Brangelina: Warum uns diese Trennung so in Atem hält

Ein Bild aus glücklicheren Tagen

Ein Bild aus glücklicheren Tagen

Die Brangelina-Trennung hält die Welt in Atem wie zuletzt nur die Scheidung von Prinz Charles und Lady Di. Angelika Hager über einen voyeuristischen Tsunami, der uns allen guttut.

Oscar-Preisträger Charles Randolph, Drehbuchautor des Finanzthrillers "The Big Short", kennt Brad Pitt, der den Film produzierte und darin eine Nebenrolle spielte, aus nächster Nähe. "Der Mann ist einer der entspanntesten Hollywood-Stars, denen ich je begegnet bin", so Randolph. "Komplett unegozentrisch. Am liebsten wäre ihm ein völlig zurückgezogenes Leben mit seiner Familie - abseits von roten Teppichen und dem ganzen Trubel. Er ist einfach viel zu lange im Geschäft, als dass ihm das alles noch etwas bedeuten würde."

Das profil-Gespräch fand im Vorfeld zu den Oscars statt. Jetzt liegt die glamouröseste Miles & More-Sippe in den Trümmern ihres multikulturellen Patchwork-Vorzeigekonstrukts. Dass die Medienmaschinerie angesichts dieses Trümmerhaufens rotiert, wie zuletzt nur bei der Trennung von Prinz Charles und Lady Di 1992, ist so befremdend wie logisch. Schließlich wurde sie in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich von der Firma Brangelina mit Dramen wie Jolies Brustentfernung oder dem Krebstod der Mutter, Triumphen in Form von Familienzuwachs und Hochzeit sowie Edeltaten in den Krisenherden dieser Welt gefüttert - und immer saßen dabei die Frisuren der beiden perfekt, und Jolies Lippen bebten verführerisch. Ganze Legionen von Reportern, Paparazzi und Videorazzi hefteten sich an das Liebespaar, "das so eindrucksvoll wie kein zweites Schönheit, Glamour, Tragik und Macht symbolisierte" ("Psychology Today"), und ihre pittoreske Kinderschar. Dass diese achtköpfige Märchentruppe jetzt scheiterte, vereint die Rezipienten zu einer voyeuristischen Glaubensgemeinschaft. Mit der psychohygienischen Nebenwirkung, dass die Komponente des Neids auf eine so betörend wie deprimierend perfekte Konstellation angesichts der eskalierenden Schlammschlacht ausgelöscht wird. "Die Schmerzen der Gegenwarts-Götter wirken für ihr Publikum entlastend", so der Entertainment-Psychologe Neal Gabler. "Und je anhaltender sie ihrem Publikum zuvor von ihrem Glück erzählt hatten, desto wohltuender ist auch ihr Unglück."

Berüchtigte Scheidungsanwältin

Der ehemals coolste Großfamilien-Dad des Planeten muss sich jetzt in jedem Fall sehr warm anziehen. Nicht zuletzt weil "Angie", wie er sie vormals zärtlich nannte, jene Scheidungsanwältin angeheuert hat, die in Hollywood-Kreisen die Spitznamen "Ein Gruß aus der Hölle" und "Disso-Queen" (Slang-Ausdruck für "divorce" - Scheidung) trägt: Die 47-jährige Laura Wasser, selbst mit einem Star-Aussehen genetisch geadelt, gilt als Superwaffe bei Trennungsprozessen. Die Trophäen-Galerie ihrer Kundschaft glänzt mit Namen wie Johnny Depp, Heidi Klum, Britney Spears und Kim Kardashian. Wassers Stundentarif beträgt 800 Euro. Als Voraus-Salär, damit sie sich überhaupt einmal in eine Causa einarbeitet, sind 22.000 Euro zu entrichten. Petitessen angesichts eines Brangelina-Vermögens von - laut "Forbes" - 400 Millionen Euro, exklusive diverser Immobilien wie Anwesen in Hollywood, New York, Kambodscha und dem südfranzösischen Schloss Miraval, in das sich Pitt am liebsten als aktiver Winzer zurückgezogen hätte. Der Rosé (19,50 Euro) ist übrigens bei Wein & Co erhältlich und schmeckt etwas säuerlich.

Dass der Mann unter Dauerstress stand, ist für uns Normalos durchaus nachvollziehbar: Denn die Anforderungen, die die Borderline-Amazone Jolie an den "einfachen Jungen aus Missouri" ("Vanity Fair") stellte, waren "larger than life": Pitt, dessen Showkarriere in einem Hühnerkostüm als Animateur für die Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken begonnen hatte, eher er Geena Davis im feministischen Drama "Thelma & Louise" zu ihrem ersten Orgasmus verhalf, musste den größten Gutmenschen, liebevollsten Großfamilienvater, coolsten Hollywood-Star und hingebungsvollsten Ehemann in Personalunion abgeben. Und ging dabei, fast ein bisschen wie Prinz Philip hinter der Queen, immer ein paar Schritte hinter "der Chefin", wie er sie manchmal nannte.

Dass Jolie an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, ist nicht nur ein Gerücht: In prae-Pitt-Interviews erzählte sie immer wieder von Selbstverletzungen, einem klassischen Symptom dieser Erkrankung. Die treibende Kraft hinter den Fotoinszenierungen, in denen die Nomadensippe ihr Glück fassbar machte, war nahezu ausschließlich Jolie. "Sie wusste mehr als Pitt, dass beide in der Kombination ihren Marktwert um ein Zehnfaches steigern konnten", so Jess Cagle, Redakteur bei "People"."Brangelina war über die Jahre zu einer Marke gewachsen, mit der man Millionen mobilisieren konnte."

Eine Beziehung als Marke

Das Weinschloss in der Provence war die Location für die Hochzeitszeremonie des goldenen Paars am 23. August 2014. Die glückstrunkenen Bilder der achtköpfigen pittoresken Großfamilie wurden exklusiv um umgerechnet 1,5 Millionen Euro an die Magazine "People" und "Hello!" verkauft. Das Brautkleid war schlicht und von Versace, aber hatte auch einen Stammesmutter-Twist: Alle sechs Kinder (drei biologische, drei adoptierte im Alter von acht bis 15 Jahren) durften den Satinrock bemalen, es wurde Rosenblättersaft gereicht und der Hochzeitsmarsch von Wagner gesummt. Die Marke Jolie-Pitt summte dann auch entsprechend - von der "Hindustan Times" bis zum "Darmstädter Boten" klopften die Society-Redakteure Ergriffenheit, volle Kraft voraus, in ihre Computertastaturen. Das Ergriffenheits-Barometer hatte zuvor nur noch bei den ersten Fotos der neugeborenen Zwillinge Vivienne und Knox, heute acht, höher ausgeschlagen - die Bilder lukrierten damals kolportierte elf Millionen Euro. Angeblich flossen die Verkaufserlöse beider Events sofort in die Pitt-Jolie-Stiftung, denn Angelina Jolie hat neben der Stammesgründung, der Inszenierung ihrer Schönheit, einer Hollywood-Karriere, in der sie ihren Kontrollwahn zunehmend auch als eher mittelmäßige Regisseurin auslebt, auch die Weltrettung auf ihrer Erledigungsliste stehen. Die Stiftung spendete Millionen für Waisenkinder in Haiti, Kriegsopfer in Dafur, Vergewaltigungsopfer in Bosnien oder syrische Flüchtlinge. Dass die Ehe seit geraumer Zeit nicht zum Besten stand, konnte man schon voriges Jahr nach Ansicht des trantütigen Melodrams "By The Sea" (Regie und Drehbuch: Angelina Jolie) ahnen, das offensichtlich als eine Art Autotherapie diente: Jolie und Pitt spielten ein entfremdetes Paar, das sich lähmend langatmig in einem südfranzösischen Hotel nichts zu sagen hat.

Dass die 41-jährige Jolie, die auf ihrem Bauch die blaue Tätowierung "Quod me nutrit me destruit - Was mich nährt, zerstört mich auch" trägt, "zum Wohle der Familie" die Scheidung beantragte, wirkt alles andere als glaubhaft. Ihre Anwältin Laura Wasser zielt klar auf eine Strategie ab, die im amerikanischen Rechtsjargon unter "character assassination" (Charakter-Ermordung) läuft. Mithilfe der beiden Jolie- Beraterinnen Arminka Helic und Chloe Dalton, die zuvor für den früheren britischen Außenminister William Hague gearbeitet hatten, wurden die Medien in den vergangenen zwei Wochen gezielt mit "Insiderberichten" gefüttert, die Pitts angebliche Aggressions-und Drogenprobleme thematisierten. Das Hauptaugenmerk bei der imagezerstörerischen Infiltration lag auf einem Zwischenfall im Brangelina-Privatjet: Auf einem Flug nach Los Angeles soll Pitt den 15-jährigen Adoptivsohn Maddox physisch bedroht haben. Der arme Mann muss jetzt regelmäßig zum Urintest. Und signalisierte dem Fürsorgeamt seine Kooperationsbereitschaft. "Fight Club" heißt einer der berühmtesten Filme mit Brad Pitt, in dem sich Männer aus purer Lust an der Aggression ihren Gegnern stellten. Borderliner, so wissen wir aus der Psychiatrie, sind Weltmeister in Aggressionsszenarien und Kränkungsdramaturgien. Doch was weiß ein einfacher Junge aus Missouri schon von solchen Psychodynamiken.