Pädophiliedebatte: „Es handelt sich um eine sexuelle Neigung“

Edathy - Pädophiliedebatte: „Es handelt sich um eine sexuelle Neigung“

In seiner aktuellen Ausgabe widmet sich profil der Pädophiliedebatte, die vom Fall des deutschen Politikers Sebastian Edathy ausgelöst wurde, und versucht, ein paar drängende Fragen zu klären.

Wie gefährlich sind Menschen, die Kinderpornos konsumieren? Was ist der Unterschied zwischen Pädophile und Kindesmissbrauch? Und was sagen die Betroffenen? Unter anderem hat profil im Zuge seiner Recherchen mit zwei bekennenden Pädophilen gesprochen. Der 60-jährige Günther erklärt seine Situation ganz pragmatisch so: „Niemand von uns erwartet ernsthaft, seine sexuellen Bedürfnisse ausleben zu dürfen – aber wir wollen Perspektiven sehen, die uns unser Leben auch ein wenig lebenswert erscheinen lassen.“ Wie das gehen könnte, hat profil mit dem Psychiater und langjährigen ärztlichen Leiter der Strafanstalt Mittersteig, Patrick Frottier, besprochen.

profil: Ist die Debatte über den Fall Sebastian Edathy dazu geeignet, endlich einmal differenziert über Pädophilie zu sprechen?
Frottier: Leider nein, weil unreflektiert Emotionen hochgespielt werden, die in einem derartigen Fall fast zwangsläufig mitschwingen. Da geht es auch um politisches Kalkül.

profil: Immerhin weiß die Öffentlichkeit jetzt, dass Kinderpornographie nicht gleich Kinderpornographie ist, welche unterschiedlichen Kategorien von Nacktbildern online konsumiert werden und dass es dabei durchaus auch juristische Graubereiche gibt.
Frottier: Ich möchte zunächst einmal die Frage stellen, ob wir im aktuellen Fall überhaupt von Pädophilie reden können. Wir wissen nicht, welche Bilder sich Herr Edathy heruntergeladen hat, und wir wissen auch nicht, ob die Tatsache, dass er solche Bilder hatte, mit einer Pädophilie begründbar ist. Er selber äußert sich dazu nicht. Er hat wohl selbst eine Ahnung gehabt, dass ihm die Bilder auf seinem Computer zum Nachteil ausgelegt werden können. Sein Verhalten war also jedenfalls dissozial – er wusste, dass es Unrecht ist und hat es dennoch gemacht.

profil: Edathy sagt, dass die Bilder legal wären.
Frottier: Ich denke nicht, dass jemand in seiner Position auf diesen reduzierten Standpunkt beharren kann. Wenn ich Träger eines bestimmten Amtes bin, darf ich mich nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des Gesetzestexts zurückziehen. Aber in der Debatte stört mich vor allem, dass Pädophilie ausschließlich unter dem Aspekt Krankheit und Dissozialität gesehen wird. So ist es aber nicht. Es handelt sich vorerst einmal um eine sexuelle Neigung. Die erste Frage ist: Hat jemand diese Neigung? Die zweite, entscheidende: Wie geht er damit um?

profil: Aber warum sind Sie dann als Psychiater für Pädophile zuständig? Das legt nahe, dass es sich eben doch um eine Krankheit handelt.
Frottier: Das ist eine historische Entwicklung, die schon vor mehr als hundert Jahren mit der Frage begonnen hat, wie man abweichendes Verhalten in der Sexualität beurteilt: Ob man es als Krankheit beschreiben und damit aus dem Bereich der (kirchlichen) Moral herauslösen kann. Das sogenannte Böse wurde damals zum Kranken. Abweichendes Verhalten wurde in Kategorien gepackt in der Hoffnung, es kontrollieren, behandeln oder gegebenenfalls wegsperren zu können.

profil: Man nennt das wohl die Dialektik der Aufklärung.
Frottier: Einerseits ja, andererseits fehlten gerade die empirischen Daten, die im Sinne der Aufklärung doch sehr wichtig gewesen wären. Die Debatte war und ist auch heute von sehr subjektiven Meinungen und Ängsten geprägt, ich erinnere z.B. an die frühere Ansicht, dass Masturbation die Ursache schwerer psychiatrischer Störungen und organischer Krankheiten wäre. Die Homosexualität war bis vor fünfzehn Jahren noch als psychiatrische Störung klassifiziert. Nun kommen auch die klassischen Perversionen in die Debatte, zu der auch die Pädophilie zählt. Ein wesentlicher Punkt, den wir berücksichtigen müssen, ist aber der, dass die meisten pädosexuellen Handlungen, also die Missbrauchsfälle, über die man in den Zeitungen liest, nicht von Pädophilen begangen werden. Das hat in den allermeisten Fällen ganz andere Hintergründe –unreife Bewältigungsstrategien in Krisen, wie z.B. Beziehungsschwierigkeiten und Existenzbedrohungen, Psychopathie etc.. Von allen pädosexuellen Handlungen werden ca. zehn Prozent von Menschen mit einer eindeutig pädophilen Identität begangen. Es gibt also Menschen mit einer eindeutig pädophilen Neigung. Und darunter jene, die wissen, dass es unmöglich ist, ihre Neigung auszuleben, und andere, die meinen, dass die Gesellschaft falsch liege, und dass Pädophilie ausgelebt werden sollte.

profil: Wie kann man Pädophilen helfen, ein erfüllendes Leben zu leben, ohne ihre Sexualität auszuleben?
Frottier: Ohne Zweifel leidet der oder die Betroffene unter der pädophilen Neigung, wenn er/sie sich bewusst macht, dass diese nie ausgelebt werden kann. Eine Umpolung seiner Sexualität ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht möglich. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist die Verhaltenskontrolle und die Sublimierung. Dazu gibt es erfolgreiche therapeutische Ansätze. Es gibt auch Extremfälle, die sich freiwillig kastrieren lassen, weil sie so schwer darunter leiden. Ihre Neigung ist dann zwar immer noch vorhanden, die pädophilen Gedanken bleiben, aber die Libido, der sexuelle Drang ist deutlich eingeschränkt. Wenn andererseits Pädophile ihre Neigung ausleben, ist nicht die Pädophilie ausschlaggebend, sondern das dissoziale Verhalten: Es ist ihnen dann egal, wie es anderen geht, sie wollen ihre Neigung ohne Rücksicht auf andere und den daraus resultierenden Konsequenzen ausleben.

profil: Sollte digital animierte Kinderpornographie als Alternative gestattet sein?
Frottier: Da müsste man auf breiter wissenschaftlicher Ebene diskutieren. Ich gebe nur zu bedenken, dass hier ein Anspruchsdenken formuliert wird, das sagt: Jedes Bedürfnis darf und muss auf irgendeine Weise ausgelebt werden können. Diesen Anspruch kann es jedoch keinesfalls in jedem beliebigen Bereich geben. Außerdem scheint es so zu sein, dass mit der intensiven Beschäftigung mit Kinderpornographie – auch mit digital animierter – das Bedürfnis eher steigt und die Grenze zum körperlichen Übergriff möglicherweise näher rückt. Wir leben in einer undifferenzierten kapitalistischen Gesellschaft, die vorgibt, dass alles, was existiert, auch möglich und erhältlich sein muss. Ich halte das nicht für eine sinnvolle bzw. hilfreiche Antwort in dieser Frage.

profil: Was brauchen wir denn?
Frottier: Eine offene Diskussion und eine Therapie, die den Betroffenen bewusst macht, dass er mit seiner Neigung leben muss, aber sie niemals ausleben kann, und dass es, auch wenn das unfair scheinen mag, für ihn keine Ausnahmen geben kann.

profil: Wie gut kann das in der Praxis gelingen?
Frottier: Wir haben Schätzungen, die von einem pädophilen Anteil an der Gesamtbevölkerung von 0,3 bis 0,5 Prozent ausgehen. Wenn ich mir den forensischen Bereich ansehe, sehe ich, dass offenbar der Großteil dieser Menschen – übrigens Männer und Frauen – mit der Neigung leben kann, ohne delinquent zu werden. Aber natürlich leiden diese Menschen und entwickeln nicht selten psychische Symptome entsprechend von Belastungs- und Angststörungen oder Depression.

profil: Bewähren sich Selbsthilfegruppen für Pädophile?
Frottier: Im prosozialen Bereich sicher. Im dissozialen Bereich kann eine Gruppe jedoch auch negativ verstärken, durch Austausch von pornographischem Material oder im gemeinsamen Missbrauch. In der Forensik habe ich wiederholt Menschen erlebt, die erst zusammen mit anderen delinquent geworden sind. Alleine hätten sie sich nicht getraut, mit anderen haben sie es ausgelebt. Solche Menschen brauchen professionelle therapeutische Unterstützung, keine Selbsthilfe.

profil: Muss Therapie permanent stattfinden, oder kann man Pädophile auch entlassen, weil sie gelernt haben, damit umzugehen?
Frottier: Das hängt stark von der individuellen Persönlichkeitsstruktur ab, aber wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Therapien in der Regel sehr langfristig sein sollten.

profil: Gibt es klassische Risikofaktoren? Es wird gern angenommen, dass Pädophile überdurchschnittlich oft als Kinder missbraucht worden wären.
Frottier: Ein eingeschränkter Risikofaktor. Diesbezüglich sind die Zahlen bekannt: Bei pädosexuellen Störungen geben ca.12 Prozent der Täter eine Missbrauchserfahrung an, also gemessen an der Täterpopulation ist das keine Mehrheit.

profil: Kindliche Körper sind nicht nur für Pädophile ein Schönheitsideal, auch in der Werbung, in der Mode gilt: jünger ist besser. Sind wir allesamt pädophiler, als wir glauben?
Frottier: Nein. Aber unsere Gesellschaft hat die Tendenz, den jugendlichen und kindlichen Körper zu idealisieren. Immer mehr Menschen enthaaren sich ganz die Brust und am Geschlecht. Wir sehen in vielen Bereichen eine Überbewertung des Jugendlich-Unberührten und eine Minderbewertung des alternden Menschen. Die Neigung zur Pädosexualität wird dadurch nicht gefördert. Es wird niemand, der diese Neigung nicht hat, dadurch eine entwickeln. Aber möglicherweise wird durch eine derartige gesellschaftliche Haltung jemand mit einer pädophilen Neigung, der vorerst ambivalent war, bestärkt werden, diese Neigung auch auszuleben.

Zur Person
Patrick Frottier, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, war von 2003 bis 2009 ärztlicher und therapeutischer Leiter der Sonderanstalt JA Mittersteig für zurechnungsfähige geistig abnorme Rechtsbrecher bzw. früher Leiter der forensischen Nachbetreuungsambulanz. Heute leitet er den kinder- und jugendpsychiatrischen Liaisondienst des PSD Wien, betreut ein Wohnprojekt für psychisch belastete und sozialgefährdete Jugendliche und arbeitet in freier Praxis.

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