Doppelhelix: Die Ironie in der Gegenwartskultur

Doppelhelix: Die Ironie in der Gegenwartskultur

Die Risiken und Nebenwirkungen der ambivalenten Weltsicht: Die Ironie durchdringt die Gegenwartskultur inzwischen nahezu lückenlos.

Als hätte er geahnt, womit der Kulturbetrieb sich knapp zwei Jahrhunderte später noch herumschlagen sollte, nannte Christian Dietrich Grabbe 1822 sein berühmtes, teuflisch situationskomisches Theaterstück "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Grabbes Rundumschlag gegen Adel und Kleinbürgertum, Wissenschaft und Kunst enthielt neben Polemiken auf die biedermeierliche Literatur selbstverständlich auch eine böse Breitseite gegen den Autor höchstpersönlich. So handelte Grabbe bereits im Vormärz postmodern: Die Selbstironie verwandelte die Selbstgerechtigkeit des asozialen Gift- und-Galle-Spuckens zuverlässig in eine scheinbar objektive, nach allen Seiten offene, keine Tabus kennende Maßnahme.

Die Ironie wirkt diesbezüglich Wunder. Denn sie ist nicht zu fassen, sie entzieht sich, ist immer schon zwei entscheidende Schritte weiter als jene, die ihr, bisweilen sehr zu Recht, misstrauen. Sie steht, etymologisch betrachtet, für eine Form der Lüge, denn der Begriff, abgeleitet aus dem Griechischen, bedeutet wörtlich so viel wie Verdrehung, Verstellung, Vortäuschung. Die Ironikerin behauptet etwas, das sie eigentlich nicht meint, macht dabei aber in unterhaltender Absicht deutlich, dass sie erstens natürlich anders denkt, zweitens jedoch die Dinge nicht so eng wie die Spaßunbegabte zu sehen bereit ist.

Die ironische Doppelhelix
Die ironische Reaktion ist ein sprachliches Manöver, aber auch eine Pose. Wenn der 58-jährige deutsche Entertainer Friedrich Liechtenstein, der mit konsumistischen Werbe- und Affirmationsslogans ("Supergeil“) und tiefenentspannter Retro-Muzak auf weit über elf Millionen YouTube-Zugriffe kommt, derzeit als Pop-Hipster gefeiert wird, so kann man daran auch die immense Breitenwirkung der ironischen Doppelhelix feststellen: Liechtenstein zelebriert die Coolness des Uncoolen, die Klugheit des Nonsens, die Souveränität des Extrabanalen.

Robert Misik moniert in seinem "Gegen Ironie“ betitelten profil-Essay , dass zu den unbeabsichtigten Nebenwirkungen der ironischen Weltsicht "Oberflächlichkeit und Urteilsunfähigkeit“ gehörten. Aber stimmt das auch? Steckt in den feinen Oberflächen von Scherz, Satire und Ironie nicht oft mehr Weltwissen als in der sogenannten tieferen Bedeutung freudloser Kunst-Ernsthaftigkeit? Und sind all jene, die stets zögern, abschließende Urteile zu fällen, tatsächlich "unfähig“ dazu? Sind sie nicht meist eher: unwillig?

Mehrwert des kurzfristigen Amüsements
Ironie ist ihrem Wesen nach anti-ideologisch. Wer unverbrüchlich seinen Überzeugungen und Konfessionen folgt, muss dies unspaßhaft tun: Eine ironische Maoistin ist so schwer vorstellbar wie eine ironische Veganerin. Wer Kritik via Ironie übt, lässt Milde walten und Eindeutigkeit strategisch vermissen, spielt auf die Ambivalenz an, die allen Dingen, wenn man sie nur lang genug von allen Seiten her betrachtet, innewohnt; so setzt man auf argumentative Überraschungen, ergreift stets die jeweils ferner liegende Position, lobt lakonisch Tadelnswertes und gibt vor, sich an Unerfreulichem zu delektieren. Dabei nimmt niemand Schaden, muss niemand sich beleidigt fühlen, denn im Gegenteil: Mit Ironie lässt sich eine Haltung beziehen, indem man dreist eine andere für sich zu reklamieren scheint, womit man eben auch noch den Mehrwert des kurzfristigen Amüsements verbuchen kann. Schon deshalb gilt der Feinschliff des Ironischen als weitaus salonfähiger als die gemeine Härte des Sarkasmus oder die Misanthropie des Zynismus.

In der Ära der Postmoderne begann die rhetorische Figur der Ironie aufzublühen, Anfang der 1980er-Jahre erfasste sie epidemisch alle Bereiche der Kultur: Peter Greenaway und Laurie Anderson, Mike Kelley, Paul Auster und Philip Johnson mischten die Stile und Epochen, wie es ihnen beliebte und gerade Spaß machte. Seither ist die Ironie zum Grundgefühl der privilegierten Welt geworden, zur liebsten Attitüde derer, die keine größeren existenziellen Probleme plagen; denn Ironie muss man sich leisten können. Aber wer über sie verfügt, gewinnt noch an sozialem Prestige; Ironikerinnen halten zwar öffentlich Distanz zu ihren Überzeugungen, sprechen gerade damit aber ihren Mitmenschen aus der Seele. Das Indirekte, um die Ecke Formulierte, über die Bande Gespielte hat das Unkultivierte des Hohns nicht nötig und das Beißende des Spotts nicht zu bemühen.

Die Verführungskraft des Ironischen ist hoch, ihr Unterhaltungswert beträchtlich. Das Unsympathische an ihr ist allerdings die Position, aus der sie geäußert wird: der Standpunkt der Überlegenheit. Von ironisch gesetztem Kitsch sind wir medial umgeben, vom Info-Trash der "Bild“-Zeitung bis zur augenzwinkernd sentimentalen Romantikvorabendserie.

Der Tarantino-Trick
Ironie ist ein Akt der Immunisierung - und sie macht sichtbar: Denn die Kulturindustrie bevorzugt kulturelle Exponate, die auch ethische Ernstfälle in heiterer Ambivalenz schillern lassen können. Das Kino des Amerikaners Quentin Tarantino etwa ist in diesem Sinne sorgfältig durchironisiert: Mit der wegwerfenden Geste des cinephilen Fan-Boys meint er auch mit Holocaust und Rassismus Spaß machen zu können (in "Inglourious Basterds“ und "Django Unchained“) - und er hat daraus ein hochprofitables Marktmodell gemacht. Die Windungen seines Systems sind moralisch kompliziert: Gerade weil Tarantino weiß, dass wir wissen, dass die Shoah und die Sklaverei keine geeigneten Felder sind, um sich darüber, wie auch immer, scherzhaft zu erheben, wissen wir die Sorglosigkeit, mit der er operiert, so sehr zu schätzen. Was er tut, wird als "artistisch“ wahrgenommen: Er nimmt für sich in Anspruch, ohnehin auf der "richtigen“ Seite zu stehen und schon deshalb gar nicht erst betonen zu müssen, wie ernst es ihm mit den historischen, politischen und sozialen Implikationen seiner Sujets ist. So kann er sich - statt mit diesen selbst - um die Geschichte und Gegenwart ihrer Repräsentation im Kino kümmern. Mit dem Übertritt in die Kunst, so argumentieren Ironikerinnen wie Tarantino, verwandelt sich jedes Sujet in eine Formfrage.

Seither ist vor der Ironie nichts und niemand mehr sicher. Auch der New Yorker Bildhauer Tom Sachs bearbeitet in seiner aktuellen Ausstellung für die Galerie Ropac in Salzburg die Geschichte der Sklaverei nach; er tut dies mit Kinderspielzeug. In seinem "Barbie Slave Ship“, dem pink beflaggten Nachbau eines historischen Dreimasters, finden sich 300 angekettete, entblößte Barbie-Puppen - allesamt mit Kennnummern markierte, blonde Spielzeugsklavinnen. Mit dieser Arbeit weise Sachs, so der Ropac-Pressetext, "auf humorvolle Weise nicht nur auf die Geschichte des Sklavenhandels zwischen Amerika und Afrika“ hin, er zeige auch, "wie unsere Gesellschaft versklavt wird. So könnte man uns als Sklaven der Kauf- und Konsumgesellschaft, der Werbung allgemein, des übertriebenen Schönheitsideals und der Gier nach Neuigkeiten der Stars sehen.“

Schon Thomas Mann, der von solchen Ironieexzessen noch nichts wissen konnte, brach in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen“, die er während des Ersten Weltkrieges formulierte, eine Lanze für die Ironie, nannte sie eine Mittlerin zwischen Leben und Geist - und grenzte sie scharf von Radikalismus und Nihilismus ab. Ernst sei die Kunst, heiter das Leben, halten die politisch Bewegten, die angesichts des Zustands dieses Planeten zu Recht Empörten, weiterhin dagegen: Künstlerinnen wie Jean-Marie Straub, Marina Abramovic oder Claude Lanzmann haben für Ironie keine Verwendung. Sie sind die Letzten ihrer Art.