Diagonale: Österreichs Filmszene gibt sich weltläufig

Diagonale: Österreichs Filmszene gibt sich weltläufig

Von Simmering bis ans Nordkap, weiter nach St. Petersburg und Guinea: Österreichs Kino erwies sich bei der Diagonale 2014 erneut als erstaunlich weltläufig.

Die große Welt liegt gleich hinter Österreich. Darauf legt die heimische Kinoszene Wert. Regisseur Michael Glawogger beispielsweise meldete sich am Donnerstag vergangener Woche früh-abends entspannt lächelnd per Videogrußbotschaft aus Westafrika: Er arbeitet seit drei Monaten schon, derzeit in Guinea, an seiner vierten, thematisch offenen Weltreisedoku („Film ohne Namen“), während sein schöner, erstaunlich ungestümer Provinz-Fernsehkrimi „Die Frau mit einem Schuh“ als ORF-Premiere im Rahmen der Grazer Diagonale präsentiert wurde.

Dabei kam es zu einer interessanten Konfrontation. Ein von der Branche eigens für das Festival hergestellter Protest-Clip, der sich in alarmistischen Worten („1500 neue Arbeitslose“) gegen die potenziell desaströsen Filmsparpläne des ORF richtete, provozierte im brechend vollen Schubert-Kino Live-Entgegnungen von Filmchef Heinrich Mis und TV-Direktorin Kathrin Zechner. Vor allem Letztere erwies sich dabei als überraschend empfindlich und versuchte, die Anwesenden in einer improvisierten Rede von der angeblichen Ausnahmesituation zu überzeugen, in die der ORF durch Ausfall der Gebührenrefundierung geschlittert sei. In ihrem Pathos ging Zechner sogar so weit, aktuelle Herzinfarkte, Burn-out- und Todesfälle am Küniglberg als Belege für die Entschiedenheit anzuführen, mit der im ORF trotz aller Engpässe für die TV-Teilnehmer und nicht zuletzt auch für die Filmszene gearbeitet werde. Den schändlichen Entzug von Gebühren, ohne die öffentlich-rechtliches Qualiätsfernsehen erschwert werde, beschwor Zechner wortreich. Von dem vor zehn Jahren eigens zur Stärkung des ORF installierten, millionenschweren RTR-Fernsehfonds Austria war naturgemäß nicht die Rede.

In ihrem diesjährigen Programm demonstrierte die Diagonale die kreative Stärke des – noch vom ORF mitgeförderten – österreichischen Films auch in einem „normalen“ Jahr, also einer Saison ohne Oscar, Haneke- oder Seidl-Aktualitäten. In klug kuratierten Kurzfilmprogrammen und vielfältig gestalteten Premierenserien legte Intendantin Barbara Pichler einen Parcours aus, in dem an Exzentrikern kein Mangel herrschte: Die österreichische Lust an der Repräsentation kam schon am Eröffnungsabend zur Sprache, in „Das große Museum“, Johannes Holzhausens anekdotisch-bildgewaltiger Reise durch das Kunsthistorische Museum.

Ein gewisser Wahnwitz ist dem österreichischen Kino eben nicht abzusprechen. Aber Verhaltensauffälligkeit gilt in der Kunst als Tugend: Unverschämt krea-tive Gestalten wie die Performance- und Filmkünstlerin Mara Mattuschka, der heuer ein überfälliges Porträt gewidmet war, oder der Stoiker Josef Dabernig, der in seinem jüngsten Viertelstünder „River Plate“ die Knie, Bäuche und Schlüsselbeine einer Gruppe von Badenden an einem Fluss im strömenden Regen studiert, erscheinen hierzulande keineswegs wie Ausnahmeerscheinungen. Regisseur Ludwig Wüst, der in Kamikaze-Produktionen wie seiner jüngsten, dem fragilen Frauendrama „Abschied“ (Foto), mit hohem eigenen Risiko arbeitet, passt hier ins Bild: Wüst lässt seine beiden furchtlosen Darstellerinnen (Claudia Martini und Martina Spitzer) erst eine emotional eskalierende, knapp einstündige, ungeschnittene Szene im Inneren einer Wohnung spielen, um in einer Art Coda buchstäblich das Weite zu suchen. Auch Lisa Webers sehr persönliches Videodokument „Sitzfleisch“, vom Diagonale-Publikum heftig akklamiert, schweift in die Ferne: Webers dokumentarisch-komödiantische Autofahrt zum Nordkap mit dem Bruder und den Simmeringer Großeltern punktet mit unverstelltem Realismus und ergebnisoffener Struktur.

Bei aller kreativen Dynamik des Aus-tro-Kinos lassen die Besucherzahlen zu wünschen übrig. Letzthin verbuchte man nicht mehr als drei Ausreißer in den sechsstelligen Bereich – auf jeweils knapp 120.000 Besucher kamen nur Erwin Wagenhofers Bildungsdebattenfilm „Alphabet“, Andreas Prochaskas Alpinwestern „Das finstere Tal“ und die Brachialkomödie „Bad Fucking“. Deren Regisseur Harald Sicheritz nutzte ebenfalls die Gelegenheit zum Rundumschlag. Aus der Rückendeckung seines Erfolgsprojekts, in dem er „ein österreichisches Sittengemälde, ein satirisches Statement zur moralischen Lage der Nation“ sieht, holte er in einem auf der Website des Österreichischen Filminstituts veröffentlichten Gespräch gegen „die Gehässigkeiten der pragmatisierten Kritiker und der selbsternannten Eliten“ aus.

Nicht ohne Larmoyanz stellt Sicheritz fest, dass er in seinem „20-jährigen Filmschaffen keinen einzigen Jurypreis bekommen“ habe – weil nicht sein könne, was nicht sein dürfe. Die heimische Filmbranche habe eine „durchgängig höfische Struktur“, so Sicheritz – „konkret die eines kleinen Fürstenhofes“, an dem „das Günstlingswesen“ herrsche. Förderstellen und Kritiker begegneten ihm „mit einer Mischung aus Neid und Abscheu“. Und: „Würde ich – das ist als Hypothese zulässig – den besten Film des Jahres auf dieser Welt fertigbringen, hätte ich bei keiner Festivaljury und auch bei den Oscars keine Schwierigkeiten. Ich käme nur nie so weit – weil ich garantiert an der österreichischen Auswahlkommission scheitern würde.“ Tatsächlich fühlt Sicheritz sich persönlich verfolgt: „Es geht der Branche und der Kritik bei meinen Filmen nie ums Werk, immer nur um meine Person.“ Er sei eben „die negativ qualifizierte Minderheit im österreichischen Filmschaffen“, ein „Ungeliebter am kleinen Fürstenhof“ des hiesigen Kinos.

Von solchem Weltschmerz unbehelligt dringen Österreichs mutigste Film- und Videokünstlerinnen (etwa Billy Roisz oder Miriam Bajtala) in faszinierendes Gelände vor. „Wasser aus Korn“, Josephine Ahnelts knapp viertelstündiger Super-8-Schwarzweißstummfilm, verweist nicht nur zurück in die Kinogeschichte (etwa auf Chris Markers „La jetée“), sondern spielt auch auf die Arbeit jener Künstlerin an, bei der Ahnelt die Auseinandersetzung mit dem analogen Bewegtbildmaterial gelernt hat: Friedl Kubelka, die unter dem nom de guerre Friedl vom Gröller an überaus privaten, geheimnisvollen Kurzfilmen werkt. Zu den schönsten Überraschungen des Kinojahrgangs 2014 zählte zudem das dokumentarische Kammerspiel „Wenn es blendet, öffne die Augen“: Die aus Bregenz stammende Filmemacherin Ivette Löcker („Nachtschichten“) porträtiert darin das Suchtleben und die ­Utopien eines Petersburger Junkie-­Paares – ohne Flucht in Pädagogik und Beschönigung. Mit dem Anstieg des Reisefiebers erhöht auch die Kunst ihre Betriebstemperatur.

Infobox I

"Der letzte Tanz" von Regisseur Houchang Allahyari hat bei der Diagonale den Preis für den besten Spielfilm gewonnen. Zum besten Dokumentarfilm des Filmfestivals wurde am Samstagabend in Graz Ruth Beckermanns "Those Who Go Those Who Stay" gekürt. Beide Preise sind mit je 15.000 Euro (plus 6.000 Euro an Sachpreisen) dotiert. Die Schauspielpreise gingen an Erni Mangold und Gerhard Liebmann.

+++ Alle Preise in der Übersicht! +++

Infobox II

Voll wild!
Made in Austria, neu im Kino: Johanna Moders „High Performance“
und das Werner-Pirchner-Dokument „D.U.D.A!“

Von der Diagonale-­Premiere an den Kinostart: Um alternative Lebensstile und -entwürfe geht es in Johanna Moders Spielfilmdebüt „High Performance“ ebenso wie in Malte Ludins Musik-Dokumentarfilm „D.U.D.A!“ – beide Filme sind ab 28.3. im Kino zu sehen. Als Comedy um zwei ungleiche Brüder, die einer jungen Frau aus verschiedenen Gründen übel mitspielen, ist der eine konzipiert, als Hommage an einen unorthodoxen Tiroler Komponisten der andere. In „High Performance“ werden, der Popularität zuliebe, etwas simple Fronten aufgemacht: Das Geld steht hier frontal gegen die Kunst, die Karriere gegen die ­Liebe, die böse Finanzwelt gegen die süße Slacker-Existenz. Der Film, als Kommentar zur Wirtschaftskrise geplant, könnte formal ein wenig abenteuerlicher sein: Zu viele bloß funktionale Schuss-Gegenschuss-Sequenzen verschleiern den Umstand, dass mit Johanna Moder eigentlich eine der Regie-Hoffnungsträgerinnen des neuen österreichischen Spielfilms am Werk ist. 35 ist in „High Performance“ jedenfalls das neue 20 und „voll“ das Füllwort der Wahl in allen Dialogen, am liebsten adverbial gesetzt (wie in „voll schön“, „voll traurig“ oder „voll romantisch“): Aber der Charme der post-jugendlichen Hauptdarsteller (Marcel Mohab, Katharina Pizzera, Manuel Rubey) und manch überraschende Pointe ergeben am Ende doch ein sympathisch ­verschlurftes Lustspiel aus dem Krisengebiet des sozialkritischen Beziehungslustspiels.