immerhin 60 Prozent der Bevölkerung. Die Geistlichen wiederum dürfen seither - nach Jahrzehnten der Unterdrückung in der Sowjetunion - wie keine andere christliche Kirche in die Politik eingreifen.

Das erklärt das unverhältnismäßig harte Vorgehen gegen die Mitglieder der Musikband "Pussy Riot“, die jene Anhänger der Orthodoxie mit ihrem Punk-Gebet in der Moskauer Erlöser Kathedrale vor den Kopf gestoßen haben. Das verdeutlicht auch, warum das Parlament im Juli 2013 das Gesetz gegen die sogenannte Homosexuellen-Propaganda ohne eine einzige Gegenstimme beschlossen hat. Beides war ein Zugeständnis Putins an die Vertreter der Kirche, die die Legalisierung der Homo-Ehe in Westeuropa als Vorzeichen der Apokalypse deuten.

Der Sittenverfall, die Rechte der Homosexuellen, politische Opposition, die Bedrohung der Stabilität - Putin ist es gelungen, all das zu einer einzigen, zusammenhängenden Gefahr zu vermengen, die allmählich aus dem Westen anrollt. So hat sich Putins Mission, den Zerfall der Sowjetunion mit dem Wiederaufbau der Großmacht zu kompensieren, auf die Bevölkerung übertragen. Putins Beliebtheitswerte erreichen neuerdings wieder den Stand, den er zu Hochzeiten genossen hat. Unmittelbar nach der Annexion der Krim gaben 63 Prozent der befragten Russen laut einer Studie des Lewada-Instituts an, lieber in einer Weltmacht zu leben, als in einem Land mit einem hohen Lebensniveau. Es ist der höchste Wert seit 15 Jahren.

*


Vladim sitzt auf einem Tisch in seinem Atelier, in einem der unzählbaren gesichtslosen Sowjet-Wohnblöcke, die neben den modernen Prunkpalästen und den Prachtalleen das Stadtbild prägen. Das neue und das alte Moskau sind wie zwei Städte, die ein und denselben Raum beanspruchen.

„Die russische Gesellschaft ist noch nicht bereit”
Vladim näht seine Kostüme selbst, sein Atelier ist bis in den letzten Winkel mit Stoffen, Pailletten, Fäden und Passformen gefüllt. Bevor er aus seinem sibirischen Heimatdorf in die Hauptstadt gezogen ist, verdiente er sein Geld auch mit Schneidern. Vladim reist viel, er ist oft in Barcelona, bald besucht er wieder seine Schwester in Miami. Er sagt: "Auch im Westen hat es seine Zeit gedauert, bis Homosexuelle ihre Recht bekommen haben. Die russische Gesellschaft ist einfach noch nicht bereit dazu. Wer sich etwa in einer Anwaltskanzlei als schwul outet, der weiß, dass er in weniger als einem Jahr rausgeekelt wird. Man wird behaupten, dass er Aids aus dem Westen nach Russland geholt hat.“

Vladim lauert nicht im Dunkeln, er stolziert durchs Leben. Aber je ernster die Fragen an ihn ausfallen, desto knapper werden die Antworten.

Er sagt: "Wenn hier alles schlimmer wird, verlasse ich Russland, aber ich habe mein Leben hier. Die neue Generation der Russen geht schon anders mit dem Thema um. Ich bin jetzt 41 Jahre alt, es ist zu spät für mich, das Land zu verlassen. Wenn ich mich eine Stunde lang zum Affen mache, verdiene ich damit mehr, als mit dem Nähen eines Hemdes, für das ich eine Woche brauche.“

Hier in Moskau lebt auch sein Partner, ein Soldat in der russischen Armee, von dem keiner weiß, dass er schwul ist. Drei Jahre sind sie ein Paar, sie sind glücklich. Vladims Eltern, sagt er, seien seine größten Fans. Seinen Freund kennen sie nicht. "Ich rede mit meinen Eltern prinzipiell nicht darüber, mit wem ich schlafe.“

"Vielleicht hau ich ab, wenn ich 50 bin“, sagt Vladim, der berühmteste Drag-Queen-Darsteller im Land des Tschechow’schen Schweigens, das keinen einzigen geouteten Prominenten kennt. "Dann verkauf ich alles und ziehe nach Barcelona.“

Er schiebt einen Witz hinterher: "Ich möchte auf der Bühne schließlich für Belustigung sorgen - nicht für Mitleid.“

Wenn man Vladim zuhört, fällt auf: Letztlich benützt er dieselben Argumente wie die, die ihm als schwulen Mann in Russland das Leben erschweren. Im Grunde ist es die Sprache, der sich der überwiegende Teil der Bevölkerung bedient. "Solange man sein Schwul-Sein auf der Straße nicht jedem unter die Nase reibt, hat man seine Ruhe. Wenn die Leute glauben, unbedingt demonstrieren gehen zu müssen, dann müssen sie auch wissen, was die Konsequenz daraus ist.“

Mitarbeit: Andrej Iwanowski; Fotos: Dmitry Beliakov