#thanksobama: Die Obama-Jahre – eine grandiose Show

Begnadete Performer. Barack und Michelle Obama

Begnadete Performer. Barack und Michelle Obama

Die Obama-Jahre, eine goldene Zeit: Politik war cool, Pop mehr als ein Mittel zum Zweck und das Internet voll mit lustigen Late-Night-Clips. Sebastian Hofer wird den 44. US-Präsidenten definitiv vermissen.

Der wirklich unglaublich erfolgreiche US-amerikanische Komiker Jerry Seinfeld gestand kürzlich, was er für die größte Errungenschaft seines gesamten bisherigen Lebens hält. Es handle sich, so Seinfeld, um jenen Moment im Dezember 2015, als er an ein Fenster des Oval Office klopfte, um Barack Obama zu einer Episode seiner Internet-Show "Comedians in Cars Getting Coffee“ abzuholen. Woraufhin der Präsident Seinfeld erst einmal aufforderte, einen halb verspeisten Apfel "bitte dort hinten, in den nichtpräsidentiellen Abfall“ zu werfen, danach fachkundig die Schönheit von Seinfelds silberblauer 1963er Corvette Stingray bekundete, um bei der anschließenden Spritztour rund um den South Lawn des Weißen Hauses zu erklären, warum er in der Altersgruppe der Null- bis Achtjährigen gar so gut ankomme: "Die lieben mich. Zum Teil, vermute ich, weil ich große Ohren habe und dadurch wie eine Zeichentrick-Figur aussehe.“ Nach dem Umstieg in die Präsidenten-Limousine ("im Grunde ein Cadillac auf Panzerbasis“) erläutert Obama die Vorzüge seines Dienstwagens: "Ich könnte von diesem Autotelefon aus ein Atom-U-Boot anrufen. Das ist schon ein ziemlich cooles Extra. Und ich habe Sitzheizung.“

Es mag 18-Jährige geben, denen das völlig normal vorkommt. Die das nicht für irre aberwitzig und herzzerreißend fantastisch halten. Weil sie schlicht daran gewohnt sind, dass ein US-Präsident eben auch als Komiker durchgeht. Dass er außerdem Textzeilen von Jay-Z fehlerfrei und im richtigen Kontext zitieren kann und von Reportern allen Ernstes um einen Kommentar gebeten wird, wenn sich Kanye West mal wieder danebenbenommen hat. Weil sie eben nichts anderes kennen als: Barack Obama, 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erste echte Pop-Ikone in diesem Amt. Und ja, natürlich gab es schon vor Obama US-Präsidenten, die ihr Amt überdurchschnittlich glamourös anlegten. JFK, Reagan, Clinton, klar. Es gab aber keinen, der in dieser Disziplin ein derart begnadeter Performer war wie Barack Hussein Obama ("Kleinkinder lieben es, meinen Namen auszusprechen: Baragobama.“).

Souvenir-Shop in Washington, DC

Aus heutiger Sicht erscheint es geradezu unglaublich, dass Obama tatsächlich der erste amtierende US-Präsident gewesen sein soll, der überhaupt je in einer Late-Night-Talkshow zu Gast war. Immerhin ging der Präsident in den letzten acht Jahren noch sehr viel weiter als nur zu Jay Leno. Und der Präsident hat im Spätfernsehen beileibe nicht nur geplaudert. Sondern, unter sehr vielem anderen, auch die aktuellen Nachrichten gesungen, Hass-Tweets an sich selbst verlesen und sich eine knallrote Snapchat-Blumenkrone aufsetzen lassen. Das mediale Umfeld für derlei Schabernack war gerade erst entstanden, und wie man damit seriösermaßen umgehen sollte, blieb selbst Teenagern noch längere Zeit ein Rätsel. Obama dagegen erwies sich als Naturtalent. Als er sein Amt antrat, waren Twitter und iPhone gerade erst erfunden - und der immercoole Obama den traditionellen Medien absurderweise nicht zeitgemäß genug. Tatsächlich tendiert er im politischen Alltag bis heute dazu, ein bisschen kompliziert daherzureden. Obama gibt in seinen öffentlichen Auftritten eher den Professor als den Boulevardschlagzeilen-Spender. Um dieses politmediale Manko auszugleichen, entwarf er die erste Internet-Präsidentschaft und erweckte bisweilen selbst bei Fans den (falschen) Eindruck, allenfalls halbtags als Commander in Chief tätig zu sein (und ansonsten lustige Webclips zu drehen). Obama wusste seine Hashtags zu setzen.

Nun ist der US-Präsident von Amts wegen immer auch ein wenig "unser“ Präsident, ob man das aus österreichischer Perspektive nun gut finden mag oder nicht. Bei Obama fand man es meistens gut, nicht nur in Österreich. Was Obama politisch zu selten erreichte (auch weil ihn republikanische Parteigänger zu selten ließen), schaffte er auf emotionaler Ebene: Amerika war wieder ein Land, das man gern haben konnte. Laut einer Gallup-Umfrage stieg die positive Stimmung gegenüber den USA während seiner Amtszeit weltweit signifikant an, in Großbritannien etwa um 41 Prozent, in Island sogar um 57 Prozent. Obama erwies sich für die Welt als dreifacher Glücksfall: ein Präsident, der als außenpolitische Arbeitsvorgabe "Mach keinen blöden Scheiß“ ausgab (so die ungeschriebene, aber immer wieder gern ausgesprochene Obama-Doktrin), diese zuverlässig erfüllte und sich nebenbei auch noch Zeit nahm, lustigen Scheiß zu machen. Oder coolen Scheiß. Hauptsache, nun, stilsicher.

Starqualitäten. Obama mit der R'n'B-Sängerin Beyoncé

Gefühltermaßen (und Gefühle sind eine wesentliche Angelegenheit in der zeitgenössischen Politik) hatte Barack Obama stets mehr mit Beyoncé gemeinsam als mit George Bush, war Stevie Wonder immer näher als Hillary Clinton. Und zog mit seinem unwiderstehlichen Charme sogar seinen vormals eher witzlosen Vize Joe Biden mit, der sich an der Seite seines Vorgesetzten mit verspiegelter Sonnenbrille als eine Art politischer Magnum inszenierte. Politik war im Weißen Haus der Obama-Jahre kein diplomatisches Mikado mit begleitendem Sprechblasenkatarrh mehr, sondern etwas, das cool und lässig und zum Teil sogar ehrlich sein konnte. Daran musste man sich auch in den USA erst einmal gewöhnen. Nachdem Michelle Obama ihrem Mann nach dessen Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten im Juli 2008 mit einem eleganten Fist-Bump (auf Deutsch auch: "Ghettofaust“) gratuliert hatte, spekulierte die Fox-News-Moderatorin E. D. Hill in ihrer Sendung minutenlang über die Bedeutung dieser rätselhaften Geste. Handelte es sich womöglich gar um einen "terroristischen Gruß“? Dank einer beigezogenen Körpersprache-Expertin konnte Hill schließlich immerhin herausfinden, dass dies "etwas ist, das junge Leute verstehen“.

Ja, sie verstanden es. Weil sich Michelle und Barack Obama der Popkultur ihrer Ära nicht nur zur Imagepflege bedienten, sondern an ihr selbst teilnahmen: als Fans, Konsumenten und immer wieder auch als Inspiration. Es war eben gar keine Koketterie spürbar, als Michelle Obama im "Variety“-Interview vergangenen Sommer erklärte: "Ich war nicht mein ganzes Leben lang die First Lady. Ich bin ein Produkt unserer Popkultur. Ich bin eine Konsumentin von Popkultur, und ich weiß, was den Leuten gefällt. Ich weiß, was sie zum Grinsen bringt und was sie dämlich finden.“ Und sie wusste auch immer, dass eine First Lady manchmal tun muss, was eine First Lady tun muss, zum Beispiel dem Late-Night-Talker Stephen Colbert erklären, was das Wort "Swag“ bedeutet: "Wenn du nicht weißt, was Swag bedeutet, dann hast du ihn definitiv nicht, Stephen.“

Dass Obama (der ja schon als eine Art Messias in seinen ersten Wahlkampf ging) immer wieder gern als Superman dargestellt wurde, verwundert nicht sonderlich. Wie er darauf selbst reflektierte, nämlich als eine Art oberster Comic-Nerd, zeugt aber doch von allerhand Swag. Bei einer Spendengala zwei Wochen vor seiner Wahl erklärte der damalige Senator mit steinerner Miene: "Im Gegensatz zu den Gerüchten, die Sie alle gehört haben, wurde ich nicht in einer Krippe geboren. Tatsächlich wurde ich auf Krypton geboren, und mein Vater, Jor-El, hat mich hierhergeschickt, um die Erde zu retten.“

Obama-Rede vor 200.000 Menschen in Berlin.

Dass er genau das hin und wieder auch wirklich getan hat, mag man als gewöhnlicher Obama-Fan verpasst haben. Eines der großen Talente des Barack Obama besteht nämlich auch darin, dass niemand merkt, was seinen Job eigentlich ausmacht, nämlich: "In diesem Job merkst du, dass es Probleme gibt, die wirklich, wirklich kompliziert sind. Und per Definition sind die einzigen Probleme, die auf meinem Tisch landen die, die sonst niemand lösen kann.“

Man konnte sich, und das gehört zu den größeren Errungenschaften der Obama-Jahre, den Führer der freien Welt ganz gut als einen Mann vorstellen, der sich mit seiner Frau nach Feierabend das neueste Kendrick-Lamarr-Album anhört oder den jüngsten Roman von Colson Whitehead liest, was man, nur zum Beispiel, vom ehemaligen "Austro-Obama“ (H. Fellner) Werner Faymann nie wirklich zu sagen vermochte. Die "Washington Post“ verwies diesbezüglich auf die "middle-aged hipness“ der Obamas, die aber eben nicht nur Fans waren, sondern Popkultur sehr wohl als politisches Medium begriffen, als eine gemeinsame Basis, auf die sich noch die zersplittertste Gesellschaft einigen kann. Barack Obama hat sich an der Kreuzung von Pop und Politik positioniert, ohne Populist zu werden, und eine Einbahnstraße für den Gegenverkehr geöffnet: Unter seiner Präsidentschaft wurde nicht nur die Politik hipper, sondern auch die Popkultur wieder politischer. Wie der Inbegriff des zeitgenössischen Chartspop, die R’n’B-Sängerin (und Obama-Freundin) Beyoncé, sich bei ihrem letztjährigen Superbowl-Auftritt als Black-Panther-Wiedergängerin inszenierte, darf man als Meilenstein der Obama-Kultur verbuchen - und als Effekt der Tatsache, dass der erste schwarze Präsident der USA leider doch kein Messias war. Denn natürlich muss man in diesem Zusammenhang auch von Hautfarben reden.

Obama bei der Verleihung einer „Presidential Medal of Freedom” an Ellen DeGeneres.

Obama, der HipHop-Präsident, bekam schon zum Amtsantritt einen Superhit geschenkt: "My President Is Black“ von Young Jeezy. Nun, zum Ende seiner Amtszeit, veröffentlichte der Obama-Stammgast Common das Album "Black Amerika Again“, eine künstlerische Verarbeitung dessen, was in den vergangenen acht Jahren eben auch geschehen ist, in Ferguson, in Florida, in New York: Das Verhältnis zwischen schwarzem und weißem Amerika hat sich eben nicht, wie der ewige Optimist im Weißen Haus öffentlich angenommen hatte, entspannt, sondern zum Teil sogar gewalttätig radikalisiert. "Ich hab immer angenommen, dass es cool sei, schwarz zu sein“, bekannte der Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters im Abschiedsinterview mit "Vanity Fair“. Für viele seiner Mitbürger war es schlicht lebensgefährlich. Und trotzdem kratzt es nicht am Optimismus von Donald Trumps Vorgänger, dass seine eigene Amtszeit nun in kaum sublimiertem Rassismus endet.

"Warum bist du eigentlich nicht verrückt?“, fragte ihn sein Kumpel und Berater David Axelrod vor wenigen Tagen in seinem Podcast. Obama, ohne Zweifel: "Tief drinnen bin ich einfach meistens sehr ruhig und relativ glücklich.“

Amazing Grace.