© Alexander Müller

Gesellschaft
02/25/2022

Essen und Gefühle: "Stress verursacht Explosionen"

Ernährungspsychologin Cornelia Fiechtl untersucht in ihrem Buch "Food Feelings", wie sehr Emotionen unser Essverhalten bestimmen.

von Angelika Hager

profil: Es ist die Jahreszeit, in der die Menschen in Hotels fahren, um trübe Gemüsebrühe zu essen, dazwischen zu meditieren und mit Skistöcken bewaffnet exzessiv spazieren zu gehen.
Fiechtl: Und dafür zahlt man dann 1200 Euro.

profil: Halten Sie als Ernährungspsychologin solche Maßnahmen für sinnvoll?
Fiechtl: Ich persönlich würde es nicht machen, sollte es nur um Gewichtsverlust gehen. Wenn jemand abnehmen will, bringt das gar nichts. Wir wissen aus Forschung und Praxis: Zu 80 Prozent scheitern Menschen, die Diäten machen, sie haben nach ein bis spätestens drei Jahren das gleiche Gewicht wie davor oder mehr. Braucht jemand eine Darmsanierung, kann Fasten aber die Symptome lindern.

profil: Viele berichten nach solchen Fastenkuren von einem hohen Energielevel und Glücksgefühlen.
Fiechtl: Durch das Fasten werden tatsächlich Glückshormone ausgeschüttet. Das Fasten verleiht auch ein Hochgefühl, da es uns suggeriert: Ich habe meinen Körper besiegt, ich brauche kein Essen. Als Kickstart, um eine Linie gegen alte Gewohnheiten zu ziehen, kann es durchaus motivierend sein. Aber sollte man das Ziel einer dauerhaften Gewichtsreduktion haben, ist Fasten Humbug.

profil: Was uns zur Gretchenfrage führt: Was ist die beste Methode, um Gewicht zu reduzieren?
Fiechtl: Zuallererst sollte man wissen, dass jeder Mensch ein individueller Esstyp ist. Es sind nicht gewisse Schemata auf alle anzuwenden. Wenn man mit dem Try-and-Error-Prinzip herausgefunden hat, was einem guttut, ist das Einziehen einer Regelmäßigkeit wichtig. Auch sollte man lernen, auf seinen Körper zu horchen, sich hinzuspüren und sich von dieser Zügelung zu befreien. Das heißt zum Beispiel herauszufinden, ob man tatsächlich um 12 Uhr auch Hunger hat oder nur deswegen um diese Zeit isst, weil man es so gewohnt ist.

profil: Was meinen Sie mit Zügelung? Diäten?
Fiechtl: Auch, aber vor allem Verbote, die dann den Kopf beherrschen. Durch Diäten oder das Weglassen gewisser Nährstoffe tritt häufig kein Sättigungsgefühl ein. Man kennt das ja: Man holt sich ein Stück Käse aus dem Kühlschrank, aber irgendwie fehlt da was. Danach kommt ein Stück Brot, in Folge ein Apfel. Die Kombination an Nährstoffen ist wichtig, um ein angenehmes Sättigungsgefühl zu erreichen. Auch verbauen einem diese Restriktionen, die man im Kopf hat, was man wann essen darf und was nicht, den Zugang zur eigenen Intuition. Und intuitiv essen zu lernen, ist das Ziel. Manche Menschen haben tatsächlich verlernt, auf ihr Hungergefühl zu horchen. Eine Aufgabe, die ich meinen Klienten stelle, ist, herauszufinden, aus welcher Motivation sie essen. Ist es aus Langeweile, Traurigkeit, Stress oder tatsächlich Hunger?

profil: Die ersten drei Faktoren haben auch unser Pandemie-Leben bestimmt, wo viele durch das Homeoffice den Kühlschrank nur ein paar Schritte vom Schreibtisch entfernt hatten.
Fiechtl: Die Pandemie hat sicher einen großen Einfluss auf unser Essverhalten, da Energiespender wie soziale Aktivitäten und Bewegung, um Ressourcen zu tanken, weggefallen sind. Bewegung sollte in den Alltag integriert sein. Das ist der fatale Fehler, den viele machen: Sie halten Diäten in Kombination mit Sport, aber kaum ist die Diät vorbei, wird auch der Sport wieder eingestellt.

profil: Andererseits: Ganz ohne Zügelung wird es nicht funktionieren.
Fiechtl: So paradox es auch klingen mag: Mehrgewicht muss nicht zwingend mit zu viel Essen zu tun haben. Die Ursachen sind multifaktoriell. Es gibt Mehrgewichtige, die weitaus weniger essen oder metabolisch gesünder sind als Menschen im Normgewichtsbereich. Ein wichtiger Faktor ist sicher das durch Stress freigesetzte Hormon Cortisol, das zu Heißhungerattacken und Fettanlagerungen führt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo diese Cortisol-Ausschüttung dazugehört. Cortisol fördert aber Entzündungsherde im Darm, die Beschwerden hervorrufen, jedoch auch bereits vorhandene verstärken können. Seit Kurzem wird das Reizdarm-Symptom extrem häufig diagnostiziert. Da gibt es einen massiven Boom, der auch damit zu erklären ist, dass sich unter Stresseinfluss die Symptome verstärken.

profil: Welcher Menschentypus neigt besonders dazu, ein Cortisol-Opfer zu werden? Perfektionisten?
Fiechtl: Sicherlich auch. Menschen, die sich stark über Leistung oder Körperoptimierung definieren. Solche, die nie entspannen und abschalten können und von einem Termin zum nächsten jagen. Menschen, die das Gefühl haben, immer 120 Prozent geben zu müssen und sich oft zu viel aufhalsen.

profil: Auf Instagram jagt eine Intervall-Fasten-App die nächste. Was halten Sie von dem Trend, 16 Stunden keine Nahrung zu sich zu nehmen?
Fiechtl: Wenn jemand vormittags keinen Hunger hat, sich dann aber an einem riesigen Mittagessen überisst und dann um 17 Uhr ohne Hunger isst, weil es nachher verboten ist, dann ist das nicht zweckführend. Wenn das Konzept mit dem eigenen Rhythmus zusammenpasst, kann es durchaus sinnvoll sein.

profil: In Ihrem Buch "Food Feelings" beschreiben Sie auch den Typus überlastete Mutter, die den ganzen Tag kaum zum Essen kommt und am Abend aus diesem Grund mit Heißhunger schlingt.
Fiechtl: Oftmals kommt es abends, wenn alle Arbeit erledigt ist, zu solchen unkontrollierten Essattacken. Während der Lockdowns waren besonders die Frauen extrem überbelastet und entsprechend anfällig. Was dieses Essverhalten sicherlich verstärkt hat.

profil: Von einem massiven Ansteigen der Essstörungen hört man ständig.
Fiechtl: Ja, wobei die Binge-Eating-Disorder sehr zugenommen hat. Frauen sind häufiger betroffen, wobei die Anzahl der Männer stark gestiegen ist.

profil: Die hineingestopfte Tafel Frustschokolade kennen wir alle, wann kippt es ins Pathologische?
Fiechtl: Von einer Binge-Eating-Disorder spricht man, wenn Essanfälle zwei, drei Mal die Woche im Lauf eines halben Jahrs auftreten. Essgeschwindigkeit, Leidensdruck und Menge sind zusätzliche Kriterien.

profil: Bulimie, eine Kombination aus Binge-Essen und sich zu übergeben, haben Sie vermindert beobachtet?
Fiechtl: Ja, obwohl ich glaube, dass es da eine hohe Dunkelziffer gibt. Bulimie und ihre Begleiterscheinungen sind mit sehr viel Scham verbunden, wohingegen Magersucht ein höheres Ansehen genießt. Anorexie ist mit Disziplin und Ehrgeiz verbunden, wobei Anorexie und Orthorexie vor allem in Kombination mit einem hohen Social-Media-Konsum zugenommen haben. Beim Binge-Eating behilft man sich inzwischen mehr mit beispielsweise abführenden Tabletten, um nicht zuzunehmen.

profil: Orthorexie, die Besessenheit mit gesundem Essen, ist ein relativ neues Phänomen.
Fiechtl: Und ist vor allem unter jungen, gebildeten Frauen zu beobachten. Manche wagen es gar nicht mehr, ins Restaurant zu gehen, weil sie die Lebensmittel nicht wiegen, ihren Ursprung nicht verifizieren und die Zutaten nicht spezifizieren können. Anorexie, also Magersucht, findet man vor allem bei Frauen, bei Männern eher selten.

profil: Unverträglichkeiten und Intoleranzen sind das Thema Nummer eins in der Ernährung und nehmen angeblich explosionsartig zu. Warum ist das so?
Fiechtl: Das hat viele Gründe. Stress verursacht sicherlich auch zu einem Teil diese Explosionen, die Lebensmittelproduktion spielt eine Rolle. Zusätzlich ist Ernährungskommunikation wahnsinnig undurchsichtig. Ganze Lebensmittelgruppen werden verteufelt, was dazu führt, dass gänzlich und unbegründet auf gewisse Lebensmittel verzichtet wird. Bei erneutem Konsum führt das nicht selten zu Blähbauch und Völlegefühl. Einseitiges Essen führt auch dazu, dass die Verdauung nicht beschwerdefrei verläuft. Beratung durch Diätologinnen ist in diesen Fällen angeraten.

profil: Tatsächlich ist es doch so, dass selbst in Qualitätsmedien im Wochenrhythmus neue Ernährungserkenntnisse, meist basierend auf neuen Studien, ausgebreitet werden. Einmal sind Kohlenhydrate der Todfeind auf unserem Teller, kurze Zeit später wird das Fette-Bashing ausgerufen. Man bleibt verunsichert zurück.
Fiechtl: Es gibt keine guten oder bösen Lebensmittel. Es geht um die Dosierung und Verteilung. Das Problem ist, dass sich diese Studien, von denen gefühlte 300 täglich erscheinen, meistens nur auf Einzelaspekte konzentrieren, also ein Nährstoff wird isoliert herausgegriffen, was zu einer verzerrten Wahrnehmung führt. Denken wir nur daran, wie der Konsum einer weißen Semmel verteufelt wurde, weil das angeblich den Blutzuckerspiegel hinaufschnellen lässt und so Heißhunger hervorruft. Aber wer isst schon eine Semmel ohne Belag? In Kombination mit Käse oder Schinken sieht das schon ganz anders aus.

profil: Dennoch behaupten viele Wissenschafter, dass die Convenience-Produkte mit ihren ellenlangen Inhaltsstoffen-Listen wie Geschmacksverstärker, Zucker etc. eine Ursache für Übergewicht und Intoleranzen sind.
Fiechtl: Da kommt es wie immer auf die Häufigkeit an. Ich möchte nicht von einer Mutter verlangen müssen, dass sie drei Mal täglich regional, nachhaltig und frisch kocht, da darf schon mal ein Fertigprodukt drinnen sein.

profil: Sie schreiben, dass Sie kein Fan davon sind, dass das Essverhalten eines Menschen immer auf seine Kindheit zurückzuführen ist.
Fiechtl: Weil es sich häufig verändern kann. Aber was ich Eltern raten kann: alle Lebensmittel neutral zu behandeln, Karotten wie Kekse. Denn wenn Schokolade als besonderer Trost eingesetzt wird, ist das nicht gut. Und auf keinen Fall Sätze wie "Wenn du nicht aufisst, gibt es keinen Kuchen" gebrauchen. Selbst wenn ein Kind einmal in einer Phase überdosiert Nutella will, ist das nicht gleich ein Anlass zur Sorge, sondern vielleicht mit einem Wachstumsschub und erhöhtem Energiebedarf zu erklären.

Cornelia Fiechtl: Food Feelings. Kremayr &Scheriau, EUR 22,-

Die Wiener Ernährungs- und Gesundheitspsychologin berichtet aus ihrem Praxisalltag und zeigt einfache Tricks, wie man das Essverhalten wieder "entneurotisiert" und der Intuition besser vertrauen lernt.