Günter Grass im Interview über Tod, Kunst, Politik und Jugendverfehlungen

Günter Grass im Interview über Tod, Kunst, Politik und Jugendverfehlungen

Der umstrittene Literaturnobelpreisträger Günter Grass über Computer und tote Kröten, Jazz und Tod, Kriegserinnerungen und Jugendverfehlungen - und seinen neu erscheinenden frühen Roman "Hundejahre". (Anmerkung: Günter Grass ist am Montag, den 13. April 2015, im Alter von 87 Jahren verstorben. Dieses Interview, Grass' letztes für profil, erschien im Dezember 2013.)

„Wenn man bedenkt, wie viele Leute froh sind, wenn ich nicht mehr schreibe - mein Gott!”

Interview: Malte Herwig, Sven Michaelsen

Ein Interview mit Günter Grass beginnt auf Anraten seiner Sekretärin im Günter-Grass-Museum in der Lübecker Altstadt. Aus Lautsprechern hören Besucher die Stimme von Mario Adorf, der Zitate über Grass vorliest, darunter auch Sottisen von Friedrich Dürrenmatt ("Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben") bis zu Karl Lagerfeld ("Ich hasse schmuddelige Intellektuelle, Günter Grass sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen, er würde jünger wirken"). Auf Schautafeln erfährt man, dass ein 1989 entdeckter Asteroid ihm zu Ehren "(11496) Grass" getauft wurde und drei Jahre später eine bis dahin unbekannte Kieselalgenart den Namen "Fragilaria guenter grassii" bekam.

Das Wohnhaus des Schriftstellers liegt eine halbe Autostunde von Lübeck entfernt, am Rande des 391 Einwohner zählenden Dorfes Behlendorf. Der 86-jährige Patriarch -er hat sechs leibliche Kinder von drei Frauen, zwei Ziehkinder und 18 Enkel - empfängt in der Bibliothek, neben ihm liegt sein bernsteinfarbener Mischlingshund Minka. Ehefrau Ute Grunert, eine ehemalige Organistin, bringt ihrem Mann Tee und legt ihm eine Handvoll Tabletten hin. Im gläsernen Aschenbecher liegen vier Pfeifen, daneben zwei Dosen mit Tabak und eine Packung Zigarillos.

Wegen seiner labilen Gesundheit gönne er sich nur noch eine Pfeife am Tag, erzählt Grass, der einen Sauerstoffkonzentrator benutzt. Wenn es nicht gerade um seinen ehemaligen Freund Fritz J. Raddatz oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" geht, zeigt sich Grass im Interview weniger bitter als in den vergangenen Jahren. Mit einem melancholischen Lächeln sagt er: "Wenn ich früher beim Schreiben das Gefühl hatte, das Leben zu versäumen, bin ich ins Kino gefahren, um mir schnell einen Western anzuschauen. Noch vor dem Abspann bin ich an den Schreibtisch zurückgehastet."

Zu zwei Themen allerdings schweigt Grass. Dass er bis 2006 verheimlichte, als 17-Jähriger der SS-Division Frundsberg angehört zu haben, will er ebenso wenig erörtert wissen wie sein israelkritisches Gedicht "Was gesagt werden muss" , das ihm 2012 heftige Kritik einbrachte.

profil: Vor 50 Jahren erschien Ihr Roman "Hundejahre", von dem Sie sagen, er sei Ihr bedeutendstes Werk. Wie nah, wie fremd ist Ihnen der Günter Grass von damals?
Günter Grass: Er ist mir näher als der Autor der "Blechtrommel". Natürlich steht "Hundejahre" im Schatten der "Blechtrommel", aber für mich ist es das wichtigere Buch, weil es mir mehr Schwierigkeiten bereitet hat beim Schreiben und weil es von der Form her gewagter ist als die "Blechtrommel". Manche Bücher sind wie ein Wurf und stehen dann da, hinterher weiß man gar nicht so recht, wie sie entstanden sind. Bei anderen Büchern war es mühevoller. Beim "Butt" ging meine Ehe auseinander, bei den "Hundejahren" rang ich lange mit dem Erzählentwurf.

profil: Wie oft haben Sie sich beim Schreiben verrannt?
Grass: Bis jetzt habe ich kein Buch geschrieben, das nicht aus fünf oder sechs Fassungen entstanden ist. Aber das gehört dazu. Früher habe ich beim Schreiben aufs Publikum geachtet und war gespannt auf die Reaktionen. Aber das hat nachgelassen, weil mir die Reaktion mittlerweile geläufig ist. Dann habe ich entdeckt, dass das Schönste beim Schreiben das Schreiben ist. Und dazu gehört eben auch dieses immer wieder Neuansetzen. Natürlich ist das anstrengend und es fordert. Aber es gibt eben Momente, in denen eine Satzperiode zu klingen beginnt, zu tragen beginnt. Und das ist durch Arbeit hergestellt.

profil: "Hundejahre" sollte ursprünglich "Kartoffelschalen" heißen. Was brachte Sie auf den endgültigen Titel?
Grass: Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Es ist etwas Wunderbares, wenn ich aus meinem Studio komme und da ist jemand, wedelt mit dem Schwanz und freut sich wahnsinnig. Ganz gleich, wie schlecht die Laune ist, sie ist dann weg. Der Hund ist in der Lage, Dinge zu relativieren.

profil: In diesen Tagen erscheint eine teure Prachtausgabe der "Hundejahre", die Sie mit eigenen Radierungen illustriert haben. Reizt Sie das Zeichnen heute mehr als das Schreiben?
Grass: Nach meinem letzten Prosabuch "Grimms Wörter" habe ich mich hingesetzt und gefragt: "Was machst du jetzt?" Wenn ein Buch abgeschlossen ist, muss ich das Handwerkszeug wechseln. Dann habe ich meine Hände ausgestreckt und getestet, ob die Finger zittern. Taten sie nicht.

profil: An Ihren Radierungen fällt auf, dass die Figuren deformierte Daumen haben.
Grass: Ich habe mein Leben lang immer aus unmittelbarer Anschauung gearbeitet. Einer meiner Daumen ist missgestaltet, weil ich mir den einmal in der Autotür geklemmt habe. Das ist schon der dritte Nagel jetzt, der nachgewachsen ist.

profil: Warum liegt in Ihrem Atelier eine tote Kröte herum?
Grass: Ich habe eine ganze Sammlung von vertrockneten Kröten, die alle eine tänzerische Haltung haben, vielleicht aus dem Todeskampf heraus. Wie in Ekstase sehen sie aus, und das reizt mich zum Zeichnen.

profil: Über Ihr Schreibpult haben Sie Grafiken von Goya gehängt.
Grass: Von ihm kann man lernen, nicht dekorativ zu sein, sondern die Dinge in ihrer Brutalität darzustellen.

profil: Sie haben in Lübeck Ihr eigenes Museum. Geht es Ihnen wie Goethe, der im Alter schrieb, er komme sich mehr und mehr "historisch" vor?
Grass: Ich komme mir manchmal vor wie aus der Zeit gefallen. Aber nicht des Ruhmes oder der Gesamtausgaben wegen. Mir wird bewusst, dass die Dinge, die ich für meine Arbeit brauche, altmodisch sind. Ich schreibe alle ersten Fassungen mit der Hand. Für die anschließenden Arbeitsgänge benutze ich meine alte Olivetti-Reiseschreibmaschine.

profil: Haben Sie über den Erwerb eines Computers nachgedacht?
Grass: Ich misstraue Beschleunigungen. Ich bekomme viele Bücher von jungen Autoren unverlangt zugeschickt. Wenn ich die ersten zehn Seiten lese, weiß ich sofort, ob sie mit dem Computer geschrieben sind.

profil: Meinen Sie, man könne am Computer keine große Literatur schreiben?
Grass: Ich will das nicht verallgemeinern, aber bei vielen Büchern fällt mir auf, dass sie so unentschlossen anfangen. Dieses schnell vertuschte Flickwerk, das mit Hilfe eines Computers möglich ist, halte ich nicht für besonders heilsam für die Literatur. Ein Computer schafft auch Abhängigkeiten, und ich hasse nichts mehr als Abhängigkeiten.

profil: Wie halten Sie es beim Schreiben von Briefen: Hand oder Maschine?
Grass: Ich habe kürzlich wieder angefangen, handgeschriebene Briefe zu schreiben, und zwar an meine Kinder und Enkelkinder. Meine elfjährige Enkeltochter schreibt mir ab und zu eine Geschichte. Sie will vielleicht Schriftstellerin werden. Vor Kurzem nahm sie in der Schule ein paar Gedichte durch, und sie wollte wissen, was ich unter einem Gedicht verstehe. Ich habe das dann erklärt und ein kurzes Gedicht von Ringelnatz zitiert: "Es waren einmal zwei Ameisen". Das hat ihr geholfen, einen Zugang zu finden. Meine Tochter hat mich gelobt: Ich hätte einen "kindgerechten" Brief geschrieben.

profil: Was würde der 36-jährige Autor der "Hundejahre" dem 86-jährigen Günter Grass heute sagen?
Grass: Der würde sagen: "Ich hätte nicht gedacht, dass du so alt werden wirst." Als ich in diesem sieben Jahre langen Schreibrausch von der "Blechtrommel" über "Katz und Maus" bis zu "Hundejahre" steckte, hatte ich irgendwann das Gefühl: Das musst du noch zu Ende bringen und dann sterben. Dann bist du jung und hoch begabt gestorben. 65 war für mich damals schon uralt.

profil: Was kritisieren Sie an dem 36-jährigen Grass?
Grass: Ich würde ihm gewisse Manierismen ankreiden. Zum Beispiel ist das Spiel mit Leit-und Mordmotiven in "Hundejahre" an einigen Stellen überzogen. Die Lust und das Vergnügen an gefundenen Formulierungen waren damals bei mir ungebrochener als heute.

profil: Die Beschwörungsformel in "Hundejahre" lautet: "Lass uns die Geschichten nie ausgehen." Haben Sie inzwischen das Gefühl, dass Ihnen die Geschichten ausgegangen sind?
Grass: Nein, die Geschichten sind nicht ausgegangen, aber ein anderer muss sie erzählen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass eine epische Strecke auch eine Durststrecke ist. Was das an Kraft bedeutet und an Wahrnehmungsvermögen! Da mein Gesundheitszustand, sagen wir mal, fragil ist - und dafür habe ich einige Beweise -, bezweifle ich, dass ich noch mal einen Roman schreiben werde. Muss auch nicht sein. Ich habe ja wirklich genug geschrieben. Wenn man bedenkt, wie viele Leute froh sind, wenn ich nicht mehr schreibe -mein Gott!

profil: "Die Blechtrommel" war ein Welterfolg. Hat das die Arbeit an "Hundejahre" erschwert?
Grass: Als "Die Blechtrommel" fertig war, kamen wir aus Paris zurück und zogen nach Berlin. Ich wurde über Nacht berühmt. Aber das hat die Situation für mich nicht großartig verändert, weil ich sofort wieder im Schreibprozess war. Das Schreiben ist so anstrengend, ich muss mich so sehr konzentrieren, dass alles andere einfach weg ist. Aber das Geld war wunderbar. Wir konnten uns eine Mietwohnung mit viereinhalb Zimmern leisten, und ich hatte das Gefühl: Jetzt bist du unabhängig! Ich habe nie in meinem Leben einen Vorschuss von meinem Verleger genommen.

profil: Wie lebten Sie damals?
Grass: Unsere Wohnung lag in einem halbzerstörten Haus in Berlin-Schmargendorf. Ich hatte noch das Atelier über uns gemietet, um dort "Hundejahre" zu schreiben. An die verkohlten Balken habe ich Zettel mit Notizen gepinnt. Es war eine wunderbare Atmosphäre. Wenn der Wind ging, hatte man immer Ziegelsplitt zwischen den Zähnen, von den Trümmern.

profil: 1999 wurde Ihnen in Oslo der Literaturnobelpreis überreicht. Was fühlten Sie, als Sie anschließend im Frack mit Frau und Tochter über das Parkett tanzten?
Grass: Das war wunderbar, eigentlich war es mit das Schönste. Ich hatte Glück. Es war ja nicht in meiner Hand, welche Kapelle die königliche Akademie bestellt hat. Die spielten wunderbaren frühen Jazz, Dixieland und Blues - Musik, mit der ich aufgewachsen bin, und wenn ich diese Musik heute höre, geht sie mir sofort wieder in die Beine.

profil: Ihr Kollege Peter Handke sagt, Hotels sollten entweder fünf Sterne haben oder gar keine. Wie reist ein Nobelpreisträger?
Grass: Nachdem ich den Nobelpreis bekommen hatte, buchten die Leute fast immer eine Suite für mich, wenn ich zu einer Lesung eingeladen wurde. Das war denen auch nicht auszureden. Dann kam ich spätnachts von der Lesung zurück, haute mich ins Bett, und wenn ich morgens um drei Uhr aufwachte und pinkeln wollte, fand ich die Toilette nicht. Ich habe mich in der Suite verirrt.

profil: Der Publizist Fritz J. Raddatz, viele Jahre ein enger Freund von Ihnen, schreibt in seinen Tagebüchern, Sie seien nach der Verleihung des Nobelpreises in eine tiefe Depression gefallen.
Grass: Das ist Quatsch, völliger Unfug.

profil: Warum erfindet Raddatz so etwas?
Grass: Das ist eine Frage, die ich mir nicht mehr stelle. Ich habe eine Welle von Hass und Abneigung erlebt - warum soll ich mir den Kopf darüber zerbrechen? Was mich verletzt, ist dieser Mangel an Respekt vor geleisteter Arbeit. Zum Beispiel die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": Ich kann ja machen, was ich will, es wird inhaltlich überhaupt nicht darauf eingegangen, sondern irgendeine alte Geschichte ausgegraben.

profil: Das geht Schriftstellern wie Handke und Martin Walser nicht anders.
Grass: Ich behaupte ja auch nicht, dass ich das einzige Freiwild bin, das noch herumläuft.

profil: Viele ehemals engagierte Schriftsteller werden im Alter meinungsmüde wird. Sie auch?
Grass: Ich würde es nicht meinungsmüde nennen. Ich stelle natürlich fest, dass der nach dem Krieg mühsam gewachsene Verfassungspatriotismus heute nicht mehr zählt. Angesichts klar erkennbarer Missstände und Abbruchtendenzen im gesamten Staatsgefüge herrscht ein Schweigen, ein Sich-bedeckt-Halten, ein Versagen des Journalismus gegenüber diesen Missständen, eine Abhängigkeit der Politik vom Lobbyismus. Die Position des Verfassungspatrioten wird heute nur noch mit einem Achselzucken wahrgenommen. Da fragt man sich natürlich, ob es noch einen Sinn hat, den Mund aufzumachen. Ich tue es trotzdem gelegentlich.

profil: Bei der letzten Bundestagswahl haben Sie, anders als früher, keinen Wahlkampf für die SPD gemacht. Weil Peer Steinbrück kein Charismatiker wie Willy Brandt ist?
Grass: Man kann den nach dem Krieg geborenen Politikern nicht vorwerfen, dass sie keine gebrochenen Existenzen sind mit Biografien wie Brandt oder Wehner - oder auch Strauß, um die Gegenseite zu nennen.

profil: Muss man als Autor eine gebrochene Existenz sein, um Literatur von Rang zu schreiben?
Grass: Es ist natürlich für einen Autor ein Kapital, wenn er als Kind oder auch später Dinge erlebt hat, die stark genug sind, ihn von seiner Ich-Befindlichkeit abzulenken. Ein Thema, an dem er sich aufreiben kann. Es hilft auf jeden Fall, gegen einen Widerstand anschreiben zu müssen. Es gibt eine ganze Reihe jüngerer Autoren, die in der Türkei oder im Irak geboren, aber hier aufgewachsen sind. Die schreiben wunderbare Bücher und sind eine große Bereicherung der deutschsprachigen Literatur.

profil: Muss man als Altersgenosse die Neuerscheinungen von Walser und Enzensberger lesen?
Grass: Muss man nicht. Aber gerade, als Sie kamen, las ich Enzensberger. Sehr amüsant. Auch ein bisschen unverbindlich -was zu ihm gehört. Das ist der Gegensatz zwischen uns.

profil: Der ehemalige Buchenwald-Häftling Imre Kertész, Literaturnobelpreisträger wie Sie, meint, der Urgrund für große Kunstwerke seien zwei Empfindungen: Scham und Angst. Richtig?
Grass: Auf ihn trifft das sicherlich zu. Ich habe andere Arten von Belastungen: Verfehlungen als Jugendlicher, wo ich eigentlich die Augen hätte aufmachen und erkennen müssen, was dieses und jenes Unrecht zur Folge hatte. Dann gibt es bei mir natürlich eine Triebkraft, die ich mit einem Schriftsteller wie Salman Rushdie teile, dessen Herkunft nicht unterschiedlicher sein könnte von meiner. Für uns beide ist Verlust eine große Antriebskraft. Bei ihm der Verlust von Bombay, bei mir der Verlust von Danzig. Uns treibt das vermessene Bemühen, etwas endgültig Verlorenes mit dem Mittel der Literatur, also mit etwas sehr Zerbrechlichem, wieder entstehen zu lassen.

profil: Eine Lebensregel besagt, dass der Unglaube an den Tod proportional zu seinem Herannahen wächst. Können Sie das bestätigen?
Grass: Ich habe den Tod sehr früh erlebt, mit 17, in der relativ kurzen Zeit, in der ich Frontberührung hatte. Ich habe gesehen, wie nach ein paar Minuten Beschuss eine Vielzahl von Gleichaltrigen nur noch in Fetzen herumhing in den Bäumen. Seitdem weiß ich, dass ich zufällig lebe. Das Weiterleben ist wie ein unverdientes Geschenk. Da wurde im Alter von 17 Jahren das Leben von Jungs abgebrochen, mit denen ich vorher noch dumme, säuische Witze gerissen und über Mädchen geredet habe. Wir waren ja alle in der Pubertät, das darf man nicht vergessen, und dann war da auf einmal nur noch ein Fleischklumpen übrig.

profil: Wie haben diese Erfahrungen Ihr Schreiben geprägt?
Grass: Diese Jungen sind nie dazu gekommen, ihr Leben zu leben. Das habe ich nie vergessen und gespürt, dass ich beim Schreiben auch diese ungelebten Leben miterzählen muss. Der Schriftsteller darf nie auf Seiten des Siegers stehen. Ein Buch wie "Mein Jahrhundert" habe ich aus der Sicht von Menschen geschrieben, denen Geschichte widerfahren ist, die sie zu Tätern, zu Opfern oder zu beidem gemacht hat.

profil: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Grass: Nein, nicht vor dem Tod. Aber in frühen Jahren hatte ich Angst, mit meinem Schreiben nicht fertig zu werden. Nachdem ich 1958 den Preis der Gruppe 47 bekommen hatte, bot man mir an, ein Vierteljahr mit einem Stipendium in die USA zu gehen. Voraussetzung für die Amerikaner war eine ärztliche Untersuchung. Der Arzt stellte bei mir Tuberkulose fest.

profil: Wie hatten Sie die bekommen?
Grass: Ich hatte die "Blechtrommel" in Paris weitgehend in einem Raum geschrieben, der so feucht war, dass das Wasser die Wände herunter floss. Aber das war gut für die Fantasie, das war ungeheuerlich! Obgleich es für die Gesundheit nicht zuträglich ist, kann man eigentlich nur jedem raten, in Räumen zu schreiben, in denen das Wasser die Wände herunter fließt.

profil: Sie haben nach dem Zweiten Weltkrieg als Steinmetz gearbeitet und Grabsteine gemacht. Haben Sie vor, Ihren eigenen Grabstein zu meißeln?
Grass: Nein, habe ich nicht vor.

profil: Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
Grass: Mein Name. Mehr nicht.

Günter Grass, 86,
zählt zu den führenden deutschsprachigen Epikern seiner Generation. Der Autor, Grafiker und Literaturnobelpreisträger von 1999 etablierte sich mit den breit angelegten Entwicklungsromanen Die Blechtrommel (1959) und Hundejahre (1963). Im Jahr 2006 entbrannte die Diskussion um seinen von Grass selbst jahrzehntelang verschwiegenen Dienst bei der Waffen-SS. Sein spätes Eingeständnis begründete der Autor damals so: Es ist sicher so, dass ich glaubte, mit dem, was ich schreibend tat, genug getan zu haben.“Grass’Gedicht Was gesagt werden muss“ löste 2012 einen handfesten Skandal aus: In dem lyrischen Prosastück warf er Israel vor, mit seinen Drohungen gegen den Iran den Weltfrieden zu gefährden. Grass lebt mit seiner zweiten Frau Ute in der Nähe von Lübeck.