Cliff-Hangovers: Serien als Lebenshelfer?

Cliff-Hangovers: Serien als Lebenshelfer?

Serien wie "House of Cards" oder "Game of Thrones" machen süchtig und werden immer öfter im Episodenmarathon konsumiert. Das ist ungesund, aber ungemein entspannend.

Keine Angst, dieser Text ist frei von Spoilern. Unter TV-Junkies gilt die Preisgabe dessen, was in der gerade angesagten Serie demnächst an Intrigen, Skandalen, vertuschten Morden oder Affären mit tödlichen Ausgängen dräut, als moralischer Verstoß erster Güte.

Mit dem Start der fünften Staffel der düsteren Politserie "House of Cards" (siehe auch hier) am vergangenen Dienstag wurde bei vielen wieder jenes Suchtverhalten initiiert, das die Medienwissenschaft als "Binge"-Konsum bezeichnet. In der Suchtforschung steht "Binge" (Gelage) für exzessives und impulsgetriebenes Verhalten in Bezug auf Alkohol, Essen oder Computerspiele. Das Belohnungssystem des Hirns hungert nach sofortiger Befriedigung, der Suchtmotor muss mit neuem Treibstoff gefüttert werden. Und dieser kommt im Serienfernsehen mit der nächsten Folge. Das durch den vorangegangenen Cliffhanger entstandene Fieber der Unruhe und Nervosität muss gestillt werden.


Ich fühle mich dabei wie ein Kind, dem die Mutter ständig zuruft: 'Du wirst dir das Hirn verbrennen!' Aber es ist ein so göttlich verbotenes Gefühl.

Die Nebenwirkungen solcher Exzesse sind verheerend: Embolie-Gefahr, Rückenprobleme durch stundenlanges Verharren in der gleichen Position, soziale Isolation, Übergewicht durch begleitendes "binge-eating" und schließlich Depressionen nach dem Staffelfinale. Laut einer japanischen Untersuchung ist die Sterblichkeitsrate exzessiver TV-Nutzer doppelt so hoch wie jene von Durchschnittsverbrauchern. "Doch das ist mir egal", schreibt ein australischer TV-Kritiker und bekennender "Game of Thrones"-Junkie: "Für eine Staffel brauche ich etwa eine Nacht und einen halben Tag. Ich fühle mich dabei wie ein Kind, dem die Mutter ständig zuruft: ‚Du wirst dir das Hirn verbrennen!‘ Aber es ist ein so göttlich verbotenes Gefühl."

Im Falle der neuen Staffel von "House of Cards" müssen jene, die süchtig nach den machiavellistischen Ränkespielen des US-Präsidentenpaars Claire und Frank Underwood sind, immer wieder auf kalten Entzug gehen. Die 13 Folgen der fünften Staffel sind für Sky-Abonnenten wöchentlich nach der US-Ausstrahlung abrufbar, das On-Demand-Portal Amazon Prime, seit 2014 auch in Österreich erhältlich, zieht mit einem Tag Verzögerung im nahezu gleichen Rhythmus mit. Viele Serienpatienten wollen sich diesen "coitus interruptus" jedoch nicht mehr zumuten, sondern warten ab, bis zumindest die Hälfte der Staffel am Stück abrufbar ist. Dann tauchen sie nächteweise in ein Shakespeare’sches Washington ab, in dem die Politik zu einem machtgeilen Pokerspiel verkommen und Moral die vernachlässigbarste aller Kategorien ist.

TV-Serien im klassischen Fernsehen zu konsumieren, oft mit mehrjähriger Verspätung, gilt innerhalb einer popkulturell ambitionierten Bildungsschicht als so gestrig wie Musikkassetten oder Fax-Verkehr. Den früheren Lagerfeuergedanken des Fernsehens (alle zu einer bestimmten Zeit rund um den Schirm) lebt man heute innerhalb dieser Gruppe allerhöchstens bei altmodischen Dauerbrennern wie "Tatort".

Mit der schleichenden Übernahme der Fernsehkultur durch das Internet sind TV-Serien auf On-Demand-Portalen wie Amazon Prime oder Abo-Online-Videotheken wie Netflix jederzeit und häufig in ganzen Staffelbrocken abrufbar. Das dadurch mögliche "Koma-Glotzen" hat inzwischen das Freizeitverhalten infiziert wie Fleckenfieber. Die Beratungsfirma Deloitte erhob kürzlich, dass in den Vereinigten Staaten 70 Prozent der Fernsehkonsumenten bereits regelmäßige "binge watcher" sind. Besonders Jugendliche ziehen sich Serien-Fiction nach diesem Prinzip rein. Durchschnittlich zwei Stunden des täglichen Internetkonsums sind in Amerika dem Streaming von Filmen und Serien gewidmet. Doch auch in Österreich wird Fernsehkonsum zunehmend nach der Binge-Methode praktiziert: Laut einer Umfrage von "HD Austria" gaben 76 Prozent der Befragten an, dass sie Serien am liebsten auf diese Weise sehen, weil der Unterhaltungseffekt größer sei und "Binge" ihnen beim Stressabbau helfe.

Netflix, ein 1997 in Kalifornien gegründeter DVD-Versand und spätere Online-Videothek, verfügt inzwischen über 100 Millionen Abonnenten in 190 Ländern (50.000 in Österreich). 2013 startete die Eigenproduktion von "House of Cards" unter der Ägide des Star-Regisseurs David Fincher ("Fight Club"). Damit wurde endgültig eine neue Ära der TV-Ästhetik und des TV-Konsums eingeläutet, die David Lynch mit der revolutionären Thrillerserie "Twin Peaks" schon vor 25 Jahren vorweggenommmen hatte.

Hollywood-Größen wie Lynch, Fincher, Steven Soderbergh ("The Knick") und Stars wie Kevin Spacey, Robin Wright, Nicole Kidman, Clive Owen oder Reese Witherspoon haben längst kapiert, dass Fernsehen das Kino des 21. Jahrhunderts ist und aufgrund der vertikalen Erzählstruktur die größeren Herausforderungen bietet. "Gute Frauenrollen sind im Film so selten geworden, dass man grenzenlos dankbar ist, einer solch widersprüchlichen Figur über eine ganze Staffel Leben einhauchen zu dürfen", sagt Kidman, die in der grandiosen HBO-Serie "Big Little Lies" (bei uns auf Amazon Prime zu sehen) eine vermeintliche Supermutter spielt. "Big Little Lies" ist aber nicht nur "smart, provokant und fantastisches Fernsehen" ("The New Yorker"), sondern auch ein überspitztes und brandmodernes Abbild gesellschaftlicher Realität. Es zeigt den Kampf zwischen Vollzeit-Vorzeigemüttern, die ihre Kinder wie Lifestyle-Trophäen vor sich hertragen, und alleinerziehenden Modernisierungsverliererinnen oder Karrierefurien, die ihre Brut betreuungstechnisch "outsourcen".


Serien sind eben nicht nur Unterhaltung, sondern auch Lebenshelfer

Wie in "Big Littles Lies", "The Good Wife" oder "The Affair" emotionale Konflikte, Beziehungskrisen und Existenzkämpfe ausgetragen werden, dient den Konsumenten auch als verhaltenstherapeutischer Ratgeber und Navigationssystem durch eine immer komplexere Wirklichkeit. Serien sind eben nicht nur Unterhaltung, sondern auch Lebenshelfer.

Früher wurden diese Funktionen von Romanen ausgefüllt, die häufig in Fortsetzungen in Zeitungen erschienen. Große Schriftsteller wie Honoré de Balzac, Mark Twain, F. Scott Fitzgerald oder Charles Dickens hielten so ein Millionenpublikum bei der Stange. "Die Leute, die am meisten unterhalten werden wollen , sind am Ende diejenigen, die am wenigsten informiert sind", hatte Robert F. Kennedy in den 1960er-Jahren noch eindringlich vor der Verblödung durch den Konsum von Massenfiktion gewarnt. "House of Cards" revidiert diese Ansicht um 180 Grad. Als Frank Underwood seine ersten Schwimmzüge im Polit-Haifischbecken tat, war Barack Obama an der Macht. Und kein Mensch hielt es für möglich, dass ein so moralfreier, korrupter, egomanischer und rücksichtsloser Mensch wie Frank Underwood je Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte. "Wir dachten, wir gestalten ein alternatives Universum", so Kevin Spacey: "Nie haben wir damit gerechnet, dass sich die Realität so in unser Drehbuch einmischt."