Strahlende Aussichten

Der Super-GAU von Fukushima war der Schock-Hype des Jahres – ein paar Wochen lang zumindest. Sebastian Hofer über die Katastrophe im Zeitalter ihrer medialen Reduzierbarkeit.

Wenn wir in diesem Jahr etwas gelernt haben, dann dies: Auf die Atomkraft ist kein Verlass mehr. Am 14. März 2011 verkündete die Tageszeitung „Österreich“ mit schreckgeweiteten Lettern: „Atom-Wolke erreicht Europa in 2 Wochen.“ 34 Wochen später, am 11. November, konnte dann endlich Vollzug gemeldet werden: „Atom-Alarm in Österreich.“ Fukushima war zu Hause angekommen. Als Phantom.

Der österreichische „Atom-Alarm“ erwies sich schon wenige Tage später als lauwarme Luft (aus einem Forschungsreaktor in Ungarn waren unbedenkliche Mengen an Jod 131 entwichen). Das spielte aber keine Rolle mehr, denn in den Monaten nach dem katastrophalen Zwischenfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima 1, dem größten atomaren Unfall seit Tschernobyl 1986, hatte sich einiges getan, was das Verhältnis zwischen Anlass und Aufregung gehörig gestört hatte. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit erlebte in diesem Frühjahr einen desaströsen Kurssturz, die Angstblase ist 2011 endgültig geplatzt. Die Hysterie, die der Super-GAU zunächst freigesetzt hatte, erwies sich im Lauf des Jahres als unhaltbar und löste sich in Gleichgültigkeit auf. Gleichzeitig steigerte sich die Verwirrung, die aus der Katastrophe erwachsen war, zur umfassenden Unklarheit – und löste sich ebenfalls in Gleichgültigkeit auf. Der „Atom-Alarm“ war zur leeren Hülle verkommen, aus der die heiße Luft schneller entwich, als sie hineingeblasen werden konnte.

Wie konnte das passieren? Und vor allem: Wie konnte das so schnell passieren?

Am 14. März 2011, drei Tage nach dem großen Tohoku-Beben, das die japanische Ostküste verwüstete und 20.000 Menschenleben forderte, zwei Tage nach den ersten Meldungen über einen Störfall in einem japanischen Kernkraftwerk namens Fukushima, waren Geigerzähler in ganz Österreich ausverkauft. Das Tageszeitungsarchiv der Austria Presse Agentur verzeichnet allein in diesem Monat 2157 Meldungen zum Stichwort „Fukushima“, verteilt auf blattfüllende Sonderstrecken zum großen und einzigen Thema dieses medialen Frühlings, zu dem Thema, das uns, wie man annehmen musste, noch jahrelang beschäftigen würde. Immerhin stand nichts Geringeres als die Zukunft unseres Planeten auf dem Spiel.
Acht Monate später, im November 2011, lieferte das APA-Archiv noch 253 Artikel zum selben Stichwort. Sie setzten sich überwiegend mit unatomaren Themen auseinander (etwa dem Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“, der aktuellen OECD-Konjunkturprognose oder den Sony-Standorten in Salzburg) und streiften die japanische Katastrophe bestenfalls in Nebensätzen. Hin und wieder gab es aber auch echte Nachrichten aus Japan: „Anzeichen für Kernspaltung in AKW-Ruine Fukushima“ meldeten die „Salzburger Nachrichten“ am 3. November auf Seite 27. „Atom-Alarm“? Ja, durchaus. Am 2. November hatte die Tokyo Electric Power Company (Tepco) bekannt gegeben, dass im havarierten Reaktor 2 erhöhte Konzentrationen der Gase Xenon 133 und Xenon 135 gemessen worden waren. Das bedeutete, dass die nukleare Kettenreaktion im kaputten Kraftwerk auch acht Monate nach dem Super-GAU weiterläuft, und zwar keineswegs so kontrolliert, wie die Kraftwerksbe­treiber gern behaupten.

Am 4. November war die neue Nachricht aus Japan trotzdem schon wieder eine Nachricht von gestern. Fukushima ist weit weg, und wir haben schließlich andere Sorgen. Glücklich ist, wer vergisst. Und vergessen haben wir im vergangenen Jahr tatsächlich gelernt.

Das könnte zum Nachdenken anregen. Nicht unbedingt über die Binsenweisheit, dass Medieninteresse in den meisten Fällen nicht besonders nachhaltig wirkt. Sehr wohl aber darüber, was Fukushima zu einem Sonderfall gemacht hat: zu einer Katastrophe, die andauert, die kein erkennbares Ende hat, sondern weitergeht und weiter strahlt. Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Die Folgen des Super-GAUs lassen sich nicht so eindeutig und endgültig ab- und wegarbeiten wie noch die – unmittelbar wesentlich dramatischeren – Erdbeben- und Tsunamischäden. Das Cäsium strahlt weiter, unerbittlich, und verträgt sich so gar nicht mit der auf Aufregung und Kurzfristigkeit getrimmten Nachrichtendynamik.
Dabei erschien die Katas­trophe ein paar Wochen lang wie der größte anzunehmende Glücksfall für die medialen Auf- und Wiederaufbereitungsanlagen. Sie war geheimnisvoll, unklar und dramatisch, ein Nährboden für Spekulation und Auslegung. Die Nachrichtenlage war undicht für Schlaglichter, die heller strahlten, als sie eigentlich waren. Die Geschichte vom japanischen Atomunfall hatte das Zeug zur klassischen Tragödie, alle wesentlichen Bestandteile waren vorhanden: Einheit von Ort, Zeit und Handlung (Japan im Jahr 2011); die Ohnmacht der Menschen gegenüber dem dramatischen Eingriff der Götter (des Erdbebens/der Atomkraft); Mitleid (mit den Betroffenen) und Furcht (selbst betroffen zu sein). Nur eines fehlte, das Wichtigste: Katharsis, die Auflösung des Dramas, die Lehre, die das Publikum daraus zieht. Von seinem nicht eintretenden Ende aus betrachtet, zerfiel das Drama. Das Cäsium strahlt weiter.

Die Dramaturgie selbst wirkte schulbeispielhaft.
Zu Beginn, am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit, die explosive Exposition: das Beben vor der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu, Stärke 9 auf der Richterskala. Eine Stunde später seine unmittelbare, schicksalhafte, tragische Folge: der Tsunami, bis zu 15 Meter hoch, der ganze Landstriche in Müllhalden und Friedhöfe verwandelte, die ­Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Fukushima 1 überschwemmte und deren Kühlanlagen zerstörte. Die weitere Entwicklung der Katastrophe: die Kernschmelze in den Reaktoren 1 bis 3, die Überhitzung der Abklingbecken, die Explosionen in den Reaktorgebäuden 1 bis 4, die Freisetzung von Radioaktivität in die Luft und ins Meer, die fieberhaften Lösch- und Kühlversuche von zunächst 50, später mehreren Hunderten Arbeitern, die Evakuierung von Wohngebieten in einem Umkreis von erst 10, dann 20 Kilometern, die Einstufung des GAUs auf Stufe 7 („Katastrophaler Unfall“), die höchste auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines), die gleiche wie Tschernobyl im Jahr 1986. Schließlich die Folgen des Dramas: am 14. März das deutsche Atommoratorium zur Stilllegung älterer Kraftwerke, am 20. Mai der Rücktritt von Tepco-Präsident Masataka Shimizu, am 30. Mai der Atomausstiegsbeschluss der deutschen Bundesregierung, am 1. Juni der Beginn der Stresstests für europäische Atomkraftwerke, am 26. August der Rücktritt des japanischen Premierministers Naoto Kan.

Alles klar und eindeutig also und dabei auch keineswegs folgenlos. Trotzdem löste sich das Drama schon im Frühsommer auf, ohne eine echte Auflösung zu erreichen – weil der Deus ex Machina in diesem Fall eben keiner war, der das Drama (wie in der klassischen Tragödie) abgerundet und abgeschlossen hätte, sondern einer, der es nur zerstäubte. Es handelte sich um einen Deus ex Medienmaschinerie. Er zerlegte das Ereignis buchstäblich in seine Atome. Weil die Nachrichten aus Zigtausenden Medienkanälen flossen, gewann das Drama von Fukushima zugleich an Detail und verlor an Substanz, wurde abstrakt. Die Wolke der Nachrichten verdüsterte das Ereignis selbst, löste seine Kohärenz und seine Bedeutsamkeit auf – bis niemand mehr wusste, was er denken sollte, und darum lieber an etwas anderes dachte.

Atom bedeutet im Griechischen „das Unteilbare“.
Trotzdem wurde es im Fall von Fukushima geteilt, in die Tausenden und Abertausenden Elementarteilchen der Berichterstattung: Nachrichtensplitter, Bildbeschreibungen, Liveticker, Eilmeldungen, Eilmeldungskorrekturen, neue Eilmeldungen, Expertenwortmeldungen, Zukunftsprognosen, Kommentare, Analysen. Dabei löste ausgerechnet das, was eigentlich Ordnung und Einordnung verheißt – die Stufen der Notfallskala; die physikalischen Messwerte in Sievert, Rem, Becquerel; die Expertenmeinungen –, nur noch größere Unordnung und Unsicherheit aus. Strahlengrenzwerttabellen, Erdbeben- und Katastrophenrankings, medizinische und nuklearphysikalische Einzelbetrachtungen sorgten, im Verein mit großangelegten Überblicks-, Gesamteinschätzungs- und Langzeitfolgenbetrachtungen dafür, dass sich die Nachrichtenteilchen weiter und weiter, bis zu irrwitziger Geschwindigkeit beschleunigten, auf­einanderprallten und schließlich verpufften.

Allerdings: Es war nicht alles schlecht.
Auch im Fukushima-Zusammenhang übten die Medien ihre zentrale Aufgabe – zu hinterfragen und zu kritisieren, wie die staatlichen Behörden agieren und reagieren – mit großer Gewissenhaftigkeit aus. Das hatte durchaus positive Effekte. Trotzdem verfehlten die Medien ihre Aufgabe, weil sie eben – mal mehr, mal weniger bewusst – den Gesetzen des Markts unterliegen und diese Gesetze in einem Fall wie diesem massiv an Bedeutung gewinnen. Medienberichte stehen – vor allem im global relevanten, weltweit berichteten Ausnahmefall – nicht nur in Konkurrenz zur Unwahrheit, sondern in erhöhtem Maß auch zueinander. Im Fluchtpunkt der Medienökonomie steht damit aber nicht mehr das Ereignis, sondern die Aufmerksamkeit, die es erzeugt. Diese ist – in der Marktlogik – ein begrenztes Gut. Indem sich die Medien ständig überbieten müssen (in Detailreichtum/Aufgeregtheit/Besserwisserei), um dieses Gut zu erreichen, rückt die Wahrheit selbst aus dem Blickfeld. Die Nachrichten zerstreuen sich.

Die Gefahr bleibt tückisch unsichtbar:
Wenige Wochen nach dem Erdbeben, im April 2011, machte sich der kalifornische Autor William T. Vollmann auf den Weg in die Sperrzone, reiste – nur mit einem Dosimeter und einer behelfsmäßigen Schutzausrüstung aus Atemmaske und Plastikhandschuhen ausgerüstet – nach Japan, besuchte verwüstete Ortschaften und trauernde Familien, betrachtete die frühlingshafte Landschaft rund um das Kernkraftwerk und erkundete das evakuierte Dorf Kawauchi, wenige Kilometer von den Unglücksreaktoren entfernt: „Was soll man sagen zu diesem Ort? Der Morgen warf seine Schatten, die Vögel sangen, das Dosimeter stand auf 2,7 Millirem, die Schatten der elektrischen Leitungen tanzten auf der gerippten Betonfassade einer Werkstatt, ein kleiner schwarzer Käfer kroch über einen Sandsack.“

Ja, was soll man sagen zu diesem Ort? Außer dass er auf Jahrzehnte unbewohnbar sein wird? Dass man nicht genau erklären kann, warum, weil man die Gefahr nicht sehen oder fühlen kann, weil man sie, wenn es sie denn gibt, erst Jahre, Jahrzehnte später bemerken wird, an gehäuften Krebserkrankungen, Erbschäden, familiären Katastrophen und Folgekatastrophen? Dass nicht Tepco an der Katastrophe schuld ist und auch nicht das Erbeben? Weil wir alle schuld sind daran, weil wir die Kernenergie brauchen und wollen, weil wir gierig sind nach mehr und noch mehr und dabei rücksichtslos und kurzsichtig? Ja, das könnte man sagen. Denn alle diese Fragen und Tatsachen stehen hinter der Katastrophe selbst, vor allem aber hinter ihrem Verschwinden, weil sie uns nahelegen, über Fukushima nicht zu viel und nicht zu lange nachzudenken, zu unserem eigenen Schutz. Vollmann überschreibt seinen Bericht mit „Eine Geschichte von Dingen, die kaum zu glauben sind und zu verstehen schon gar nicht“.

Fukushima und kein Ende:
Nachrichten aus Japan, neun Monate nach dem Erdbeben: Am 13. November wurde auf dem Kraftwerksgelände eine Strahlenbelastung von einem Millisievert pro Stunde gemessen. Der Grenzwert für die Evakuierung eines Wohngebiets liegt in Japan bei 20 Millisievert pro Jahr.

Am 2. Dezember wurde Stickstoff in die Reaktoren 1, 2 und 3 eingeleitet, um eine Wasserstoffexplosion zu verhindern, wie sie in den Tagen nach dem Tsunami die Reaktorgebäude zerstört hatte.

Am 5. Dezember wurde bekannt, dass 45 Tonnen radioaktiv verseuchten Wassers aus einer Dekontaminationsanlage ins Meer ausgelaufen sind.
Acht Prozent der Landfläche Japans sind, amtlichen Messungen zufolge, mit erhöhten Cäsiumwerten belastet. Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren.