Die Fußball-WM 2014 ist zu Ende: Schluchz!

Die Fußball-WM 2014 ist zu Ende: Schluchz!

Das Turnier ist zu Ende – und fast alles kam anders als erwartet. Rosemarie Schwaiger über falsche Prognosen und die Krise des ­süd­amerika­nischen Machismo.

Immer wieder einmal gibt es ein Fußballspiel, das die Fans brutal mit der kompletten Sinnlosigkeit ihres Tuns konfrontiert. Fragen von existenzieller Wucht können einem da durch den Kopf schießen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist in meinem Leben schiefgegangen, dass ich mir diesen Quatsch anschaue?

Fast 1,4 Millionen ORF-Kunden verfolgten am Mittwoch Abend der Vorwoche das WM-Halbfinale Argentinien gegen die Niederlande. Sie sahen reihenweise holprige Fehlpässe, zittrige Flanken ins Nichts, lustloses Herumgestochere an der Strafraumgrenze und gezählte null Torchancen. Das alles 120 Minuten lang. Bis weit nach Mitternacht. Mutwilliger kann man die eigene Lebenszeit nicht vergeuden.

Immerhin wählten die Argentinier und Niederländer das vorvorletzte Match des Turniers zum gemeinschaftlichen Zertrümmern der Spiel-idee. Die Erinnerung an diese lähmende Partie wird es etwas einfacher machen, sich von der WM zu verabschieden. Fußball ist nicht immer großartig. Fußball kann furchtbar sein, eine Zumutung. Es wird also auch ohne Fußball in den nächsten Wochen irgendwie weitergehen.

Die FIFA WM 2014 (so hätte man die Veranstaltung eigentlich durchgehend nennen sollen; der Weltverband sähe das gerne) brachte allerdings auch ein paar weniger schmerzhafte Erkenntnisse. Etwa jene, dass man Prognosen nicht glauben darf – schon gar nicht, wenn sie in der Zeitung stehen.

Vorhergesagt waren, zum Beispiel, Massendemonstrationen empörter Bürger rund um bestenfalls halbfertige Stadien. Doch das Turnier verlief fast tumultfrei (zumindest bis vor dem Finale), und die in großer Zahl abgefilmten Einheimischen taten der Welt den Gefallen, sich so brasilianisch-entspannt wie möglich zu benehmen. Falls an der einen oder anderen Arena noch ein paar Schrauben fehlten, störte das nicht. Wider Erwarten musste auch kein Spiel verschoben werden, weil die teilnehmenden Mannschaften im Verkehrsstau steckten. Gelegentlich kamen ein paar Zuschauer zu spät; das war aber schon die größte Katastrophe.

Schuld an der Panikmache vor jedem sportlichen Groß-ereignis sind, man kann es leider nicht leugnen, hauptsächlich die Journalisten. Sie reisen schon Wochen vorher an, und weil es da sonst nicht viel zu berichten gibt, müssen sie sich an der Infrastruktur abarbeiten. Irgendein verstopftes Klo findet sich schließlich überall. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, an sich nicht das Zentralorgan des Alarmismus, hatte noch Mitte Mai vor gefährlichen Engpässen gewarnt: „In Brasilien werden Strom und Trinkwasser knapp.“ Das Praktische an solchen Geschichten ist, dass niemand den Wahrheitsbeweis einfordert. Weder Kicker noch Fans sind verdurstet? Umso besser!

Als Nächstes wird Brasilien die Olympischen Sommerspiele 2016 austragen. Eigentlich könnten die Kollegen gleich vor Ort bleiben und von jetzt an über skandalöse Verzögerungen beim Bau der Wettkampfstätten lamentieren.

Ziemlich weit daneben lagen auch jene zahllosen Experten, die das brasilianische Team schon vor der ersten Ballberührung für quasi unschlagbar erklärt hatten. Die vermeintliche Wunder-Seleção löste sich buchstäblich in einem Tränenmeer auf. Erst weinten die armen Kerle nur vor lauter Rührung – beim Singen ihrer Hymne, nach einem knapp erkämpften Sieg, beim dankbaren Blick in Richtung Himmel. Dann trafen sie auf Deutschland.

Das 7:1 im Halbfinale wird, diese Prognose ist nicht sehr mutig, in die Geschichte des Fußballs eingehen. Nie zuvor wurde ein Turnierfavorit so gedemütigt. Die bis dahin keineswegs überzeugenden Deutschen verräumten Brasilien auf eine Weise, dass sogar die Sieger hinterher wie traumatisiert wirkten. „Es ist schwer, rational zu erklären, was auf dem Platz los war“, stammelte die deutsche Defensivkraft Mats Hummels: „Es hat relativ viel funktioniert und relativ wenig nicht geklappt.“ Kann man so sagen. Der brasilianische Kollege David Luiz jammerte: „Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten, allen, die so viel zu leiden haben. Leider haben wir das nicht geschafft.“

Luiz vergaß hinzuzufügen, dass sein Team alle einschlägigen Bemühungen spätestens nach dem 0:2 eingestellt hatte. Die brasilianische Abwehr, bis dahin oft recht trittsicher in Richtung gegnerischer Achillessehnen, hatte nicht einmal mehr Lust auf Frustfouls. Man ergab sich willig einem Gegner, der sich irgendwann kaum noch traute, seine Tore ordnungsgemäß zu bejubeln. Ist ja bekannt, wie deutsche Übermacht im Rest der Welt üblicherweise ankommt. Doch die noble Zurückhaltung nützte nur bedingt. Von einem „Fußball-Blitzkrieg“ schrieb die Zeitung „USA Today“. Und der malaysische Politiker Bung Mokthar Radin twitterte fröhlich: „Well done. Bravo. Long live Hitler!“ Selbstverständlich durfte auch ein Beitrag aus Österreich nicht fehlen. Er kam, Überraschung, von Michael Jeannée, den die „Kronen Zeitung“ zur Pflege ihres schlechten Rufs beschäftigt und der sich redlich bemüht, sein Geld wert zu sein. Verdienen die Details noch eine Erwähnung? Eher nicht. Jeannée wird dem Kollegen Staberl wohl bald ins Ausgedinge folgen. Seine restliche Spielzeit lässt sich aussitzen.

Spannender als die Deutschen sind ohnehin die Brasilianer. Dass mit diesem Team so einiges nicht stimmte, war eigentlich seit dem ersten Spiel gegen Kroatien klar gewesen. Eine mit internationalen Stars gespickte Truppe torkelte durch das Turnier – wie gelähmt von den Lobeshymnen, die alle Welt schon vorsorglich gesungen hatte. Der Stürmer Neymar gehörte zu den Wenigen, die mit diesem Druck halbwegs zurande kamen und trotzdem gelegentlich ins Tor trafen. Nicht ausgehalten hat er leider den Bocksprung des Kolumbianers Juan Zúñiga, weshalb er mit gebrochenem Lendenwirbel gegen Deutschland fehlte. Zuletzt sah man die Brasilianer nur noch beim Beten, Seufzen und einander Trösten. Nicht einmal in einem Sommercamp für 14-jährige Cheerleader wird solche Gefühlsduselei geboten. „Wir haben jetzt alles beweint, was es zu beweinen gab“, erklärte Neymar am Donnerstag sehr richtig. Zuvor hatte er selbst noch einmal nachgelegt und ins Mikrofon gewimmert.

Überhaupt scheint der lateinamerikanische Machismo derzeit in einer extrem sensiblen Phase zu stecken. Während die harten Jungs früher schlimmstenfalls ein bisschen schnieften, ging es zuletzt auch bei anderen Teams aus der Gegend kaum noch ohne Weinkrämpfe samt lautem Schluchzen und Ganzkörpertremor. Wenn das so bleibt, kann man sich bei der nächsten WM die Debatte sparen, ob Ehefrauen und Freundinnen der Spieler ins Mannschaftsquartier dürfen. Hauptsache, die Mamas sind alle da. Dann gibt es immer jemanden, der die Buben schnäuzt.

Für Fußball-Gourmets waren die vergangenen vier Wochen, alles in allem, ein durchwachsenes Vergnügen. Jetzt, wo es vorbei ist, darf man endlich zugeben, dass im internationalen Vereinsfußball für gewöhnlich doch etwas eleganter gekickt wird als bei einer WM. Nach einer spektakulären Gruppenphase mit vielen Toren, ein paar äußerst sehenswerten Partien und überraschenden Siegern ließ der Schwung deutlich nach. In den Finalrunden dominierte das Rasenschach, vier Spiele wurden erst im Elfmeterschießen entschieden. Erlebnisse wie Costa Rica-Griechenland oder die bereits gewürdigte Begegnung Niederlande-Argentinien kann man eigentlich nur in der Kategorie Schade-um-den-Nachtschlaf archivieren.

Dennoch war Brasilien 2014 eine der torreichsten Weltmeisterschaften bisher. Woran das lag, wird noch diskutiert. Einige Experten führen die höhere Ausbeute auf offensive Spieltaktik und bessere Stürmer zurück. Die Universität von Tsukuba in Japan will indes herausgefunden haben, dass der „Brazuca“-Ball von Adidas weniger flattert als das Vorgängermodell und deshalb mehr Tempo aufnimmt. „Das dürfte den Schützen einen gewissen Vorteil gegenüber den Tormännern geben“, lautet die Vermutung. Den Japanern half es nicht; sie trafen in drei Spielen insgesamt nur zwei Mal.

Uli Hoeneß sind solche Spitzfindigkeiten wahrscheinlich egal. Der langjährige Präsident des FC Bayern München musste sich das Turnier im Knastfernsehen ansehen – dürfte das aber mit großer Genugtuung getan haben. Sein Club wurde nämlich sozusagen Vereinsweltmeister. Bayerisches Personal hat in fünf verschiedenen Nationaldressen getroffen und gewann überlegen im Torschützenranking. Die Konkurrenz vom FC Barcelona liegt weit abgeschlagen auf Platz zwei. Hoeneߒ Einkaufspolitik hat also besser funktioniert als seine Steuertricks.

Und wer wird nun Weltmeister geworden sein, wenn profil am Montag erscheint? Deutschland. Ziemlich sicher. Es kann ja nicht jede Prognose falsch sein.