<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Hotel Putin

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Hotel Putin

Bereits zu Beginn der Spiele ist klar: Das PR- und Prestigeprojekt Sotschi wird zum Flop für den Kreml.

Sotschi, ein Tag vor der Eröffnung der Olympischen Spiele: Journalisten aus aller Welt echauffieren sich via Twitter über groteske Mängel in den Hotels, in denen sie Zimmer gebucht haben – kein funktionierendes Internet, kein TV, kein heißes Wasser, und das kalte hat eine bräunlich-giftige Farbe; in einem der großen Hotels fehlt in der Lobby der Boden, an Glühbirnen mangelt es. Und überall Bauschutt. Das Lamento der Reporter hat inzwischen die Titelseiten und die Hauptnachrichten erreicht.
Man kann sich natürlich wie der ORF-Ägypten-Korres-pondent Karim El-Gawhari über die Wehleidigkeit der Kollegen mokieren. In Kairo gehe es um mehr als um schlechte Unterbringung, zwitschert er. Da riskieren die ausländischen Journalisten bei der Ausübung ihres Berufs Gefängnis und Folter. Und er hat ja recht.

Dennoch sollte man die Klagen der Kollegen in Sotschi ernst nehmen. Sie haben nämlich das Zeug, geschichtsmächtig zu werden. Doch, doch.

Mir kam Folgendes in den Sinn: In den 1930er-Jahren pilgerten tausende der besten Köpfe Europas und Amerikas in die Sowjetunion und kamen mit enthusiastischen Reiseberichten zurück. Die Mehrzahl dieser prominenten Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller waren keineswegs eingefleischte Kommunisten, sondern unabhängige Progressive, Sozialdemokraten, Liberale und deklarierte Humanisten.

Auf der Suche nach einer Erklärung für den historischen Skandal, dass die Blüte der fortschrittlichen westlichen Intelligenz just in der furchtbaren Zeit der Schauprozesse, des GPU-Terrors und der Massenhinrichtungen ein Faible für das Sowjetsystem entwickelte und vielfach zu „Fellow Travellers“ von Josef Stalin wurde, stieß ich auf eine ernüchternde Passage in einer Schrift von Leo Trotzki.

Diese „radikalen Touristen“ seien nicht so sehr ideologisch verführt worden, analysiert der Gegenspieler Stalins – vielmehr hätte ganz Prosaisches ihren Blick auf die düstere Wirklichkeit des sowjetischen Sozialismus getrübt: Sie wurden auf ihrer Russlandreise mit allen Ehren empfangen, in den besten Hotels und Gästehäusern untergebracht und fürstlich bewirtet. Das habe ihre positive Haltung zur Sowjetunion geprägt – so Trotzkis zynische Diagnose.

Folgt man diesen Überlegungen, kann man sich – im Umkehrschluss – vorstellen, welches Bild die Sotschi-Sportberichterstatter mit den erbärmlichen Quartieren dem Publikum vom Veranstalterland der Winterolympiade 2014 vermitteln werden. Noch vor dem beeindruckenden Eröffnungsspektakel war klar: Wladimir Putins gigantische PR-Veranstaltung namens Sotschi ist bereits jetzt voll in die Hose gegangen.

Mit diesem gewaltigen Prestigeprojekt sollte Russland als wiedererstandene Supermacht glänzen – und Putin als ihr unumstrittener Herrscher. Und dann das. China brachte es zustande, sogar Griechenland schaffte es, mit seinen Bauten und Umbauten rechtzeitig zum Beginn der Olympischen Spiele fertig zu werden. Putins Russland pumpte sagenhafte 50 Milliarden Dollar ins Projekt und scheiterte dennoch. Und es ist klar, woran es liegt: an der fatalen Kombination der alten, aber noch immer grassierenden sowjetischen Indolenz und der neuen mafiös-korrupten Ineffizienz des Putin-Systems.

Da braucht es gar keine islamistischen Terroranschläge und keine nur allzu berechtigte Kritik von besorgten Ökologen und Menschenrechtsaktivisten, um die Putin-Spiele von Sotschi zu einem Flop werden zu lassen.

Im Laufe des vergangenen Jahres schien Zar Wladimir eine Glückssträhne zu haben. Seit Langem konnte sich Moskau wieder als Global Player gerieren. Vor allem im Nahen Osten: In der so brisanten Syrien-Frage erschien Russland jäh als allgemein akzeptierter Mitspieler. Und auch in den Verhandlungen mit dem Iran macht sich Moskau unentbehrlich. Putin hatte, um es sportlich zu formulieren, einen Lauf.

Dann freilich verkalkulierte er sich gleich drei Mal:

- Er vermeinte, mit ein paar Drohungen und ein paar Milliarden Rubel die Ukraine locker in die russische Einflusssphäre zurückholen zu können. Die Bevölkerung in Kiew machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

- Den globalen Zeitgeist hatte Putin nicht bedacht, als er glaubte, mit homophoben Gesetzen und Unterstützung der orthodoxen Kirche auch in den Betten Russlands die alte Ordnung wiederherzustellen. Die internationale Empörung ist groß.

- Schließlich nun Sotschi: Da verfolgt die Welt natürlich begeistert die sportlichen Wettkämpfe. In den kommenden Wochen tritt die Russland-Kritik sicher in den Hintergrund treten. Aber gleichzeitig wird anhand der Putin’schen Spiele deutlicher denn je, was russische Misswirtschaft heute heißt – auch und gerade, wenn sie so großspurig auftritt.

Putin ist zweifellos geschwächt. Das sollte den Westen aber nicht in Versuchung führen, nun auf Kalten-Krieg-Modus zu schalten. Im Gegenteil. Putins Schwäche sollte als Chance begriffen werden, mit Russland zu einem Arrangement in der brandgefährlichen Ukraine-Krise zu kommen, die, wenn sie weiter eskaliert, in einen veritablen Krieg zu führen droht.

In einem Deal mit Kiew und Moskau könnte etwa der Weg der Ukraine nach Westeuropa festgeschrieben werden. Im Gegenzug wär es möglich, Russland entgegenzukommen und die immerwährende Neutralität dieser ehemaligen Sowjetrepublik zu erklären.

Dort würde Neutralität wirklich Sinn machen.

georg.ostenhof@profil.at