EM-Tagebuch: Stolpersteine, Kraultraining und Prügel-Eisen

Nur ein Sieg über Portugal würde die Euphorie-Balance wiederherstellen.

Nur ein Sieg über Portugal würde die Euphorie-Balance wiederherstellen.

Russische Prügel-Eisen, deutsche Kraultrainer und ungarische Stolpersteine: Sven Gächter über die erste Woche der Fußball-EM in Frankreich.

Man sollte selbst ernannten Helden niemals trauen. „Boah, Weltrekord!“, postete ein gewisser HeroXLXL im Netz: „Die EM hat endlich begonnen! Ich zieh mir ungelogen jedes Match rein! Das heißt 4590 Minuten Fernsehen! 76,5 Stunden!! Wahnsinn, ey!!!“
Was für ein blutiger Anfänger! In seinem unbedarften Übermut multiplizierte er einfach die Gesamtzahl der Spiele – 51 – mit 90 und dachte allen Ernstes, der Bruttorealität damit auch nur annähernd gerecht zu werden. Keine Rede von allfälligen Verlängerungen in der Finalrunde, geschweige denn dem einen oder anderen Elferschießen. Und was ist mit den Updates, den Countdowns, den knackigen Halbzeit- und den episch breiten Nachspielanalysen? 76,5 Stunden: lächerlich! Wer Weltrekorde im EM-Dauerschauen anpeilt, kommt mit weniger als elf Stunden täglich nicht davon. Bei 23 Spieltagen ergäbe dies in Summe 253 Stunden – print- und sozialmediale sowie andere einschlägige Kommunikationsaktivitäten nicht eingerechnet.

Eine Fußball-Europameisterschaft ist eine zeit- und kraftraubende Angelegenheit. Man muss kein englischer oder russischer Hooligan sein, um die Tragweite dieser Tatsache zu ermessen – wobei englische und russische Hooligans bekanntlich eher mit der Schaffung schlagkräftiger Tatsachen als mit der Evaluation ihrer Tragweite beschäftigt sind. Dafür gibt es schließlich umsichtige Politiker, die kraft ihrer amtseigenen Weisheit die Verhältnisse ins rechte Licht zu rücken wissen. „Macht weiter so!“, munterte der russische Parlamentspräsident Igor Lebedew seine prügelnden Landsleute in Marseille auf: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs.“ Über den Leistungsnachweis der offiziellen sportlichen Delegation, nämlich der kickenden, dürfte man in Moskau weniger erfreut gewesen sein. Sie holte in den ersten zwei Gruppenspielen nur einen Punkt und sollte sich beim ­drohenden vorzeitigen Rückflug in die Heimat besser keine Maschine mit den harten Jungs teilen.


Was, bitte, hat Fußball mit Politik zu tun? Wir leiten diese Frage an einen aus Funk und Fernsehen weithin bekannten Generalexperten weiter.

Die Engländer dagegen, die vor dem Turnier nicht den geringsten Zweifel daran hatten aufkommen lassen, wer als einzig würdiger Champion infrage komme (und sie meinten keinesfalls die Gastgeber!), schafften im zweiten Anlauf (gegen Wales) immerhin einen Sieg. „Battle of Britain“ wurde das Match in den Inselmedien tituliert, weil Fußball, entgegen landläufiger kontinentaler Meinung, nun mal kein Spiel ist, sondern eine immerwährende Schlacht. Noch sind die Aufstiegschancen der „Three Lions“ intakt; wird nach den letzten Gruppenspielen am Montag jedoch das Ausscheiden besiegelt, sollte sich auch niemand mehr irgendwelchen Illusionen über den Ausgang des Brexit-Referendums drei Tage später hingeben.

Was, bitte, hat Fußball mit Politik zu tun? Wir leiten diese Frage an einen aus Funk und Fernsehen weithin bekannten Generalexperten weiter. „Für die ,Grande Nation‘ geht es vor der zur Schlacht werdenden Präsidentschaftswahl 2017 – François Hollande, Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen werden den schmutzigsten Wahlkampf der Geschichte führen – um die letzte Chance eines Bildes der Einigkeit“, schrieb Politikwissenschafter Peter Filzmaier am 5. Juni in einer profunden „Krone“-Analyse: „Die französische Nation ist sowohl politisch heillos zerstritten als auch fußballerisch mitten in der Rassismusdebatte.“ Veranstalter Frankreich laufe Gefahr, „am Ende der große Verlierer zu sein“. Nicht auszudenken: Ausgerechnet die Franzosen, die vor dem Turnier nicht den geringsten Zweifel daran hatten aufkommen lassen, wer als einzig würdiger Champion infrage komme (und sie meinten keinesfalls die Engländer!), waren aufgrund außersportlicher Gewalten in Wahrheit von vornherein chancenlos? In den ersten zwei Matches der Gruppenphase wirkten sie in der Tat geradezu paralysiert von der schieren Ausweglosigkeit des nationalen Einigungsauftrags. Dass sie trotzdem zweimal gewannen, lag nicht an ihrer spielerischen und taktischen Dominanz, sondern vor allem an der Unbeschwertheit von Dimitri Payet, der, im Übersee-Département Réunion geboren, die festlandfranzösische Problematik offenbar entspannter sieht.


Beim Spiel gegen Polen blieben Löws Hände dort, wo sie in der Öffentlichkeit hingehören: weit oberhalb der Gürtellinie.

Die Steigerungsform von entspannt ist übrigens tiefenentspannt. Deutschland ehrt mit diesem Prädikat seinen „Bundes-Jogi“, den seit dem WM-Titel 2014 nichts, aber auch gar nichts mehr erschüttern kann. Beim Auftaktspiel gegen die Ukraine gab Joachim Löw ein Musterbild angewandter Entrücktheit ab: Gedankenverloren machte er sich an seinem Intimbereich zu schaffen. Die halbe Nation zeigte sich daraufhin in ihrem Geschmacksempfinden nachhaltig irritiert. Es blieb dem unverwüstlichen Scherzbold Lukas Podolski vorbehalten, die Debatte auf ein prosaisches Niveau herunterzubrechen. 80 Prozent der Männer „kraulen sich mal an den Eiern“, feixte er auf einer Pressekonferenz. Stimmt nicht, konterten eilig konsultierte Verhaltensforscher: Es sind viel mehr!

Beim Spiel gegen Polen blieben Löws Hände dort, wo sie in der Öffentlichkeit hingehören: weit oberhalb der Gürtellinie. Er brauchte sie allerdings auch – zum Herumfuchteln. Die bleierne Offensivleistung seiner Mannschaft riss ihn unsanft aus der Tiefenentspannung. Selbst der sonst so friedliebende Innenverteidiger Jérôme Boateng holte im Anschluss an das Match zu einer harschen Manöverkritik aus: „So kommen wir nicht weit!“ Löw wiederum fand im ZDF-Interview rasch zu seiner stoischen Normalform zurück. Das 0:0, meinte er lapidar, sei „realisdisch“.

Ein 0:0 gegen Ungarn wäre aus österreichischer Sicht im Vorfeld als suboptimal, aber noch halbwegs vertretbar gewertet worden. Es wurde dann leider ein subkatastrophales 0:2. Der Geheimfavorit der Herzen war beim Versuch, auf ungewohntem EM-Terrain Fuß zu fassen, kapital gestrauchelt. Vom umjubelten Hurra-Fußball der Qualifikation hatte man nichts in die Endrunde hinüberretten können: Kaum ein Pass kam an – und wenn doch einmal, sprang er von irgendeinem zittrigen ÖFB-Fuß gleich wieder ins Ungefähre, wo schon mindestens drei Ungarn standen, die mit neumodischem High-End-Kick wenig im Sinn hatten und, glaubt man dem konzertierten heimischen Wehklagen nach dem Match, außer beinharten Fouls im Grunde nichts zum Spiel beitrugen. Wie sie jedoch den Ball zweimal in Robert Almers Tor gleichsam hineinfoulen konnten, blieb auch für altgediente Experten ein Rätsel. „Dann kamen die Ungarn einmal nach vorne, und Szalai, der langsamste Spieler, den ich je gesehen habe, schießt das 1:0“, meinte Hans Krankl, der grantigste Ex-Spieler, den Österreich jemals gesehen hat.


Alles andere wäre primär, würde Krankl sagen und keine Sekunde zögern, notfalls noch einmal als Nationaltrainer in die Bresche zu springen.

Der Abwärtstrend hatte sich in den jüngsten Testspielen zwar schon unübersehbar angedeutet, aber rechtzeitig zum Turnierauftakt, so der allgemeine Beschwichtigungstenor, werde das Team „voll fokussiert“ und auf der Höhe seiner kreativen Potenz sein. Stattdessen lotete es die Fallhöhe fußballerischen Elends aus. Vor dem Spiel hatte ÖFB-Präsident Leo Windtner noch in den höchsten Tönen vom Teamquartier in der Provence geschwärmt, einer echten „Wohlfülloase“ sozusagen. Nach den 90 Minuten gegen Ungarn, einer gefüllten Ewigkeit sozusagen, war die Wellness-Herrlichkeit von Alaba & Co. schlagartig passé. Ein einziges Spiel – jenes gegen Portugal am Samstag in Paris (nach profil-Redaktionsschluss) – trennte sie von dem drohenden Rückfall in eine Vergangenheit, die man unter dem Schweizer Trainer Marcel Koller endgültig überwunden gewähnt hatte. Nur ein Sieg über Portugal würde die Euphorie-Balance wiederherstellen.

Alles andere wäre primär, würde Krankl sagen und keine Sekunde zögern, notfalls noch einmal als Nationaltrainer in die Bresche zu springen und mit Österreich 2016 den längst überfälligen Weltmeistertitel zu holen.