Frauenbild in der Gesellschaft: Unproduktive Uteri

Kinderlos: Jennifer Aniston.

Kinderlos: Jennifer Aniston.

Kinderlosigkeit als gesellschaftlicher Makel. Angelika Hager über eine Debatte, die sich von Istanbul bis Hollywood zieht.

Der Griff in die unterste Schublade sollte sich als selbstzerstörerisch erweisen: Kurz nachdem die Energiestaatssekretärin Andrea Leadsom in einem Interview mit der "Times“ ihre Parteirivalin in der Cameron-Nachfolge ob ihrer Kinderlosigkeit geringere Führungskompetenz attestiert hatte, warf sie das Handtuch. Kampflos konnte die vormalige Innenministerin Theresa May vergangenen Mittwoch in Downing Street Nr. 10 einziehen. Es ist ein Gütesiegel für eine im 21. Jahrhundert angelangte Gesellschaft, dass Leadsoms Wahl der Waffen für Aufregung und Empörung sorgte.

Das konservative Wochenmagazin "The Spectator“ qualifizierte Leadsoms "Stolz auf die eigene Fortpflanzung“ sogar als "heidnisch und dumm“ ab. Nur wenige Wochen zuvor hatte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan - perfid-ironischerweise bei der Eröffnung eines neuen Gebäudes des "Vereins für Frauen und Demokratie“ in Istanbul - freiwillig kinderlose Frauen als "nicht vollwertig“ klassifiziert und ein Leben, in dem Türkinnen zugunsten ihres Berufs auf Kinder verzichteten, als "Verleugnung der eigenen Weiblichkeit“ und "Verrat an der Nation“ gleichgesetzt.


Jennifer Aniston erklärte sie wäre ein vollständiger Mensch - "mit und ohne Mann und mit und ohne Kinder“.

Nun gut: Die gesellschaftspolitischen Aussagen dieses Mannes schockieren ohnehin keinen vollalphabetisierten Bewohner der westlichen Hemisphäre mehr, an ihre Absurdität hat man sich gewöhnt. Doch in seiner rigorosen Verurteilung der "Childfreedom“, wie feministische US-Aktivistinnen dem Substantiv Kinderlosigkeit ein peppigeres Image verleihen wollen, liegt Erdogan gar nicht solch Lichtjahre von der westlichen Zivilisationsgesellschaft entfernt.

Die Hollywoodschauspielerin Jennifer Aniston, 47, deren bislang unproduktiver Uterus immer wieder in der Boulevard-Presse mit der entsprechenden Süffisanz thematisiert wurde, blies den gesellschaftlichen Druckmachern vergangene Woche in der "Huffington Post“ den Marsch. Sie habe es einfach satt, "dass der Wert einer Frau auch heute noch vor allem über ihren Zivil- und Kinderstand definiert werde“, sie wäre ein vollständiger Mensch - "mit und ohne Mann und mit und ohne Kinder“.

Dass Schauspielerinnen wie Aniston, Cameron Diaz oder die "Sex and the City“-Nymphomanin Kim Cattrall medial häufig als Fruchtbarkeitsversagerinnen und entsprechend frustriert beschrieben werden, liegt auch am Hochamtscharakter, mit dem Fortpflanzung und Kinderhaben in einer Instagram-besessenen Welt von Starmüttern wie Kim Kardashian oder Eva Mendes zelebriert werden. Im Minutentakt werden die Follower schon mit Ultraschallbildern und verklärt lächelnden Schwangeren, die in der Morgensonne ihre schwellenden Bäuche streicheln, torpediert.


Männer, deren Samen nicht der Schöpfungsmission nachkamen, bleiben vergleichsweise verschont.

Dieser grassierende und durch Social-Media-Plattformen zigfach verstärkte Mutterchauvinismus hat das Klima für Frauen, die sich aus Überzeugung, wegen fehlender Zeuger oder aus medizinischen Gründen nicht fortpflanzten, verschärft. Es sind bei diesen Debatten, wie sich auch in der Leasom-Schlammschlacht gezeigt hat, vor allem Frauen, die sich gegenseitig den Krieg der Lebenskonzepte erklären: Da befetzen sich die Gralshüterinnen der ausschließlichen Brutpflege mit doppelbelasteten Teilzeit-Müttern, da wird das Fallbeil gegen Verfechterinnen der Fremdbetreuung ab dem Säuglingsalter ausgegraben.

In direkter Schusslinie stehen aber noch immer vor allem jene, die sich durch ihre Reproduktionsverweigerung, so die gängige Volksmeinung, aus der sozialen Verantwortung kippen. Männer, deren Samen nicht der Schöpfungsmission nachkamen, bleiben da vergleichsweise verschont.

"Kinderlos“ ist ein Attribut, das in Medien jeglicher Qualitätskategorie nahezu ausschließlich Frauen hinzu- und zugefügt wird - da kommt die deutsche Kanzlerin und damit mächtigste Frau der Welt, Angela Merkel, die paradoxerweise häufig als "Mutti“ apostrophiert wird, genauso dran wie die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice oder eine der reichsten Selfmade-Frauen der USA, die Talkshow-Supermacht Oprah Winfrey. Auch Susanne Riess, die erste Vize-Kanzlerin Österreichs, musste sich in Interviews stets die Frage nach ihrem Kinderwunsch und in Politikkreisen den Spitznamen "Königskobra“ gefallen lassen. Den Nachweis ihrer hingebungsvollen Weiblichkeit erbrachte sie dann mit Homestorys, in denen sie hinter einem Bügelbrett posierte.


In Deutschland bleibt jede vierte Frau zwischen 45 und 49 Jahren mit akademischen Abschluss kinderlos.

Bei den Karrierebeschreibungen von Männern scheint das Attribut "kinderlos“ hingegen als Zusatzinfo kaum relevant. Männer, die in ihren 40-plus-Jahren frei von kernfamiliären Bindungen durchs Leben ziehen, umweht noch immer die Aura des einsamen Autonomie-Cowboys, während Frauen in der gleichen Lebensphase den Eindruck eines unverkäuflichen Restpostens erwecken. Junggeselle versus Blaustrumpf oder alte Jungfer - gängige Sprachbilder verraten so viel mehr darüber, was sich in den Köpfen der breiten Massen abspielt, als alle soziologischen Abhandlungen und Statistiken.

Statistiken beweisen jedoch sehr deutlich, dass sowohl die bewusste Entscheidung gegen Kinder als auch ein unerfüllt gebliebener Fortpflanzungswunsch ein vorrangiges Phänomen der weiblichen Bildungselite sind. Die jüngsten Zahlen aus dem Erhebungszeitraum 2012 zeigen, dass in Österreich Frauen zwischen 45 und 49 Jahren zu 17,1 Prozent kinderlos blieben; bei jenen aus der Kohorte zwischen 65 und 69 Jahren, die also weniger ein erfüllendes Berufsleben als integrativen Bestandteil von Glück klassifizierten als die Generation danach, waren es nur 12,3 Prozent.

Akademikerinnen mit den Geburtsjahren 1965 und 1966 blieben zu 30 Prozent ohne Familie; bei Wissenschafterinnen liegt die Zahl sogar zwischen 40 und 51 Prozent. In Deutschland bleibt jede vierte Frau zwischen 45 und 49 Jahren mit akademischen Abschluss kinderlos. Die deprimierende Erkenntnis aus Hunderten von solchen EU-weit durchgeführten Untersuchungen: Berufliche Selbstverwirklichung auf hohem Niveau und ein Privatleben mit Mann, Kind(ern) und dem ganzen traditionellen Tralalala in ein Frauenleben zu quetschen, scheint auch im 21. Jahrhundert einem für viele unüberwindlichen Hindernisparcours gleichzukommen.


Die Prognosen versprechen keinen ideologischen Klimawandel.

Die Physikerin und Wittgenstein-Preisträgerin Ulrike Diebold erklärte im Zuge ihrer Auszeichnung in einem Interview: "Das Wichtigste für eine Frau, die erfolgreich sein will, ist, einen Mann zu finden, der diesen Erfolg auch erträgt.“ Und das scheint auch fast ein halbes Jahrhundert nach den großen feministischen Befreiungskämpfen alles andere als ein Waldspaziergang zu sein. Dass Frauen in Top-Jobs in der biologischen Lotterie viel riskieren, wenn sie ihre Fortpflanzungsversuche immer weiter hinauszögern, kommt als Faktor für die geringe Geburtenrate in der Wirtschafts- und Bildungselite hinzu.

Die in genderproblematischen Analysen gerne bemühte Supermarktkassiererin als Symbolträgerin für kleinbürgerliche Lebenskonzepte tut sich bei ihrer Entscheidung für oder gegen Familie nachvollziehbar wesentlich leichter. Die frühere Kanzlergattin Christine Vranitzky degradierte sich als eine Art Marie-Antoinette der Nachkriegs-Sozialdemokratie, als sie meiner Kollegin Christa Zöchling Mitte der 1990er-Jahre flüsterte, dass sie nicht verstehe, warum sich Frauen dieser Doppelbelastung aussetzten, "wenn sie wegen 5000 Schilling (circa 365 Euro) überhaupt das Haus verließen“.

Im Zuge der Wirtschaftskrise, deren häufigsten Opfer immer die Arbeitnehmerinnen sind, rechnet sich die Doppelbelastung auch heute immer weniger, ebenso haben sich die Betreuungsmodelle inzwischen nur unwesentlich verbessert - die Ganztagsschule für alle liegt noch immer in Ferne. Die Prognosen versprechen keinen ideologischen Klimawandel.

Die kinderlose Karrieristin, wie sie Robin Wright als "First Lady“ in der US-Politserie "House Of Cards“ anlegt, entspricht den Klischees der öffentlichen Meinung übrigens maßgemacht: kaltherzig, egoistisch, skrupellos und machtgierig. Wir werden nicht lange warten müssen, bis der neuen britischen Premierministerin Theresa May Spitznamen wie "Eiskönigin“ oder "Lady Macbrexit“ ans Kostümrevers geheftet werden.