Comeback: Rudi Nemeczek macht noch einmal Minisex

Comeback: Rudi Nemeczek macht noch einmal Minisex

30 Jahre danach: Rudi Nemeczek macht noch einmal Minisex. Höhepunkt nicht ausgeschlossen.

Großer Auftritt: Die Tür schwingt auf, der erste von vielen Zigarillos glüht in der Hand von Rudi Nemeczek, zur Begrüßung fragt der Künstler an diesem frühen Nachmittag, genau in dieser Reihenfolge: „Wein, Cola, Mineral?“
Es wird dann doch Kaffee, Nemeczek ist schon länger wach heute, noch im Morgengrauen war ein Frühstücksfernsehteam da. Der Popstar war dabei aber nur Nebendarsteller. Die TV-Leute wollten seiner Frau Niki Osl bei der Arbeit zusehen; die 33-Jährige entwirft Hüte und Blumenschmuck. Aber jetzt hat ihr Gatte seinen Auftritt, er zelebriert ihn mit sichtlichem Genuss, führt mit lässig wiegendem Cowboyschlurfen durch seine üppig dekorierte Altbauwohnung: bisschen moderne Kunst, bisschen fernöstlicher Kram (Nebensatz: „Das stammt alles von meiner Frau. Ich war ja, ehrlich gesagt, noch nie in Asien.“), überquellendes Plattenregal, Sofalandschaft, Blumen, Schreibtisch, Hometrainer. Die Lässigkeit im Gang hat auch gesundheitliche Gründe, die Hüfte des Popstars zwickt ein bisschen. Nemeczek, 58, trägt die Haare lang, dazu Jeans und oben offenes Hemd. Eine typische Geste sieht so aus: Kopf nach hinten schütteln, dazu wandert die Hand, Zigarillo abgespreizt, zur Gestikulation in Richtung Kinn. Der Popstar beginnt zu erzählen, von heute, von damals, vor allem natürlich von damals.

Schicksal der frühen Geburt: Wer im Wien der frühen 1980er-Jahre zum Popstar avancierte, muss 30 Jahre später als Zeitzeuge herhalten und aufpassen, dass er nicht zum Museumsstück wird – oder noch schlimmer: zur Retro-Kultfigur. Aber Rudi Nemeczek hat genug Ahnung von Werbung, um mit dieser Gefahr umzugehen. Der Minisex-Frontmann hat schließlich auch eine zweite Karriere hinter sich, war unter anderem Kreativdirektor bei den Agenturen Ogilvy und Publicis (und hat in dieser Funktion übrigens einen gewissen Hermann Maier als Werbefigur erfunden). Der PR-Profi blitzt immer noch durch, vor allem wenn ihn eine Frage zu weit weg führt von dem, um das es eigentlich gehen sollte. Dann wechselt er mitten im Gedanken bruchlos von den Heldengeschichten der Wiener New-Wave-Szene zu seinem aktuellen Album, denn genau darum soll es schließlich gehen: „Minisex: Reduziert“, die fünfte echte Minisex-Platte, Erscheinungstermin: 14. März 2014, also ziemlich genau 30 Jahre nach der vierten. Die hieß „AYO“, endete bezeichnenderweise mit dem Titel „Tschau Bye Bye“ und begann mit dem heute größten Hit der Band, dem hinterfotzigen Stalker-Schlager „Rudi Gib Acht“.

„Und du kommst nicht rein“
30 Jahre sind nun natürlich kein Tag, lassen sich aber doch erstaunlich bruchlos überbrücken. Minisex 2014, das ist immer noch eine wilde, bisweilen sogar betörende Mischung. Das sind kinderliedhafte Melodien und Texte, von denen manche auf den zweiten Blick zu schillern beginnen, manche aber auch bei wiederholtem Durchlauf ihre Banalität behaupten. Am Beispiel von „Musik“, der ersten Single zum neuen Album: „Wir sind verrückt nach Melodien / Sie klingen heute schön wie nie / Wir sind verrückt nach Melodien / Wir hassen und wir lieben sie.“ Das kann konkrete Poesie sein oder abstraktes Gefasel, und eben, dass es beides sein kann, macht es erst spannend. Ein Stück weiter („Du kommst“) das nächste Beispiel für den Nemeczek’schen Flirt mit Hoch und Tief und Dazwischen. Strophe: „Berghain, mit Freunden in Berlin / Die Loge in der Oper in Wien / Tanzen, tanzen im Astoria / Nightclubbing mit Glanz und Gloria.“ Refrain: „Und du kommst nicht rein.“

Merke: Die besten Sprüche sind die einfachen, die kleinen Erfolge die größten – und Schlagertexte im szenekundigen Pop immer noch die tödlichste Provokation. Das gilt heute genauso wie anno 1984.
Nemeczek schüttelt das Haar, gestikuliert mit Hand und Zigarillo und erzählt: „Wir sind vielleicht der einzige Wiener Act, der die Schere zwischen Bierzelt und Akademie geschafft hat. Beides ist sich ausgegangen. Man hat uns seltsamerweise nie vorgeworfen, dass wir uns nicht für eine Seite entschieden haben. Das war wohl teilweise Glück, teilweise die Großzügigkeit des Publikums. Minisex war immer eine Gratwanderung zwischen Ö3 und U4. Uns gab es ja schon 1978, wir kamen aus der New-Wave-Ecke, Art Pop und so, waren richtig Underground und haben uns dann durch diese Neue Deutsche Welle, die uns sehr dienlich war, ins Auge des kommerziellen Hurrikans bewegt. Teilweise sind wir wohl auch bewegt worden.“

„Das ist jetzt eigentlich Andrea Berg meets Suicide“
Hinausbewegt haben sie sich dann aber selbst, anno 1988: Minisex gingen abrupt auf Tauchstation, Nemeczek als Junior-Texter in die Werbung. „Für mich stand dahinter der Gedanke, dass ich es wahrscheinlich nicht auf ewig schaffen werde, Hits für junge Menschen zu schreiben. Besser abtreten, als abgetreten werden.“ Nicht ganz unbeteiligt war aber auch noch diese Episode in Berlin, die zur Entfremdung vom Musikgeschäft beitrug: Minisex nahmen gemeinsam mit Hans Behrendt von Ideal einige Stücke auf, darunter auch „Venus“ von der holländischen Rockband Shocking Blue. „Da dachte ich, genau das ist es, so können wir weitermachen. Und das Stück ist auch sofort von einer großen Plattenfirma gekauft worden. Dann ist die Nummer aber nie erschienen. Später sind wir draufgekommen, warum: Parallel haben auch Bananarama ,Venus‘ eingespielt, und das ist dann auch ein weltweiter Nummer-1-Hit geworden. Unsere Version wurde aufgekauft, damit sie der anderen nicht im Weg steht. Ganz ehrlich: Das hat mich wirklich fertiggemacht. Und ich habe gedacht: Aus, ich halte das nicht mehr aus.“

Plattenpräsentation im Arbeitszimmer, der Popstar entschuldigt sich für den Klang seiner Kleinanlage, wippt heftig rauchend mit dem rechten Fuß und hat, ganz Werbeprofi, zu jedem Song eine fantastische Fußnote parat, zum Beispiel: „Das ist jetzt eigentlich Andrea Berg meets Suicide.“ Klingt gut und stimmt sogar. Parallel erklärt Nemeczek sein Popverständnis: „Pop ist ja etwas, was in Österreich nie viel Publikum und Bühne gehabt hat – also Pop, wie ich es verstehe, in der Kategorie von David Bowie bis Roxy Music. Bei solchem Pop gibt es immer eine Spur mehr an doppeltem Boden, mehr Variationsmöglichkeiten in Richtung Ironie oder Eklektizismus. Gleichzeitig ist Pop etwas, das man gebrauchen sollte. Man hält es nicht privat. Insofern hoffe ich doch, dass es Leute geben wird, die unser Album lieben.“

Dass diese Hoffnung aufgehen könnte, liegt wohl auch an den Produzenten, die mit Nemeczek an „Reduziert“ gearbeitet haben. Es handelt sich um die Creme der Wiener elektronischen Tanzmusik, um Patrick Pulsinger, Christopher Just und Gerhard Potuznik, die Nemeczeks Riffs und Texte in einen durchaus gegenwärtigen Synthiepopsound gegossen haben, der bei aller New-Wave-Affinität auch in zeitgenössischen Technosets Bestand haben kann. Die Probe erfolgt mit der Plattenpremiere, die am 14. März im Wiener Club Grelle Forelle stattfindet. Das macht den Popstar einerseits ganz schön stolz, bereitet dem 58-Jährigen aber auch ein bisschen Bauchweh. „Die sperren dort erst um 23 Uhr auf. Da schlafe ich normalerweise schon halb.“

Aber, um es mit dem zu früh verstorbenen Nemeczek-Kumpel und Labelkollegen Hansi Lang zu sagen: Keine Angst. Minisex wird durchhalten – wenn es sein muss, bis zum Frühstücksfernsehen.

Foto: Philipp Horak für profil