Billy Bragg: „Mir ist das Blut in den Adern gefroren“

Billy Bragg: „Mir ist das Blut in den Adern gefroren“

Der britische Polit-Singer-Songwriter Billy Bragg über soziale Medien, das Glück seiner Karriere und die Angst vor einem neuen Weltbrand.

Interview: Robert Rotifer

profil: Als Sie in den 1980er-Jahren auf der Bildfläche erschienen, erregte dies einiges Aufsehen, insbesondere auch, weil Pop damals so apolitisch war. Es schien, als könnte es noch einmal Punk geben – nur diesmal ohne Irrtümer.
Billy Bragg: In genau diese Richtung wollte ich auch arbeiten. Musik war damals das einzige soziale Medium, das uns zur Verfügung stand. Ich glaube nicht, dass junge Menschen, um die Stimme ihrer Generation zu hören, sich heute als Erstes an die Musik wenden. Da gibt es andere Orte: Facebook, Twitter, YouTube, Blogs. Die Musik steht nicht mehr an der Spitze, ist nicht mehr das Wichtigste, das müssen wir akzeptieren. Als ich 19 und stinksauer war, gab es für mich keine anderen Möglichkeiten. Es gab nur eine Art, wie ich meine Stimme hörbar machen und die Leute wissen lassen konnte, was ich zu sagen hatte. Jetzt könnte ich einen Blog schreiben, und man könnte ihn in Wien oder Kuala Lumpur oder Australien lesen.

profil: Aber wäre das auch so denkwürdig wie die Erfahrung, Sie live spielen zu sehen?
Bragg: Gute Frage. Mein Sohn ist auch in einer Band, er nimmt seine Musik sehr ernst.

profil: Wie heißt sein Projekt?
Bragg: Das darf ich Ihnen nicht sagen. Er verwendet meinen Namen nicht, und ich muss das respektieren. Aber er mag Musik, die etwas zu sagen hat. Sie ist immer noch wichtig als eine Methode, Ideen zu vermitteln und sich mit Beziehungen, Politik oder Gender-Fragen zu beschäftigen. Aber ich will nicht der Typ sein, der jungen Leuten erzählt, wie toll The Clash waren.

profil: Sondern?
Bragg: Ich will hören, was für einen Druck die Generation unserer Kinder fühlt: die erste Generation, die ärmer sein wird als ihre Eltern. Sie durchlebt eine Krise, und ich will hören, wie sie sich dabei fühlt. Ich glaube nicht, dass die alle glücklich sind. Sie sind ebenso verwirrt, wie wir es waren. Was mir aber Sorgen macht, ist, dass es für jemanden mit meiner Herkunft so viel schwerer geworden ist, von einem Job zu leben, wie ich ihn habe. Als 1984 der Minenarbeiterstreik passierte, war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich stand vor dem leeren Tor, der Ball kam direkt auf meinen Kopf zu. Ich brauchte nur einzunetzen. Ich war politisch, solo, kam vom Punk und auch noch aus der Arbeiterklasse – das passte genau zu den Ereignissen bei diesem Streik. Es ist auch eine Frage des Glücks. Dass es nach 30 Jahren immer noch Menschen gibt, die mich singen hören wollen, ist jedenfalls schon ein Grund zum Feiern.

profil: Sie nehmen stets Bücher mit auf Ihre Tourneen. Welche sind es diesmal?
Bragg: Eines heißt „The Sleepwalkers“ von Christopher Clark. Es zeichnet die Ereignisse nach, die zum Ersten Weltkrieg führten. Als ich davon hörte, dass ein malaysisches Flugzeug im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Russland abgeschossen worden ist, ging mir ständig dieser Name durch den Kopf: Erzherzog Franz Ferdinand. Mir ist das Blut in den Adern gefroren beim Gedanken daran, was ein solcher Abschuss auslösen könnte. Heute Abend wird mich mein Sohn anrufen, er ist 20, und er wird fragen: „Was bedeutet das, Dad?“ Ich mache mir Sorgen, denn das ist eine dieser Situationen, die aus heiterem Himmel kommt, so wie damals im Sommer 1914. Aber vielleicht lerne ich noch mehr darüber aus Clarks Buch.

profil: Auch Großbritanniens gegenwärtige Regierung sucht ihr Heil im Aufbau äußerer Feindbilder.
Bragg: Ja, aber ich glaube, damals war der Nationalismus zügelloser. Was sich heute etwa als schottischer Nationalismus versteht, ist mit dem serbischen von damals nicht vergleichbar. Dass die britische Regierung einerseits den Drang des schottischen Volks nach Selbstverwaltung abtut, andererseits aber nicht bereit ist, ihre eigene Souveränität mit Europa zu teilen, erscheint schon ziemlich paradox. Was wir in England aber brauchen, ist Dezentralisierung. Als Engländer beschämt es mich, dass wir uns auf die Schotten verlassen müssen, aber wir brauchen sie als Katalysator, um unsere Verfassung zu ändern.

Zur Person
Billy Bragg, 56, gilt seit über 30 Jahren als das politische Gewissen der britischen Musikszene. Musikalisch entwickelte er sich von seinen Anfängen als „One Man Clash“ zum Folk-Troubadour (siehe das letztjährige Album „Tooth and Nail“). Seine um 2000 gemeinsam mit der Americana-Band Wilco eingespielten Vertonungen des Textnachlasses von Woody Guthrie etablierten den linken Aktivisten Bragg auch jenseits des Atlantiks als Fahnenträger der Protestsongtradition. Braggs Händchen für berührende Liebeslyrik wird dabei oft unterschätzt. Am 25. Juli wird er im Rahmen des Festivals Foto: „Glatt und verkehrt“ in Krems auftreten.