Everyday Rebellion: Kleine Gesten, große Wirkung

Arash T. Riahi Arman T. Riahi - Everyday Rebellion: Kleine Gesten, große Wirkung

Das Brüderpaar Arash T. (rechts) und Arman T. Riahi zeigt mit seinem Dokumentarfilm "Everyday Rebellion" die Vielseitigkeit und Kreativität gewaltloser Protestbewegungen weltweit. Ein Gespräch über Macht, kleine Schritte und große Utopien.

Interview: Stephan Wabl

profil online: Was hat Sie im Zuge des Projekts am meisten überrascht?
Arman T. Riahi: Ich war sehr überrascht, dass der gewaltlose Widerstand in Syrien so weit verbreitet ist und eine derart große Rolle in der Bewegung spielt. Das hat im Übrigen nicht nur mich, sondern auch die Syrer selbst überrascht. Ich war wirklich sehr erstaunt darüber, wie kreativ und konsequent die Widerstandsaktionen waren und wie gut diese angekommen sind. Wenn wir ein Beispiel aus dem Film nehmen, das Färben der Brunnen mit roter Farbe, um die Bluttaten des Regimes zu veranschaulichen. Das ist eine vergleichsweise einfache, aber ungemein starke Aktion, die das Regime über Nacht entwaffnet hat. Ganz allgemein war ich beeindruckt von der Solidarität, die den Bewegungen entgegengebracht wurde, sowie der Erkenntnis, dass der gewaltlose Widerstand viel wirksamer ist als der Widerstand mit gewalttätigen Mitteln.
Arash T. Riahi: Mich hat die Energie der Aktivisten am meisten überrascht. Beim ersten Treffen mit Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko in Paris hat sie uns erzählt, dass es ihr unangenehm und peinlich wäre, sich am Strand oben ohne zu zeigen. Bei ihren Aktionen macht sie das aber ständig und mit voller Konsequenz. Da war mir sofort klar, mit welcher Ernsthaftigkeit diese Aktivisten und Aktivistinnen an ihre Arbeit gehen.

profil online: War „Everyday Rebellion“ von Beginn an als Film über gewaltlosen Widerstand geplant?
Arash T. Riahi: Nein, angefangen hat alles mit dem Aufstand im Iran im Jahr 2009. Wir haben natürlich aus persönlichen Gründen einen starken Bezug zum Iran und uns damals gedacht, dass es hier eine Protestbewegung gibt, die wir uns genauer ansehen wollen. Da gehen Leute auf die Straße, da tut sich was, da könnte was passieren, die Menschen wollen mehr Rechte, und diese Bewegung wurde brutal niedergeschlagen und fertiggemacht. Das war der Auslöser. Bald darauf ist aber der Arabischen Frühling gekommen, Occupy Wall Street und die Protestbewegung in Spanien, und uns wurde im Zuge der Recherchen klar, dass gewaltloser Widerstand am effektivsten ist und haben uns entschlossen, den Film auf diesen Aspekt zu fokussieren.

profil online: Sie hatten rund 1400 Stunden Material, konzentrieren sich im Film schlussendlich auf sieben Bewegungen (Occupy Wall Street, Femen, Iran, Syrien, Indignados, Ägypten, Otpor). In wie fern unterscheiden sich diese Protestbewegungen?
Arash T. Riahi: Wir haben das Material am Ende so ausgewählt, dass jede porträtierte Bewegung einen Aspekt des gewaltlosen Widerstands gut abdeckt. So zeigt zum Beispiel die Occupy-Bewegung, wie sich Aktivisten in einer westlichen Demokratie organisieren können - zum Beispiel sich auf das Gefängnis vorzubereiten. Das könnten wir in dieser Art nie im Iran oder in Syrien zeigen. Die spanische Bürgerbewegung „Indignados“ haben wir gewählt, um zu zeigen, wie eine konkrete Gemeinschaft, lokale Bürgerbewegungen unmittelbar etwas bewirken können. Von den Bewegungen im Iran und in Syrien kann man lernen, wie man aktiv werden kann und welche Möglichkeiten es gibt, auch wenn die Bewegung unter sehr restriktiven Rahmenbedingungen aktiv ist und regelmäßig niedergeschlagen wird.
Arman T. Riahi: Bei der Femen-Bewegung ist schön zu sehen, wie der eigene Körper als Protestmittel eingesetzt werden kann. Allerdings nicht gewalttätig, wie bei einem Selbstmordattentäter. Sondern friedlich, aber zugleich selbstbestimmt und frontal als neue Art der Waffe der Frau verwendet wird.
Arash T. Riahi: Grundsätzlich teilen alle Beteiligten einen unbändigen Sinn für Gerechtigkeit und das Verlangen, eine bessere Welt zu schaffen. Die Protagonisten des Films kommen selbst ja meist aus nicht so schlechten sozio-ökonomischen Positionen und könnten eigentlich ein durchaus zufriedenes Leben führen. Sie haben sich aber dafür entschieden, aufzustehen und zu rebellieren. Diese Konsequenz teilen alle Aktivisten und Aktivistinnen im Film.

profil online: Und welche Unterschiede haben Sie festgestellt?
Arman T. Riahi: Klar ist, dass keine dieser Bewegungen außerhalb ihres politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontexts gesehen werden kann. Auf die äußeren Rahmenbedingungen wollten wir allerdings auch gar nicht zu stark eingehen, sondern den alltäglichen und praktischen Protest in seiner Vielfältigkeit und Kreativität zeigen. Alle Bewegungen, die erfolgreich sind, sind authentisch und unter den spezifischen Umständen eines Landes gewachsen. Sie sind zwar vernetzt, inspirieren sich gegenseitig und lernen voneinander. Im Kern sind sie aber stets eigenständig. Revolutionen lassen sich weder importieren noch exportieren.

profil online: Protestbewegungen sind aber keine homogenen Gruppen. Die Auswahl der Protagonisten prägt das Bild, das von der Bewegung gezeichnet wird.
Arman T. Riahi: Klar gibt es innerhalb dieser Protestbewegungen unterschiedliche Meinungen und Zugänge. Wir sind allerdings bei allen im Film porträtieren Gruppen im Herz der Bewegung gewesen und haben jene Leute begleitet, die maßgeblich verantwortlich waren für Entwicklungen, Inhalte und Aktionen.
Arash T. Riahi: Zumindest in der Zeit in der wir vor Ort waren. Diese Bewegungen sind natürlich ständig im Fluss und die Protagonisten wechseln dadurch auch.
Arman T. Riahi: Wir hatten kein Auswahlverfahren oder ähnliches, die Protagonisten haben sich einfach im Laufe des Drehs und der Begegnungen ergeben. Natürlich hätten wir auch Theoretiker stärker in den Fokus rücken können. Uns ist es aber um die Menschen gegangen, die aktiv sind, die rausgehen und neue Formen des Protests umsetzen.

profil online: Widersprüche oder Streitigkeiten innerhalb der Bewegungen waren also kein Thema?
Arash T. Riahi: Nein, diese gab es auch kaum während wir die Bewegungen begleitet haben. Zudem war das auch nicht unsere Herangehensweise. Man kann Dokumentarfilme machen, indem man das Elend zeigt und sagt: So schaut die Welt aus. Das ist auch wichtig. Wir wollten diesmal aber keinen Film machen, der das Elend der Welt zeigt, das sieht man ohnehin täglich in den Nachrichten. Unser Anspruch war, einen Film zu machen, der ganz normale Menschen zeigt, die aktiv sind und etwas verändern wollen und können. Unser Ansatz war: Wir zeigen euch diese Menschen, die großartige Dinge, die sie tun, und geben den Zuschauern über die zusätzliche Multimedia-Plattform Ideen, Tipps, Tricks und Möglichkeiten für ihre eigenen Aktivitäten in die Hand. Klar sind diese Bewegungen auch mit dem Scheitern konfrontiert. Wir wollten jedoch zeigen, dass man trotzdem weitermachen und das Regime durch kleine Aktionen zermürben kann.

profil online: Im Film ist häufig die Rede vom „System“. Auch Sie verwenden diesen Begriff in den Diskussionen zum Film regelmäßig. Was ist „das System“ für Sie?
Arman T. Riahi: „Das System“ gibt es nicht, es gibt viele unterschiedliche Systeme. Diese sind jedoch nichts Abstraktes, sondern etwas, das man täglich greifen kann, unser Leben bestimmt und in uns drinnen ist. Das System sind die Strukturen, die geschaffen werden, um an der Macht zu bleiben. Dabei handelt es sich zumeist um Eliten, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Position, ihrer politischen Macht oder mit einem religiösen Vorwand die Eigenständigkeit der Bürger beschneiden und diese ausnützen.
Arash T. Riahi: Ich verstehe das System als Strukturen, die den Missbrauch von Macht ermöglichen. Macht, die man zwar - wenn überhaupt – vom Wähler bekommen hat, aber in erster Linie für die eigene Bereicherung einsetzt.

profil online: Es gibt eine Szene in „Everyday Rebellion“, in der zwei zentrale Protagonisten der Occupy-Wall-Street-Bewegung darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, die Bewegung mit Begriffen wie Anarchismus, Kommunismus oder Antikapitalismus in Verbindung zu bringen. Am Ende einigen sie sich darauf, dass es besser ist, sich auf pragmatische Ziele zu konzentrieren. Wie sehen Sie das?
Arash T. Riahi: Die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts sind überholt. Der Sowjetkommunismus ist gescheitert und die Linke befindet sich in der Krise. In den letzten Jahren ist aber auch der Turbokapitalismus gescheitert. Man kann sich nicht mehr so einfach auf eine Seite stellen und sagen: So geht es. Ich halte es für sehr wichtig, gegen etwas zu protestieren, auch wenn man nicht sofort eine Alternative parat hat. Denn diese muss ja erst erarbeitet werden – tagtäglich. Es ist tägliche Arbeit, eine Gesellschaft Schritt für Schritt zu verändern, tägliche Erziehungsarbeit, ständige Aufklärung und konsequentes Agieren. Das Resultat dieser Arbeit wird aber vielleicht erst in zehn oder 20 Jahren sichtbar.

Ein zentrales Anliegen des Filmes war es, diese Menschen, die auf die Straße gehen, protestieren und ihren Unmut kundtun zu zeigen und ernst zu nehmen. Denn vor allem bei den Massenmedien ist das häufig nicht der Fall. Bei der Occupy-Bewegung in New York wurde zum Beispiel ein junger Bursche von einem Fernsehsender interviewt und gefragt, was er hier mache. Er meinte, er protestiere gegen den Kapitalismus. Der Reporter fragte ihn daraufhin, was stattdessen kommen solle. Natürlich konnte der Bursche nichts darauf sagen. Für die Massenmedien war das wieder der Beweis, dass hier eh nur ahnungslose Idioten aktiv sind. Diese billige Art, Menschen, die aufstehen zu kritisieren, während man selber lieber zuhause vor dem Fernseher bleibt, hat mich dermaßen geärgert. Gleichzeitig hat mich diese billige Darstellung auch motiviert, mir diese Bewegungen genauer anzusehen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in all ihrer Breite und Kreativität zu zeigen – auch wenn sie kein besseres Gesellschaftsmodell fixfertig in der Schublade haben.
Arman T. Riahi: Das ideologische Schubladisieren ist häufig die Sprache der Anderen, die Sprache der Diktatoren, die Sprache der Macht. So heißt es zum Beispiel, die Occupy-Bewegung besteht aus linke Anarchisten oder die Tea Party hat nur rechte Fanatiker als Anhänger. In beiden Gruppen gibt es das natürlich. Aber diese ständige Schubladisierung wird häufig als Trennung der Beteiligten eingesetzt; wir sind das, du bist das. Es geht jedoch darum, Leute zusammenzubringen und nicht zu trennen.

Es ist vollkommen in Ordnung, „nur“ zu sagen, ich bin unzufrieden und mache da nicht mit. Viele Leute, die zuhause sitzen und gemütlich ihren Wein trinken, glauben, diese Proteste müssten sofort zu Ergebnissen führen und das System verändern. Da ist viel Ungeduld und auch Naivität dabei. Zuallererst ist es einmal wichtig, Probleme aufzuzeigen, über Anliegen zu reden und die Debatte in den Mainstream zu bringen.
Arash T. Riahi: Kategorisierungen werden auch häufig verwendet, um Proteste in ein schlechtes Licht zu rücken. Machthaber verwenden hierbei oft ein ähnliches Narrativ. In Russland oder der Türkei werden Protestierende schnell einmal als Vaterlandsverräter bezeichnet. Dann heißt es, die Proteste werden vom Westen gelenkt. Und am Ende ist man auch noch drogensüchtig. Dabei handelt es sich stets um Versuche, den Menschen abzusprechen, dass sie selbstständig denken können. Vielleicht kommt das noch aus der Zeit des Kalten Krieges, als man hinter jeder Bewegung und jedem Protest eine kleine Verschwörung vermutet hat. 22 Millionen Ägypter gehen aber nicht auf die Straßen, weil sie bestochen wurden, sondern setzen sich aus freien Stücken für eine freiere Gesellschaft ein.

profil online: Gänzlich frei von Ideologien handeln die Protestbewegungen - zumindest Teile davon - aber natürlich nicht.
Arash T. Riahi: Das stimmt sicherlich. Ein kaleidoskopartiger Film wie „Everyday Rebellion“ kann die Rolle allerdings nicht erfüllen, die jeweiligen politischen Hintergründe in den Ländern und der Bewegungen zu erklären. Das war auch nicht der Anspruch. Wir deuten aber an, was die Hauptprobleme des jeweiligen Landes sind. In den USA ist das zum Beispiel das turbokapitalistische System und die Schuldenfrage, in Spanien die Immobilienblase, Probleme mit den Banken und die zahlreichen Delogierungen, im Iran und in Syrien ist es das diktatorische Regime. Diese Probleme zu lösen funktioniert natürlich nicht von von heute auf morgen, das ist ein langer Prozess.

profil online: Welche Rolle spielt der Zufall in diesem Prozess?
Arash T. Riahi: Der Zufall kann die Initialzündung sein, um etwas zum Explodieren zu bringen. Das hat man am Beispiel der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in Tunesien gesehen. Aber Bewegungen entstehen nicht aufgrund von Zufälligkeiten, sondern arbeiten häufig Jahre oder Jahrzehnte auf ein Ziel hin. Wenn die Unzufriedenheit aber sehr groß ist, kann schon ein Funke ausreichen, um ein Regime zu Fall zu bringen. Der Zufall spielt eine Rolle, reicht aber nicht aus. Um mit dem Otpor-Aktivisten Srdja Popovic zu sprechen: „Stop hoping, make it happen.“

profil online: Haben Sie sich für den Film auch mit Protestbewegungen in Österreich auseinandergesetzt?
Arman T. Riahi: Ja, wir haben uns mit der Refugee-Bewegung in der Wiener Votivkirche beschäftigt. Gerald Igor Hauzenberger, der ein guter Freund von uns ist, widmet sich in seinem neuem Film jedoch ausschließlich diesem Thema. Daher habe wir diese Bewegung nicht im Detail verfolgt. Zudem haben wir uns die Occupy-Bewegung in Österreich angesehen. Diese war aber derart klein, dass diese für den Film nicht in Frage gekommen ist.

profil online: Ist ein Nachfolgeprojekt zu „Everyday Rebellion“ geplant?
Arash T. Riahi: Konkret in Planung ist noch nichts. Wir sind beim Drehen aber oft auf Entwicklungen und Aktivitäten gestoßen, die sich im Zuge der Protestbewegungen ergeben und etabliert haben, wie zum Beispiel Straßenperformances oder der Aufbau von kulturelle Einrichtungen. Diese längerfristigen Projekte würde ich mir gerne einmal genauer ansehen.

Zu den Personen
Arash T. Riahi (41) setzte als Autor und Regisseur mehrere Dokumentarfilme um, darunter "Family Exil Movie" (2006) und "NervenBruchZusammen" (2012). Sein Spielfilm "Ein Augenblick Freiheit" (2008) gewann zahlreiche internationale Festivalpreise und war Österreichs Beitrag zum Oscar im Jahr 2010. Zudem ist er Geschäftsführer der "Golden Girls Filmproduktion". Sein jüngerer Bruder Arman (32) gewann 2011 mit der Doku "Schwarzkopf" den Diagonale-Publikumspreis. "Everyday Rebellion" ist ihr erstes gemeinsames Projekt, das neben dem Film auch als multimediale Plattform für Tipps, Tricks und Informationsaustausch zum Thema gewaltloser Widerstand dient. www.everydayrebellion.net

Das Gespräch fand im Rahmen der diesjährigen Diagonale statt.