American Psycho: Trumps Narzissmus

American Psycho: Trumps Narzissmus

Für Trumps schlechtes Benehmen hat die Welt eine Erklärung gefunden: Der Mann leide an einer "narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ - wie viele Filmstars, Machtmenschen und Serienkiller heutzutage. Porträt einer voreilig zugeschriebenen und entsprechend inflationären Modestörung.

Morgens, gleich nach dem Aufwachen, tappt man neuerdings schlaftrunken nach seinem Handy, getrieben von der Gier nach neuen Antworten auf die Frage: "Was hat er die letzten zehn Stunden schon wieder angestellt?“ Wen hat der 45. Präsident der Vereinigten Staaten in der vergangenen Nacht beleidigt, beschimpft, verächtlich gemacht, welchem Regierungschef eines anderen Landes hat er den Telefonhörer aufgeknallt, welche Randgruppen hatte er am Kieker, wen aus seinem Kabinett gefeuert, welchen kritischen Superstar durch den Twitter-Fleischwolf gedreht? Man wird nie enttäuscht. Trump macht Politik zu einer endlosen Soap Opera, noch nie schien der alte Aphorismus von Jay Leno, dem früheren NBC-Late-Night-Moderator, "Politik ist Showbiz für Hässliche“, so zutreffend wie in dieser neuen Macht-Ära.

Die epidemisch um sich greifende Sucht nach neuen Nachrichten über "The Donalds“ erratisches Kamikazeverhalten hat die Frage nach seinen Motiven für diese Amokläufe und die damit verbundenen Konsequenzen weit nach hinten verdrängt. Für all seine Impulskontrollverluste, aggressiven Ausrutscher und seine unermüdliche Provokationslibido gibt es eine diagnostische Erklärung, die manchen sogar als Entschuldigung dienen mag: Trump, so Psychiater und Psychotherapeuten, leide eben an einer "narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ und wäre nicht nach den handelsüblichen Zivilisationsmaßstäben zu beurteilen.

Das Paradoxon dabei: Die psychiatrische Experten-Elite, die alle fünf Jahre die Diagnose-Bibel für psychische Erkrankungen, das "Diagnostic and Statistic Manual of Mental Health“, erstellt, scheint sich bei der genauen Definition und klaren Skizzierung dieses Phänomens selbst alles andere als einig zu sein. Die Definition der narzisstischen Persönlichkeitsstörung umfasst in der letzten Ausgabe aus dem Jahr 2013 gerade einmal einen Absatz von acht Zeilen. Die dort angeführten Merkmale wirken so vage wie beliebig und scheinen bei näherer Betrachtung auf das Gros der Menschheit anwendbar: "Fantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Schönheit oder ideale Liebe, das Gefühl der Einmaligkeit, Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung, Neidgefühle, arrogantes Verhalten, Mangel an Empathie und das Ausnützen von zwischenmenschlichen Beziehungen.“

Unfähigkeit im Umgang mit Kritik

Branchengerüchten zufolge soll die Jury sich im Vorfeld heftig darüber gestritten haben, ob man die NPD (Narcissistic Personality Disorder) angesichts dieser schwammigen Kriterien überhaupt nicht besser gleich aus dem Handbuch verschwinden lassen sollte. Erstaunlicherweise wurden zwei wesentliche Punkte eines ins Pathologische gleitenden Narzissmus bei dieser Auflistung im "DSM-5“, so die fachliche Abkürzung der fünften Handbuch-Ausgabe, außer Acht gelassen: die völlige Unfähigkeit im Umgang mit Kritik und Kränkungen und der Mangel an Krankheits- oder Störungseinsicht. Beiden durchaus Trump-affinen Symptomen wird in der Fachliteratur von Forschungsgrößen wie Otto F. Kernberg, Heinz-Peter Röhr oder Heinz Kohut jedoch Großraum verschafft.

Der Vorarlberger Psychiater und Klinik-Primar Reinhard Haller, der vor einigen Jahren sein Buch "Die Narzissmus-Falle“ publizierte, erzählte, dass er nach dessen Erscheinen rund 5000 Zuschriften bekam: Das Gros kam von Frauen, die in ihrem aktuellen Partner einen Narzissten zu erkennen glaubten und entsprechend an dieser Verbindung litten, gefolgt von Menschen, die unter dem Joch eines vermeintlich narzisstisch gestörten Chefs standen. Nur eine einzige Zuschrift beinhaltete die Selbsterkenntnis: "In diesem Buch sprechen Sie von mir. Ich bin Narzisstin.“

Donald Trump. Der Mann im Weißen Haus

Donald Trump. Der Mann im Weißen Haus

Trotz dieser diagnostischen Schwammigkeit im "Manual“ attestierte eine Riege namhafter amerikanischer Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten dem republikanischen Kandidaten Trump bereits 2015 eine eindeutige narzisstische Persönlichkeitsstörung. Ferndiagnosen scheinen jedoch berufsethisch höchst bedenklich. Der amerikanische Psychiater-Verband (APA) nahm 1973 den Goldwater-Erlass in seinen Ethik-Katalog auf. Elf Jahre zuvor war die psychische Stabilität des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater von 1189 Psychiatern in dem längst eingestelten Satiremagazin "Fact” infrage gestellt worden. Seit dem Prozess gegen das Magazin, den Goldwater, der dort als psychotisch, schwach und selbstmordgefährdet dargestellt worden war, gewann, gilt es als unethisch, so Verbandspräsidentin Maria A. Oquendo in der "Washington Post“, "dass Psychiater Diagnosen über Menschen öffentlichen Interesses stellen, es sei denn, sie wurden von ihnen selbst untersucht und gleichzeitig von den Betroffenen ihrer ärztlichen Schweigepflicht entbunden“.

"An Skrupellosigkeit kaum zu überbieten"

Jene Psycho-Experten, die sich dennoch nicht an dieses Reglement halten und Trumps Auftritte sogar als visuelles Unterrichtsmaterial bei ihren Seminaren für Persönlichkeitsstörungen einsetzen, argumentieren mit der Staatsräson. "Der Mann ist eine Bedrohung für die Demokratie“, konstatierte William Doherty, Psychologie-Professor an der Universität von Minnesota, im vergangenen August. "Es ist unsere Pflicht, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen“. Steven Buser, Autor des Werks "A Clear and Present Danger: Narcissism in the Era of Donald Trump“, fügte noch hinzu, dass "Trump im Amt an Skrupellosigkeit kaum zu überbieten wäre, wozu man nur seine öffentlichen Auftritte analysieren müsse, ohne eine klinische Diagnose zu stellen.“

Trumps ehemaliger Ghostwriter Tony Schwartz, der für ihn das autobiografische Hohelied "The Art of Deal“ in die Tasten klopfte und über Monate Zugang zum Bling-Bling-Imperium seines Auftraggebers hatte, attestiert ihm heute, nur "ein schlichter Soziopath“ zu sein. Und tatsächlich, wenn man das Symptom-Register und die klassischen Warnsignale für soziopathisches Verhalten auf den Mann anwendet, passt auch da alles wie maßgemacht: Lügen und manipulatives Verhalten, Missachtung aller gesellschaftlichen Regeln, fehlende Reue oder Schamgefühle, unverantwortliches und impulsives Handeln.

Der in Oxford lehrende Psychologe Kevin Dutton, dessen Spezialgebiet Psychopathen sind, legte über Trump neben vielen anderen Staatsmenschen und Despoten aus der Weltgeschichte das Raster einer "psychopathischen Persönlichkeit“. Mit dem Ergebnis, dass Heinrich VIII. die Riege der Herrscher mit den höchsten psychopathischen Anteilen mit 178 Punkten anführt, knapp gefolgt von Donald Trump mit 172 Punkten, der zwei Punkte Vorsprung zu Adolf Hitler besitzt. Hillary Clinton dümpelt bei diesem Testverfahren mit 152 Punkten Mitttelfeld allerdings zwischen Napoleon und Nero.

Die dabei ins Spiel gebrachten Kategorien wie Skrupellosigkeit, Gefühlskälte, Empathiemangel, Charisma, Unehrlichkeit, und das Talent, die Schwachstellen anderer zu orten und sie entsprechend zu instrumentalisieren, erscheinen auch durchaus passend für "The Donald“, der auf seiner offiziellen Website stolz angibt, "schon in der Volksschule einem Musiklehrer, der meiner Meinung nach nichts von Musik verstand, ein blaues Auge verpasst zu haben - ich hatte eben schon immer die Tendenz dazu, mich mit meiner Meinung durchzusetzen“. Solche cholerischen Gewaltausbrüche sind für Narzissten, außer es handelt sich um maligne, nicht typisch.

"Posterboy" eines Störungsbildes

In der "Trumpology“, wie die "New York Times“ den neuen, globalen Gesellschaftssport, Trumps Psyche zu diagnostizieren, bezeichnet, wird Trump dennoch auf allen Kanälen als der unüberbietbare König dieses Krankheitsbilds gefeiert. Seine Eskapaden und Sprüche wie "Ich könnte heute auf der Fifth Avenue mit der Pistole einen niederknallen und würde trotzdem keine Wähler verlieren“ machten ihn zum "Posterboy“ eines Störungsbilds, das dem renommierten US-Fachmagazin "Psychology Today“ zufolge maximal ein Prozent der Weltbevölkerung (ähnlich hoch wie der Anteil der an Schizophrenie Erkrankten) beträfe, wobei die Zahl der Patienten seit der offiziellen Etablierung des Terminus im Jahr 1968 in den USA "konstant gleich geblieben ist“.

Das größte Missverständnis ist, dass Narzissmus umgangssprachlich mit Selbstverliebtheit und Eigenliebe gleichgesetzt wird. Der Begriff, der aus der griechischen Mythologie stammt (Narkissos, Sohn des Flußgottes und einer Nymphe, ertrank beim Versuch, mit seinem Spiegelbild zu verschmelzen), ist insofern irreführend, als Narzissten meist an einem geringen Selbstwertgefühl leiden und zutiefst verunsicherte Menschen sind. Die narzisstische Zufuhr in Form von Bewunderung, Aufmerksamkeit und das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, dienen dazu, "ein schwer gespaltenes traumatisiertes Selbst auszugleichen“, so der Psychiater Otto F. Kernberg. Die Weichen für eine spätere Persönlichkeitsstörung sind teils genetisch gestellt, werden aber vor allem durch die Beziehungsmuster der frühen Kindheit nachhaltig geprägt.

Donald J. Trump

Immer dabei. Der erhobene Zeigefinger.

Narzissmus gilt schon seit Jahren in der Küchenpsycholgoie und Popkultur als der It-Knacks, der großspuriges Verhalten begründet. Egal ob Kanye West "I’m a God“ rappt, der mutmaßliche Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald oder der Prostituierten-Mörder Jack Unterweger posthum psychoanalysiert wird, Naomi Campbell ihre Hausangestellte mit dem iPhone attackiert, Kim Kardashian ihren Hintern um Millionen versichert oder der Australier Matthew Maloney, der es zu Millionen Klicks auf YouTube brachte, als er einer lebenden Ratte den Kopf abbiss, auf der Anklagebank sitzt: Sie alle standen Gutachtern und Medienberichten zufolge bei ihrem Verhalten unter dem Zugzwang ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder zumindest starken narzisstischen Anteilen.

Der seit mehreren Jahren nahezu inflationäre Umgang mit dem Begriff ließe vermuten, dass durch die Potenzierung der Selbstdarstellungsmöglichkeiten im Zuge der Digitalisierung die Zahl der Narzissten ständig eskaliert. Otto F. Kernberg, der aus Wien stammt und weltweit als die Fachkoryphäe der Narzissmus-Forschung gilt, verneinte beim profil-Interview in New York diese These entschieden: "Es wäre fachlich unzulässig, zu behaupten, dass soziale Medien und narzisstische Störungen in einem direkten Zusammenhang stehen. Wir wissen einfach nicht, ob Persönlichkeitsstörungen häufiger auftreten oder einfach nur besser erkannt werden, weil man sich einfach in der Praxis und Forschung intensiver damit auseinandersetzt.“

Stephan Doering, Spezialist für Persönlichkeitsstörungen und Leiter der Wiener Uniklinik für Psychotherapie und Psychoanalyse, ist sich sicher, "dass die Gesellschaft im Grunde immer einigermaßen gleich krank bleibt, aber die Störungsbilder der verschiedenen Epochen sich voneinander unterscheiden“.

Jeder Zeit ihre Lieblingskrankheit

Tatsächlich: Jede Zeit scheint ihre Lieblingskrankheit oder auch ihren Lieblingskrankheitsmythos zu haben. Waren es um die Jahrhundertwende des vergangenen Jahrhunderts, dem Beginn der Ära Sigmund Freuds, die Hysterikerinnen und Neurasthenikerinnen, die sexuellen Repressionen und lieblosen Ehen durch Ohnmachtsanfälle und Halluzinationsfantasien zu entfliehen suchten, machte sich in den 1980er-Jahren die bipolar affektive Störung (früher schlicht manisch-depressive Erkrankung) breit. Freud bezeichnete übrigens 1914 in seiner Abhandlung "Zur Einführung des Narzissmus“ Depression, Wahn und Manie als "narzisstische Neurosen“, die einer psychoanalytischen Behandlung nicht zugänglich seien. Eine Ansicht, die inzwischen längst revidiert wurde: Therapie ist schwierig, langwierig, aber möglich.

Ein Jahrzehnt später trat das Burn-out-Syndrom seinen bis heute noch immer ungebremsten Siegeszug an. Inzwischen räumen jedoch selbst Experten des Syndroms ein, dass Burn-out kein diagnostisches Kriterium darstelle und de facto häufig nur ein Tarnbegriff für Erschöpfungsdepressionen sei. Das vergangene Jahrzehnt hingegen war geprägt von einem Faible für Panikattacken, und dem Borderline-Syndrom. Claudia Hochbrunn (hinter diesem, aus Rücksicht auf ihre Patienten, gewählten Pseudonym steckt eine renommierte deutsche Psychiaterin) veröffentlicht kommende Woche ihren Ratgeber im Umgang mit schwierigen Menschen, "Ein Arschloch kommt selten allein“ (bei Rowohlt), in dem sie sich auch mit dem pathologischen Narzissten auseinandersetzt. Trump sieht sie als eine Mischform "aus einer histrionischen, also vor allem mittelpunktsüchtigen, und narzisstischen Persönlichkeit, wobei Mischtypen eigentlich generell am häufigsten auftreten“. Als Faustregel für einen Umgang mit einem narzisstisch gepolten Partner oder Vorgesetzten empfiehlt Hochbrunn Kritik immer mit Lob zu verbrämen und so die notorische Kränkungsempfindlichkeit des Narzissten zu umschiffen. Die Frage, ob mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ein Karrierehöhenflug wie der von Donald Trump möglich sei, bejahten alle Gesprächspartner.

"Trump befindet sich gegenwärtig in einem narzisstischen Rauschzustand“, so Reinhard Haller. "Sein Erfolg gibt ihm Recht. Narzissmus ist ja für viele eine produktive Kraft, die per se auch gar nicht schlecht ist. Aber pathologischer Narzissmus endet immer im Absturz - im Alter werden solche Menschen oft einsam, isoliert und können mit ihrer schwindenden Attraktivität und der Tatsache, keine Bedeutung zu haben, nicht umgehen.“ In jedem Fall landen Narzissten nur in raren Ausnahmen im Wartezimmer eines Psychiaters. Sich selbst einzugestehen, Hilfe notwendig zu haben, kommt nämlich per se einer narzisstischen Kränkung gleich. Oder in die klaren Worte von Donald Trump gefasst: "Ich bin überzeugt, dass ich und nur ich der beste Berater für mich selbst bin.“