Gender-Debatte: Warum Männer und Frauen nicht miteinander reden können

Gender-Debatte: Warum Männer und Frauen nicht miteinander reden können

Für Männer und Frauen gilt das, was Karl Kraus über Österreicherinnen und Deutsche sagte: Sie trennt die gemeinsame Sprache.

In einer ihrer wunderbar-perfiden Alltagsgeschichten filmte die TV-Journalistin Elizabeth T. Spira ein Pärchen, das sich zoffte. Während die Frau ihren Kommunikationsmodus auf "friendly fire“ gestellt hatte und den "Meinigen“ mit Vorwurfssalven beschoss, ging der Mann in Deckung. Irgendwann wusste er sich nicht mehr zu helfen und seufzte nur noch: "Missversteh mich bitte endlich richtig!“ Der Freud’sche Versprecher legte ein jahrtausendealtes Dilemma offen: Männer und Frauen kommunizieren häufig aneinander vorbei. Die sprachlichen Unterschiede kann man auch nicht mit allen aktuellen Genderkorrektheitsdebatten schönreden. Sie sind evolutionsbiologisch und neurologisch bedingt. Was die Natur sich nun einmal vor Millionen Jahren ausgedacht hat, so die US-Anthropologin Helen Fisher, "kann die Zivilisation nicht mit der Delete-Taste so einfach wegdrücken“.

Haben Frauen mehr zu sagen?
Das beunruhigende Wissen, dass Frauen erheblich andere Mitteilungsbedürfnisse als Männer haben, ist grenzüberschreitend und seit Jahrhunderten Teil der nationalen Volksweisheit. Ein traditioneller Fischerspruch aus Jütland besagt: "Eher fehlt es der Nordsee an Wasser als einer Frau an einem Wort.“

Unter sudanesischen Bauern ist man ganz ähnlicher Meinung: "Drei Frauen ergeben einen Markt.“

Der preußische Gelehrte und Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt formulierte es 1829 etwas charmanter: "Frauen drücken sich in der Regel natürlicher, zarter und dennoch kraftvoller als Männer aus. Ihre Sprache ist ein treuerer Spiegel ihrer Gedanken und Gefühle.“ In den 1970er-Jahren begannen Linguistinnen wie die Amerikanerin Robin Lakoff dieser Frage genauer auf den Grund zu gehen.

Viel-diskutierte Sprachstudie
In ihrem damals provozierenden Buch "Language and Woman’s Place“ beschrieb Lakoff 1975 eine spezifisch weibliche Sprache, die den "niedrigeren“ sozialen Status von Frauen widerspiegle.

Frauen arbeiteten mehr mit Konjunktiven, Fragen und Entschuldigungen als Männer, da ihr soziales Selbstbewusstsein eine Etage tiefer angelegt ist. Tendenzielle Abschwächungen eigener Aussagen durch Frageformen ("Ist das nicht ein schöner Rastplatz?“), Unschärfemarkierungen ("Irgendwie schön hier, nicht?“) oder indirekte Aufforderungen ("Sollten wir hier vielleicht rasten?“) wären als grammatikalische Eingeständnisse der eigenen Schwäche zu werten. Lakoff und ihre Kolleginnen hatten gegen die genderspezifische vorauseilende Herabwürdigung der eigenen Person auch eine Strategie im Talon: Frauen sollten, um ihre gesellschaftliche Position zu verbessern, eine männlichere, indikativintensive Sprache pflegen, die den Subtext "Keine Widerrede“ und "Ich weiß, was ich will“ mitschwingen lässt. In der Praxis umgesetzt, würde dann die hoffnungsvolle Suggestivfrage "Ist das nicht ein schöner Rastplatz?“ durch ein weit harscher anmutendes "Hier rasten wir jetzt“ ersetzt werden.

Solche Verleugnungsstrategien der weiblichen Sprachpsyche als Wunschbild zu propagieren, ist inzwischen längst wieder aus der Denk-und Debattenmode gekommen. Genauso wie die sogenannten Power- oder Karrierefrauen, die in den 1980er-Jahren ihren Führungsstil im Fahrwasser von Margret Thatchter auf eiserne Ladys trimmten und damit die Männer in ähnlichen Positionen imitierten. Gleichberechtigung für Frauen durch Nachahmung des männlichen Geschlechts erzielen zu wollen, machte die Welt einfach nicht zu einem besseren Platz.

Frauengespräche als "Idealgespräche"?
Die deutsche Linguistin Senta Trömel-Plötz bezeichnete die "Frauensprache“ sogar als "Sprache der Verständigung“, die eine "heilende“ Qualität habe: Frauengespräche seien einfach von der Dramaturgie her "Idealgespräche“.

Nun ist die Welt leider nicht immer ideal, weshalb die US-Sprachwissenschafterin Deborah Tannen mit ihrem Bestseller "You just don’t understand“ (1990) auf durchaus rege Zustimmung traf. Ihre These: Männer und Frauen reden zwar dieselbe Sprache, aber bedienen sich dabei gewissermaßen unterschiedlicher Dialekte, was unweigerlich zu Missverständnissen führe (und in letzter Konsequenz leider auch zu sehr lustigen Wörterbüchern wie Mario Barths "Frau-Deutsch/Deutsch-Frau“).

Klassisches Beispiel: Frauen meinen im Gespräch mit Minimalreaktionen wie "Mhm“ oder "Ja“ so viel wie: "Ich höre dir zu.“ Für Männer - die solche Einwürfe deutlich weniger verwenden - bedeutet ein "Mhm“ dagegen: "Ich stimme dir zu.“ Tannen führte diese unterschiedlichen Gesprächsstile auf frühkindliche Lernerfahrungen zurück. Kinder üben das Sprechen überwiegend in gleichgeschlechtlichen Freundeskreisen, wobei Bubengruppen tendenziell von Hierarchie und Konkurrenz geprägt seien, Mädchen dagegen eher kooperativ und in kleineren Gruppen spielen und sprechen. Das Resultat: Männer kommunizieren vertikal (hierarchisch, auf Konfrontation gepolt), Frauen horizontal (kooperativ, auf Verständigung gerichtet).

Relativierung der geschlechterspezifischen Prägung
In der jüngeren Linguistik werden diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Kommunikationsverhalten nicht mehr angezweifelt, aber doch relativiert. Einflussreiche Forscherinnen wie die Deutsche Karsta Frank meldeten Zweifel an, ob das biologische Geschlecht für unser Sprachverhalten wirklich der ausschlaggebende Parameter sei und brachten eine Fülle an Faktoren ins Spiel, die Kommunikation sehr viel stärker prägten als die geschlechtliche Zugehörigkeit. Bildung, Herkunft, soziale Stellung, Beruf, Umgebung, und nicht zuletzt das soziale Geschlecht würden den Sprech- und Sprachstil weit tiefer prägen.

In der Kommunikation gilt, was auch in allen anderen Bereichen der menschlichen Psyche anzuwenden ist: die berühmte Drittel-Regelung. Die Linzer Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner antwortete damit auf die Frage, warum ein Mensch zum Verbrecher wird: "Ein Drittel ist genetische Veranlagung, den Rest der Faktoren bestimmen Herkunft und soziales Umfeld.“ Die genetische Veranlagung wird wiederum stark durch geschlechtsspezifische Faktoren bestimmt wie die unterschiedlichen Verschaltungen männlicher und weiblicher Gehirne (siehe Kasten).

Laut dem Frauenmagazin "Cosmopolitan“ wäre eigentlich alles ganz einfach. Zum Evergreen-Thema "Richtig mit Männern kommunizieren“ berichtete eine Redakteurin aus einem Seminar für "Arroganztraining“. Leitfrage: "Muss man wirklich mit Männern so reden wie in einem schlechten Mafia-Film?“ Grundthese: Ja. Denn: "Bei männlicher Kommunikation geht es um Macht. Man mag diese Spielchen lächerlich finden - es nützt nur nichts, genauso gut könnte man Englisch lächerlich finden.“

Auch Frauen erzählen schlechte Witze
Man kann aber auch die klassischen Männer-Frauen-Stereotype lächerlich finden. Und muss ihnen doch ihre Wirksamkeit zugestehen. Das Leben und vor allem das Zusammenleben sind nun mal auch Klischee. Daran kann man arbeiten. Muss sich aber auch klar sein: Männer reden wie Männer, weil sie Männer sein wollen. Für Frauen gilt das Gleiche. Nur: Natürlich ist das nicht. Womit wir bei Simone de Beauvoirs Ursprungsthese "Als Frau wird man nicht geboren, sondern man wird es“ angelangt sind, die genau so auf das Prinzip Mann anzuwenden ist. Lautstarkes Witzeerzählen am Biertisch kommt nicht von innen heraus, aus den männlichen Keimdrüsen oder sonstwo her, sondern ist eine schlichte Anpassungsleistung. Sprachwissenschafterinnen nennen das "communities of practice“, man könnte auch "Gesprächsgemeinschaften“ dazu sagen: In einem bestimmten Kontext (zum Beispiel: Biertisch) wird auf eine bestimmte Weise miteinander gesprochen. Dieselben handelnden Personen werden sich in einem anderen Zusammenhang (zum Beispiel: Vorstellungsgespräch) anders unterhalten, anders sprechen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die handelnden Personen Männer oder Frauen sind. Auch Frauen trinken Bier. Und erzählen schlechte Witze.

Apropos schlechter Witz. Fleht eine Frau ihren Mann an: "Ich will, dass du endlich über deine Gefühle sprichst.“ Seine Reaktion: Zuerst ein müder Blick und dann: "Ich hab das Gefühl, dass ich dringend ein Bier brauche.“ Der Witz ist nicht nur schlecht, sondern auch noch gemein. Denn Männer leiden, lieben und trauern genauso wie Frauen. Denken wir nur an Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther“ oder Shakespeares "Romeo und Julia“! Auch darüber sind sich die Wissenschafterinnen und Psychologinnen inzwischen längst einig. Nur befinden sich auf dem emotionalen Display des Mannes andere Verarbeitungs-"Apps“. Und das Bewältigungsvokabular fehlt ihnen. Für Frauen kann eine bestimmte Farbe in Tönen wie "mint, apfel“ oder "flaschengrün“ wahrgenommen werden, Männern ist in so einem Fall meist alles "grün halt“. Dafür gibt es einleuchtende neurologische Erklärungen (siehe Kasten).

Zwar sind Frauen in der weltweiten Statistik, was Depressionen und Angststörungen betrifft, enorm überlegen, aber das hat auch sehr viel mit dem männertypischen Mangel an Krankheitseinsicht zu tun. Die kürzesten Arzt-Patientinnen-Gespräche stoppten Forscherinnen laut dem deutschen Nachrichtenmagazin "Focus“, wenn zwei Männer sich gegenüber saßen. "Männer glauben sehr viel länger, allein gegen ihre Zustände ankämpfen zu müssen“, so die Leiterin des Wiener Instituts für Stressmanagement Lisa Tomaschek-Hrabina, "manche kommen überhaupt erst dann, wenn der komplette Zusammenbruch bereits stattgefunden hat.“

Die Angst des Mannes vor weiblichem Verhalten
Der amerikanische Psychotherapeut Alon Gratch hat darüber das Buch "Wenn Männer reden könnten“ geschrieben. Die Ursache für die männliche Kommunikationsökonomie, was die eigenen Emotionen und Schwächen betrifft, läge "im eigentlichen Wunsch des Mannes nach einem weiblichen Verhalten, der ihn natürlich auch schockiert und den er abzuwehren sucht.“

Die ausgelebte Sehnsucht, weiblich zu fühlen, kann aber auch zu Welterfolg und ewigen Longsellern führen. Die emotional ergreifendsten Frauenschicksale in der Literaturgeschichte wurden von zwei Männern im (therapeutenfreien) 19. Jahrhundert niedergeschrieben: "Madame Bovary“ von Gustave Flaubert und "Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Tolstoi wusste sich aber dann auch gleich wieder für seine literarischen Gefühlsausbrüche aus weiblicher Sicht "abzugrenzen“ und grantelte einem Reporter in den Block: "Was soll denn bitte daran so schwierig sein, einen solchen Dreigroschenroman zu schreiben?“

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