David Staretz: Heiliges Blech

David Staretz: Heiliges Blech

Historische Bergrennen, rare Autos, dramatische Wertsteigerungen. Doch plötzlich biegt ein völlig unbeteiligter Cisitalia Spider aus der Nebenstraße.

Hammamet, Palermo, Šternberk in Nordmähren. Ausgesuchte Schauplätze von Zusammenkünften mit meist alten, aber immer teuren Autos. Mühen der Anreise, Mühen der Veranstaltung, Mühen des Soziallebens zwischen Teilnehmern und ihren Gattinnen, kaltes und warmes Buffet, Mühen der Heimreise am Sonntagabend.

Für mich als Besucher: Beruf und Berufung, Dienst als Freizeit, learning by looking, dazu noch ein bisschen Fotos machen und mit interessanten Menschen plaudern. Man bekommt ausgesuchte Raritäten zu sehen, trifft alte Haudegen mit Legendenstatus, steht mittendrin im bunten, lauten, schnellen und meist schon betagten Leben. Das kann auch ermüden.

Doch grundsätzlich, wenn man den positiven Aspekt der Veteranentreffen weiter ausführen möchte, sieht man Menschen, die das Auto als Kulturgut pflegen. Alte Autos, neues Geld. Industrie dahinter, keine Frage.

Denn diez Faszination steigt, es gibt oft mehr Teilnahmewillige, als in die Veranstaltung passen, der Wert etlicher fahrender Objekte wird von Auktionshäusern wie Christie’s oder Sotheby’s ermittelt, das Classic Car ist längst zum Geschäftsmodell geworden in der Konkurrenz zur bildenden Kunst, darf sich aber glaubhaft noch im Lichte der Passionen sonnen. Man kann die echten Liebhaber von den Liebhabern steigender Indizes trennen, muss man aber nicht. Denn alte Autos sind per se nichts anderes als das, benötigen Zeit und Zuneigung, Wartung und Pflege. Ich sah den greisenhaften Gründer von Corgi Toys, wie er auf seinem Bentley Birkin Blower den rumänischen Nebenstraßen trotzte und später im Regen ölverschmiert an den Kipphebeln hantierte. Freilich, die Engländer sind hier wiederum eine eigene Spezies und über jeden fiesen Verdacht erhaben.

Wie auch immer: Man wird belohnt mit Wertsteigerungen, die viele andere Anlageformen übertreffen. Ein junger Erbe aus Deutschland erzählt anlässlich eines privaten Club-Rennwochenendes auf dem Nürburgring: „Unser Vater hat ein Vermögen mit Steckverbindungen gemacht. Kein sexy Produkt, aber einträglich. Meine Schwester und ich verwalten das Erbe: ein Drittel Aktien und Anleihen, ein Drittel Immobilien, ein Drittel Klassiker der höchsten Kategorie. Und ja, mit den Autos erzielen wir die höchste Rendite. Nebenbei machen sie noch eine Menge Spaß.“ Man sieht einen Ferrari GTO, eine Shelby Cobra Daytona, einen Birdcage-Maserati, einen Lotus, man sieht englische Mechaniker und ehemalige F1-Piloten, die sich in den Boxen umtun. Der Ferrari ist leicht und unkompliziert zu fahren, seine bockige Cobra 289 gibt er lieber nicht aus der Hand. Legends alive, die beiden Fahrzeuge (mit sämtlichen Daten in offiziellen Verzeichnissen gelistet) waren als harte Konkurrenten gegeneinander konzipiert – man spricht heute von den Cobra-Ferrari-Wars 1963–1965, italienische Raffinesse gegen amerikanische Brute Force.

Solche Preziosen steigen dramatisch im Preis, 2014 wurde ein Ferrari GTO bei Bonhams um mehr als 38 Millionen US-Dollar versteigert; ein Lamborghini Miura wird heute um das Zwölffache von einst gehandelt, selbst „Scheunenfunde“, also möglichst unrestaurierte Raritäten, explodieren auf dem Markt, übertreffen bisweilen ihre Schwesternmodelle in Mint-Condition.

Vermehrt findet man auf Oldtimerveranstaltungen zweifelhafte Lookalikes, die auf alt und edel patiniert wurden. Denn der erhitzte Markt generiert natürlich auch Fälschungen. In Milwaukee konnte ich mich in einer hochmodernen Kellerwerkstätte davon überzeugen, dass ungelistete Motor- und Fahrgestellnummern plus ein paar Emblems reichen, um einen Ferrari 250 Testa Rossa täuschend echt darzustellen. Freilich gibt es Fachleute, die solche Fälschungen auf den ersten oder zweiten Blick erkennen. Tatsächlich staunt man, wie unverfroren bisweilen kopiert wird. Doch manchmal entlarvt sich die kriminelle Spur, wenn das Original mit den originalen Motor- und Fahrgestellnummern doch noch wo auftaucht.

Denn nicht jeder Liebhaber alter Autos ist auch Liebhaber des Auftriebs rundum. So fand ich es bemerkenswert, dass bei einer hoch angesehenen Veranstaltung in Palermo, der Monte Pellegrino Historic 2017, ein hellblauer Cisitalia Spider von 1951, völlig ungerührt und allein im Ortsverkehr unterwegs war. Dieses Auto ist schon als Coupé so rar und wertvoll, dass ein Exemplar zum ständigen Inventar des Museum of Modern Art in New York zählt. Man nennt dieses Coupé eines der formal gelungensten Automobile aller Zeiten. Vom Cabriolet gab es nur ganz wenige Exemplare, doch als ich den alten Herrn in seinem Auto beim sorgfältigen Abbiegen auf Nebenstraßen beobachtete, kam die eigentliche Klasse dieses Autos völlig aufwandslos zutage.