Reportage

Fitness als Lifestyle: Gemma pumpen!

Das Fitnessstudio in der Wiener Lugner City hat rund um die Uhr geöffnet. Aber wer geht mitten in der Nacht trainieren? Und was ist eigentlich diese „Gym Culture“, von der alle reden? Ein Hausbesuch.
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Rein von außen betrachtet war Michelangelos David (Baujahr 1504) wahrscheinlich der erste „Gym Bro“ der Weltgeschichte: wunderschön definierte Bauchmuskulatur, selbstbewusste Pose, eitles Gschau. Okay: Bizeps und großer Brustmuskel sind nicht ganz konkurrenzfähig, und er hat auch keine Freihanteln auf seinem Sockel liegen, keinen Cranberry-Proteinpulver-Shaker, nicht einmal ein Erdnuss-Protein-Cookie – David hat nur eine Steinschleuder und ist nackt. Kein Composure-Trainings-Tanktop, keine Kollagen-Fruchtgummis, keine „sporty“ Baseballkappe.

Aber gut, er hatte einen großen Startnachteil – so ganz ohne TikTok. Auf der Videoplattform wurden Clips zum Schlagwort „Gym Bro“ bis dato über eine Milliarde Mal aufgerufen. Unter „Gym Bros“ versteht man Männer, deren Persönlichkeit und Lebensstil extrem stark vom Fitnessstudio beeinflusst werden. Dieses spielt bei allen Lebensentscheidungen eine Rolle – Essen, Trinken, Urlaub – und bildet quasi eine eigene ökologische Nische. Und die wird fast zwangsläufig auch ein Teil der virtuellen Realität: Wer ein „Gym Bro“ ist, zeigt das auch online. In Videos teilen Menschen Fitnesstipps, zeigen ihre sportlichen Routinen, welches Proteinpulver sie verwenden, was sie sonst so essen (erstaunlich oft Reis mit Hähnchen – ungewürzt und ein bisschen traurig). Das weibliche Pendant zum „Gym Bro“ ist das „Gym Girl“. Bei ihr geht es aber meistens nicht darum, sich einen besonders kräftigen Bizeps anzutrainieren, sondern um einen kräftigen Po, um die Figur generell. Sie wollen sportlich ausschauen, sich gesund ernähren, pastellfarbene Sportleggings tragen und Erdnussbutter in ihren Haferschleim rühren.

Wer ein „Gym Bro“ ist, zeigt das auch online. In Videos teilen Menschen Fitnesstipps, zeigen ihre sportlichen Routinen, welches Proteinpulver sie verwenden, was sie sonst so essen (erstaunlich oft Reis mit Hähnchen – ungewürzt und ein bisschen traurig). Das weibliche Pendant zum „Gym Bro“ ist das „Gym Girl“. Bei ihr geht es aber meistens nicht darum, sich einen besonders kräftigen Bizeps anzutrainieren, sondern um einen kräftigen Po, um die Figur generell. Sie wollen sportlich ausschauen, sich gesund ernähren, pastellfarbene Sportleggings tragen und Erdnussbutter in ihren Haferschleim rühren.

Einen guten ersten Einblick in diese Subkultur könnte unser präfitnesskultureller David sich zum Beispiel im McFit-Fitnessstudio in der Lugner City verschaffen: Mitgliedsbeitrag ab 29,90 Euro pro Monat, Ausdauer- und Gerätetraining, freie Gewichte, Stretching Area, Gruppenworkout und Functional Training, 24 Stunden geöffnet, quasi eine durchgehende Verlockung. Nur hätte es David vermutlich niemals unbemerkt ins Obergeschoß des kultigen Einkaufszentrums geschafft und wäre spätestens beim Empfangstresen von einem muskulösen Mitarbeiter freundlich, aber bestimmt abgewiesen worden. Für das McFit in der Lugner City braucht man eine Mitgliedskarte – eine Steinschleuder reicht nicht – und Klamotten, ganz wichtig. Sonst kann man hier aber eigentlich wenig falsch machen. Also rein ins Abenteuer „Gym Culture“ – halt ohne David.

Phase 1: Vormittag

Die erste Herausforderung für Fitness-Fanatiker und Fitness-Fanatismus-Interessierte ist die Orientierung. Das McFit in der Lugner City ist nämlich irgendwo. Man muss vorbei an Tally Weijl, Media Markt und Nanu-Nana, kann sich aber an die Richtungstafeln zum Mörtel-Markt halten – das Fitnessstudio liegt laut Informationsplan genau gegenüber. Der Einfang ist nicht sonderlich pompös, liegt gelb leuchtend und erstaunlich unauffällig zwischen Zigarettenautomaten und einem Werbekasten für Snus (dieser Tabak, den man sich zwischen Kiefer und Oberlippe presst). Ein gutes Omen für den gesunden „Lifestyle“?

Der Einfang zum Fitnesstudio nicht sonderlich pompös, liegt gelb leuchtend und erstaunlich unauffällig zwischen Zigarettenautomaten und einem Werbekasten für Snus (dieser Tabak, den man sich zwischen Kiefer und Oberlippe presst). Ein gutes Omen für den gesunden „Lifestyle“?

Das Studio selbst ist erstaunlich groß und verwinkelt. Zwei ganze Stockwerke, ein Haufen unterschiedlicher Räume für Kurse oder Spinning-Klassen. Die Optik: brauner Holzboden und graues Linoleum, an den Wänden Grafiken von grauen Dreiecken, dunkle Ledermöbel. Dazu ein beständiges Surren aus der Richtung der Proteinriegel-Automaten, und überall hängen Bilder von schönen Menschen in bunten Fitness-Outfits, die Sport machen und es sichtlich genießen. Die Leute, die sich mit hochrotem Kopf zurück in die Umkleide schleppen, vermitteln diese Freude nicht.

Das Designkonzept des Lugner-City-McFit stammt von dem deutschen Modeschöpfer Michael Michalsky. Den kennt man, er war einmal Juror bei der Sendung „Germany’s Next Topmodel“ und verkauft außerdem ziemlich hässliche Taschen – solche, die 50-jährige „flippige“ Tanten gut finden und Frauen, die mit „Notfallapotheke“ eine ordentliche Portion Schüßler-Salze meinen. Denen würde wahrscheinlich auch Michalskys Spruchtafel im Eingangsbereich gefallen: „Liebes McFit-Mitglied, ich widme dir dieses zweite Zuhause, um dich zu inspirieren, zu motivieren und um deine Kraft zu entfalten. (…) Zuhause ist da, wo es am schönsten ist. Zuhause ist hier.“

Unser neues Zuhause ist um halb zehn Uhr vormittags noch ziemlich leer. Bei den Laufbändern, Steppern und Fahrrädern schnaufen nur drei Menschen angestrengt vor sich hin; zwei Männer und eine Frau. Einer quält sich am Stepper. Zugegeben, das würde ein „Gym Bro“ niemals machen, ein anderer radelt gemächlich vor sich hin. Die Frau hat sich derweil auf das Laufband gewagt, wirkt mit ihren silbern schimmernden Kopfhörern und ihrem Fitnessoutfit so, als würde sie sich auskennen.

Es läuft „John Reed Radio“, schlechter Techno und Elektrobeats – aber egal, es haben sowieso alle ihre eigenen Kopfhörer auf. Durch die Fensterfront, direkt vor den Sportgeräten, blickt man auf einen weißen Wohnungsblock gegenüber. Jemand hängt gerade seine Wäsche auf, ein anderer hat sich auf das Fensterbrett gesetzt und raucht genüsslich eine elektronische Zigarette. Noch ein Omen?

„Während der ganzen Übung denken wir heute nicht an die Schule, an die Arbeit oder an die Nachbarin, ihr Schlingel, sondern immer an die Bauchmuskulatur.“

Fitness-Influencer Sascha Huber

in seinem Video „7 Minuten Sixpack Workout für Zuhause – Extrem Effektiv!“

In Österreich gibt es laut WKO 1239 Fitnessstudios (Stand: 2019) – zwei Drittel davon befinden sich in Wien, Niederösterreich, der Steiermark und Oberösterreich. Insgesamt haben über eine Million Menschen eine Mitgliedschaft – das sind mehr als zwölf Prozent der Bevölkerung. Die Preise variieren, im McFit liegen sie je nach Angebot zwischen 29,90 und 44,90 Euro. Dafür kann man dann eben rund um die Uhr trainieren. Der Fitness-Influencer Sascha Huber, 31 Jahre alt, Salzburger und nach eigenen Angaben „massiv“, erklärt dazu in einem seiner ersten Videos auf YouTube: „Ihr sollt jederzeit ins Gym gehen wollen, egal wie spät es ist. Die Uhrzeit spielt keine Rolle.“ Das war vor sechs Jahren. Heute folgen Huber fast 1,7 Millionen Menschen, sein erfolgreichstes Video hat 13 Millionen Aufrufe: „7 Minuten Sixpack Workout für Zuhause – Extrem Effektiv!“ Auch in seinem neuesten Workout-Video geht es um eine, wie er es nennt, „Sixpack-Zerstörung“. Grundprinzip: „Während der ganzen Übung denken wir heute nicht an die Schule, an die Arbeit oder an die Nachbarin, ihr Schlingel, sondern immer an die Bauchmuskulatur.“

Phase 2: Nachmittag

Um 17.00 Uhr ist das Lugner-McFit gut besucht. Mittlerweile hat jemand ein Fenster im oberen Geschoß bei den Fahrrädern aufgemacht, hier ist ein Großteil der Geräte besetzt. Im „Freihantelbereich“ wird geschwitzt, Gleiches gilt für die Ecke, in der man seinen Hintern trainieren kann, dort ist es allerdings um einiges leiser. Was auffällt: Hier sind alle herzlich willkommen. Alte, Junge, Dicke, Dünne. Man trifft den freundlichen Bodybuilder von nebenan genauso wie einen Herbert, der wegen zu hoher Cholesterinwerte vom Hausarzt hierherverdonnert wurde.

Peter Gröpel vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien beschäftigt sich intensiv mit Sportpsychologie. Über das Publikum in Fitnessstudios weiß er: „In Kettenbetrieben gibt es meistens vermehrt jüngere Trainierende, in Einzelbetrieben und Mikrostudios dagegen vor allem ältere – höchstwahrscheinlich, weil Erstere viel billiger sind.“ Und dann ist da natürlich noch die Sache mit dem Internet. „Ich kann mir gut vorstellen, dass jüngere Menschen, die von sozialen Medien sehr angetan sind und Fitness-Influencern folgen, auch sportlich aktiver werden“, so Gröpel.

Nun ist daran grundsätzlich nichts auszusetzen: „Ich sehe jene Vorteile, die der Freizeitsport und ein aktiver Lifestyle im Allgemeinen haben: die Stärkung der Gesundheit und Prävention von Erkrankungen wie Obesität, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bei älteren Menschen der Verlust von kognitiven Fähigkeiten. Sport und Bewegung, inklusive Gym-Training, haben einen positiven und direkten Effekt auf die öffentliche Gesundheit, auf die Public Health.“

So weit, so gut. Wäre da nicht der blöde Schlankheitswahn. Oft führt die Darstellung der „Fitness-Culture“ online eben nicht nur dazu, dass sich junge Menschen für Bewegung motivieren, sondern dass sie mit sich und ihrem Körper unzufrieden sind, dass Schönheitsideale gesetzt werden, die ein Normalsterblicher gar nicht erreichen kann. Das betrifft übrigens nicht nur Frauen, sondern auch Männer.

Gerade auf TikTok wird Männlichkeit immer öfter mit körperlicher Stärke gleichgesetzt. Damit einher gehen oft klassisch konservative Rollenbilder, toxische Männlichkeit inklusive.

Gerade auf TikTok wird Männlichkeit immer öfter mit körperlicher Stärke gleichgesetzt. Damit einher gehen oft klassisch konservative Rollenbilder, toxische Männlichkeit inklusive. Der frauenfeindliche Influencer Andrew Tate zum Beispiel – im Moment wegen Verdachts auf Menschenhandel, Vergewaltigung und der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Ausbeutung von Frauen angeklagt – pochte in seinen Videos immer wieder darauf, dass „echte Männer“ ins Gym müssten, physische Stärke sei schließlich eine der obersten Prioritäten.

Phase 3: Mitternacht

Es ist dunkel geworden. Die Lugner City leuchtet von außen zwar immer noch in all ihrer Pracht, aber drinnen ist irgendwie die Luft heraußen. Leere Einkaufszentren, ohne die eilig herumlaufenden Leute, ohne Kinder, die brüllen, oder Teenager-Mädels, die den Bubble-Tea-Shop zu ihrem neuen Habitat erklären, sind einfach gruselig. Versperrte Geschäfte, unbeleuchtete Schaufenster, eine bedrückende Stille: Das macht den Weg zum McFit-Eingang nicht sonderlich romantisch. Aber wenn es etwas Gruseligeres gibt als leere Einkaufszentren, dann sind das leere Fitnessstudios.

Wenn es etwas Gruseligeres gibt als leere Einkaufszentren, dann sind das leere Fitnessstudios.

Im McFit ist um Mitternacht nur mehr ein einzelner Mann zugegen – kurze Haare, schwarze Sporttasche, Mitte 40 – allerdings nicht sonderlich lange, wenig später macht auch er sich auf den Heimweg. Das Brummen der Proteinriegel-Automaten klingt ohne Menschen noch lauter, die Fitnessgeräte stehen wie vergessenes Spielzeug in der Gegend herum. Um Mitternacht wird auch die Musik abgestellt, und irgendwie fühlt sich danach alles an wie in einem Museum: Bloß nichts angreifen! Den einzigen Trost gegen die Einsamkeit und das wachsende Gefühl, dass man hier eigentlich gar nicht sein sollte, spenden die schönen, sportlichen Menschen auf den Bildern an der Wand. Sie lächeln immer noch genauso freundlich wie am Vormittag.

Ein Foto von Michelangelos David ist leider nicht dabei – und das, obwohl der erstaunlich gut zu der Michael-Michalsky-Fotostrecke im Treppenaufgang passen würde, vielleicht in Schwarz-Weiß und kunstvoll schlecht ausgeleuchtet, zwischen einem Mann, der über den Catwalk stolziert, einer Frau, die lasziv in die Kamera blickt, und dem Schriftzug: „Auch du kannst Model werden.“ Generell wird nach dem mitternächtlichen Besuch im McFit in der Lugner City klar: David muss sich eigentlich gar keine Sorgen machen. Falls er wirklich ein „Gym Bro“ werden will, ist er hier willkommen. Und wenn nicht, dann ist das auch allen recht – vor allem um Mitternacht, wenn keiner da ist.

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt im Rahmen des 360° JournalistInnen Traineeship für profil über Gesellschaft und Gegenwart.