Gert Voss: „Ich habe den Tod immer als beleidigend empfunden”

Gert Voss: „Ich habe den Tod immer als beleidigend empfunden”

Burg-Star Gert Voss ist tot: Der Schauspieler ist am 13. Juli 2014 nach kurzer schwerer Krankheit in Wien gestorben. In einem 2011 erschienenen letzten großen profil-Interview sprach Voss über seine Lust am Streiten, den Größenwahn der Schauspieler und seine Angst vor dem Tod.

Interview: Karin Cerny

profil: Claus Peymann meinte, er streite wahnsinnig gern. Gilt das für Sie auch?
Voss: Das kann ich nicht behaupten. Es kommt nur, um mit Thomas Bernhard zu sprechen, naturgemäß trotzdem öfter vor. Bei der Arbeit stoßen eben verschiedene Temperamente aufeinander.

profil: Sind Sie und Peymann bei den aktuellen Proben zu Thomas Bernhards "Einfach kompliziert“ denn schon aneinandergekracht?
Voss: Da bin ich selbst überrascht: Wir haben uns noch gar nicht gestritten. Aber wenn ich zurückdenke, habe ich mit Regisseuren selten richtig böse Auseinandersetzungen gehabt. Das empfinde ich als unproduktiv. Am nächsten Tag liegt immer noch der Dampf des Gefechts auf der Probe, man ist befangen und verspannt.

profil: Zwischen Peymann und Ihnen gab es aber legendäre Konflikte. Nun arbeiten Sie seit 1997 erstmals wieder mit ihm zusammen.
Voss: Peymann ging 1999 ans Berliner Ensemble und hat mir damals kein Angebot gemacht. Vielleicht hätte ich mich ja bewerben müssen. Jedenfalls gab es in Wien mit Zadek und Bondy Regisseure, mit denen ich meine Arbeit gern fortsetzen wollte.

profil: Warum ist die Zeit jetzt reif dafür?
Voss: Peymann wollte "Storm Still“, das neue Stück von Peter Handke, machen. Aber dazu kam es ja leider bekanntlich nicht. Ich dachte, das war’s dann wohl. Aber Peymann kam zu mir und meinte, er möchte doch gerne, dass wir etwas gemeinsam machen. "Einfach kompliziert“ habe er schon lange mit mir inszenieren wollen. So sind wir wieder zusammengekommen.

profil: Ist Peymann bei den Proben denn gelassener geworden?
Voss: Er ist genau so wie immer. Sein Temperament hat unter dem Alter, er ist mittlerweile 73, nicht gelitten. Er ist so explosiv und wahnsinnig wie eh und je. Und er ist noch immer eine Fundgrube für Anekdoten. Aber vielleicht habe ich mich geändert. Ich betrachte ihn mittlerweile mit einer großen Heiterkeit. Was mir früher auf den Geist ging, nervt mich überhaupt nicht mehr. Heutzutage gibt es so viele stromlinienförmige Leute, da finde ich Peymann in seiner Zerrissenheit und Aberwitzigkeit toll. Er könnte ja wirklich eine Figur von Thomas Bernhard sein.

profil: Wie geht die jüngste Peymann-Anekdote?
Voss: Nach dem Krach mit einer Assistentin ging der Zorn mit ihm durch - und Peymann schrie: "Ich bin alt, aber gut!“ Darüber musste ich sehr lachen.

profil: Wie verlief Ihre erste Begegnung?
Voss: Das war in Braunschweig, mir war gleich klar, dass er ein unverhältnismäßiger Mensch ist. Er passte in keine Form. Will er ja auch nicht. Damals sah er noch ganz anders aus, er hatte schulterlange Haare und einen Schnauzbart wie Gorki, so einen Hängebart. Wie der deutsche Hallenhandballtrainer. Kennen Sie den? Ein wunderbarer Typ. Der engagiert sich so, da muss ich immer an Peymann denken. Außerdem hatte Peymann, was man damals trug, wenn man ein Linker war, eine kleine schwarze John-Lennon-Brille.

profil: Klingt, als ob Sie sich über diese linke Inszenierung schon damals lustig gemacht hätten.
Voss: Das war ja in jenen Tagen so. An der Schaubühne entstand ein entschieden linkes Theater. Über den Marxismus gab es für Schauspieler damals sogar Seminare. Aber Peymann war nie ein Ideologe. Neulich wurde im deutschen Fernsehen diskutiert, ob man sich wieder mit dem Kommunismus beschäftigen solle. Von vielen Politikern wurde er gleich auf eine Stufe mit dem Nationalsozialismus gesetzt. Peymann sagte - und das fand ich sehr gut -, man müsse den Kommunismus nicht grundsätzlich verurteilen. Dass die Menschen ihn kaputt gemacht hätten, sei eine Sache, aber die Utopie bleibe doch ein spannender Gedanke. Ich zweifle allerdings sehr, dass der Mensch es ohne Zwang schafft, diese Utopie zu leben.

profil: Peymann gilt im Theater auch als autoritärer Regisseur.
Voss: Ich kenne eigentlich nur autoritäre Regisseure. Wenn Peter Zadek auf die Probe kam, stand alles still. Die kleinste Unkonzentriertheit bei der Technik war sofort eine Kriegserklärung.

profil: Hatten Sie manchmal Angst?
Voss: Bei Zadek hatte ich mitunter Angst vor der Art, wie er einem die Wahrheit sagte. Er konnte sehr verletzend sein. Und mit Peymann habe ich mich oft wahnsinnig gestritten, weil er seinen Kopf durchsetzen wollte - und ich auch nicht gerade ein Weichschädel bin. Dann haben einander zwei Dickschädel wie die wilden Stiere bekämpft: Stirn gegen Stirn. Aber ich habe mir immer gesagt: Wenn darüber unsere Beziehung kaputtgeht, dann hat sie nichts zu bedeuten. Ich finde, man muss sich so streiten können, dass man wirklich nichts auslässt. Das hat Peymann auch immer mitgemacht.

profil: Was haben Sie von Peymann gelernt?
Voss: Einen ganz neuen Zugang zum Text. Ich kam ja gerade aus einem Provinztheater in Konstanz. Er war der erste Regisseur, der mir bewusst machte, dass ein Text zu hinterfragen ist. Was ist der Gedanke jedes Satzes, und wie macht man ihn durchsichtig? Es wird gerade bei Klassikern oft so gesprochen, dass man sie gar nicht versteht. Das hängt damit zusammen, dass nicht genügend an dem Text gearbeitet wird. Dass man die Sätze mit Emotionen zuschmiert. Die kommen automatisch - aber erst über die Gedanken.

profil: Zadek meinte verächtlich, Peymann mache Kindertheater.
Voss: Klar, weil Zadek ganz anders gearbeitet hat. Er sagte nie, ob man etwas richtig oder falsch machte. Er schaute nur sehr genau zu. Es konnte aber auch sein, dass er einem den Arm um die Schulter legte und meinte: "Was ist los mit dir? Du bist so selbstbezogen, dass ich mich gar nicht für dich interessiere.“ Er sagte immer: "Ihr dürft nicht so spielen, als wolltet ihr mir auf dem Schoß sitzen, ihr müsst mich da unten schon in Ruhe lassen, ich möchte euch entdecken.“ Bei Peymann ist die Arbeit an der Sprache sehr wichtig, bei Zadek wurde diesbezüglich nicht so viel gearbeitet. Da wurde mehr die Biologie erforscht.

profil:
Peymann hat Kleists "Hermannsschlacht“, ein Stück, das mit seinem nationalistischen Hintergrund lange als unspielbar galt, 1982 ganz leichtfüßig angelegt. Wussten Sie vor dieser Hauptrolle, dass ein großer Komödiant in Ihnen steckt?
Voss: Das habe ich schon als kleiner Junge gewusst. Bevor ich Schauspieler wurde, hatte ich Sketche geschrieben. Die mussten ganz schnell funktionieren, es gab da keine Psychologie. Deshalb wurde ich damals immer zu Partys eingeladen.

profil: Da waren Sie noch gar kein Schauspieler?
Voss: Nein, aber ich dachte: So ist das Theater. Als ich dann mit der Bühne in Berührung kam, war ich überrascht. Mir kam das alles furchtbar schwer und bedeutsam vor. Ich fand das Theater quälend. Das hatte überhaupt nichts damit zu tun, was mir am Spielen gefiel. Es dauerte sehr lange, bis man mir die Chance gab, etwas Komisches zu spielen. Mein Dramaturg in Stuttgart meinte: "Gert, du musst mir glauben, das Komische liegt dir einfach nicht.“ Da habe ich gedacht: Der Tag der Rache kommt bestimmt.

profil: In "Einfach kompliziert“ heißt es: "Gegen alle gespielt.“ Machen Sie das auch?
Voss: Das ist ein ziemlich wahrer Satz: Man sollte gegen jede Art von Vereinnahmung spielen. Wenn man immer im Konsens mit seinen Partnern oder dem Zuschauer spielt, wird das sehr heimelig, man fasst sich an den Händen und fühlt sich unheimlich wohl - aber es passiert nichts Aufregendes. In jedem steckt ein Tiger: Erst wenn man den rauslässt, wird es spannend. Die anderen sind dann Kombattanten, gegen die man kämpft.

profil: Braucht man als Schauspieler diese Aggression?
Voss: Ich weiß nicht, wie ich wirke, und bin immer total überrascht, wenn andere mich beschreiben. Jeder Maler sieht, was er gemalt hat, aber ich sehe nicht, was ich gemacht habe. Ein guter Regisseur ist für einen Schauspieler deshalb lebensnotwendig.

profil: Was unterscheidet einen guten Regisseur denn von einem schlechten?
Voss: Gute Regisseure machen einen verwegen. Sie ermutigen dazu, Dinge zu tun, die man sich nicht zugetraut hätte. Das war das Schöne bei Zadek, aber auch bei Peymann: dass man überraschen konnte, dass innerhalb einer Spielordnung auch Anarchie herrschen durfte.

profil: Ein schlechter Regisseur erlaubt Schauspielern, sich auf ihren Tricks auszuruhen?
Voss: Ein nicht so guter Regisseur stört den Schauspieler nicht. Er glaubt ihm einfach alles. Ich erwarte von einem Regisseur, dass er mir ehrlich sagt, ob er mir abnimmt, was ich gerade spiele. Ob das eine Theaterlüge ist oder zumindest eine Annäherung an die Wahrheit.

profil: Als Peymann ans Burgtheater kam, inszenierte er "Richard III.“ mit Ihnen. Welche Erwartungen hatten Sie an Wien?
Voss: Ich wusste, dass wir es schwer haben werden. Es gab viel Furor gegen uns, und es herrschte ein ungeheurer Erwartungsdruck: Jetzt wollen wir mal sehen, was die Herrschaften aus Bottrop machen! Die haben nie "Bochum“ gesagt. Kurz vor der Vorstellung hatte ich unheimliche Angst. Ich dachte: Wenn du nicht federleicht wirst, sondern verspannt bist, ist es aus. Dann werden sie über uns herfallen.

profil: Hat diese Angst den Tiger in Ihnen geweckt?
Voss: Ja, aber ohne dass ich ihn rufen musste. Es war plötzlich die Lust da. Vorher dachte ich, ich kann gar nicht mehr atmen, so ein Druck war auf meiner Brust. Als ich auftrat, war die Angst weg. Aber ich mag Premieren ohnehin nicht. Ich würde am liebsten spielen und am nächsten Tag wieder probieren. Die größte Gefahr bei jeder Inszenierung ist doch, dass sie mechanisch wird, zur bloßen Repetition, ohne Beseeltheit und Genie. Man wird wie ein Arzt, der seinen dreihundertsten Blinddarm operiert und dabei nur an seinen nächsten Urlaub denkt.

profil: Zu "Richard III.“ gibt es die Legende, dass Ihre damals doch gewagte Frisur kopiert wurde. Eine typische Peymann-Anekdote?
Voss: Nein, das war wirklich so. Eines Tages sah ich in einem Buch das Bild eines Medici. Ich ging zum Friseur, habe mir die Haare auf der Seite total ausrasieren lassen und Peymann damit auf der nächsten Probe überrascht. Er war anfangs geschockt, aber dann hat es ihm auch gefallen. Und plötzlich wurde es zur Mode. Diese Frisur gibt es heute auch wieder. Sieht doch sehr schick aus, weil sie den Kopf so scharf macht.

profil: In "Einfach kompliziert“, das demnächst am Akademietheater Premiere haben wird, blickt ein alter Schauspieler auf sein Leben und seine Karriere zurück. Er hat auch "Richard III.“ gespielt.
Voss: Ja, aber es war kein Erfolg. Wenn er sagt: "In Osnabrück habe ich ‚Richard III.‘ gespielt“, dann lachen Sie ja darüber. Aber in der Kategorie dieses Mannes waren das künstlerische Höhepunkte. Er versucht sich ja auch zu erklären, warum es kein Erfolg war: weil er zu viel an die Krone gedacht hat. Ich finde, dass Thomas Bernhard erstaunlich gut über meinen Berufsstand Bescheid wusste. Woher er das hatte? Keine Ahnung.

profil: Wenn Sie nicht erfolgreich gewesen wären, hätten Sie weitergemacht als Schauspieler?
Voss: Ich hätte aufgehört. In Braunschweig hatte ich Regisseure, die ich total medioker fand. Ich bildete mir ein, ich wüsste mehr über die Stücke als sie, fühlte mich ständig unterfordert. Ich dachte: Das ist kein Beruf für mich. Wenn man mit dummen Menschen Stücke macht, dann wird man doch selbst immer dümmer.

profil: Haben Sie eigentlich Hobbys?
Voss: Nein, mein Beruf ist meine Leidenschaft. So ein Aquarium daheim zu haben, um das ich mich kümmere - das kann ich mir nicht vorstellen. So etwas macht man doch nur, weil man anderswo einen Mangel hat. Man freut sich schon während der Arbeit darauf, dass man abends die Korallen im Aquarium reinigen wird.

profil: Ein Hobby hat man, wenn einen der Beruf nicht ausfüllt?
Voss: Vermute ich mal, obwohl es sicher ganz tolle Ärzte gibt, die nebenbei leidenschaftliche Briefmarkensammler sind. Aber das ist nichts für mich.

profil: Sie reisen gern. Um Distanz vom Theater zu bekommen?
Voss: Nein, ich bin einfach neugierig. Am liebsten würde ich die ganze Welt sehen. Als kleines Kind habe ich immer schon Landkarten angeschaut und Geschichten von Abenteurern und Forschern gelesen.

profil: Wohin geht die nächste Reise?
Voss: Es geht nach Malaysia - und mit dem Schiff bis nach Shanghai und Peking. Also jene Strecke, die ich als Kind mit meinen Eltern fuhr, als wir aus China wegmussten. Das habe ich mir zu meinem 70. Geburtstag gewünscht.

profil: Waren Sie in Shanghai inzwischen noch einmal?
Voss: Das Fernsehen wollte ein Porträt über mich drehen, und ich sollte mir einen Ort aussuchen, zu dem ich eine Affinität habe. Ich dachte erst, der ORF hat nicht so viel Geld, aber die zuständige Redakteurin setzte diese Reise dann durch. Ich kam also an all diese Orte meiner Kindheit, aber ich muss gestehen: Ich hatte zu nichts eine Beziehung. Alles war mir vollkommen fremd. Das Filmteam war total enttäuscht, die wollten mein strahlendes Gesicht filmen: Ach, guck mal die Lampe, da fällt mir ein … Die Erinnerung ist eben trickreich. Es ist alles in uns gespeichert, aber wir haben oft keinen Zutritt.

profil: Der Schauspieler sagt in "Einfach kompliziert“: "Die Menschen sind grausam und größenwahnsinnig.“
Voss: Das ist absolut richtig. Dass die Menschen grausam sind, sieht man täglich im Fernsehen. Und größenwahnsinnig? Natürlich. Es gibt kein Lebewesen, das größenwahnsinniger wäre als der Mensch. Und der Schauspieler ist der Größenwahnsinnigste von allen.

profil: Warum?
Voss: Weil er sich einbildet, dass die Leute, wenn er auf der Bühne steht, den Atem anhielten. Diesen Glauben an sich muss man haben. Man wäre eine ganz kleine, trübe Tasse, wenn man nicht sagte: "Ich werde diesen Richard III. so spielen, dass ihr noch am Heimweg zittert“ -, dass der Zuschauer denkt: Hoffentlich begegne ich ihm nicht vor der Haustür, der bringt mich sonst um. Zadek meinte, ich hätte Richard so gespielt, dass er sich nach der Vorstellung fragte: Wo kann ich den Nächsten umbringen? Er hätte so viel Lust am Töten empfunden, dass er auch gern jemanden um die Ecke gebracht hätte.

profil: In "Einfach kompliziert“ wird das Alter trostlos gezeichnet. Es heißt, man würde Haferschleim essen und selbst in Hausschuhen frieren.
Voss: Als Lebenssumme ist das schon deprimierend. Ich werde ja auch bald 70, da ertappt man sich bei dem Gedanken: Das war’s also. Kann jetzt überhaupt noch etwas Ungeheuerliches passieren? Das große Angebot nach Hollywood? Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht.

profil: Zadek meinte, das Alter sei ekelhaft.
Voss: Es ist ekelhaft, dass der Körper nicht mehr so will wie früher. Das ist ein trauriges Faktum, mit dem man sich abfinden muss. Man kann zwar dagegen ankämpfen, aber letztlich gibt es eine natürliche Grenze.

profil: Peter Zadek meinte auch einmal: "Der Tod ist unnötig und unlogisch.“
Voss: Der Satz könnte von mir sein. Ich habe den Tod immer als vollkommen überflüssig empfunden, als beleidigend. Warum muss ein Leben willkürlich abgebrochen werden? Ich fand es bei Bernhard immer so schön, wenn er sagte: "Das Todesvogerl sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr.“ Schon als junger Mensch hatte ich Angst vor dem Tod. Ich dachte immer: Das ist der listigste Feind, den man hat.

Erstmals erschienen in profil 5/2011 vom 31.01.2011

Gert Voss prägte die Burgtheater-Ära von Claus Peymann wesentlich. Er wurde als "Richard III.“ 1987 gefeiert, Thomas Bernhard widmete ihm und seinen beiden Partnerinnen das Stück "Ritter, Dene, Voss“ (1986). Gert Voss spielte in Peter Zadeks "Der Kaufmann von Venedig“ (1988) und in "Ivanov“ (1990), brillierte in George Taboris "Othello“ (1990). 2009 gab er in Matthias Hartmanns "Faust I“ (2009) den Mephisto.