Das soziale Netzwerk

Petra Scherzer

Petra Scherzer

Facebook ruiniert die Gesellschaft, stiftet Zweifel und Zwietracht? Eine österreichische Elterngruppe zeigt, dass es auch anders geht.

Dieser Text erschien in gekürzter Version auch im profil Nr. 7 vom 10. Februar 2019

Im Keller von Lydia Schubert stapeln sich Kisten mit Babykleidung, Bettwäsche und Geschirr. In raumhohen Regalen lagert sie Milchpulver, Windeln und Spielzeug, sortiert nach passendem Alter. Nudeln und Konserven bewahrt sie im kühlsten der drei Räume auf.

Mit ihrem Lager in Nöstl bei Graz sorgt die 42 Jahre alte Mutter von fünf Kindern nicht für den Weltuntergang vor. Aber sie ist bereit für den nächsten Notfall. Jederzeit könnte eine junge Mutter sich melden, die übers Wochenende Lebensmittel braucht, weil der Kühlschrank leer ist, das Konto aber auch. "Dann bringen wir ein Notfallpaket vorbei oder geben ihr einen Einkaufsgutschein”.

Wer hat, der gibt

"Wir”, das ist eine Facebook-Gruppe namens "Gemeinsam sind wir stark.” 4.400 Eltern aus ganz Österreich gehören dazu und unterstützen sich gegenseitig in finanziellen, praktischen und emotionalen Notlagen. Die Gruppe ist ein erstaunliches Gegenbeispiel zu der These, dass in den sozialen Netzwerken Hass und Hetze regieren. Hier gilt: Wer hat, der gibt. Wer braucht, der kriegt. Etwa eine Schneehose, die ein Teenager dringend für den Turnunterricht benötigt. Solche Geschenke unter Müttern hat es auch schon vor Facebook gegeben, doch hätte die Hose aus Vorarlberg die klamme Familie aus Wien wohl nicht erreicht. Sind nicht einmal die vier Euro achtzig Cent für den Versand da, springt auch dafür ein Mitglied ein.

An den meisten Tagen wirkt die Kommentarspalte der vor einem Jahr gegründeten Gruppe wie ein digitaler Kindergartenflohmarkt. Belächeln würde das nur jemand, der nicht ahnt, wie sehr ein löchriger Winterstiefel eine Familie mit knappem Budget in Bedrängnis bringen kann. "Viele von uns wissen genau, wie das ist", sagt die 42 Jahre alte Gruppengründerin Petra Scherzer aus Innsbruck. Sie und ihr Mann haben einen sechs Jahre alten Sohn, beide arbeiten. "Es geht uns im Vergleich gut, aber reich sind wir nicht."

Ein gegenseitiges Grundverständnis ist nicht der einzige Faktor, warum in dieser Gruppe gehässige Seitenhiebe oder vorwurfsvolle Diskussionen ausbleiben. Der zentrale Schlüssel für die Harmonie ist eine simple Regel: Entweder ein "Bitte" oder ein "Danke" müssen in jedem Posting mindestens vorkommen. "Sonst schalten wir den Beitrag nicht frei", erklärt Lydia Schubert.

Wie man eine Community aufbaut, haben die Dachdeckerin Schubert und Scherzer, die in einem Medizintechnik-Unternehmen arbeitet, nie gelernt. Sie verlassen sich stattdessen auf ihre Intuition. Rund dreißig Stunden investiert Schubert, die nach einem Schlaganfall berufsunfähig ist, wöchentlich in das Projekt. Sie legt Wert auf straffe Gesprächsführung. Ausufernde Diskussionen, wie sie in anderen Gruppen vorkommen, sind ihr zuwider. "So etwas löschen wir sofort, das bringt nur Unruhe rein."

Halten sich einzelne Mitglieder wiederholt nicht an die Grundregeln, werden sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen. "Anders geht es leider nicht, bei so vielen Leuten", sagt Scherzer.

Keine Scham

Bei so vielen Frauen, um genau zu sein. Scherzer hat eine Theorie, warum sich in der Gruppe fast nur Mütter befinden: "Vielleicht, weil mehr Frauen alleinerziehend sind als Männer." Gerade Alleinerziehenden gehe oft am Ende des Monats das Geld für Windeln aus. ,"Männer bitten nicht gerne um etwas, sie schämen sich zu sehr," vermutet Lydia Schubert. Genau darum gehe es aber in der Gruppe. "Geben und Nehmen. Das ist der ganze Sinn."

Dabei spielt es dezidiert keine Rolle, ob die Frage nach einem Babyschlafsack in haarsträubender Rechtschreibung verfasst ist, weil der Bildungsweg zu kurz war oder Deutsch nicht die Muttersprache ist. Tiefgreifende Unterschiede – zwischen Akademikerinnen und Arbeiterinnen, Stadt und Land, Liberalen und Konservativen – überbrückt die Gruppe mit einem gemeinsamen Nenner: bedingungslose Solidarität.

Um im Ernstfall so schnell und unbürokratisch wie möglich helfen zu können, haben Lydia Schubert und Petra Scherzer zusätzlich zur Facebook-Gruppe noch einen Verein gegründet: "Herz für Familien in Not." Dieser wird tätig, wenn staatliche Leistungen nicht ausreichen oder auf sich warten lassen. Immer wieder würden sie Fälle erleben, in denen das soziale Netz in Österreich durchhänge und manche Familien finanziell am Boden aufschlagen, sagt Scherzer. Rund 2.000 Euro befinden sich momentan auf dem Vereinskonto. Etwa 15 Familien pro Monat kann mit Notfallpaketen geholfen werden. "Es genügen oft schon Kleinigkeiten, um einen großen Unterschied zu machen."

Verena Hauser war bereits an diesem Punkt. "Es gab Phasen, in denen ich drei Tage nichts mehr gegessen habe, damit die Kinder genug kriegen." Vor drei Jahren, als sie noch in einem großen Einfamilienhaus mit Garten lebte, hätte die heute 28 Jahre alte Niederösterreicherin sich das nie vorstellen können. Nach der Trennung von ihrem Mann stand sie mit einem drei Jahre alten Kleinkind und einem Baby in einer leeren Wohnung. Ohne Ersparnisse. "Ich hatte 436 Euro Kinderbetreuungsgeld und die Familienbeihilfe, aber allein die Wohnung kostete schon 780 Euro", erzählt Hauser. Ein Campingtisch und Klappstühle vom Sperrmüll waren anfangs ihr einziges Mobiliar neben dem Gitterbett, das sie mit ihrem größeren Kind teilte. Nicht einmal das Nachtlicht der Kleinen habe ihr Ex-Mann sie mitnehmen lassen. "Ich musste das mit einer Taschenlampe improvisieren", erinnert sich Hauser. Noch immer streitet sie mit dem Kindsvater vor Gericht, weshalb sie weder ihren genauen Wohnort noch ihren echten Namen in der Öffentlichkeit mitteilen möchte.

Tagsüber habe sie immer die Nerven behalten, aber jede Nacht geheult. In einem mutigen Moment wandte sie sich an Lydia Schubert. "Ich bat sie um Windeln und Lebensmittelgutscheine und sie meinte: ‚Was brauchst du noch?‘. Als ich es ihr aufzählte, ist sie aus allen Wolken gefallen." Kurze Zeit später organisierten Mitglieder der Gruppe eine Couch, Kaffeemaschine, Fernseher. "Diese Gemeinschaft ist ein Wahnsinn", sagt Hauser heute. "Jede gibt, was sie kann."

Oft sind das auch nur ein paar freundliche Worte und ein guter Rat. Die Frauen geben frisch getrennten Müttern rechtliche Tipps und schicken sie zu Beratungsstellen. "Wir haben auch schon Mitglieder zu Gerichtsterminen begleitet", sagt Schubert.

Einfach da sein, etwas gemeinsam aushalten, das gehört zum Selbstverständnis von "Gemeinsam sind wir stark". Innerhalb von zwei Tagen sendet die Gruppe dem Sohn eines Mitglieds eine Flut von aufmunternden Postkarten, nachdem er wegen seines Gewichts und seiner roten Haare in der Schule gemobbt wurde. Als eine Mutter schreibt, ihre Tochter sei vermutlich lesbisch, kommen 56 positive Kommentare. Und kein einziger dummer Spruch.