Diedrich Diederichsen lotet 60 Jahre Pop neu aus

Diedrich Diederichsen lotet 60 Jahre Pop neu aus

Der Großkritiker Diedrich Diederichsen versucht sich in seinem Opus Magnum "Über Pop-Musik“ an einer neuen kritischen Theorie der Bilder und Töne. Er befürchtet ein baldiges Ende des Pop.

Von Thomas Edlinger

Je länger es Popmusik als Mainstream-Kultur gibt, desto mehr Legenden kursieren unter ihren Anhängern. Die Altvorderen erzählen vom Krieg gegen ihre Eltern mit der Allzweckwaffe Elvis im Schwarzweiß-TV, die 68er-Neopensionisten schwärmen von Woodstock, spätere Generationen von Indie-Epiphanien, Clubnächten und Festival-Freakouts.

„Wie ein wildes Pferd”
Diedrich Diederichsen war 13 Jahre alt, als er 1971 sein Pop-Initiationsritual erlebte. Der Rockgitarrist Johnny Winter "sprang auf die Bühne wie ein wildes Pferd“, schrie sich die Seele aus dem Leib und "katapultierte sich in eine heilige Hamburger Nacht“. Wenig später fühlte sich der Gymnasiast von den Krautrockern Cluster "verarscht“, doch da war es längst um ihn geschehen. Popmusik hatte das Tor zur Welt aufgestoßen und dabei nicht nur das jugendliche Ego mit dem Starkult versöhnt, sondern Renitenz - und damit auch Politik - sexy gemacht.

Versprechungen der massentauglichen Sounds
Diederichsen war, wie Millionen anderer Pophörer, Fan einer Lebensform, nicht nur einer Musikart geworden. Er verwandelte sich bald darauf in einen sogenannten Poplinken, süchtig nach den Versprechungen der massentauglichen Sounds, aber auch nach den coolsten Theoriebausteinen aus aller Welt, mit denen er an einer neuen Sprache zwischen Euphorie und hyperkritischer Reflexion bastelte. "Einfach so Rock ‘n‘ Roll spielen? Gerade das ist das Allerschwierigste“, hieß es 1988 in einer typischen Diederichsen-Rezension für "Spex" , das langjährige Zentralorgan der Pop-Intelligenzija.

Siegeszug der Popkultur
Die Lage nach dem weltweiten Siegeszug der Popkultur, zu der sich inzwischen ehemalige US-Präsidenten ebenso bekennen wie junge Neonazis, ist nicht einfacher geworden. Die Archive quellen über, die Nischenbewohner sind gut eingerichtet und kaufen sich Inspiration in den Vinyl-Feinkostläden. Der Westen feiert digital hochfrisierte Retro-Partys, die Metropolen des Südens liefern eklektizistische neue Inputs für die Dancefloors dieser Welt. Es gibt so viel handwerklich gut produzierte Musikfiles nie zuvor. Das Scheuklappendenken ist weg, jede Ideologie popfähig; sogar queere und postkoloniale Sounds finden Hörer und Communitys. Dazu sind in jedem Netzportal kritisch gemeinte Statements gegen die Musikindustrie, Liner-Notes für Protestsongs und die neueste Widerstandsmode abzuholen.

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, die Popmusik habe ihre besten Tage hinter sich.

"Über Pop-Musik"
Diederichsen, der seit 2006 als Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien den Popmeisterdenker gibt, versucht, auf dieses Dilemma nun eine Antwort zu geben. Sein spätes, für den Leipziger Buchpreis nominiertes Hauptwerk heißt "Über Pop-Musik" und zieht alle Register zwischen Hipster-Sophistication, freihändiger Pop-Philosophie und historischer Akribie. "Über Pop-Musik“ ist, in aller besserwisserischen Anmaßung quer durch die Wissensformen und in seiner dialektisch hochgezwirbelten Brillanz, so etwas wie die "Ästhetische Theorie“ der Popmusik. Das Buch des 56-Jährigen entfesselt einen Gedankenstrom, aus dessen Kern sich hunderte weit verstreute Essays und mehrere eigene Bücher über Popkultur, Kunst und Politik destillieren ließen - und noch ein wenig mehr. Denn es wäre nicht Diederichsen, der stilbildende Autor des Underground-Manifests "Sexbeat“ (1985) und Herausgeber einer Arnold-Schönberg-CD, wenn er nicht auch noch Theodor Adornos Verachtung des afroamerikanischen Jazz kritisch verteidigen und die "Performance des Fröstelns“ im weißen Neofolk-Narzissmus geißeln würde. Und all das nur, um am Ende seines diskursiven Hindernis-Parcours zwischen Sergej Eisensteins Montagebegriff und einer Musikologie der Grooves, Drones und Power-Akkorde für eine "Uneinigkeit mit sich selbst“ zu plädieren. Auch wenn die Differenzierungswut manchmal fast den großen Bogen erschlägt: Popsuperstars wie Miley Cyrus oder Justin Bieber werden verlässlich nicht einmal ignoriert.

Gar keine Musik
Diederichsen wirft zunächst eine simple, zugleich steile These in den Raum. Popmusik, notiert ausgerechnet der als Pop-Papst verehrte Theoretiker scheinbar im Einklang mit den Klassiksnobs, sei im engen Sinn gar keine Musik. Denn ihr musikalischer Ausgangspunkt sei immer das verbrauchte und längst von der Avantgarde diskreditierte Material der Kulturindustrie gewesen. Die konstitutiv unreine Form Popmusik lebe aber seit den 1950er-Jahren vor allem von dem, was an ihr nicht Musik sei: vom Nuscheln Bob Dylans, vom Krächzen Neil Youngs, vom Stöhnen der Diven und vom Grunzen der Death-Metal-Helden. Sie zehrt von intergalaktischen Studioeffekten und fetischisierten Geräuschen, von übersteuerten Anlagen und Maschinenexperimenten, von den Projektionen der Fans und vom sozialen Lärm in der Gesellschaft. Popmusik stelle mit jedem neuen Auftritt in der Öffentlichkeit, und sei es nur als mysteriöser File-Name im Laptop oder mit einem anonymisierten Albumcover, die Grundfrage nach dem Geheimnis des potenziellen oder tatsächlichen Stars: "Was sind das für Leute, und was wollen die?“

Widerstand gegen das Schon-da-Gewesene
Das Multimedia-Mitmachtheater bietet als kleinste Einheit nicht den Song oder den Track, sondern die Pose. In ihr sucht man als Fan nicht nur den "Style“, sondern auch etwas Ungeplantes, Echtes. Zum Beispiel den Aufruhr in den roten Augen Johnny Winters 1971 oder die Echtheit des Internet-Hypes Left Boy 2014. Popmusik beginnt für Diederichsen daher nicht mit dem Nachsingen einer Melodie, sondern vor dem Spiegel - in der Einübung eines Looks oder eines Tanzschritts. Es geht um Widerstand gegen das Schon-da-Gewesene: "Und wie du wieder aussiehst!“, singt die naseweise Meta-Fun-Punk-Band Die Ärzte aus streng elterlicher Perspektive: "Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm!“

„Ich gehe mich jetzt einkaufen”
Diese Grundidee von Pop als hybrides Gesamtkunstwerk aus Inszenierung und Unmittelbarkeit, Mediensettings und Wirklichkeitseffekten verfolgt Diederichsen auf mehreren Ebenen - und kommt zu überraschenden Einsichten. Die schwache, elektronisch verstärkte Stimme wird da zur Kritik am Parlamentarismus, die das leise Leid so vieler nicht Repräsentierter zu Gehör bringt. Den Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach Identifikation und der Warenform im Popkonsum bringt er mit dem Satz "Ich gehe mich jetzt einkaufen“ auf den Punkt. Hellhörig rekapituliert Diederichsen Pop-Vorläufer wie Jazz und Film, die heroische Phase in den Hippie-Gegenkulturen, die Punk-Explosion, die Blüte der Indierock-Szenen und die späteren Möglichkeiten zwischen einem "Subkulturalismus ohne Subkulturen“ und einer afroamerikanisch gespeisten "Sonic Fiction“ zwischen Techno, Ambient und HipHop.

Einsilbiger wird es, wenn am Ende die Gegenwart des Popregimes mit seinen Dauerbeschallungen in Bars, Supermärkten und Umkleidekabinen oder via Benutzeroberflächen wie Spielkonsolen und Handys angesteuert wird. Misslungene Popmusik, so Diederichsen ganz en passant, sei "die zentrale Belästigung der Welt“.

Kreativer Kapitalismus
Angesichts der Ernüchterung über einen kreativen Kapitalismus, der die Tonspuren unseres Lebens als TV-Formate verwertet und das Künstlerleben zum Role-Model der Ich-AGs umdeutet, hält der führende Theo-retiker des Pop ein baldiges Ende der Popmusik für möglich. Die aktuellen Popströmungen, meint er, störten in ihrem cleveren Genre-Recycling nichts und niemanden mehr. Die elektronische Musik mit Pop-Appeal etwa gefalle sich meist nur noch in Party-Funktionalismus.

Ein Neuanfang nach dem "50 Jahre währenden Zyklus der Relevanz“ ist für ihn nicht in Sicht. Den einzigen realistischen Ausweg für Popmusik im emphatischen Sinn sieht der Kunstspezialist Diederichsen in der - seit Jahren in seinen Musikkritiken favorisierten - Verwandlung von randständiger Popmusik in eine selbstreflexive Kunstform. Diese Medienkunst aus Sounds und Noises hätte dann aber ihren Wunsch nach Popularität endgültig aufgegeben und mit der auf Festivals abhängenden Jugend so viel zu tun wie ein Katy-Perry-Auftritt mit einer "Wien modern“-Konzertandacht.

Möglicherweise muss man aber auch nicht gleich alles neu erfinden. Denn die Sounds für die kommenden Gemeinschaften könnten sich, so wie Diederichsen das selbst anhand des frühen Jazz demonstriert, schon längst irgendwo da draußen verstecken. Vielleicht müsste man sie nur sehen und nutzen lernen. Und vielleicht verliert Pop ja genau wie seine Fans mit zunehmendem Alter allmählich die Begeisterung für das Theater der Posen. Schließlich schauen Pensionisten meist auch nicht mehr so gern in den Spiegel wie junge Clubgänger.

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Kiepenheuer & Witsch, 474 S., EUR 41,20

Foto: Florian Rainer