Bundestheater-Chef Georg Springer: „Was heißt marod?“

Bundestheater-Chef Georg Springer: „Was heißt marod?“

Georg Springer, Chef der Bundes­theater-Holding, über Planungsfehler an der Burg, Sanierungs­hoffnungen und Matthias Hartmanns Zukunft.

Interview: Karin Cerny und Stefan Grissemann

profil: Sie sagen, Sie hätten das Chaos in der Burg-Buchführung niemals ahnen können. Dennoch haben Sie, im Unterschied zu Direktor Matthias Hartmann, Ihre Mitverantwortung eingestanden. Warum?
Georg Springer: Ich empfinde es als moralische Verpflichtung, mich zu der Verantwortung zu bekennen, die ich aufgrund meiner Funktion habe. Ich tue das mit ruhigem Gewissen, weil die Causa jetzt endlich dort ist, wo sie hingehört: bei den zuständigen Prüfungsinstanzen, die objektiv zu entscheiden und die Schuldfrage zu klären haben.

profil: Der forensische Endbericht über die entlassene Ex-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky nennt kaum konkrete Zahlen. Wie kommen Sie auf den Betrag von 2,7 Millionen Euro, für dessen Verlust Stantejsky verantwortlich sein soll?
Springer: Aus dem Bericht können Sie finanziell nicht viel schließen, aus dem Zahlenwerk des Burgtheaters für 2012/13 aber alles: Wir haben anstelle eines infolge der neuen Abschreibungsmethodik prognostizierten Verlustes plötzlich einen mehr als doppelt so hohen Minusbetrag von 8,3 Millionen Euro. 5,6 Millionen sind die durch die neue Geschäftsführung aktualisierten Auswirkungen der geänderten Abschreibungspraxis von fünf auf drei Jahre. Es bleiben 2,7 weitgehend unerklärte Millionen.

profil: Warum gehen diese automatisch zu Stantejskys Lasten?
Springer: 1,1 Millionen sind durch nicht nachvollziehbare Belege verursacht, durch unerklärbare Geschäftsvorgänge. Und 1,6 Millionen Euro sind unrealistische Prognosen in der Planung für 2012/13. Gastspieleinnahmen waren zu hoch veranlagt, Personalausgaben zu niedrig angegeben.

profil: Sind solche Planungsfehler aber „dolos“? Die einstige Zielvorgabe der Holding, Produktionen statt auf drei auf fünf Jahre abschreiben zu lassen, hat der Realität doch auch nicht standgehalten.
Springer: Wieso der Realität nicht standgehalten? Diese Abschreibungsmethodik wurde vom damaligen Abschlussprüfer für 2008/09 gutgeheißen und erst für 2011/12 vom neuen Prüfer abgelehnt! Was die Planung anlangt, wird die Staatsanwaltschaft klären, ob das irrtümliche Annahmen von Stantejsky waren oder bewusste Bilanzverfälschungen. Tatsache ist, dass 1,1 Millionen Euro als ungeklärt zu deklarieren sind – für uns ein massiver Grund, keine Vertrauensbasis mehr zu dieser ehemaligen Mitarbeiterin zu haben.

profil: Denken Sie, Ihre Einzeltäterthese wird haltbar sein? Muss man nicht eher von einem maroden Gesamtsystem ausgehen?
Springer: Was heißt marod? Es ist ein vollkommen funktionsfähiges System – das beweisen die anderen Gesellschaften innerhalb der Holding. Wir haben 2010 aus gutem Grund alle Gesellschaften neuerlich strikt angewiesen, das Vieraugenprinzip unbedingt einzuhalten. Anlass war damals der Skandal um die Salzburger Osterfestspiele. Nun weiß man: Es hat an der Burg kein Vieraugenprinzip und oft keine Verträge gegeben, Belege wurden formlos nachgeliefert. Da wurde allen Grundsätzen einer ordnungsgemäßen Geschäftsführung widersprochen.

profil: Haben Sie Hartmann bei seinem Amtsantritt nicht darüber aufgeklärt, dass er nicht nur als Künstler engagiert wurde?
Springer: Das war nicht nötig, er hat mir gegenüber stets darauf hingewiesen, dass er erfolgreich zwei Häuser geführt habe – und dass er sich gerade für die wirtschaftliche Seite außerordentlich interessiere.

profil: Wird über eine Suspendierung Hartmanns nachgedacht?
Springer: Ich habe keine Sekunde lang solche Gespräche geführt. Das muss der zuständige Minister entscheiden, und der sieht derzeit offensichtlich keinen Grund dazu, sonst hätte er nicht Rechtsgutachten eingefordert. Ein Husarenstück wäre natürlich, Hartmann abzuberufen – und sein Dienstvertrag könnte mangels rechtlicher Gründe nicht auch beendet werden. Dann wäre er zu keiner Dienstleistung verpflichtet und müsste bis 2019 ausbezahlt werden.

profil: Wenn man einen Blick in die Bilanzen des Burgtheaters wirft, erkennt man, dass sich 2004/05 die Schulden des Hauses auf 5,7 Millionen Euro beliefen, sieben Jahre später waren es bereits 16,6 Millionen. Wie lässt sich diese Verdreifachung erklären?
Springer: Zunächst einmal sind das Bilanzstichtagszahlen, also Momentaufnahmen. Wir haben aber auch seit 2001 laufend darauf hingewiesen, dass wir konzernweit unterfinanziert sind. Vielfach wissen wir im Moment gar nicht mehr, wo wir einsparen sollen. Der Personalaufwand steigt ständig, die Subventionen stagnieren.

profil: Hartmann ist stolz auf einen Besucherzuwachs von 30 Prozent. Dieser schlägt sich im Umsatz, der seit 2004/05 zwischen 7,5 und 8,6 Millionen Euro schwankt, jedoch kaum nieder.
Springer: Hartmann spricht auch von einer Steigerung der Karteneinnahmen, die sich real zwar nicht bei 30, aber immerhin um die 23 Prozent bewegt. Steigende Besucherzahlen sind ein Kompliment des Publikums für seinen künstlerischen Weg.

profil: Das Publikumsinteresse hochzuhalten, treibt aber auch die Kosten in die Höhe. Ein sinnvolles System?
Springer: Man wird die Bundestheater nie über die Einnahmen sanieren können, nur über die Ausgabenseite. Das Burgtheater ist auf dem Weg, seinen Produktionsaufwand einzuschränken. Vielleicht wird man auch die Zahl der Neuproduktionen revidieren müssen. Es muss gespart werden. Und es wird im Geschäftsjahr 2013/14 keine rote Zahl entstehen, nur gewaltiger Sanierungsbedarf für die Vergangenheit.

profil: Wie muss man sich das vorstellen: keine roten Zahlen, aber ein enormer Schuldenstand?
Springer: Ganz einfach – die Spielzeit 2013/14 wird ausgeglichen abgeschlossen werden, und die heute wegen der noch offenen Steuernachzahlungen erst teilweise bekannten Altlasten müssen vom Burgtheater schrittweise aus eigener Kraft saniert werden. Um die Budgetsituation zu entspannen, wäre etwa der angedachte Verkauf der Probebühne an die Holding-eigene „ART for ART“ ein durchaus sinnvoller Schritt. Das wäre keine externe und teure Sale- und Lease-back-Situation; die Probebühne bliebe im Konzerneigentum, und so würden sich Bilanzseite und Liquidität des Burgtheaters maßgeblich verbessern.

profil: Können Sie ausschließen, dass bei dem Versuch, die Burg zu sanieren, auch die Rücklagen von Staats- und Volksoper herangezogen werden?
Springer: Rücklagen gibt es auch dort keine mehr! Die anderen Gesellschaften werden aber sicher nicht zur Kassa gebeten. Das Burgtheater muss den Liquiditätsstand auf- und den Schuldenstand abbauen. Es wird sich aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln retten müssen, so viel kann ich garantieren.