Goldschwinger

Marcel Hirscher

Marcel Hirscher

Marcel Hirscher wird weltweit geachtet, bewundert und gefeiert. Sven Gächter über einen Jahrhundertathleten, dem für einen lupenreinen Heldenmythos nur noch eines fehlt: die Tragödie.

Im Jänner 2012 unternahm der amtierende Gesamtweltcupsieger Ivica Kostelić den verzweifelten Versuch, das vorbestimmte Schicksal des alpinen Wintersports doch noch abzuwenden. Er beschuldigte einen unbändig talentierten Skifahrer aus Hallein, beim Nachtslalom in Zagreb ungestraft eingefädelt und sich seine Spitzenplatzierung somit schnöde erschummelt zu haben. "Es ist nur ein Rennen, aber die Schande währt ewig", donnerte der Kroate mit biblischem Furor. Zu diesem Zeitpunkt hatte Marcel Hirscher noch nicht mehr als acht Weltcupsiege eingefahren. Die vor allem in Österreich hitzig debattierte "Einfädler"-Affäre setzte dem jungen Senkrechtstarter sichtlich zu. Niemand sollte ihm (noch dazu völlig zu Unrecht) mangelndes Fairplay unterstellen. Wenige Wochen später gewann Hirscher den Gesamtweltcup zum ersten Mal.

Seither kommt die Sportwelt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hirscher holte die große Kristallkugel sechs Mal in Folge und steht kurz vor dem siebenten Durchmarsch. Mit 55 Weltcupsiegen ist er auf Platz zwei der ewigen Bestenliste der Männer vorgerückt – hinter Ingemar Stenmark (86) und vor Hermann Maier (54). Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeong­chang konnte er endlich auch den lästigen Ruch des "Unvollendeten" abschütteln und sich zwei Goldmedaillen sichern.

Marcel Hirschers Leistungsbilanz kennt offenbar nur eine Währung: den Superlativ. Er hat die technischen Disziplinen des Skisports auf ein schwindelerregend hohes Niveau gewuchtet, setzt unentwegt neue Maßstäbe, was Dynamik und Athletik, Risikofreude, Spann- und Schnellkraft betrifft. Sein vielköpfiges Betreuerteam operiert mit der kühlen Präzision einer Hightech-Schmiede; nichts wird dem Zufall überlassen. Hirschers anhaltender Siegeszug hat deshalb etwas geradezu Generalstabsmäßiges.

Er gibt die Standards vor, an denen die anderen sich demütig messen – manche davon, etwa der Norweger Henrik Kristoffersen, so verbissen, dass Hirscher immer wieder ernsthaft gefordert wird und deshalb nie Gefahr läuft, in bequemer Routine zu erstarren. Nicht zuletzt verfügt er über ein bemerkenswert stabiles Mentalkorsett, das es ihm erlaubt, jedem scheinbar noch so übermächtigen Erwartungsdruck souverän standzuhalten.

Entsprechend einhellig wird Hirscher respektiert, bewundert, gefeiert. Aber wird er auch geliebt? Hier kippt die sonst rundum vollkommene Erfolgsgeschichte plötzlich ins Poröse. Die schiere Perfektion des Systems Hirscher macht es dem Publikum schwer, Gefühle zu mobilisieren, die auch diesseits der permanent gebotenen grenzenlosen Anerkennung unmittelbar wirksam wären. Mit anderen Worten: Einem Überirdischen kann man andächtig entgegentreten, aber nicht euphorisch. Zwar bemüht Hirscher sich nach Kräften, stets betont locker zu wirken, was jedoch nichts daran ändert, dass er viel zu smart und reflektiert ist, um jene plumpe Form der Volkstümlichkeit aufzubringen, die ­Österreich von seinen Sportskanonen einfordert (und in aller Regel auch bekommt). Eine gewisse Distanz schwingt immer mit – wohl auch aus Selbstschutz, denn die Öffentlichkeit ist ein gnadenlos gefräßiges Monster.

Den Status als Legende zu Lebzeiten hat Hirscher längst erreicht. Zur Vollendung eines lupenreinen Heldenmythos fehlt ihm jedoch ein zentrales Element: die Tragödie. Große und tiefe kollektive Emotionen setzen dramatische Ausnahmesituationen voraus. Die ungebrochene Strahlkraft von Hermann Maier ist rückblickend weniger seinen (unumstritten phänomenalen) Leistungen auf der Piste geschuldet als vielmehr zwei einschneidenden außerplanmäßigen Ereignissen: seinem kapitalen Sturz bei der Olympia-Abfahrt 1998 in ­Nagano (sowie den zwei Goldmedaillen in der Folge) und seinem schweren Motorradunfall 2001 (sowie dem fulminanten Weltcup-Comeback keine eineinhalb Jahre später). Auf die Frage, welche Gedanken ihm während des spektakulären olympischen Abflugs durch den Kopf schossen, antwortete Maier lakonisch: "Wenn ich jetzt noch Gold gewinne, bin ich ­unsterblich." Er sollte recht behalten.

Der Sport liebt seine Helden. Mehr noch aber liebt er Helden, die existenziellen Prüfungen ausgesetzt werden und sich allen Widrigkeiten zum Trotz heroisch zurückkämpfen. Sie werden im Moment eines Schicksalsschlages jäh mit ihrer Menschlichkeit konfrontiert und beglaubigen durch dessen Überwindung endgültig ihre Übermenschlichkeit.


Er ist also doch ein Mensch

Damit kann Marcel Hirscher nicht dienen. Seine Karriere verlief bisher ebenmäßig glatt, frei von schwerwiegenden Rückschlägen. Im August 2017 wurde die Saisonvorbereitung zwar durch einen Knöchelbruch spürbar beeinträchtigt, doch schon im Dezember erreichte Hirscher wieder die gewohnte Höchstform und trieb die Konkurrenz mit einer beispiellosen Siegesserie zur Verzweiflung, die er in Südkorea schließlich mit zwei Goldmedaillen krönte.

Nur zwei?

"Er ist also doch ein Mensch", seufzte ORF-Kommentator Oliver Polzer vergangenen Donnerstag kurz nach zwei Uhr mitteleuropäischer Winterzeit. Er sagte es drei Mal und wusste wohl selbst nicht so recht, ob er über diese atemberaubende Erkenntnis enttäuscht oder vielmehr erleichtert sein sollte. Was war passiert? Hirscher hatte den ersten Durchgang des Olympia-Slaloms schon nach 22 Sekunden mit einem Fahrfehler beendet und die Triple-Gold-Träume der Nation sang- und klanglos zum Platzen gebracht. "Es hat sich in den letzten Tagen bereits abgezeichnet", sagte er danach. Er wirkte auffallend gefasst, vor allem aber unendlich müde.

Am Samstag dieser Woche startet er ins Saisonfinale. Vier Rennen muss er noch absolvieren, ehe er am 18. März aller Voraussicht nach die siebente große Kristallkugel in ­Empfang nehmen darf. Business as usual. Dann könnte sich Marcel Hirscher, kurz nach seinem 29. Geburtstag, ein für alle Mal in den Annalen des alpinen Skisports verewigen – und seinen Rücktritt erklären. Mehr Drama ist er uns nicht schuldig.