Die letzten Drehtage im Leben des Gert Voss

Die letzten Drehtage im Leben des Gert Voss

Vielleicht konnte er wirklich zaubern: Der Regisseur und Autor ­David Schalko berichtet von den letzten Drehtagen im Leben des Gert Voss.

Welches Tier war Gert Voss wohl im richtigen Leben? Ich frage mich das, weil er sich für jede Figur ein Tier vorstellte. Mal glitt er geschmeidig über die Bühne wie eine zu groß geratene Spinne. Mal polterte er als tobsüchtiges Raubtier. Mal verführte er als regloser Alligator sein ahnungsloses Gegenüber. Er war Maus und Schlange zugleich. Er hätte selbst einer Qualle das Charisma eingehaucht, einen ganzen Ozean auszuleuchten.

Gert Voss war ein schauspielerischer Kontinent. Ein König, der sein Land nicht regierte, sondern bereiste. Und niemals hätte er einen König bloß als Löwen gespielt. Eher schon als ein Wiesel, das Blut geleckt hat. Oder als Hund, der sich die Grazie einer Katze anzueignen versuchte. Er war ein Verfechter des Magischen. Kein Volksschauspieler, der sich seinem Publikum anbiederte. Er spielte, was Figuren zu verbergen versuchten. Niemals gab er sie der Offensichtlichkeit preis. Er war kein Aufklärer, sondern Verrätselungskünstler. Und wenn er einer Figur ein Geheimnis entriss, behielt er es für sich. Er gehörte eben nicht zu jenen armseligen Magiern, die ihrem Publikum den Kartentrick verrieten, um eitel ihr Können zu demonstrieren. Angeberschauspielererei war ihm fremd. So wie die reine Virtuosität. Die war ihm suspekt, zu offensichtlich, zu seicht.
Auf der Bühne wirkte er stets selbstvergessen. Und exzessiv. Vielleicht verhalf ihm das Spiel zur lustvollen Selbstauflösung. Vergleichbar mit Musikern, die im Exzess einer Harmonie aufgehen. Seine Musik waren die Worte. Die zerfleischte er regelrecht, filetierte sie und warf sie dem hungrigen Publikum um die Ohren. Sein Duktus hatte für Schauspieler ein ähnliches Suchtpotenzial wie ­jener von Thomas Bernhard für Autoren. Worte klirrten bei ihm komisch und tragisch zugleich. Seltsam flimmerte immer das Scheitern jeder Benennung mit. Beinahe 30 Jahre lang hypnotisierte er nicht nur den Wiener Theatergeher, der ja nur ins Theater geht, um zu verachten oder bedingungslos zu verehren. Für beides stand Voss. Für beides stand er nicht zur Verfügung.

Im Notfall verteidigte er die Figur auch gegen das Publikum. Als wäre die Masse der Feind des Einzelnen. Des Einzelgängers, den es zu beschützen galt. Er hätte vermutlich auch gespielt, wenn ihm keiner zugesehen hätte. Ein König, der nur ein Land, aber kein Volk brauchte. Er hätte sich mit einer Bühne ohne Publikum begnügt. Gleichzeitig war er begeisterungsfähig. Ein Antizyniker. Achtsam. Er widmete seinem Gegenüber die ganze Aufmerksamkeit. Seine Euphorie im Tun war ansteckend. Er spielte niemanden an die Wand. Er war ein Mitreißer, kein Niederreißer. Er hatte das Kind in sich niemals gehen lassen. Er dachte in Fragezeichen. Nicht in Rufzeichen.

Es ist seltsam, über jemanden, mit dem man noch vor zwei Wochen Leben nachspielte, in der Vergangenheitsform zu schreiben. Ich erinnere mich noch, wie er roch, wie sich seine Hand anfühlte, an jedes Wort, das wir an unserem letzten gemeinsamen Tag sprachen – es fühlt sich eben noch nicht wie Erinnerung an. Eher wie ein Nachhall der Gegenwart, wo man noch nicht verklärt, die Ereignisse noch nicht zur erzählbaren Geschichte verdichtet werden. Ich habe ihn noch vor mir. Den Moment, als es nicht mehr ging. Als der Geist plötzlich stärker als der Körper wurde. Er hatte bis zum Umfallen gespielt. Es gab für ihn keinen Unterschied zwischen Leben und Spielen. Er war durchdrungen von seiner Kunst. Er hätte Zeit für zwei Leben gebraucht. Denn seine Lust war ungebändigt. Vor allem jetzt, da seine große Sehnsucht Film endlich in Erfüllung zu gehen schien. Er musste sein Leben lang mehr absagen, als sich mit gutem Gewissen annehmen ließ. „Für eine ,Soko’ lass ich keinen Othello laufen“, hatte er mir einmal gesagt.

Als ich begann, die Serie „Altes Geld“ zu schreiben, hatte ich viele Schauspieler im Kopf, nur die Hauptrolle des Patriarchen klaffte als große Lücke im Ensemble. Unzählige Namen schob ich hin und her. Bis Nicholas Ofzcarek meinte: „Warum fragst du nicht den Voss?“ Ich antwortete, dass der doch Filmangebote immer absage und ich daher nicht an ihn gedacht hätte. Ofczarek gab ihm eine DVD unserer Serie „Braunschlag“, die er sich in einem Zug ansah. Er schlug vor, sich nach einer Vorstellung von „Onkel Wanja“ zu treffen. Eine Woche später klemmte ich mich in eine der vordersten Reihen des Akademietheaters und versuchte, meiner Sitznachbarin nicht zu viel Platz wegzunehmen. Mein Ringen blieb nicht unbemerkt, und so passierte etwas, das mir in einem Wiener Theater noch nie passiert war. Meine Sitznachbarin bot mir ihren geräumigeren Randsitzplatz an. So zuvorkommend geht man in Wien mit Unbekannten nicht um. Als ich zwei Stunden später das Restaurant im Konzerthaus betrat, stellte sich heraus, dass es Ursula Voss war, die Frau des Schauspielers, die seit über 40 Jahren in jeder Vorstellung ihres Mannes saß. Auf ihrer gemeinsamen Visitenkarte stand Dr. Ursula Voss und Gert Voss. Und wenn eine der beiden Nummern am Handy-Display aufblinkte, wusste man nicht, wer von ihnen tatsächlich dran war. Uschi war nicht nur seine Lebensreisebegleiterin. Sie war auch Teil seines Talents. Wenn wir sprachen, geschah das meist zu dritt. Über das Geschriebene, über die Rolle, über Filme, das Theater, das Leben an sich. Natürlich war Gert ein Mensch, der über reichlich Vergangenheit verfügte. Er hatte sein Leben längst zu amüsanten Anekdoten verdichtet. Über Tabori. Über Zadek. Über Peymann, Bernhard, Handke. Man hatte das Gefühl, es gebe kaum noch Geschichten, die er zum ersten Mal erzählte. Und doch verlieh er jeder Anekdote einen jungfräulichen Anstrich. Seine großen, entgeisterten Augen erzeugten dabei die gleiche Intensität wie auf der Bühne. Er zerkaute Gesagtes mit seinen Grimassen. Und blies die Worte in die Luft wie rasiermesserscharfe Daunenfedern.

Er blickte auf ein erfülltes Theaterleben zurück. Nur die große Sehnsucht Film war weitgehend unerfüllt geblieben. „Altes Geld“ sollte das ändern, eine Art Krönung seines Schaffens auf diesem Gebiet werden. Leider blieb seine Arbeit an der Rolle zu fragmentarisch, zu sehr Ahnung, zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen, als dass man an eine Einbettung in die Geschichte denken könnte. Zu vieles fehlt, was wir im Sommer gedreht hätten. Und so bleibt sein Patriarch eine Fantasie, die nur ein sehr kleines Publikum von 30 Leuten am Set teilen durfte. Sie bleibt also am Ende auch Theater – im erweiterten Sinn.

Jetzt, da ich die Visitenkarte von Uschi und Gert in die Erinnerungskiste lege, frage ich mich, welches Tier er sich für diese Rolle wohl vorgestellt hat. Auf jeden Fall fuhren im Windschatten die Erinnerungen an seinen Vater mit. Der alte Geschäftsmann stand von Beginn an Pate für diese machterfüllte Welt, die er uns da hinzauberte. Er war ein brillanter Komiker, der keine Pointen benötigte. Sein Gesicht war eine Landschaft, in der man wohnen wollte. Vielleicht schwebte ihm ein seelisches Chamäleon vor. Aber wir wissen es nicht. Ein guter Magier verrät seine Tricks nicht. Vielleicht konnte er auch wirklich zaubern.

Auf dem letzten Bild, das wir drehten, hielt er die Augen geschlossen. Friedlich dämmerte er dahin. Die Sommersonne wanderte über sein blass geschminktes Gesicht. Vielleicht träumte er von seinem reichhaltigen Leben. An jenem Nachmittag spielte er schlafen. Jetzt spielt er tot.

Zumindest hofft man das.

Zur Person
David Schalko, 41, lebt als Fernsehmacher („Sendung ohne Namen“; „Dorfers Donnerstalk“), Film- und TV-Regisseur („Aufschneider“; „Braunschlag“), Schriftsteller („Weiße Nacht“; „KNOI“) und ­Produzent („Willkommen Österreich“) in Wien.