Die freie Theaterszene kämpft um bessere Existenzbedingungen

Die freie Theaterszene kämpft um bessere Existenzbedingungen

Etikettenschwindel, Sparzwang, Ausbeutung: In der freien Szene mehren sich die Proteste gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen.

Von Susanne Veil

Harte Zeiten für die Bühnenkunst: Das Opern- und Theaterfestival in Avignon wurde unlängst an gleich drei Tagen bestreikt – freischaffende Künstler protestierten gegen eine Änderung der Arbeitslosenversicherung. Und in Deutschland verfasste der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters, Burkhard C. Kosminski, einen offenen Brief, in dem es heißt, die Kultur erlebe einen Bedeutungsschwund erschreckenden Ausmaßes: „Es gibt keine Ziele mehr jenseits des Sparzwangs.“

In der hiesigen Bühnenszene kennt man das Problem bestens. Stephan Rabl, Direktor des Jugendtheaterhauses Dschungel Wien, bezeichnet die Situation für freie Künstler als prekär. Wurde der Freiheitsbegriff einst positiv besetzt und kreativ genutzt, so sei er heute nur noch existenziell definiert – als Arbeit ohne Anbindung, als aus der Not geborene Beschäftigungsform. Die Kulturpolitik scheint den „Etikettenschwindel“, wie Rabl dies formuliert, nicht bemerken zu wollen: Wer sich für freie Theaterarbeit entscheide, heißt es seitens der Fördergeber, nehme die damit verbundenen strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen bewusst in Kauf.

„Eine Stagnation im Budget“
In Wiens freier Szene verbinde sich ein kompliziertes Geflecht an Faktoren zu einer „Abwärtsspirale“, meint Rabl: Wiederaufnahmen von Produktionen werden beispielsweise nicht gefördert, obwohl gerade der Jugendtheaterbereich über Einnahmen kaum finanziert werden könne. Weil freie Theatergruppen aber nur Gelder für Neuproduktionen, nicht für Reprisen erhalten, werde kein nennenswerter kultureller Aufbau betrieben, und die so erzwungene Fixierung auf das jeweils Neue erlaube weder tiefergehende inhaltliche Auseinandersetzung noch die Etablierung eines Stammpublikums. Ausgezeichnete Produktionen, so Rabl, blieben liegen, weil damit nichts zu verdienen sei, Häuser und Gruppen hetzten immer schneller von einer Neuinszenierung zur nächsten.

Im Büro des Wiener Kulturstadtrats kennt man das Problem: Es gebe leider „eine Stagnation im Budget“, aber statt einer Reduktion des Angebots werden Wege der Zusammenarbeit zwischen Gruppen und Institutionen gefunden, das sehe man als durchaus positive Entwicklung. Stephan Rabl allerdings kann die Begriffe „Koproduktion und Kooperation“ nicht mehr hören: Dabei bildeten sich Kollektive, die sich zur kurzfristigen Zusammenarbeit schlicht gezwungen sehen und auf Planungssicherheit verzichten müssen.

Die Stimmung unter den jungen Kunstschaffenden ist angespannt, wie auch Thomas Weilharter bestätigt. 2013 gewann er mit dem Kollektiv JAWUI den „Jungwild“-Nachwuchstheaterpreis, mitausgeschrieben vom Dschungel Wien. Um die Auszahlung der 5333 Euro Preisgeld entbrannte ein Streit: Die Gewinner waren nicht in der Lage, die erforderlichen vier Aufführungen zu den vertraglich festgelegten Bedingungen zu spielen. Keine Auftritte, kein Geld. Auch JAWUI-Sprecher Weilharter beklagt die Lage im Kinder- und Jugendtheaterbereich, die Institutionen nähmen ihre Verantwortung nicht wahr. Rabl sieht den Zorn der Künstler gegen die Falschen gerichtet, beklagt die fehlende Solidarität im gemeinsamen kulturpolitischen Kampf – und verweist auf die noch schlechtere Situation in den Bundesländern: Besonders die Lage der freien Szene in Kärnten oder Tirol sei alles andere als rosig.

Sabine Kock von der IG Freie Theaterarbeit berichtet inzwischen von „konstruktiven Gesprächen“, alle an diesem Zwist Beteiligten seien an einer einvernehmlichen Lösung interessiert, um der prekären Situation freier Bühnenkünstler entgegenzuwirken.

„Die unverschämtesten Künstlergagen“
2013 verlieh die Sopranistin Elisabeth Kulman (Foto) dem wachsenden Unmut der Sängerinnen und Sänger angesichts unzumutbarer Arbeitsbedingungen eine gewichtige Stimme. Sie klagte über unbezahlte Proben und allzu straffe Aufführungstermine, führte eine von ihr selbst sogenannte „Revolution der Künstler“ an. Sie „prangerte Missstände in der Oberliga des Kulturbetriebs öffentlich an“, wie es auf der Website von „art but fair“ heißt. Der deutsche Musical-Produzent Johannes Maria Schatz setzt sich als Gründer dieser Initiative für gerechte Arbeitsbedingungen und angemessene Honorare ein. Zuvor hatte er die Facebook-Site „Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Audition-Erlebnisse“ etabliert, über die sich binnen kurzer Zeit tausende Künstler solidarisch erklärten. So zeigt Kulmans Protest Wirkung, auch wenn die Künstlerin selbst, wie sie via Website wissen lässt, aufgrund ihres „Erschöpfungszustandes, hervorgerufen durch langfristige, mehrfache Dauerbelastung“ ihren Konzertverpflichtungen nicht nachkommen könne. Als Sängerin und „Revolutionärin“ habe sie „ein Belastbarkeitslimit erreicht, das diesen Schritt nun leider unumgänglich machte“.

Während Sabine Kock von „verhängnisvollen Tendenzen“, einem wachsenden Ungleichgewicht zwischen freier Szene und großen Häusern in Wien spricht, dürfe man laut Angelika Wild, Vorsitzende der Initiative „art but fair“ Österreich, die beiden Seiten nicht gegeneinander ausspielen. Es brauche vielmehr klar formulierte Ziele und Selbstregulierung. So versucht „art but fair“ gegenwärtig, Künstler, Intendanten und Politiker per „Selbstverpflichtung“ dazu zu bewegen, ethische Mindeststandards einzuhalten. Laut Franz Gürtelschmied sei dies allerdings nicht einfach. Der junge Tenor berichtet, er könne es sich nicht mehr leisten, etwa einen Liederabend für 100 Euro Gage zu bestreiten – und als Auftraggeber fungierten da oft Leute, die von sich noch behaupteten, sie förderten junge Künstler. Im Gegensatz zu Kulman sei er aber nicht in der Position, sich vollmundig Kritik leisten zu können, ohne wieder ausgeladen zu werden. Darum unterstütze er ihr Projekt, auch wenn er eine etwas andere Sicht auf die Salzburger Zustände hat: Gürtelschmied ist diesjähriges Mitglied des „Young Singers Project“, gehört zu den 21 Nachwuchssängern, die am Festspielbetrieb 2014 teilnehmen können – unter „fantastischen Bedingungen, mit immensen Chancen“. In Salzburg finde man eine Situation vor, über die man – gerade in Anbetracht der sonstigen Misere – glücklicherweise nicht lamentieren müsse.

Bei den Festspielen übrigens verbucht „art but fair“ erste Erfolge: Für 2015 hat die Direktion den Sängern wieder Probenhonorare in Aussicht gestellt, und auch die Politik zeigt Entgegenkommen in der Causa – das Thema „fair pay“ werde im Herbst Eingang in den Kulturausschuss des Parlaments finden.