Designer Robert La Roche: Die Welt als Brille und Vorstellung

Designer Robert La Roche: Die Welt als Brille und Vorstellung

Der weltberühmte Wiener Designer Robert La Roche nimmt langsam Abschied von seinem Lebenswerk. Er ist damit seltsamerweise voll auf der Höhe der Zeit.

Der Duft von Brillen liegt in der Luft, aber er hat etwas Flüchtiges, Feinstoffliches und lässt sich vom Laien nicht wahrnehmen. Vom Profi hingegen sehr wohl. Robert La Roche steht in der ausladenden Wiener Altbauwohnung, die er seit 75 Jahren – mit langen, lebhaften Unterbrechungen – bewohnt, die Glocken der nahegelegenen Kirche Maria Treu scheppern gegen die Fenster, La Roche steht da, zwischen Wiener-Werkstätte-Stühlen, afrikanischen Masken, schweren Teppichen und moderner Kunst, atmet ein und sagt: „Es hat noch ein bisschen Brillengeruch hier.“

Schließlich hat La Roche hier 30 Jahre lang Brillen gemacht. Andere Brillen. Neuartige Brillen. Brillen, die das öffentliche Verständnis von „Brille“ veränderten. Zu Beginn von La Roches Laufbahn, das war im Jahr 1973, galten Brillen als bessere Prothesen und wurden von Optikern angepasst, die Ärztekittel trugen. La Roche trug wesentlich dazu bei, dass sich das verändert hat, dass die Fehlsichtkorrektur zum Designstatement wurde, die Brille zum modischen Accessoire. Der Pioniergeist wurde belohnt: Das Unternehmen, das Robert La Roche bis 1999 unter seinem Namen führte, war eine Weltmarke, der Designer ein Weltstar.

Geschichten und Kisten
Er ist es, auf andere Art, immer noch, aber er macht kein Gewese darum, es liegt ihm irgendwie nicht, in eigener Sache zu schreien und zu trommeln, und wenn er so tonnenschwere Sätze sagt wie „Eigentlich hat es nur zwei österreichische Designer-Weltmarken gegeben, nämlich den Helmut Lang und mich“, dann sagt er sie mit leichtem Lächeln und ruhiger Stimme, setzt seine Brille auf (breiter, gläsern durchsichtiger Rahmen – er selbst habe übrigens überhaupt kein Brillengesicht, meint La Roche) und blättert in seinen Erinnerungen. Robert La Roche kann solche Sätze belegen, die Beweise stecken in großformatigen Mappen, in denen La Roche hunderte Presseausschnitte aus den vergangenen 40 Jahren gesammelt hat, aus der „Vogue“, aus Andy Warhols „Interview Magazine“, aus „Women’s Wear Daily“ und „GQ“. Die Geschichten dazu befinden sich in seinem Kopf, die Brillen dazu in ein paar Dutzend Bananenkisten.
Ungefähr 1500 Modelle habe er im Lauf der Jahre entworfen, schätzt La Roche, allesamt allein, ohne Designteam oder Krea-tiv-Leiharbeiter, auch auf dem Höhepunkt seines Erfolgs nicht, als Robert La Roche Filialen in München und New York betrieb, 8500 Vertriebskunden in aller Welt belieferte, 280.000 Fassungen im Jahr verkaufte, in jeder zweiten „Vogue“-Ausgabe und in Hollywood-Filmen wie „Harry & Sally“ (auf der Nase von Meg Ryan), „Kindergarten-Cop“ (Arnold Schwarzenegger) oder „Grüße aus Hollywood“ (Meryl Streep) vertreten war.

Die meisten Modelle seien übrigens genau hier entstanden, sagt La Roche, in seiner Wohnung, die auch Arbeitsraum war, weil die Inspiration ja oft zu den unmöglichsten Zeiten daherkommt. „Ich hatte überall Notizblöcke liegen, im Bad, am Frühstückstisch, neben dem Telefon, am Bett. Wenn der Augenblick gepasst hat, konnte ich mich da auch in ein richtiges Fieber hineingesteigern, dann sind an einem verregneten Sonntag plötzlich zehn neue Modelle entstanden.“ Hauptarbeitsmittel damals, neben Bleistift und Radiergummi: Kopierapparat und Faxgerät. Letzteres ist bis heute La Roches Medium der Wahl, er ist da ein bisschen altmodisch. Leider bekommt er nur noch selten schriftliche Fernnachrichten, verlässlich nur noch von einem Plastikpalmenhersteller, der seine Werbebroschüren beharrlich weiter in die Josefstadt faxt, auch wenn La Roche wirklich keinen Bedarf an künstlicher Flora hat.

„Eine Weltmacht im Brillendesign“
La Roche fischt in seinen Erinnerungsalben, findet eine „Cash Flow“-Coverstory aus den späten 1980er-Jahren („Robert La Roche: Österreichs erster Entrepreneur. Ihm gelang mit dem Produkt Brille, was Swatch mit der Uhr schaffte. Hätten wir zwanzig seines Formats, wir hätten keine Probleme“), oder, noch weiter hinten, die legendäre Nullnummer des „Wiener“ vom Oktober 1979. Erste Aufmachergeschichte: Helmut Lang, damals noch unter dem nom de plume Bou Bou aktiv und übrigens, laut La Roche „ein ganz bezaubernder Bursch. Der kam gleich am Anfang einmal mit einer Ladung Stofffetzerl zu mir, weil er meine Meinung über Farben hören wollte. Da konnte man schon gut erkennen, wie konsequent der arbeitet.“ Zweite Aufmachergeschichte: Interview mit dem Brillendesigner-Star Robert La Roche. Bezeichnende Passage: der Star über seine ersten Jahre: „Der Anfang war deshalb schon schwer, weil ich bemitleidet wurde. Ich habe mein Studium als Diplomkaufmann abgeschlossen und war bei großen amerikanischen Firmen. Ich war in New York, ich war in Japan, ich war zehn Jahre in Deutschland. Und dann habe ich plötzlich alleine eine Brillenkollektion gemacht.“

Daraus spricht die Wertschätzung, die der Gestaltung von Sehbehelfen anno 1973 zukam – wobei Österreich, so La Roche, damals „eine Weltmacht im Brillendesign war: Willi Anger war ein echter Pionier, er hat als Erster wirkliche Brillenmarken geschaffen: Carrera, Porsche Design, Viennaline, für die ja auch der Udo Proksch gezeichnet hat. Das waren schon Weltmarken.“ Das Mitleid der Zeitgenossen war denn auch weitgehend unangebracht. La Roche hatte 1973 zwar eine internationale Marketing-Karriere verlassen, noch dazu eine, in der es an aufregenden Aufgaben nun wirklich nicht gemangelt hatte (kurz vor seinem Ausstieg hatte er den japanischen Markt erfolgreich mit deutschen Packerlsuppen penetriert). Brillen waren eine Herausforderung anderer Art: „Du hast genau 14,5 mal 5 Zentimeter zur Verfügung. Das ist dein Spielraum. Und daraus mach einmal jedes Jahr Kollektionen mit 50, 60 verschiedenen Designs. Da geht es um Mikro-Änderungen, die eine Brille richtig machen oder falsch, um einen Millimeter am Rahmen, um Nuancen in der Farbe.“ Robert La Roche hat immer gewusst, wann eine Brille richtig oder falsch ist. Nun ja, fast. „Natürlich habe ich im Lauf der Jahre auch hässliche Brillen entworfen.“

Ganz konkret wurde ihm das bewusst, als er vor einem Jahr, also fast eineinhalb Jahrzehnte nach dem Verkauf seiner Firma, doch noch einmal in sein altes Lager gestiegen ist. „Nach dem Ende habe ich ein paar Jahre lang bewusst die Distanz zu dem Metier gesucht. Ich war wohl ein bisschen ausgebrannt, und die Branche wurde mir immer unangenehmer. Aber im vergangenen Herbst habe ich mein Archiv noch einmal angegriffen und mir gesagt: Wenn du das jetzt nicht in Ordnung bringst, machst du es nie mehr. Dann habe ich drei Monate lang jeden Tag wie ein Angestellter da unten gearbeitet, Modelle sortiert und archiviert, da trifft man schon auf Designs, wo man sich denkt, das kannst du nicht im Ernst gemacht haben. Seit dieser Arbeit bin ich übrigens der größte Bananenschachtelsammler Wiens und ein großer Experte in der Frage, bei welchen Supermärkten wann welche Schachteln zu finden sind. Ideal finde ich die Modelle von San Lucar, die lassen sich perfekt stapeln.“

Er sei, als Steinbock, gewissermaßen von Geburts wegen perfektionistisch veranlagt, meint La Roche: „Mich macht es schon wahnsinnig, wenn auf einem Paket die Briefmarke schief draufpickt.“ Das hatte in seiner aktiven Zeit unter anderem zwei Folgen: Zum einen verstärkte es das Arbeitspensum des mikromanagenden Designers ins doch recht Erhebliche (und führte letztlich zu jenem leichten Ausgebranntsein, das den Abschied vom Tagesgeschäft erleichterte), zum anderen hatte der Perfektionismus auch einen gestalterischen Effekt. La-Roche-Brillen waren dank ihrer unverkennbaren Detailversessenheit (und einer äußerst zeitgemäßen Werbelinie, natürlich aus der Hand des Designers himself) immer als solche identifizierbar – auch ohne Logo am Bügel. La Roche über eine wichtige Erfahrung in dieser Frage: „In den achtziger Jahren habe ich vier Jahre lang auch für Calvin Klein Brillen designt. Damals war er auf dem Höhepunkt seiner Relevanz, niemand konnte ohne weiße CK-Unterhose überleben. Trotzdem hat er sich jedes einzelne Detail persönlich angesehen. ,Robert‘, hat er gesagt: ,Wenn ich eine Brille nicht mag, kommt die auch nicht auf den Markt. Jedes einzelne Teil ist mitbestimmend für meine Marke.‘“
Derartige Markenpflege ist im zeitgenössischen Brillengeschäft nicht mehr sonderlich weit verbreitet. Man fragt Robert La Roche besser nicht nach dem aktuellen Zustand seiner Branche, er wird da schnell ein bisschen ungehalten, deshalb nur so viel: „Das ist doch banaler Einheitsbrei. Im Endeffekt ändert sich nur das Logo.“ Die großen Luxuslabels lassen en masse und oft nur noch via Lizenzvertrag gestalten und produzieren. Das hat lange funktioniert, weil jeder gern eine Gucci-Brille trägt und es fast jedem egal ist, ob diese jemals den Zeichentisch eines Gucci-Artdirektors überquert hat. Diese Wurschtigkeit schwindet allerdings wieder. Und Robert La Roche ist, 15 Jahre nach seinem Abschied vom Business, wieder einmal voll auf der Höhe der Zeit, ein Trendsurfer. Der Trend heißt Vintage-Brille, Einzelstück auf der Nase, Design-klassiker, Geschichte im Original. Und davon mangelt es in den Bananenschachteln des Robert La Roche nun wirklich nicht.

Nach seiner mehrmonatigen Archiv-Sitzung im Vorjahr beschloss der Designer, sein Lebenswerk endgültig unter die Leute zu bringen. Über Boutiquen wie Park in Wien oder die Berliner Vintage-Brillenhandlung Lunettes Selection, über eine Handvoll treuer Stamm-Optiker oder via persönlicher Audienz erreichen die La-Roche-Originale aus dem Archiv neue Kundenschichten. Und plötzlich steht der Name, der lange nur noch im Hartlauer-Katalog zu lesen war, wieder in der „Vogue“ oder in „How to Spend It“. La Roche kann nicht ganz verleugnen, dass er sich darüber diebisch freut. Und bei dieser Gelegenheit darf man ruhig auch ein bisschen angeben, zum Beispiel damit, dass Yoko Ono bei ihrem Besuch in Wien im Oktober natürlich eine Robert-La-Roche-Vintage gekauft habe und dass das doch ein schöner Bogen sei zu jener Episode vor vielen, vielen Jahren, als er Andy Warhol einmal eine knallrote Brille maßschneidern musste. „Das sind ja schon Leute mit Geschmack. So schlecht können die Brillen nicht gewesen sein.“

Auf einmal riecht es in Robert La Roches Wohnung, auch für den Laien erkennbar, ein bisschen nach Koketterie. Der Designer weiß natürlich selbst am besten, dass seine Brillen fantastisch aussehen und dass der Abschied vom Lebenswerk gar nicht so traurig sein muss, wie er klingt. Maria Treu bimmelt, der Designer lächelt sanft: „Ich habe ja wirklich noch einiges herumliegen. Damit komme ich schon noch ein Zeiterl aus.“

Foto: Peter M. Mayr