"Freilerner" und "Homeschooler": Unterricht im eigenen Heim

"Freilerner" und "Homeschooler": Unterricht im eigenen Heim

Nicht nur integrationsunwillige Muslime halten ihre Kinder vom Unterricht fern. Auch die sogenannten Freilerner halten nichts von Schule und strengen Lehrplänen: Ihre Kinder sollen lernen, was und wie und wann sie wollen. Experten warnen vor Überforderung und sozialer Verwahrlosung.

Allegra sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter Karin und beginnt zu schreiben. Mit Hingabe führt die Sechsjährige den Stift von rechts nach links und füllt das Blatt behutsam mit seitenverkehrten Buchstaben. "Sie schreibt momentan nur so. Als Linkshänderin ist das bequemer für sie“, erklären ihre Eltern. Allegra wird ihre Geheimschrift so lange verwenden, wie es ihr Spaß macht. Das gängige Rechts-links-Dogma spielt in ihrem Fall keine Rolle. Ihre Familie gehört nämlich zu den sogenannten "Freilernern“. Allegras Eltern greifen nicht in die Entwicklung ihres Kindes ein. Schreibt sie von links nach rechts, wird das schon seinen Sinn haben.

Große Bandbreite an Lernmodellen

Rund 2000 Kinder im schulpflichtigen Alter verzichten in Österreich auf den Schulbesuch. Das ist insofern kein Problem, als in Österreich keine Schulpflicht, sondern Unterrichtspflicht herrscht, sprich: Unterricht kann auch zu Hause erfolgen, solange der Lehrplan eingehalten und die Beherrschung des Schulstoffs durch eine jährliche Externistenprüfung an einer öffentlichen Schule nachgewiesen wird. Ein Trend zum schulfreien Unterricht ist zu erkennen: In Wien haben sich im aktuellen Schuljahr 389 Schülerinnen und Schüler zum häuslichen Unterricht angemeldet - 100 mehr als im Jahr davor. Wie dieser Unterricht konkret angelegt wird, steht den Familien frei. Entsprechend vielfältig sind die Lernmodelle, die in heimischen Wohnzimmern verfolgt werden. Von den klassischen, grundsätzlich nach Lehrplan vorgehenden Homeschoolern reicht die Bandbreite über allerlei alternative Bildungskonzepte bis zur wachsenden Untergruppe der Freilerner, die sich von herkömmlichen Formen der Wissensvermittlung gleich ganz distanzieren - mit kaum abschätzbaren Folgen.

"Erwachsene sollten Kinder weder prüfen noch befragen. Ihre Aufgabe ist es, bei Bedarf Fragen zu beantworten und helfend zur Seite zu stehen“, begründete der Freilerner-Urvater John Holt (1923-1985), ein von der Lernunlust seiner Schüler desillusionierter Ex-Lehrer aus New York, die neue Lernideologie in den 1960er-Jahren. Demnach sollte Lernen aus innerem Antrieb heraus zu mehr Begeisterung und größeren Erfolgen führen als das Pauken in einem starren Lehrplan oder die Erziehung zur Obrigkeitshörigkeit in schulischen Hierarchien.

Wien Ottakring, später Vormittag. Der neunjährige Jonas rennt durch das Atelier seiner Mutter Sigrid, in der Hand einen Regenschirm. Eifrig zählt er die auf der Schirminnenseite abgedruckten Geldscheine: "Ich hab 1000 Euro!“, ruft er aus und rechnet akribisch vor, wie er auf diesen Reichtum gekommen ist. Das Nazi-Regime hat Jonas bereits beim Frühstück durchgenommen - durch einen Magazintitel neugierig geworden, wollte er von seinen Eltern alles über den Zweiten Weltkrieg wissen.

"Niemand hinterfragt, ob es sinnvoll ist, dass unsere Kinder Jahr um Jahr in der Schule absitzen, wo sie Wissen auswendig lernen, das sie zum Großteil nie wieder gebrauchen werden. Unter Bildung stelle ich mir etwas anderes vor“, fasst seine Mutter das Grundressentiment der lehrplanskeptischen Freilerner zusammen. Fixe Unterrichtszeiten werden von ihnen abgelehnt, genauso wie Bildungsziele oder jede Art der Beurteilung. Lernen findet frei von Institutionen und äußerlichen Vorgaben statt; die Kinder beschäftigen sich mit Themen ihrer Wahl, so lange sie Lust dazu haben. Bei neu aufkeimenden Interessen stellen die Eltern entsprechende Materialien zur Verfügung und stellen Kontakte her. "Unsere oberste Maxime ist das Vertrauen in das Kind und in uns selber. Unsere Kinder müssen keine von außen festgelegten Ziele erreichen, um etwas ‚wert‘ zu sein“, erklärt Allegras Mutter Karin.

Wer bestimmt, welches Wissen relevant ist?

Im Gespräch mit Freilernern gelangt man schnell zu den ganz großen Grundsatzfragen: Wie geht Bildung? Wozu Schule? Und wer bestimmt eigentlich, welches Wissen relevant ist? Prominente Fürsprecher wie der deutsche Neurologe Gerald Hüther oder der Freilerner-Tausendsassa André Stern bereiten mit Slogans wie "Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn“ oder "Lernen liegt in der Natur des Menschen“ den Boden für die Vorstellungen der Freilerner, die ungefähr so aussehen: Es gibt eine Welt ohne Druck und Zwang, in der jedes Kind seiner natürlichen Begabung folgen kann; in der demnach auch keine Handicaps oder Lernstörungen existieren - denn jeder ist gut, genau so, wie er ist.

Stefan Hopmann vom Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien sieht die Sache etwas pragmatischer: "Anders als in den USA, wo ein Großteil der 2,5 Millionen Homeschooler aus religiösen Motiven der Schule fernbleibt, handelt es sich in Österreich hauptsächlich um eine bildungsnahe, reflektierte Elite, die ihren Kindern in Zeiten der Bildungsexpansion die Möglichkeit geben will, sich durch einen besonderen Lebenslauf von der Masse abzuheben.“ Etwas schärfer formuliert es Albert Düggeli, Professor für Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Basel: "Nicht selten werden Kinder vorgeschoben, um die autoritätskritische Skepsis des Elternhauses gegen die staatliche Macht auszuleben.“

Doch der Freiheitsdrang der Eltern geht zulasten der Kinder. Stefan Hopmann: "Auf ihnen liegt der diffuse Anspruch, etwas ganz Besonderes zu werden. Das kann überfordern. Vor allem in den USA, wo weniger kontrolliert wird, bleiben viele Heimlerner auf der Strecke.“

Studien zu den weiteren Lebens- und Karriereverläufen ehemaliger Heimlerner existieren kaum. In einer groß angelegten US-Untersuchung von 2009 stachen Heimlerner ihre klassisch unterrichteten Schulkollegen zwar akademisch aus - dafür lebten viele mit dem Stigma, "sozial nicht ganz normal“ zu sein.

"Erst mit 16 Jahren wurde mir richtig bewusst, dass andere Kinder in die Schule gehen müssen und ich mich von ihnen unterscheide. Das war auch nicht immer leicht“, beschreibt die heute 32-jährige Christine (Name von der Redaktion geändert) ihre Freilernerjugend. Heute arbeitet sie als Pflegerin, assistiert im familieneigenen Betrieb und besucht seit Kurzem auch die Abendschule: "Ich möchte meine Tochter freilernend aufziehen, will aber vorher wissen, wie Schule eigentlich aussieht.“ Christines Fazit: "Wir lernen Formeln auswendig, von denen weder die Lehrerin noch die Schüler wirklich begreifen, wie sie in der Realität umzusetzen sind. Für mich, die immer praktisch gelernt hat, ist das oft nicht nachvollziehbar.“

Prüfungsverweigerer

In Österreich bleibt der Schulstoff freilich auch für Heimlerner Pflichtprogramm. Doch während klassische Homeschooler die Externistenprüfung meist ohne Probleme bestehen, ist es bei Freilernerkindern um das zufällige Zusammentreffen spontaner Interessen mit staatlichen Lehrplänen meist eher schlecht bestellt. Daher verweigerten neun Familien der "Initiative Freilernen 2013“ im Vorjahr die Prüfung gleich ganz. Theoretisch zwingt der Prüfungsboykott die Kinder zur Wiederholung des Schuljahres an einer öffentlichen Schule.

In der Praxis wissen die Behörden freilich nicht recht, wie sie damit umgehen sollen. Gegen die Bescheide, in denen den Kindern für das laufende Schuljahr der Besuch einer öffentlichen Schule vorgeschrieben wird, haben die Freilerner Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingelegt. Eine der betroffenen Erziehungsberechtigten, Sigrid Haubenberger-Lamprecht, betont, dass die Freilerner sich keineswegs aus Sturheit verweigern, sondern aus dem Wunsch heraus, Freilernen als gleichwertige Bildungsform zu etablieren: "Wir sind nicht gegen Schule, sondern wollen einfach unserer Lebensform, für die wir uns entschieden haben, frei nachgehen können.“

In Expertenkreisen bleibt der pädagogische Freisinn umstritten. Thomas Mohrs von der Pädagogischen Hochschule Linz erlebt die meisten Freilernerkinder als "selbstständige, selbstbewusste und lösungskompetente Menschen“. Grundsätzlich, so Mohrs, würden die Freilerner durchaus gültige Konzepte aufgreifen: Lange schon sei bekannt, dass Noten dem Lernvergnügen, besonders jenem der jüngeren Kinder, schaden; dass selbst erarbeitetes Wissen tiefer wurzelt als oktroyiertes, dass streng getrennte Schulfächer unserer interdisziplinären Realität nicht gerecht werden und dass kein Teenager um acht Uhr früh über ein gesundes Denkvermögen verfügt.

"Katastrophal“ nennt Matthias Burchardt dagegen jeden Ansatz von häuslichem Unterricht. Der Lehrbeauftragte für Bildungsphilosophie an der Universität zu Köln tritt als lautstarker Gegner von Reformen auf, die dem Kind die komplette Verantwortung über den eigenen Lernprozess aufladen. "Ein Kind kann nur aus Bildungsangeboten wählen. Sich allein sämtliche Themen zu suchen, übersteigt seine Fähigkeiten. Es ist doch eine kulturelle Gegebenheit, dass ältere Generationen Werte und Wissen an die jüngeren herantragen. Im Einzelgang das Rad neu zu erfinden, ist nicht sinnvoll.“

Experten orten Defizite

Für die Schulunzufriedenheit der Freilerner zeigen die meisten Experten Verständnis, orten jedoch in deren Totalverweigerung kontraproduktive Tendenzen. Denn nicht nur Jahreszahlen und Matheformeln, auch soziale Gruppenfähigkeit und theoretisch-abstraktes Denken würden in der Schule vermittelt, so der Baseler Pädagoge Albert Düggeli: "Lernen durch Miterleben war in bäuerlichen Gemeinschaften üblich, passt aber nicht zu den differenzierten Lernanforderungen unserer komplexen Gesellschaft.“

Laut dem Kölner Bildungsexperten Mathias Burchardt steigt die Gefahr, dass Homeschooler und Freilernerkinder in einer Unselbstständigkeit gefangen würden, anstatt sich verstärkt an Alterskollegen und Lehrern zu orientieren. Diese hätten nämlich, bildungspsychologisch gesehen, eine wichtige Aufgabe: "Die Eltern bauen dem Kind eine Idealwelt. Lehrer sind Repräsentanten des öffentlichen Lebens - sich ihr Lob zu verdienen, kann mitunter lohnender sein, als von den Eltern verhätschelt werden. Anstatt sich der Schule vollkommen zu entziehen, sollten Eltern lieber ihr berechtigtes Unbehagen nutzen, um politisch etwas am Bildungssystem zu ändern.“

Fehlendes politisches Engagement ist nun allerdings wirklich nichts, was man österreichischen Freilernern vorwerfen könnte. "Seit Dezember 2013 suchen wir das Gespräch mit dem Ministerium für Bildung und Frauen, um gemeinsam einen für alle Beteiligten zufriedenstellenden Weg zu erarbeiten“, berichtet die Freilerner-Aktivistin Haubenberger-Lamprecht. Eine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof wurde bereits eingereicht, weitere sind in Vorbereitung. Die Mitbegründerin der österreichischen Freilerner-Initiative, Joya Marschnig, bleibt kämpferisch: "In der Verfassung wird uns das Recht auf freie Bildung zugesprochen. Doch mit der bestehenden Regelung werden wir gezwungen, unseren Kindern den Schulstoff auf eine Art einzutrichtern, die unserer Auffassung widerspricht.“

Darüber, wie eine Freilerner-kompatible Form der Externistenprüfung aussehen könnte, herrscht freilich auch innerhalb der Szene Unklarheit. Fest steht nur: Allegra soll weiter so schreiben, wie sie will.

Hausunterrichts-Familien im Porträt

„Unsere Lebensart ist für andere schwer nachvollziehbar“
SIGRID und RICHARD HAUBENBERGER-LAMPRECHT wollen den Familienalltag mit JONAS, 9, und ELIAS, 6, frei gestalten können und verzichten deshalb auf institutionelle Bildung. Um ihre Haltung zu unterstreichen, verweigerten die Lamprechts zuletzt auch die vorgeschriebene Externistenprüfung. „Unsere Lebensart ist für andere schwer nachvollziehbar. Für uns ist die Zeit als Familie einfach zu wertvoll, als dass wir uns nach einem anderen System richten wollten.“ Elias hat im vergangenen Jahr das schulreife Alter erreicht, blieb aber lieber zu Hause. Sorgen über die Zukunft ihrer Söhne machen die Lamprechts sich nicht: „Jonas lernt jetzt aus eigenem Antrieb töpfern. Wir haben uns bewusst für diesen Weg entschieden, auch wenn er vielleicht später ein geringeres Einkommen bedeutet.“

„Wir dachten, wir könnten ihm wieder Freude am Lernen vermitteln.“
Die Schauspielerin ANNE BENNENT und der Musiker OTTO LECHNER (beide 50) haben ihren gemeinsamen Sohn FELIX, 10, zwei Jahre lang zu Hause unterrichtet. Bennent wuchs – als Tochter einer wenig sesshaften Schauspielerfamilie – selbst ohne klassische Schulbildung auf, wollte ihren Söhnen eine solche aber nicht verwehren. Der ältere Sohn Anton geht auch gern ins Gymnasium; Felix zeigte dagegen nach einiger Zeit wachsende Unlust am Schulgang, weshalb es seine Eltern mit Hausunterricht versuchten. „Wir dachten, wir könnten ihm wieder Freude am Lernen vermitteln. Leider ist uns das nur zum Teil gelungen“, meint Lechner. Nach zwei Jahren hat sich Felix entschlossen, doch wieder in die Schule zu gehen. Er möchte neue Freunde finden.

„Gerade als Lehrerin will man etwas anderes für seine Kinder.“
Die Lehrerin KARIN, 39, und der Elektrotechniker NICO SIAKKOS, 42, verzichten auf Schulbildung für ihre Kinder TAMINO, 9, ALLEGRA, 6, und PHILOMENA, 2. „Gerade als Lehrerin sehe ich den Schulalltag und will etwas anderes für meine Kinder“, sagt Karin Siakkos, die hofft, ihren Kindern dieses andere im häuslichen Unterricht mitgeben zu können: „Wir wollen ihnen vermitteln, wie lange es dauert, ein Kleid zu nähen, oder bis eine Tomate wächst. Oder wie man ein Auto repariert.“ Auch Familie Siakkos verweigert die obligatorische Externistenprüfung, weshalb nun eine Verwaltungsstrafe droht; auch das Jugendamt hat sich angemeldet. An ihrer Haltung ändert das wenig: „Allegra sollte letzten Herbst in die Schule kommen. Aber als wir sie fragten, ob sie das wolle, sagte sie nur: Nein, ich bin Freilerner!“

„Nicht jeder muss seine Freunde täglich sehen.“
Die Heilpraktikerin LISA ZICKLER, 40, unterrichtet ihre Söhne ARIAN, 11, und SASAN, 10, nach einem individuell entwickelten Lernmodell. Zickler empfand ihre Jungs als „zu feinfühlig für den Kindergarten“, weshalb sie mit ihnen einen Weg abseits der pädagogischen Institutionen einschlug. Beim Heimunterricht folgt sie „unserem eigenen Lernmodell. Ich orientiere mich grob an den Schulbüchern, darüber hinaus folgen wir spontanen Ideen.“ Dass Arian und Sasan mangels Schulbesuch zu wenig Sozialkontakt hätten, glaubt Zickler nicht: „Freunde treffen die Jungs im Schach- und Turnverein, dessen Trainerin ich bin. Sie haben soziale Kontakte. Nicht jeder muss seine Freunde täglich sehen.“