7 Gründe, warum BuzzFeed als Zukunft des Journalismus gefeiert wird

7 Gründe, warum BuzzFeed als Zukunft des Journalismus gefeiert wird

Die irre erfolgreiche Online-Tratschbörse BuzzFeed wird als Zukunft des Journalismus gefeiert. Sebastian Hofer zeigt die 7 besten Gründe dafür.

Was die Welt Ende letzter Woche interessierte: 30 unerwartete Dinge, die man in seinen Dreißigern lernt (Nummer 25: Man tanzt nur noch auf Hochzeiten und Bürofesten). Die 40 verrücktesten Dinge, die heuer in Florida passiert sind (Nummer 35: Mann verfolgt einen Achtjährigen wegen Kartoffelchips, Anklage wegen Kidnapping anhängig). Die 17 SWAG-sten Dinge auf Joe Bidens privater Weihnachtsfeier (Nummer 6: die Papierhandtücher am Vizepräsidenten-Klo).

Das wirft 3 Fragen auf.

Erstens: Was genau sind eigentlich SWAG-e Dinge?

Zweitens: Wen um Himmels willen interessiert derartiger Quatsch?

Drittens: Ist das wirklich die Zukunft des Journalismus?

Die Antworten:

1. Ältere Leute würden wahrscheinlich so etwas wie "äußerst coole Dinge“ dazu sagen.

2. Ungefähr 130 Millionen Menschen pro Monat.

3. Könnte sein. Immerhin handelt es sich um drei aktuelle Beispiele von Nachrichten, wie sie das New Yorker Medien-Startup BuzzFeed publiziert. Nie gehört? Dann haben Sie Ihren 30. Geburtstag wahrscheinlich schon hinter sich.

Zur Erklärung: Es handelt sich um ein bemerkenswert hyperaktives, vor allem bei unter 30-Jährigen hochgradig erfolgreiches Online-Portal, das die beliebtesten Meldungen aus den sozialen Netzen mit halbernsten bis irrwitzigen Ranglisten kombiniert und mit bizarren Bildern sowie irren Animationen garniert. Branchenbeobachter attestieren dem Portal, dass es die Art, wie Nachrichten konsumiert werden, verändern wird. Tatsächlich operiert das Portal auch ökonomisch derart erfolgreich, dass Medienmacher in aller Welt sich zunehmend vom BuzzFeed-Strom mitreißen und BuzzFeed-artige Konzepte entwickeln lassen. Die wildwuchernde Tratsch- und Bilderbörse hat das Zeug zum Leitmedium. Zum Teil ist sie das schon.

Aber wie konnte es dazu kommen?

Die Geschichte von BuzzFeed hat 2 Anfänge.

Der erste liegt am Berg Sinai, wo Moses, viele Jahre vor der Erfindung des Internet, von Jahwe die 10 Gebote präsentiert bekam. Es handelte sich um eine der ersten prominenten Listen der Welt, und um ein bei BuzzFeed-Sprechern sehr beliebtes Beispiel dafür, warum die Seite funktioniert, wie sie funktioniert: Menschen lesen lieber Listen als ausführliche Abhandlungen. Weil jene die menschliche Neugierde herausfordern (Was um Himmels willen kommt nach dem achten Gebot?) und den Zusammenhang über den Inhalt stellen: Die einzelnen Listenpunkte mögen belanglos sein, in der richtigen Verpackung (kecke Überschrift, ironische Bebilderung) aber extrem ansteckend. Je nichtiger der Inhalt, desto wichtiger die Form. Das altehrwürdige Wochenmagazin "The New Yorker“ hat die 10 Gebote versuchsweise in BuzzFeed-Sprache übersetzt: "Die 10 Jüdisch-Christlichen Moralvorstellungen, die Sie genau jetzt in Ihrem Leben brauchen“. Na?

Der zweite Anfang der BuzzFeed-Story liegt im Jahr 2001, in einem Studentenzimmer am MIT-Campus. Es begab sich, dass Jonah Peretti, damals 27 und Doktoratsstudent, in einen ausführlichen Beschwerdemailwechsel mit dem Sportschuhhersteller Nike verwickelt war. Nach etlichem Hin und Her leitete er diesen, weil ziemlich lustig, an ein paar Freunde weiter und fand das Konvolut schon nach wenigen Tagen im halben Internet verbreitet - und sich in US-Talkshows sitzen. Was Peretti zu der Frage führte, warum sich manche Geschichten, und seien sie noch so belanglos, wie rasend um die halbe Welt verbreiten. Zusatzfragen: Könnte man solche ansteckenden Geschichten auch absichtlich und massenhaft entwickeln - und vielleicht sogar ein Geschäftsmodell damit begründen?

Nach abgebrochener Doktorarbeit und einem Zwischenspiel als Mitbegründer der Online-Nachrichtenseite "Huffington Post“ beantwortete Peretti diese Fragen wie folgt:

1. Grob vereinfacht: weil der Mensch gern trascht und weitertratscht.

2. Ja, kann man. Und es hilft, Technikstudent zu sein und sich mit sozialen Netzwerken auszukennen.

3. Auch das ist möglich. Und es hilft, wenn man Artikel wie diese erfindet: "30 Momente, in denen Liam Payne im Jahr 2013 das perfekteste Mitglied von One Direction war.“

In einer öffentlichen Mitteilung an seine Belegschaft goss Jonah Peretti Anfang September den Erfolg von BuzzFeed in Zahlen: "Wir sind dreimal größer als wir vor einem Jahr waren und achtmal größer als vor zwei Jahren.“ Drei Monate später ist die Seite noch einmal um 53 Prozent größer, der Verkehr auf der Seite stieg von 85 Millionen Besuchern pro Monat auf 130 Millionen. Was Peretti nicht öffentlich machte, aber kein Geheimnis ist: Zuletzt setzte BuzzFeed mit seiner viral wirkenden Mischung aus Anekdoten, Scherzen und Firlefanz 100 Millionen Dollar pro Jahr um. Wie das? Ganz einfach: Peretti hat als seine Kernzielgruppe "die in der Arbeit Gelangweilten“ identifiziert, und diese wiederum als 1-A-Zielgruppe für eine neue Art von Werbung. Im seriösen Journalismus alter Schule ist die Distanz zwischen redaktionellem Inhalt und Anzeige ein sine qua non, auf BuzzFeed wird sie zum no-go. Was österreichische Boulevardmedien mehr oder weniger gut verstecken (dass Artikel Werbung sind und umgekehrt), stellt BuzzFeed offen aus - und selbst her: ein eigenes "Kreativteam“ entwirft Werbekampagnen im BuzzFeed-Stil, die sich zwanglos ins Gesamtangebot einfügen und dem Grundprinzip entsprechen, dass Anzeigen genauso interessant sein können wie Artikel, wenn sie nur lustig gemacht sind. Eine gewisse Genialität ist BuzzFeed in dieser Hinsicht nicht abzusprechen. Zwischen den "23 wichtigsten Zlatan-Ibrahimovic-Momenten 2013“ und den "32 Gründen, warum Weihnachten in den 1990er-Jahren besser war“ findet sich da etwa die folgende Werbeeinschaltung: "14 Lebkuchenhäuser, in denen wir gerne leben würden (präsentiert von der Raumduftmarke Glad)“.

Und ja, rein ökonomisch könnte das tatsächlich die Zukunft des Journalismus sein. Während traditionelle Medienunternehmen laufend Kosten (sprich: Personal) einsparen, heuert BuzzFeed wie wild an. Unter den neuen Mitarbeitern befinden sich erstaunlich viele klassisch ausgebildete Journalisten; unter der Leitung des prominenten Politikbloggers Ben Smith und des ehemaligen "Spin“-Chefredakteurs Steve Kandell arbeiten aktuell bereits 140 Reporter und Korrespondenten daran, dem BuzzFeed-Allerlei zunehmend auch echten, seriösen Journalismus angedeihen zu lassen, ganz nach dem Credo ihres Chefs Jonah Peretti: "Trotz aller Probleme in den traditionellen Medien gibt es immer noch ein unstillbares Verlangen nach großartigem Journalismus, unterhaltsamen Inhalten und starken Geschichten.“

Wobei: Das Verlangen nach großartigem Journalismus scheint sich doch ein wenig von jenem nach unterhaltsamen Inhalten zu unterscheiden - zumindest wenn man die Häufigkeit von BuzzFeed-Userkommentaren als Gradmesser heranzieht.

Zwei beliebige BuzzFeed-Storys aus den vergangenen Tagen:

"Geheimdienst-Kommission des Senats plädiert für Höchstgerichts-Revision der NSA-Programme“: 1 Kommentar.

"10 heiße Typen mit riesigen Nippeln“: 304 Kommentare.

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