Auf die Spitze getrieben: Zum Tod von
Hans Hollein

Auf die Spitze getrieben: Zum Tod von
Hans Hollein

Viel mehr als nur ein Postmoderner: Alexander Bartl zum Tod von Hans Hollein, dem Wiener Weltstar der Architektur.

Nach seinem Studium an der Wiener Akademie der bildenden Künste brach Hans Hollein nach Nordamerika auf und lernte dort, in den späten 1950er-Jahren, die Weite, eine ungeahnte neue Raumfreiheit kennen. Er verbrachte zwar die meiste Zeit seiner amerikanischen Jahre in Chicago und im kalifornischen Berkeley, wo er seine Studien fortsetzte. Doch so sehr ihn die an den Universitäten kursierenden Architekturutopien, überhaupt der technologische Fortschritt, begeisterten, musste vor allem die unermessliche Landschaft, die sich zwischen den Städten bis zum Horizont erstreckte, auf einen angehenden Baukünstler aus Europa wie ein imposanter Raum der Möglichkeiten gewirkt haben. Wenngleich Hollein wenige Jahre später nach Wien zurückkehrte, war es so, als hätte sich diese Topografie seinem Denken eingeschrieben. Er ließ sich weder von Konventionen noch von gebauten Tatsachen einengen. Barrieren, Grenzen, Beschränkungen? Weg damit!

Prompt horchte die Branche auf
Dies bewies er schon bei seinem ersten Auftrag, der Gestaltung des Kerzengeschäfts Retti in Wien. Nur wenige Quadratmeter klein, war es eigentlich alles andere als typisches Hollein-Terrain. Doch der junge Architekt, der 1964 sein eigenes Büro eröffnet hatte, riss den Raum auf, nicht mit der Abrissbirne, sondern viel raffinierter: Mit spiegelnden Oberflächen täuschte er Weite vor, verlieh seiner Kreation einen futuristischen Metallic-Look. Prompt horchte die Branche auf.
Doch nicht nur das konkrete Bauprojekt, sogar die Architektur als solche musste bei dem 1934 in Wien geborenen Hollein raus aus ihren etablierten Umrissen. Mit großer Leidenschaft trieb er sie in Richtung Kunst voran, während umgekehrt das Künstlerische mit dem Gebauten zu flirten hatte. „Alles ist Architektur“: So formulierte es Hollein selbst. So wie er sich später seinen Bauaufgaben näherte, stets alles hinterfragend, was auf ihn wie eine von der Gegenwart überholte Festsetzung wirkte, verfasste er auch theoretische Schriften und fertigte Collagen, die in ihrer phantasievollen Drastik fast schon ironische Qualität besaßen: Mal ließ er Felsen über Metropolen wachsen, mal bettete er einen Flugzeugträger ins Landschaftsbild, der eine ganze Stadt beherbergte: Hollein, der Visionär, brach mit Bau- und Sehgewohnheiten, mit festgefügten Strukturen der urbanen Entwicklung auf entschieden künstlerische Weise.

Mit dem Auftrag für das 1982 vollendete Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach bekam er endlich die Gelegenheit, seine in den Collagen dargestellten Ideale im großen Stil auch in die dritte Dimension zu falten. Das fertige Bauwerk erinnert eher an eine Landschaft als an ein herkömmliches Ausstellungshaus. Es öffnet dem Besucher Räume, die, durch Treppen rhythmisiert, ein Kunsterlebnis ohne festgelegte Abfolge bieten. Die Architektur lässt dem Gast freie Hand, schreibt nicht vor, wie er sich durch die Schau zu bewegen hat. Überhaupt war Hollein ein meisterhafter Gestalter individueller Raumerlebnisse. Er schuf Bauten, die sich im Inneren mal weiteten, dann wieder verengten, deren Flächen ineinander glitten, als wollte sich das Haus buchstäblich überschlagen vor lauter Freude über das außergewöhnliche Design. Beim Frankfurter Museum für Moderne Kunst von 1991 trieb der Wiener die innenarchitektonische Komplexität schließlich auf die Spitze.

Kalt ließ seine Architektur niemanden
Das Eigenwillige und Spezielle sieht man seinen Häusern schon von außen an. Die Fassaden bieten oftmals einen optischen Vorgeschmack auf das, was im Inneren folgen soll. Zudem bezeugen sie die Vitalität und den kreativen Elan ihres Schöpfers. So wirkt die im Sonnenlicht schillernde Glashülle des Wiener Haas-Hauses am Stephansplatz wie das gebaute Vermächtnis eines Planers, der nicht nur beherzt bauen, sondern auch die Menschen aufrütteln wollte. Architektur, die vor dem historischen Ensemble der Wiener Innenstadt klein beigab, die sich mit auf alt getrimmten Fake-Fassaden in die Lücke duckte, war seine Sache nicht. Wo Hollein in den 1980er- und 1990er-Jahren werkte, da waren nicht selten die einen begeistert, die anderen fühlten sich provoziert. Kalt ließ seine Architektur niemanden. Für sein Schaffen wurde er 1985 mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Der Avantgardist Hollein galt als einer der führenden Vertreter der postmodernen Architektur, doch wenn man diese Zuschreibung allein auf die Tatsache verengt, dass er an den Schauseiten seiner Häuser Stilzitate vereinte, greift sie viel zu kurz. Er war eben keiner, der sich mit Oberflächlichkeiten begnügte. Das unterscheidet sein Erbe von der Zirkus-Architektur, wie sie etliche zeitgenössische Planer in die Städte zwirbeln, Gebäude, deren aufgetakelte Fassaden nicht selten ein mangelhaftes Raumgefüge bemänteln: viel Make-up, wenig dahinter.

Auch nachdem Hollein zu den Superstars der Architektur aufgestiegen war und fortan Prestigeprojekte wie das Vulcania-Museum in der französischen Auvergne, die Österreichische Botschaft in Berlin oder die Zentrale der Interbank in Lima verwirklichte, bewahrte er sich seine Aufgeschlossenheit und kreative Freiheit nach allen Seiten hin: Er kuratierte Ausstellungen, entwarf Geschirr, leitete 1996 die venezianische Architekturbiennale. Am Donnerstag vergangener Woche ist der große Universalkünstler Hans Hollein in seiner Heimatstadt nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren gestorben.