Die Oscars 2014: Im Hoheitsgebiet von Pizza und Twitter

Die Oscars 2014: Im Hoheitsgebiet von Pizza und Twitter

Stefan Grissemann über die 86. Oscar-Verleihung.

45 Sekunden Sprechzeit können sehr lang sein. Die Dankesreden zur Überreichung der Oscars stehen inzwischen fast lückenlos im Zeichen des zwar ungeschriebenen, aber desto inniger beherzigten Gesetzes der langen Weile. Das Pathos des Augenblicks scheint den für Originalität zuständigen Bereich in den Gehirnen sonst durchaus nicht öder Filmkreativer konsequent lahmzulegen. Das ist zwar keine gute Voraussetzung für viereinhalb Stunden Direktübertragung und keine schöne Nachricht für Hunderte Millionen Zuseher in aller Welt. Immerhin herrschte solide Routine am Red Carpet vor dem (und wenig später auch im) Dolby Theatre am Hollywood Boulevard, wo zum 86. Mal die Apotheose der amerikanischen Celebrity-Culture, auch genannt: Oscar-Gala, zelebriert wurde.

Die diesjährige Academy-Awards-Show, mit trockenem Witz geleitet von der entwaffnend sympathischen Komödiantin Ellen DeGeneres, geriet dennoch recht mittelmäßig – in ihrem Unterhaltungspotenzial ebenso wie in der Qualität ihrer Auszeichnungen. Die alte Eleganz der Gala torpedierte DeGeneres durch Verteilung angelieferter Pizzastücke an die Filmprominenz in den vorderen Reihen. Die Moderatorin wusste schon zu Beginn, dass der Abend im wesentlichen zwei Möglichkeiten bieten würde: „!2 Years a Slave“ würde als bester Film ins Ziel gehen – oder alle Anwesenden seien eben Rassisten. So war der Ton vorgegeben für die Entscheidungen, die von den über 6000 Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences getroffen worden waren.

„Zufällig und subjektiv“
Welche darstellerischen Leistungen 2014 als die besten gelten sollten, war ohnehin leicht abzusehen: Cate Blanchett gewann für ihre tragikomische Tour de force in Woody Allens „Blue Jasmine“ die vergoldete Trophäe – und stellte in einer der wenigen originelleren Reden fest, wie „zufällig und subjektiv“ dieser Preis sei. Matthew McConaughey, der für seine Performance in „Dallas Buyers Club“ ausgezeichnet wurde, verblüffte durch sein religiöses Outing, sagte tatsächlich Amen, dankte Gott und seinem verstorbenen Papa.

Ein aus der bildenden Kunst stammender Regisseur aber wurde zum Triumphator des Abends: Steve McQueen gelang es tatsächlich, wie prognostiziert, sich mit seinem harten Rassismusdrama „12 Years a Slave“ in der Königsdisziplin „Bester Film“ gegen die Konkurrenz durchzusetzen, in der sich auch formal Herausragendes (aber somit automatisch als Außenseiterware Stigmatisiertes) wie Scorseses „The Wolf of Wall Street“, Spike Jonzes „Her“ und Alexander Paynes „Nebraska“ fand.
Es war interessant zu sehen, dass abgesehen von „Gravity“ und „Wolf“ in diesem Jahrgang produktionstechnisch fast ausschließlich (vergleichsweise) „kleine“ Filme zur Disposition standen: keine Blockbuster, keine Sequels, keine vorab hochgerechnete Mehrheitsfähigkeit. „Slave“-Produzent Brad Pitt freute sich am Ende kühl, Steve McQueen wirkte naturgemäß nervöser und ein wenig konfus, sprang dennoch anschließend ekstatisch über die Bühne. Zwei weitere Oscars entfielen auf „12 Years a Slave“ – die Preise für das beste (adaptierte) Drehbuch und den besten Film.

Rest der Jury-Entscheidungen blieb enttäuschend
Und Spike Jonze, Autor und Regisseur der träumerischen SciFi-Romanze „Her“, erhielt, als einzige echte Überraschung des Abends, den Oscar für das beste (originale) Drehbuch.
Der Rest der Jury-Entscheidungen blieb enttäuschend: Joshua Oppenheimers radikal-therapeutische Massenmörderdoku „The Act of Killing“ erschien der Academy dann wohl doch zu steil. Man gab sich lieber brav und zeichnete das Background-Singer-Dokument „20 Feet from Stardom“ aus, wofür sich Phil-Spector-Legende Darlene Love theatralisch in den Vordergrund sang. Jared Leto würdigte man als besten Nebendarsteller, er tritt in „Dallas Buyers Club“ als Transgender-HIV-Patient in Szene und erinnerte in dem Versuch einer politischen Anmerkung an die Protestbewegungen in der Ukraine und Venezuela („make your dreams happen, living the impossible“).

Paolo Sorrentinos werbliches Rom-Pastiche „La grande Bellezza“ gewann, alles andere als zu Recht, die Statue für den besten fremdsprachigen Film. Das futuristische High-Tech-Spektakel „Gravity“ erhielt die meisten, nämlich gleich sieben Oscars, drei davon klarerweise in technischen Kategorien, aber auch drei für die beste Kamera, Musik und Montage. Und sogar die Regie-Auszeichnung holte sich „Gravity“-Spielleiter Alfonso Cuarón. „American Hustle“ wurde mit null Oscars als Verlierer des Abends in die Party-Nacht geschickt. Österreichs Zutun hielt sich heuer in Grenzen: Der stets alerte Christoph Waltz überreichte der jungen kenianischen „Slave“-Darstellerin Lupita Nyong’o den Nebendarstellerin-Oscar.
Sonst gab es heuer nicht viel zu sehen und zu hören: Bono sang inbrünstig einen quälenden Song – den seltsam passenden Soundtrack zu Mutterpathos, Twitter-Scherzen und endlosen Dankeslisten, zu Übergewicht, Freudentränen und ein paar besonders gruseligen Beispiele angewandter plastischer Chirurgie.