„City of God“-Regisseur Meirelles über die Fußball-WM: „Schuss ins Knie“

„City of God“-Regisseur Meirelles über die Fußball-WM: „Schuss ins Knie“

„City of God“-Regisseur Fernando Meirelles über die „quasi-kriminelle“ FIFA, überteuerte Stadien, gewalttätige Demonstranten und das Lateinamerikanische an den deutschen Spielern bei der Fußball-WM in Brasilien.

Von Alexandra Muz, São Paulo

Es war ein Einblick in die brutale Realität in einem der verrufensten Armenviertel in Rio de Janeiro: Die „Cidade de Deus“, brasilianisch für „Stadt Gottes“, erlangte durch den Oscar-nominierten Film „City of God“ im Jahr 2002 weltweite Bekanntheit. Für viele Zuschauer war die Geschichte über die blutigen Bandenkriege in dem Elendsviertel am Rande von Rio der erste Kontakt mit Brasilien. Den Regisseur, Fernando Meirelles, machte der Film berühmt. Seit 2011 hat die Polizei die Drogenbanden aus der „Stadt Gottes“ vertrieben. Die Rückeroberung der Armenviertel der brasilianischen Städte war nur ein Punkt einer groß angelegten Initiative, mit der sich das Land auf die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 vorbereitet hat. Die meisten Brasilianer jedoch sind skeptisch, denn sie misstrauen der Polizei, die als korrupt und brutal gilt. Sie sähen das Geld lieber in das Bildungs- und das Gesundheitssystem investiert als in Projekte, von denen sie glauben, dass sie nur kurzfristig den WM-Touristen dienen sollen. „Die Kosten für die Stadien sind absurd, besonders in den Städten, die nicht einmal ein funktionierendes Abwassersystem haben“, sagt Meirelles. Seit Juni 2013 gehen die Brasilianer gegen die derzeit in ihrer Heimat laufende WM auf die Straße, um gegen die hohen öffentlichen Kosten für das Großevent zu protestieren.

profil: Ist die Heim-WM für Brasilien nun Fluch oder Segen?
Fernando Meirelles: Wie alles im Leben hat auch diese WM zwei Seiten. Die Freude der Brasilianer über das Fest ist getrübt durch all das, was im Vorfeld schiefgelaufen ist. Die WM bringt uns in den Fokus, das ist gut, aber auch unsere Unzulänglichkeiten werden dabei sichtbar. Sportlich gesehen kann die WM richtig gut werden, denn unsere Mannschaft hat reelle Chancen, den Titel zu gewinnen, was unser Selbstvertrauen steigern und uns noch mehr zusammenrücken lassen würde. Wirtschaftlich aber ist dieses Turnier fürchterlich, denn die FIFA wird laut Schätzungen fünf Milliarden Euro Gewinn machen, während wir, die Brasilianer, die Rechnung dafür bezahlen dürfen.

profil: Also eine WM der gemischten Gefühle?
Meirelles: Wie fast alle meine Freunde werde ich die Spiele mit Begeisterung verfolgen. Aber das bedeutet nicht, dass wir es gut finden, wie sie von der Regierung organisiert wurden: etwa dass viel mehr Geld als geplant ausgegeben wurde, dass die Termine nicht eingehalten wurden und dass am Ende dem Druck dieser quasi-kriminellen Vereinigung FIFA nachgegeben wurde, die kam, um unser Land auszunehmen.

profil: Im Ausland überwog stets die Vorstellung, dass Brasilianer freundlich und unkompliziert sind. Nach den Protesten und den Problemen hat dieses Bild Risse bekommen. War es schon immer zu oberflächlich?
Meirelles: Ich glaube nicht. Schulen, Krankenhäuser und der öffentliche Nahverkehr sind ineffizient. Die Kosten für die Stadien absurd, besonders in Städten, die nicht einmal ein funktionierendes Abwassersystem haben. Dennoch, wenn unsere Mannschaft spielt, steht Brasilien still. Alles macht dicht. In einem zivilisierten Land wie Österreich könnte das absurd erscheinen, aber ich bin glücklich, dass es so ist. Es scheint, als könnten wir Prioritäten setzen: Die Arbeit kann warten, denn unser Leben besteht nicht nur aus Produzieren.

profil: Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen in Brasiliens Städten. Warum?
Meirelles: Während der Demonstrationen im Juni 2013 gingen Millionen Menschen in ganz Brasilien friedlich auf die Straßen. Es waren die ersten und die friedlichsten Kundgebungen. Doch wenig später tauchten die ersten Mitglieder des „Schwarzen Blocks“ auf, kleine, radikale Einheiten, die öffentliche Gebäude beschädigten. Das ist eine Bewegung, die in Deutschland in den 1970er-Jahren entstanden ist und die einige Brasilianer erstmals als Idee übernommen haben. Das war schlimm, denn wegen der Gewalt hatten viele Menschen Angst, weiter auf die Straße zu gehen, was letztlich die Bewegung als Ganzes geschwächt hat. Es gibt viele, die glauben, dass die Mitglieder des „Schwarzen Blocks“ vom Staat bezahlt wurden, um die Protestbewegung zu untergraben. Wenn es so gewesen sein sollte, haben sie ihr Ziel erreicht.

profil: Mehr als die Hälfte der Brasilianer lehnten die WM in Umfragen kurz vor Anpfiff ab, der Regierung werden die immensen Kosten der WM vorgeworfen, die FIFA selbst stellt dort inzwischen das Böse schlechthin dar. Wie ist es möglich, dass die WM, die eigentlich als Bühne dafür dienen sollte, um Brasiliens Stärke als Wirtschaftsmacht zu demonstrieren, zu einem derartigen PR-Desaster wurde?
Meirelles: Das war ein Schuss ins Knie. Wenn die Politiker das geahnt hätten, hätten wir wohl keine WM gehabt. Diese Stadien sind Ausdruck einer Verwaltung, die nicht rational denkt und das Land, in dem wir leben, nicht versteht.

profil: Sie haben Werbespots gedreht, in dem Sie Bilder der Proteste integriert haben. Auf der anderen Seite bringt die WM Ihnen viel Arbeit, da ihre Produktionsfirma Spots für Firmen dreht, die mit der WM ihre Produkte verkaufen. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?
Meirelles: Ich habe nichts gegen die WM und werde so viele Spiele anschauen, wie es meine Zeit erlaubt. Ich würde aber
niemals WM-Werbung für die Regierung machen. Ich persönlich kaufe sehr wenig, aber Teil meines Jobs ist es, genau das Gegenteil davon zu erreichen. Das ist ein Widerspruch, der mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich glaube, deswegen pflanze ich auch im großen Stil Bäume in meiner Finca. Nicht nur, um den CO2-Ausstoß meiner Firma zu kompensieren, sondern auch, um mit meinen Schuldgefühlen besser umzugehen.

profil: Was würde es für das Land bedeuten, wenn Brasilien nicht Weltmeister werden würde?
Meirelles: So ernst, wie wir den Fußball nehmen, würden wir sicher lange Zeit traurig sein. Aber ich glaube, dass wir Weltmeister werden. Obwohl mir die deutsche Mannschaft ganz schön Angst einjagt. Ich kann es eigentlich kaum laut aussprechen, aber ich mag sogar die Art, wie Deutschland spielt. Ich bin ein großer Fan von Bastian Schweinsteiger – als Spieler und auch als Mensch (Meirelles drehte mit ihm einen Werbespot, Anm.). Er strahlt eine Lebensfreude aus, die fast schon lateinamerikanisch ist.

profil: Und wenn Brasilien Weltmeister wird?
Meirelles: Hoffentlich können wir dann alle Fußball und Politik trennen. Wir wählen im Oktober, und ich hoffe, dass unser Volk in seiner Euphorie nicht vergisst, was uns gestört hat, bevor wir Weltmeister wurden.

Zur Person
Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles wurde mit „City of God“, einem Film über das von Gewalt geprägte Leben in den Slums von Rio, weltberühmt.