Diedrich Diederichsen: „Ein großer Sieg für den Machismo”

Diedrich Diederichsen: „Ein großer Sieg für den Machismo”

Popdenker Diedrich Diederichsen über Hippie-Kinder und Gitarrengötter, Adornos Homophobie und das hässlichste Gesicht des Pop.

Interview: Thomas Edlinger

profil: Den Titel Ihres Buches, "Über Pop-Musik“ , könnte man als Anspielung auf "Über Fotografie“ von Susan Sontag oder auf Freuds "Schriften über Kokain“ lesen.
Diedrich Diederichsen: Freud war tatsächlich der Auslöser. Als ich einmal im Wiener Freud-Museum war, fiel mir das Buch in die Hände. Außerdem war ein Hauptgesprächspartner für mein Buch Adornos berühmter Aufsatz "Über Jazz“.

+++ Diedrich Diederichsen versucht sich in seinem Opus Magnum "Über Pop-Musik“ an einer neuen kritischen Theorie der Bilder und Töne +++

profil: Adornos Jazzverachtung ist legendär und gilt vielen Pop-und Jazzfreunden als unverständlich. Sie beschreiben Adornos Sicht auf den Jazz viel ambivalenter.
Diederichsen: Adorno hatte als Kind erfahren, dass Musik mit Glück zusammenhängt. Seine Tante spielte mit ihm vierhändig Klavier. Dann kam Jazz und bot ein ganz anderes soziales Glück an, auch noch sexualisiert. Das war eine enorme Provokation, aber sie traf den Richtigen. Adorno konstruierte in der Reaktion darauf das "Jazz-Subjekt“ und wurde darüber quasi homophob. Die Sexualität fand er falsch, und das Jazz-Subjekt war irgendwie schwul oder auch kastriert. Dennoch ist diese Denkfigur eine inspirierende Steilvorlage: Viele seiner Beobachtungen stimmen, wenn man sie umdreht und anders bewertet. Das Jazz-Subjekt ist ein Vorläufer des Pop-Subjekts und hat dessen spezifisch afroamerikanische Geschichte aufgenommen, auch wenn das Adorno selbst gar nicht interessiert hat.

profil: Wer sich mit Popmusik befasst, ist zunächst immer Fan. Warum gibt es keinen anderen Zugang dazu?
Diederichsen: Weil die Popmusik sehr stark affektiv besetzt ist. Das Material wird als existenzieller Einsatz verstanden oder gibt sich zumindest als solcher aus: als körperliche Spur, in der oft auch etwas sehr Unwillkürliches mitschwingt. Entweder man spielt als Fan auf dieser Ebene mit, oder es lässt einen kalt.

profil: Können Fans überhaupt kritisch sein?
Diederichsen: Absolut. Fans sind ja auch die Einzigen, die wirklich enttäuscht sein können. Die meisten Fanbiografien werden ja im Imperfekt nach dem Muster erzählt: Bis zur dritten Platte war ich totaler Fan, aber ab dann war alles Scheiße.

profil: Was unterscheidet Popmusikliebhaber von Hörern klassischer Musik?
Diederichsen: Wenn man in einem Konzert sitzt, das im Grenzbereich zwischen E und U angesiedelt ist, kann man Leute sehen, die beim Zuhören die Augen schließen. Das sind die durch klassische Musik sozialisierten Hörer. Die anderen sehen sich genau an, was der Cellist für ein komischer Knallkopf ist. Das sind die Popsozialisierten.

profil:
Wenn man Pop im Radio hört, merkt man schnell: Pop hören hat viel mit Retro-Sehnsüchten und Nostalgie zu tun. Ist es ein Naturgesetz, dass man die Tonspur seiner eigenen Vergangenheit hören will?
Diederichsen: Vielleicht gibt es eine anthropologische Konstante, dass mit zunehmendem Alter die Bereitschaft sinkt, sich von irgendetwas überraschen zu lassen - sei es von einem Musikstück, einer Theaterpremiere oder von wundervollen Abgründen in der Bergwelt. Schon Adorno hat in den 1920er-Jahren erkannt: Wenn man aufgezeichnete Musik auf Schallplatten hört, blättert man im Album der eigenen Erinnerungen. Für Adorno war Musik noch gleichbedeutend mit der Aufführung einer Partitur. Man hört in den Aufnahmen seiner Meinung nach gar nicht Musik in diesem Sinne, man hört sein eigenes Hören einer bestimmten Aufnahme.

profil: Das hässlichste Gesicht des Pop, das Sie kennen?
Diederichsen: Sting. Oder U2 jetzt bei der Oscar-Verleihung.

profil: Irgendwann hat die Popmusik begonnen, nicht mehr einfach neue Songs zu kreieren, sondern sich selbst und ihre Tradition zu reflektieren. Hat ihr das geschadet?
Diederichsen: Der Verlust der Unschuld hat sie überhaupt erst zu einer lebenswerten Kunstform gemacht. Vorher wusste man ja gar nicht, was einen da so verliebt machte in eine Stimme, einen Star oder ein Geräusch. Man war noch in einem lyrischen Urzustand. Erst später konnte man sagen: Das machst du falsch oder richtig, wenn du dies oder jenes erreichen willst. Vorher ging das nicht. Da gab es nur Götter, die mit der Gitarre vom Himmel gefallen waren - oder komplette Arschlöcher.

profil: Popmusik war lange Jahre dem Exzess zugeneigt. Wann ist das Hotelzimmerzertrümmern und die Angeberei mit Groupies aus der Mode gekommen?
Diederichsen: Der Star-Exzess hat sich sozialisiert und im Nacht-und Clubleben überlebt. Das ist heute viel wilder als früher. Der individuelle Exzess von früher ist lächerlich geworden, weil wir heute in einer Welt der Bernie Ecclestones leben. In dieser Welt zeigen nur mehr lächerliche Chefs ihre Penisse her. Selbst die alten Metal-Fantasien von Männern, die auf Schimmeln mit gigantischen Schwertern irgendwelche Horden enthaupten, gibt es nur noch in Computerspielen. Aktuelle Metal-Spielarten neigen eher der raunzigen, wortkargen und schlecht gelaunten Haltung zu, die heute bessere Popmusik ausmacht.

profil: Sie konstatieren, dass Popmusik irrelevanter geworden ist. Könnte diese Wahrnehmung auch damit zu tun haben, dass Sie jetzt 56 sind und nicht mehr jede Nacht im Club herumhängen?
Diederichsen: Woher soll ich das wissen? Ich kann mein Älterwerden nur sehr eingeschränkt von außen beobachten. Aber eines ist gewiss: Die Nischen waren früher relevanter. Sie haben andere angesteckt, und das passiert heute nicht mehr. Das Internet ist weniger viral als allgemein behauptet.

profil: Sie beschreiben zwei Typen der Pop-Gegenwart: den Neo-Macho im Hiphop-Stil und die Narzissten beiderlei Geschlechts.
Diederichsen: In den vergangenen 20 Jahren ist ein männlicher Gang in das Stadtbild zurückgekehrt. Der Männerhabitus gilt nicht mehr wie früher als reaktionär, sondern als attraktiv. Das ist ein großer Sieg für den Machismo. Daneben gibt es die Kinder von liebevollen Hippie-Eltern, die dem Publikum erzählen wollen, wie einzigartig sie sind.

profil: Werden Sie beim Popmusikhören zuhause manchmal sentimental?
Diederichsen: Oh ja. Es gibt sogar das Spiel, sich irgendetwas Zufälliges aus der Sammlung anzuhören, ohne vorher zu wissen, was es ist.

Diedrich Diederichsen, 56
Als Chefredakteur des Kölner Pop- und Theorieorgans "Spex“ wurde der gebürtige Hamburger in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre bekannt. Konsequent erweiterte er sein Arbeitsfeld von der Popkritik in die Kunsttheorie, veröffentlichte in den letzten 20 Jahren gut zwei Dutzend Bücher. Seit 2006 unterrichtet Diederichsen an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Kiepenheuer & Witsch, 474 S., EUR 41,20

Foto: Florian Rainer