Gesichter des Bösen: „The Wolf Of Wall Street” und „12 Years A Slave”

Gesichter des Bösen: „The Wolf Of Wall Street” und „12 Years A Slave”

Vorspiel zur Oscar-Gala 2014: Die neuen Filme von Martin Scorsese und Steve McQueen wildern in den verdrängten Zonen des amerikanischen Albtraums.

Immer geht irgendetwas schief, wenn unberufene Leute zu kreativ werden. Aber bisweilen machen solche Fehlleistungen auch etwas deutlich. Der italienische Verleih des US-Rassismusdramas "12 Years a Slave“ etwa verwarf unlängst in seiner PR-Kampagne zum Filmstart kurzerhand das US-Originalplakat mit dem schwarzen Titelhelden Chiwetel Eijofor, um es durch Werbeposter zu ersetzen, die großformatig nur die weißen Darsteller Michael Fassbender und, besonders grotesk, Brad Pitt, zeigten. Letzterer absolviert in "12 Years a Slave“ (als dessen Koproduzent) einen nur wenige Minuten kurzen, messianisch-pro-afroamerikanischen Auftritt. Erst massiver Einspruch aus Hollywood beendete die neo-rassistische Marketing-Posse, die ignoranten italienischen Kinostrategen entschuldigten sich offiziell für das Plakat.

Ein Inferno
Der Vorfall war jedoch vielsagend: Ein Film über die Brutalität der Sklaverei in Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts, inszeniert von einem schwarzen Künstler, dem Turner-Prize-gekrönten Steve McQueen, scheint in den Köpfen vieler Branchen-Insider auch in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts nur über weiße Stars verkaufbar zu sein. Dabei hat das Werk Kompromisse nicht nötig; es gehört zweifellos zu den stärksten US-Filmen des letzten Jahres. "12 Years a Slave“ basiert auf dem Erinnerungsbuch, das Solomon Northup 1853 veröffentlichte, um seine Jahre als entrechteter Zwangsarbeiter für sadistische weiße Grundbesitzer festzuhalten. Es beschreibt in aller Deutlichkeit ein Inferno: das Kidnapping eines freien Schwarzen, der von seiner Familie getrennt, als Sklave verhökert und zuletzt von einem brutalen Alkoholiker (Fassbender) in den Dienst gezwungen wird.

Tödlicher Ernst
Anders als Quentin Tarantino, der in "Django Unchained“ mit postmodernem Hipster-Zynismus von der rassistischen Geschichte Amerikas berichtete, bleibt Regisseur McQueen mit tödlichem Ernst bei den historischen Fakten; er zeigt die Dekadenz und Blutlust des weißen Lynchmobs, den Leidensweg eines schwer traumatisierten Unschuldigen ohne Ausflucht in die Ironie. Und Eijofors makellose Performance macht die Ausweglosigkeit, die Wut und die Trauer über die Situation seiner Figur geradezu körperlich spürbar.

Nach der extratrockenen Kunstübung "Hunger“ und der blutleeren Sexsuchtstudie "Shame“ läuft der Brite McQueen mit seinem dritten Spielfilm zu ungeahnter Form auf. Wenn auch Hans Zimmers Hollywood-Orchester oft sinnlos auf die Tränendrüse drückt: Die schiere Wucht der Bilder, die Albtraum-Dramaturgie der Höllenfahrt Northups, die von Saratoga Springs nach New Orleans führt, und die von Drehbuchautor John Ridley genau rekonstruierten Sprechweisen des 19. Jahrhunderts verleihen "12 Years a Slave“ erstaunliche Kraft. Vieles in diesem Film tut tatsächlich weh - von der quälend langen Szene der Fast-Erhängung des Helden bis zu den kaum erträglichen Züchtigungsritualen mit dem gepeitschten, aufklaffenden Fleisch der Opfer. Dennoch bewegt sich McQueen differenziert durch diese Geschichte: Das Böse wird in feinen Abstufungen gereicht.

Am Donnerstag dieser Woche werden die Nominierungen für die - in der Nacht vom 2. auf den 3. März stattfindende - Oscar-Gala 2014 bekanntgegeben. McQueens "12 Years a Slave“ wird dabei zu den meistnominierten Filmen dieser Saison zählen. Es ist eine spannende Zeit für das US-Gegenwartskino, denn dessen Niveau steigt unaufhörlich: Der amerikanische Film erscheint erwachsener denn je - und durchaus nicht nur im Independent-Bereich. Virtuose Regiekräfte wie Kathryn Bigelow, Paul Thomas Anderson und die Coen-Brothers können smarten unabhängigen Filmemachern wie Noah Baumbach, Jim Jarmusch, Richard Linklater und Wes Anderson längst das Wasser reichen.

In die Nesseln
Martin Scorsese ist auch einer von denen, die das Prestige des viel gescholtenen Hollywood immer wieder zu steigern wissen. Mit seinem aktuellen Film hat sich Scorsese trotzdem in die Nesseln gesetzt. Es ist schwer zu glauben, was "The Wolf of Wall Street“ einem zeigt - und doch hat sich die Story des Maklerunternehmens Stratton Oakmond Long Island offenbar ganz ähnlich zugetragen. Jordan Belfort, heute 51, verkaufte mit seinem Team um 1990 praktisch wertlose Anlagepapiere, lukrierte als Aktienbetrüger 250 Millionen Dollar. 1996 ging er in Konkurs, 1998 für 22 Monate ins Gefängnis; 2007 veröffentlichte Belfort seine Autobiografie, auf deren Basis Regisseur Scorsese sein dreistündiges Kinoepos drehte. Die knalligen Dialoge des "Sopranos“- und "Boardwalk-Empire“-Autors Terence Winter sind die Grundlage dieser immens wortreichen - und schon deshalb ausschließlich in der Originalfassung empfehlenswerten - Inszenierung.

Die Brutalität hält sich diesmal in Grenzen, das kriminelle Pathos ebenso: Seine Finanzgangster nimmt Scorsese nicht sonderlich ernst, was sich schon in der Entscheidung zeigt, neben Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio den jungen Comedian Jonah Hill ("Superbad“) zu besetzen. Diese Börsengauner sind keine Schwerverbrecher; sie wollen nur spielen. Allerdings mit desaströsen Folgen.

Faszination des Bösen
Auch "The Wolf of Wall Street“ lotet, wenn auch mit deutlich geringerer Gewaltentwicklung als "12 Years a Slave“, die Faszination des Bösen aus. DiCaprio gibt ebenso virtuos wie Fassbender das Alphatier, das über die eigene Selbstherrlichkeit stolpert. Scorseses entfesselte Kamera schwebt durch die Räume, Thelma Schoonmakers dynamische Montage sorgt für den nötigen Drive, und das mangelnde Unrechtsbewusstsein seiner drogen-, sex- und geldabhängigen Prota-gonisten tut der guten Laune keinen Abbruch. Aber Scorsese hat damit ein Tabu gebrochen: Er hat die erste große Filmsatire auf die ökonomische Malaise einer angezählten Nation veröffentlicht. Das wird ihm inzwischen auf breiter Front übelgenommen, bis hin zum Vorwurf der Heuchelei und Rücksichtslosigkeit.

Die heftigste Spaßbremse fand sich ausgerechnet im "Wall Street Journal“, dessen Kritiker in dem Film eine "sinnstiftende Perspektive“ vermisste: Scorsese verkläre durch sein Desinteresse am Erheben des mahnenden Zeigefingers gerade jenen Menschenschlag, der Amerika in den vergangenen 25 Jahren an den Rand des Finanzabgrunds geführt hätte. Der Einwurf ist jedoch, abgesehen von einem herben Mangel an Verständnis für Scorseses Methode, nicht legitim, die Kunst hat naturgemäß das Recht auf ein Leben jenseits moralischer Verordnungen. Tatsächlich hegt Scorsese eine gewisse Grundsympathie für seine prassenden, hurenden und dauerbedröhnten Figuren: Sie seien im Grunde gute Menschen, die leider schlechte Dinge täten. Aber solche Leute seien im Kino eben interessant. Auf den Thron hebt er sie nicht. Das verhindert schon das Genre, das er diesmal wählt: die Komödie. Scorseses Finanzhaie sind Opfer ihrer Obszönität, ihrer Libido und ihres Adrenalins, letztlich Lachnummern. Aber offenbar geht den moralinsauren Vertretern der US-Finanzwelt schon dies zu weit.

Der Wermutstropfen sind die Frauenfiguren, die bei einem Männerregisseur wie Scorsese leider auch diesmal wieder geradezu lachhaft konturlos bleiben. Der Sexismus, der in diesem Film zelebriert wird, mag der Logik neureicher Aktienbetrüger angemessen sein; aber spätestens bei der siebenten nackten Blondine, die in Verführerinnenpose im Schlafzimmertürrahmen steht, wird allzu deutlich, wie sehr der Regisseur selbst sich über den jeweiligen Anblick freut - und sich dabei von der eigentlichen Substanz seines Films ablenken lässt.