Frauenbewegung in Österreich: „Voller Schmerzen und Übelkeiten“

Die Grabenkämpfe der österreichischen Frauenbewegung zwischen Patriotismus und Pazifismus.

Ausgerechnet jene Österreicherin, die zu einer feministischen Galionsfigur des Pazifismus wurde, trat zeitlebens energisch dagegen an, dass die Friedensbewegung mit der Frauenbewegung gleichgesetzt wurde: Bertha von Suttner (1843–1914), Gründerin der Österreichischen, Deutschen und Ungarischen Friedensgesellschaft, Verfasserin des später weltberühmten Antikriegsromans „Die Waffen nieder“, der 1889 erschien und bis 1904 in 37 Sprachen übersetzt wurde, erste weibliche Trägerin des Friedensnobelpreises 1905. Die „Baronin“ wehrte sich vehement dagegen, dass „die Frau als solche von Natur an als friedliches Wesen anzusehen wäre“, wie ihre Biografin Brigitte Hamann anmerkt. Im Gegensatz zu den radikaleren, linken Frauenbewegungen, die das weibliche Wesen als grundlegend pazifistisches sahen, warnte von Suttner schon 1895 in ihrer Zeitschrift „Die Waffen nieder“ davor „im Bezug auf die Friedensfrage“ einen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu machen: „Begeisterung für Kriegshelden und Kriegstaten findet man bei Frauen so gut wie bei Männern, Begeisterung und Energie in der Friedensbewegung wird von Frauen ebenso an den Tag gelegt wie von Männern …“ Schließlich zählten Mütter auch zu den besten Kundinnen der Bleisoldatenfabriken und es wären ja auch Frauengruppen, die die Geldsammlungen für Torpedoboote mit Enthusiasmus betrieben.

Bertha von Suttner musste den Ausbruch des Krieges, vor dem sie 20 Jahre lang gewarnt hatte, nicht mehr selbst erleben. Sie starb am 21. Juni 1914, wenige Tage, bevor in Sarajevo die tödlichen Schüsse fielen. Ihre Teilnahme am Großen Österreichischen Frauenkongress Ende Mai 1914 musste die 70-jährige „Juden-Bertha“, wie sie wegen ihrer vehementen Abscheu gegen jede Form von Antisemitismus auch genannt wurde, absagen. An Marianne Hainisch schrieb sie: „Ich bin voller Schmerzen und Übelkeiten. O, ich habe nicht mehr die Widerstandskraft, die sie haben.“ Dem Brief lag eine Grußadresse an die „lieben Schwestern und verehrten Kämpferinnen“ bei: „Die Zeit rückt immer näher, da die Frauen im Rat der Völker in der Lenkung politischer Dinge Sitz und Stimme bestimmen werden … Also, liebe Schwestern, seid standhaft und ans Werk.“ Als Nachfolgerin des Popstars des Pazifismus gerierte sich die linke Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Rosa Mayreder, die bereits vor Ausbruch des Krieges deklarierte Pazifistin war und die Katastrophe kommen sah. 1919 gründete sie die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“, deren Präsidentin sie wurde. Die ideologischen Gräben, die sich zwischen den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Frauenvereinen seit ihren Gründungstagen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zogen, vermochten auch die Greuel des Ersten Weltkrieges nicht zu schließen. „In der bürgerlichen Frauenbewegung, zu deren Protagonistinnen

Marianne Hainisch ­zählte, herrschte nach dem Ausbruch des ­Ersten Weltkrieges eine patriotische ­Euphorie“, erklärt die Historikerin Lydia Jammernegg, die im Rahmen der Frauen­forschungsstelle „Ariadne“ an der Nationalbibliothek arbeitet. „Pazifismus hatte ja auch in dieser Zeit immer etwas mit Vaterlandsverrat zu tun.“
Leopoldine Kulka, linksextreme Frauenrechtlerin und eine der vier Österreicherinnen, die den legendären Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag 1915 besuchten, konstatierte spöttisch über ihre schwarzen Geschlechtsgenossinnen: „Eine Frauenbewegung, die konservativ sein will, ist wie ein Vogel, der sich das Fliegen abgewöhnen will.“

Die bewegten Frauen des bürgerlichen Lagers beschränkten sich auf karitative Hilfsdienste an der „Heimatfront“: „Es gab Nähstuben, Krankenpflege, die Einrichtung von Mittagstischen, Kinderbetreuung“, so Jammernegg. Die bürgerliche Frauenrechtlerin Marianne Hainisch, Mutter des späteren Bundespräsidenten Michael Hainisch, appellierte in „Der Bund“, dem Zentralblatt Österreichischer Frauenvereine, 1914 an die Einsatzbereitschaft und den Patriotismus der „Frauen Oesterreichs!“: „Beklagenswerte Ereignisse haben Österreich den Krieg aufgezwungen … Wir sehen unser Vaterland allen Schrecken, welche die blutige Rechtssühnung mit sich bringt, ausgesetzt … Sollen wir passiv dulden und leiden? Das geziemt der Gattin und der Mutter, der Staatsbürgerin nicht, sondern es ist an uns zu versuchen, wie wir die Not lindern … Seite an Seite lasst uns zu unseren Männern stehen zu Österreichs Ehre!“ Die Historikerin Christa Hämmerle publizierte eben unter dem Titel „Heimat/Front“ (bei Böhlau) eine umfangreichende Analyse der „Geschlechtergeschichte/n in Österreich-Ungarn“ während des Ersten Weltkrieges, die die Involvierung der Frauen in das Kriegsgeschehen und ihre Mobilisierung zu Hilfsaktionen erstmals umfassend untersucht. Es ist der Forschungsstelle Ariadne unter der Leitung von Christa Bittermann-Wille hoch anzurechnen, dass sie sich heute der Mühe unterzieht, alle jene in der Versenkung verschwundenen Biografien zu heben, die maßgeblich an der Emanzipationsgeschichte Öster-reichs beteiligt waren. „Um den Feminismus zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen“, zitiert Bittermann-Wille die österreichische Frauenhistorikerin Gerda Lerner.

Eine heute nahezu vergessene Protagonistin der österreichischen Friedensbewegung war Olga Misar, die sich ab 1908 in der radikaleren Frauenbewegung engagierte. Auch sie war nach Den Haag gereist. In einem Artikel schreibt sie: „Soll der Geist der Mütterlichkeit die Gewalt besiegen, so müssen die Frauen endlich ihre Passivität überwinden.“
Überzeugte Pazifistinnen fanden sich in Österreich ausschließlich im linken Flügel. Auch nach der Einführung des Frauenwahlrechts 1919 kamen einander die politischen Lager innerhalb der Frauenbewegung nicht näher. Die Sozialdemokratin Käthe Leichter ätzte 1930: „Der Kampf der bürgerlichen Frauen besteht vor allem darin, Reformkleider zu tragen, beim Wort Mann mitleidig zu lächeln und aufzujubeln, wenn irgendwo auf der Welt eine Frau Professor oder ­Ministerialrätin wird.“