Die Eltern-Industrie: Kindererziehung als Kampfgebiet und Geschäftsfeld

Die Eltern-Industrie: Kindererziehung als Kampfgebiet und Geschäftsfeld

Die Erziehung eines Kindes ist inzwischen zum Kampfgebiet und Wirtschaftszweig eskaliert. Neue pädagogische Betriebsanleitungen überschwemmen den Buchmarkt, die Mütter und Väter noch ratloser machen. Wie schlecht sind Eltern, die immer nur das Beste wollen, für ihren Nachwuchs? Und wie sinnlos die Ratschläge der sogenannten Erziehungsgurus?

„Solche Eltern sind keine Kinderjause!“ Die reich tätowierte und kinderlose Verkäuferin einer Buchhandlung in der Jungfamilien-Bezirkshochburg Wien-Josefstadt kann nicht mehr aufhören, sich zu wundern. Manchmal hat sie den Eindruck, dass werdende Eltern bereits knapp nach der Zeugung ihres Fortpflanzes in den Laden schneien, um sich meterweise mit Erziehungsratgebern aufzumunitionieren: „Für unser Geschäft ist das toll, aber fürs Leben doch der totale Stress.“ Die hoch ambitionierten Eltern wissen so bald, dass Mozarts Musik schon beim Embryo kreative Potenziale triggert, glutenfreie Backwaren den Nervositätspegel unter Kontrolle halten und von Empathie für das kleine Gegenüber getragene „Ich-verstehe-deine-Wut-so-gut“-Gespräche bereits im Windelalter über die Konfliktbewältigungsfähigkeit eines zukünftigen Erwachsenen entscheiden.

Denn allwöchentlich überschwemmen neue „ultimative“ Pädagogik-Thesen von oft selbst ernannten Erziehungsgurus den Buchmarkt, und bei intensivem Scannen des Angebots verstärkt sich der Eindruck, dass diese Theorien bisweilen so willkürlich sind, wie Rocklängen in der Modebranche. Da rufen Neo-Zuchtmeister eine schwarzpädagogische Renaissance der Disziplin auf, um in Folge von permissiven Familientherapeuten zur Raison gepfiffen zu werden, die für die frei laufende Auslebung kindlicher Aggressivität plädieren. Während kampf-kreative Kinderpädagogen für eine Brutpflege, angereichert mit Yoga, Ballett, Ausdruckstöpfern und Farbenweitwerfen, die Lanze brechen, warnen andere Psychologen vor der Überförderung des Kindes, das so künstlich im Zustand der Hyperaktivität gehalten werde und verlerne, sich leer zu machen und zu erholen.

Hinter dieser Industrie, deren Geschäftsbasis die Hilflosigkeit der Eltern ist, steckt die „geheimnisvolle Idee von der Verfertigung des perfekten Kinds“, so die US-Journalistin Katie Roiphe in ihrer eben erschienen Essaysammlung „Messy Lives“, „das der perfekt gehütete Schatz seiner Eltern ist“. Es folgt die rhetorische Frage, ob diese „aufopferungsbereiten, wohlmeinenden Eltern mit ihren Bibliotheken voller Büchern“ ihrem Kind wirklich einen Gefallen erweisen, indem sie es „von Dreck, Staub, Gewalt, Zucker, Langeweile und gemeinen Kindern, die seine Plastikdinosaurier klauen“ bewahrt haben. Natürlich nicht. Kinder brauchen Märchen, aber auch Realität.

Die Antwort auf die Frage, welche Art von Erwachsenen diese Form der nachhaltigen Fürsorglichkeit produziert, steht noch aus.

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